Richert Beil eröffnet ersten Store: Alte Berliner Apotheke wird neues Zuhause
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Zwölf Jahre nach der Gründung ihres Labels Richert Beil haben Jale Richert und Michele Beil in der Berliner Muskauer Straße ihren ersten eigenen Laden eröffnet. Untergebracht in einer 135 Jahre alten ehemaligen Apotheke in Berlin-Kreuzberg, ist der neue Laden weit mehr als ein klassischer Store: Er vereint Atelier und Verkauf unter einem Dach – und versteht sich als Ort, an dem sich die für die Marke charakteristische geschlechtsneutrale Mode direkt im Dialog mit der Kundschaft weiterentwickeln soll.
Zwar fiel die Eröffnung in die Berlin Fashion Week, eine klassische Show gab es aber bewusst nicht. Stattdessen zählte Richert Beil zu den sechs Gewinner:innen des Konzeptwettbewerbs Studio2Retail und eröffnete den Laden mit „10 Gebote“, einer offenen Auktion mit zehn eigens gefertigten Einzelstücken. Im Gespräch mit FashionUnited erzählt Richert, warum sie und ihr Designpartner den Schritt zum eigenen Store gewagt haben und wie der Umzug in die neuen vier Wände die neue Kollektion geprägt hat. Außerdem erklärt sie, weshalb sich die beiden mit dem Tempo der Modeindustrie zunehmend schwertun.
Zwölf Jahre Richert Beil, und nun der erste eigene Laden. Welche Gefühle sind damit für Sie gerade verbunden?
Ein bisschen von allem gerade, es hat ja wirklich lange gedauert. Für mich war der erste Moment, als hier alles wirklich fertig renoviert war, ungewohnt. Man fängt bei Renovierungen an und denkt: Ach, in einem halben Jahr können wir einziehen. Aber so ist es dann nicht ganz gekommen.
Bis heute, bis zur Ladeneröffnung, waren es im Großen und Ganzen zwei Jahre. Eingezogen sind wir aber schon vor etwa einem dreiviertel Jahr und arbeiten seitdem hier. Wenn man über ein Jahr lang auf der Baustelle gestanden hat, ist es zunächst befremdlich, wenn plötzlich alles fertig ist. Und jetzt die Ladeneröffnung, das ist nochmal etwas Neues, und man ist natürlich auch ein bisschen aufgeregt. Man freut sich, aber es ist auch immer ein bisschen seltsam, wenn eine Phase zu Ende geht, die so lange gedauert und einen so festgehalten hat.
Wie sind Sie auf den Standort in der Muskauer Straße gestoßen?
Wir haben diesen Ort noch vor der Kündigung unseres alten Ateliers gefunden. Wir mussten dann relativ schnell raus, weil auch unser Mietvertrag auslief. Das Objekt hier war gar nicht auf dem Markt, Michael Sontag [Anm. d. Red.: ein ebenfalls in Berlin ansässiger Designer] ist direkt nebenan, und der Vermieter hatte ihn gefragt, ob er noch jemanden kennt, der Lust hätte, hier ebenfalls ein Geschäft zu eröffnen.
Zunächst hat der Vermieter über ein halbes Jahr lang renoviert, aber wir waren von Anfang an eingebunden. Zeitweise war hier gar nichts mehr vorhanden, und wir haben die ganze Zeit überlegt, was wir von der alten Apotheke – die 135 Jahre alt ist – behalten und ins Konzept integrieren wollen und was nicht.
Und parallel zur Renovierung ruhte das Tagesgeschäft aber nicht, oder?
Nein, absolut nicht. Währenddessen haben wir zwei Shows gemacht und zwei Saisons lang von zu Hause aus, aus dem Wohnzimmer, gearbeitet und dort auf engstem Raum die Shows organisiert. Das war schon anstrengend, aber man hat als junge Marke nicht viel Geld, es ist immer alles schwierig, man hat viele Träume und Wünsche, und dann muss man es einfach machen. Am Ende bin ich froh, dass wir es so gemacht haben – aber genauso froh, dass es jetzt vorbei ist.
Apropos Träume, war der erste eigene Laden ein solcher?
Ehrlich gesagt war es genau das Gegenteil. Als wir die Marke gegründet haben, hätten wir nie gedacht, dass wir mal einen Laden eröffnen würden, und das noch viele Jahre lang nicht. Das war, auch bedingt durch die Covid-19-Pandemie und Social Media, immer etwas, das wir komplett ausgeschlossen hatten.
Wir wollten eigentlich immer nur Kollektionen machen, ein Atelier haben und wahrscheinlich Wholesale bedienen. Hatten wir überhaupt einen richtigen Plan? Das frage ich mich manchmal auch. Es hat sich einfach so ergeben, wir arbeiten eigentlich immer sehr intuitiv.
Was hat sich dann für Sie verändert?
Man wird älter und stellt irgendwann fest, dass man für seine Arbeit so etwas wie ein Zuhause haben möchte. Man möchte die Menschen kennenlernen, die die Mode wirklich tragen. Wenn man nur online oder über andere Läden verkauft, wird alles von anderen kuratiert. Man kann nie selbst bestimmen, wie man es gerne hätte, wie man es zeigen möchte oder wie man mit Kund:innen umgehen möchte.
Bei uns kommt hinzu, dass unsere Mode geschlechtsneutral ist. Das klingt banal, ist aber organisatorisch in der Mode immer noch ein kompliziertes Thema. Wie das dann präsentiert wird, gefällt mir manchmal nicht. Oder wie auf Menschen zugegangen wird, die man eigentlich einbeziehen möchte, gefällt mir auch nicht.
Ein Gedanke, der aus Ihrer Erfahrung der vergangenen Jahre gewachsen ist?
Absolut, wir sind in unserem Mindset stärker geworden, aber auch ruhiger, und wissen dadurch besser, was wir eigentlich wollen. Handwerk ist unsere große Liebe, und das möchten wir einfach machen. Wir haben festgestellt, dass unsere Kollektionen in der Essenz nicht für die große Masse gemacht sind, was Wholesale auch herausfordernder macht, weil alles sehr zugespitzt ist. Für uns hat sich dadurch eine neue Perspektive eröffnet: dass wir Menschen zu uns nach Hause einladen können.
Nach Hause einladen... das klingt nach mehr als einem reinen Verkaufskonzept.
Genau, wir haben das Ganze konzeptuell stark mit Hospitality verbunden. Wir haben eine kleine Küche, die immer mehr wächst und immer besser ausgestattet wird. Wir wollen hier zum Essen einladen und zu verschiedenen Veranstaltungen. Es ist nicht nur als Store gedacht. Wir haben auch fast keine konventionelle Ladeneinrichtung, sondern alles ist modular gehalten. Es ist einfach so etwas wie unser Zuhause – das Richert-Beil-Zuhause.
Ihr Atelier ist ja schon seit einiger Zeit in der Muskauer Straße. Wie hat die Arbeit an diesem Ort die neue Kollektion beeinflusst?
Ich habe das Gefühl, unsere Kollektion hat sich durch die Arbeit hier in diesem Raum ein bisschen verändert. Und ich kann mir vorstellen, dass sie sich durch den Kund:innenkontakt noch weiter verändert. Ich finde es wichtig für die Entwicklung einer Marke, dass man selbst Kontakt zu den Menschen aufnimmt, die es tragen, und vielleicht ins Gespräch kommt: „Wie sieht das eigentlich aus? Wie funktioniert es? Habe ich mir das Teil so gedacht, oder sieht es ganz anders aus?“
Größere Retailer haben oft weder die Fläche noch die Kapazität, genderneutrale Mode angemessen zu präsentieren. Denken Sie, der eigene Store eröffnet hier noch mehr Möglichkeiten?
Ja, auf jeden Fall, und dann kann man es auch einfühlsamer erklären. Es ist das Ziel zu wachsen – und gleichzeitig trotzdem derzeit nicht den Massenmarkt zu bedienen. Das könnte sich irgendwann ändern – bei Marken wie Rick Owens sieht man, wie eine Nischenmarke plötzlich groß werden kann und die konzeptuellen Teile getragen werden können –, aber wir möchten das alles langsam und in Ruhe für uns herausfinden.
Spielt Wholesale für Sie aktuell überhaupt noch eine Rolle?
Ich kann nur für uns sprechen, aber ich habe generell das Gefühl, dass Wholesale für Marken in unserer Range eher zu einem Marketingaspekt geworden ist. Man will damit Vertrauen schaffen und zeigen, dass man relevant ist, dass man von kommerziellen oder auch anderen Stores geordert wird. Die Order-Stückzahlen sind aber sehr klein und divers gestaltet. Das lohnt sich für uns finanziell nicht wirklich – es ist eher eine Frage: Wollen wir das machen oder nicht? Fast wie ein Projekt, bei dem man sich fragt, ob es einem etwas bringt. Klar kann das auch ein Einstieg sein, aber es gibt heute so viele Marken, und der Markt hat sich verändert – er ist noch schnelllebiger geworden.
Ich kenne auch Marken, die mit Wholesale ganz groß werden wollen. Das kann sicher funktionieren, aber dann muss man am Produkt selbst viele Entscheidungen treffen, die genau darauf abzielen. Solche Entscheidungen haben bei uns nie so richtig gepasst – sie haben oft in eine Richtung geführt, die wir selbst dann nicht mehr mochten, oder die Stoffauswahl war für uns zu günstig, sodass die Verarbeitung keinen Spaß mehr gemacht hat. Wir wollten lieber wirklich kleine Stückzahlen und hochwertige Arbeit und dann sehen, wohin das führt.
Können Sie für so eine Richtung, die sich nicht richtig angefühlt hat, ein Beispiel nennen?
Früher dachte ich immer, wir bräuchten möglichst viele Produkte wie ein T-Shirt. Am Ende war es aber nie das T-Shirt, das sich am besten verkauft hat, sondern die preislich höher angesetzten Teile wie Hemden und Hosen. Dafür verkauft sich bei uns mittlerweile die Unterhose gut und dient ebenfalls als Einstiegsprodukt und ist in jedem Fall ein Signature Piece von Richert Beil.
Wie würden Sie die Richert-Beil-Kundschaft beschreiben?
Vom Mindset her etwas gediegener, weniger digital unterwegs – Menschen mitten im Leben. Man muss hier schon ein eigenes Standing mitbringen, aber ich definiere das nicht so fest. Ich finde, wir haben eine ganz diverse Zielgruppe, auch ganz junge Leute sind dabei. Die sind dann auch eher speziell, eigenständig.
Jemand, der das eben noch zu schätzen weiß und nicht so schnell durchs Leben rennt. Wer sich Zeit nimmt, um innezuhalten. Das können ganz junge Menschen sein, die vielleicht Mode studieren oder sich generell für hochwertige Dinge interessieren und gerne etwas Besonderes tragen. Das sind oft auch Menschen, die im konventionellen Einzelhandel nicht das Richtige finden, weil dort vieles doch immer etwas gegendert oder zu sexy ist. Wobei ich nicht behaupten würde, dass unsere Kollektionen nicht sexy sind – sie sind aber trotzdem immer angezogen.
Das war auch hier unser Wunsch: dass das, was wir vermitteln wollen, und das, wie wir als Menschen leben und sind – diese Ruhe, die ich auch für meine Arbeit brauche und die mir persönlich sehr wichtig ist –, sich in einem Ort widerspiegeln, der das auch hergibt.
Innehalten ist in der Mode, gerade mit Blick auf klassische Saisonzyklen, aber nicht unbedingt selbstverständlich...
Die Mode ist mittlerweile problematisch geworden. Es geht immer nur darum, möglichst schnell ein neues Produkt herauszubringen, möglichst viel zu promoten, möglichst viel von sich selbst zu zeigen. Im Kern habe ich damit kein Problem, aber ich bin nicht glücklich damit, dass heute alles so schnell gehen muss. Selbst wenn man nur bei Aldi einkaufen geht, hat man am Ende das Gefühl, der Einkauf sei einem quasi in den Schoß gekippt worden. Ich habe das Gefühl, das stresst alle.
Wir wünschen uns das anders. Dieses ständige Schnelle, dieser Dauerstress, dieses Hinterherrennen – und im Grunde macht man dabei auch der eigenen Kollektion Konkurrenz. Wenn man die neue Kollektion zeigt, kommt die alte gerade erst in die Läden. Das ist alles seltsam, denn dann wollen aber alle die neue Kollektion haben, was ja irgendwie auch logisch ist. Und das stresst mich auch, weil ich es unlogisch finde und man trotzdem versucht, überall reinzupassen. Aber man passt nie rein: Wenn man einen Blazer wirklich sorgfältig verarbeiten will und kein fünfzigköpfiges Team hat, dann passt man da einfach nicht rein.
Sich gegen dieses System zu stellen, erfordert vermutlich einiges an Mut, oder?
Ja, ganz viel. Das braucht ganz lange Zeit. Man muss das selbst entscheiden – egal wer fragt oder welche Möglichkeit sich auftut: Wenn es sich wirklich nicht richtig anfühlt, dann ist es das auch nicht.
Statt einer Show auf der Berlin Fashion Week feiern Sie dieses Jahr Ihre Ladeneröffnung im Rahmen des Konzeptwettbewerbs Studio2Retail. Was gab dafür den Ausschlag?
Wir wollten den Fokus auf die Produkte selbst verschieben – weniger Produkte machen, dafür diese nochmal anders ausarbeiten. Und uns war wichtig, dass wir bei der Ladeneröffnung auch ein Event für die Community haben. Denn bei Studio2Retail geht es genau darum, auch die Öffentlichkeit einzuladen und Zugänge zu schaffen. Bei Shows ist das allein schon durch den Platz meist schwierig. Wir könnten theoretisch mehr Leute einladen, aber dann wird es uns auch schnell zu groß – wir wünschen uns eher kleine, intime Shows. Also haben wir gedacht, wir lassen eine Saison aus und probieren stattdessen ein anderes Format aus, und sind jetzt wirklich froh darüber.
Wie fühlt sich die Saison ohne Show für Sie an?
Gut, man muss ja nicht immer eine Show machen. Vielleicht nächstes Mal wieder, oder auch erst in fünf Jahren, das weiß man nie. Aber man muss auch mal schauen, dass man mit anderen Dingen vorankommt. Es ist auch sehr einnehmend, immer im Show-Zyklus zu arbeiten.
Und die Förderung durch Studio2Retail, wie viel Unterstützung war das konkret für das, was jetzt mit dem Laden während der Berlin Fashion Week möglich ist?
Die könnte natürlich etwas höher ausfallen. Ich finde die Diskrepanz zwischen Contemporary [Anm. d. Red.: Berlin Contemporary, ein Förderprogramm für Designer:innen des Fashion Council Germany] und Studio2Retail ziemlich groß. Man lädt trotzdem ein, hat trotzdem ähnliche Ausgaben. Es ist ein netter Zuschuss und bringt auf jeden Fall zusätzliche Unterstützung, aber gerade wirtschaftlich gedachte Retail-Konzepte, Veranstaltungskonzepte oder Community-Events sollten im besten Fall noch entschiedener gefördert werden, damit man verstärkt die Chance hat, den Verkauf weiter auszubauen.
Zur Eröffnung Ihres Ladens haben Sie den Dialog mit Ihrer Community in Form der Aktion „10 Gebote“ gesucht: eine offene Auktion mit zehn handgefertigten Einzelstücken direkt aus Ihrem Berliner Atelier, auf die die Gäste bieten konnten. Wie kam es zu dieser Idee?
Wir wollten herausfinden, was wir hier in unserem Laden verkaufen können. Wir wollen in Zukunft nicht nur unsere eigenen Kollektionen verkaufen, sondern ergänzend auch andere Produkte anbieten, die zu den konzeptuellen Themen passen. Das heißt nicht, dass wir andere Fashion-Marken verkaufen oder irgendeinen Mix veranstalten wollen, sondern dass wir zu bestimmten Themen bestimmte Produkte hinzufügen.
Und die Auktion sollte Ihnen dafür ein Gespür verschaffen?
Ja, wir haben über ein paar Schlüsselprodukte nachgedacht und wollten eine Art Studie mit den Menschen machen, die hierherkommen, sie aktiv daran zu beteiligen und zum Beispiel zu sehen, welche Produkte am besten ankommen. Wir lassen unsere Besucher:innen darauf bieten, welchen Preis sie für ein Stück für angemessen halten. Passt das eigentlich zu dem, was wir dafür nehmen müssten? Passt das zu dem, was wir uns wünschen? Es geht uns auch darum, zu erfahren, welche Produkte am meisten geboten bekommen und welche vielleicht nicht so gut ankommen.
Welche Art von Stücken umfassen die „10 Gebote“ konkret?
Wir haben nachhaltige Teile dabei, die eher upgecycelt sind, und Teile, die eher traditionell gefertigt sind. Es wird eine Tasche geben, ein Keramikteil wird es geben. Ich hoffe, dass geboten wird – es ist ja mittlerweile eine eher zurückhaltende Gesellschaft geworden.
Werden Sie und Ihr Partner künftig selbst im Laden stehen?
Ja, für den Anfang donnerstags bis samstags, da wir hier auch unser Studio haben und etwas Zeit brauchen, um Dinge für uns vorzubereiten.
Zum Abschluss: Wie würden Sie die Apotheke in einem Satz beschreiben, der zeigt, wofür Richert Beil steht?
Ich würde eigentlich sagen, was ich zu Beginn schon gesagt habe: dass die Apotheke einfach unser Zuhause ist, in das wir einladen möchten – und dass das für uns auch einen neuen Schritt bedeutet, unsere Mode zugänglicher zu machen.