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Passt, oder? 3D-Scanner, Algorythmus und Big Data

Von FashionUnited

15. Dez. 2016

Einzelhandel

Das Design stimmt, der Preis stimmt, der Kunde ist kaufwillig. Was tun Händler nicht alles, um an diesen Punkt zu gelangen! Und dann: Das Teil will einfach nicht richtig sitzen. Im stationären Handel findet der Kaufabbruch in der Umkleide statt, im Online-Handel kommen für den Händler auch noch die Kosten für den Versand obendrauf. Ein Minusgeschäft für alle Beteiligten, das nicht sein muss. FashionUnited begibt sich auf die Suche nach der perfekten Passform und den technischen Lösungen der Zukunft.

Big Data soll helfen

Es klingt wie der heilige Gral für Kunden und Modehändler: Ein Tool, das sicherstellt, dass die Klamotte perfekt passt. Sowohl im Internet, als auch im Laden, stellt die Größenauswahl eines der größten Kaufs- und Verkaufshindernisse dar. Einige Labels setzen daher nun auf neue Technologien zum Vermessen ihrer Kunden. Ähnlich den Anfängen der Konfektion, bei der Durchschnittsmaße des Militärs als Gradierungsgrundlage herangezogen wurden, um anschließend Mode von der Stange zu ermöglichen, sammeln Apps Kundengrößen und bilden mit Hilfe von großen Datenpaketen zum Kaufverhalten eine Datenbank, die die Größe zuverlässig vorhersagen will. Das Unternehmen FitAnalytics erstellt auf diese Weise sogenannte 'Body Doubles' von Online-Shoppern, Personen mit gleicher Körpergröße und Gewicht, die Klamotten einer bestimmten Marke in einer bestimmen Kleidergröße bestellt und diese nicht zurückgeschickt haben. Daraus schließt FitAnalytics, dass die Kleidung gepasst haben muss. Beim nächsten Einkauf weiß das System die Größe des Kunden und kann von ihm wiederum auf andere ähnlich gebaute Kunden schließen.

itailor – Gemessen wird selber

Die klassische Maßschneidermethode ist natürlich die des manuellen Ausmessens der Kunden – sie ist zeit- und arbeitsintensiv und nicht jeder Kunde kann und will sich das leisten. Dennoch gibt es Kunden, die genau dieses besondere Erlebnis suchen.

Ähnliche, aber zeit- und geldsparendere Dienste bieten mittlerweile einige Labels an, die zugleich auf Masse gehen und so den maßgeschneiderten Anzug ab 159 Euro anbieten können. Bei itailor beispielsweise gibt es einen Stoff des Tages. Wer diesen auswählt und sich zutraut, sich selbst auszumessen, kann zu diesem Schnäppchenpreis sein eigenes Anzug-Design erstellen.

On-und Offline Service und Qualität

Auch bei Suit Supply darf der Kunde online selbst designen. Die aus den Niederlanden stammende Firma Suit Supply ist weltweit mit Stores vertreten, in Deutschland gibt es Läden in Hamburg und Düsseldorf. In Kürze soll eine neue Niederlassung in München aufmachen. Im Laden können Konfektionsanzüge abgeändert und Maße für Made-to-Measure genommen werden, online gibt es die Möglichkeit, Anzüge, Hemden und vieles mehr nach eigenem Gusto zusammenzustellen. Ein Maßanzug kostet ab 469 Euro.

Das italienische Hemden- und Anzuglabel Lanieri ist Maßanzugs- und Hemden-Anbieter, der aber stationär auch den Service eines klassischen Herrenschneiders anbietet. Mittlerweile acht Ateliers in Italien, der Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland – in München - und hat das Label eröffnet, in dem sich Kunden von fachkundigem Personal vermessen lassen können. Online gibt es die Möglichkeit des Personalisierens eines bestellten Anzugs und eine Anleitung zum Selbstvermessen. Anzüge beginnen hier bei 590 Euro.

Einen 3D-Scanner haben die aus dem traditionellen Modestädtchen Biella stammenden Italiener auch schon ausprobiert, allerdings mit eher ernüchterndem Ergebnis: „Lanieri glaubt an neue Technologien und testet unterschiedliche Methoden. Natürlich haben wir in der Vergangenheit 3D-Bodyscanner benutzt, waren aber nicht so mit dem Ergebnis zufrieden“ sagt Riccardo Schiavotto, Mitbegründer des Labels. „Wir denken, dass es in diesem Bereich noch Raum für Verbesserungen gibt und der State of Art noch nicht erreicht wurde.“ Drei Punkte seien bis dato besonders problematisch, so Schiavotto weiter.

„Die Scanner arbeiten nicht präzise genug, das Prozedere beschert den Kunden eine schlechte Einkaufserfahrung, da sie in ihrer Unterwäsche im Bodyscanner stehen müssen und wir machen uns um potentielle Verletzungen der Privatsphäre Gedanken, das 3D-Bild der Kunden von der Maschine aufgezeichnet wird“. Darüber hinaus berücksichtige die Scannertechnologie nicht die gewünschten Schnitte, also ob der Kunde einen etwas loseren oder figurbetonten Schnitt präferiert. So sei doch stets ein menschliches Eingreifen nötig, um die ermittelten Daten auszuwerten und auf ihrer Basis ein Produkt zu erstellen, das den Wünschen des Kunden gerecht werde, erklärt Schiavotto. Bei Lanieri setzt man daher weiterhin auf Handarbeit mit Personalisierungsangebot und italienische Stoffe.

3D-Bodyscanner: AtelierNA

Das französische Unternehmen AtelierNA setzt hingegen in seinem Shopkonzept voll auf diese Technologie. Sämtliche Filialen von AtelierNA sind mit einem 3D-Bodyscanner ausgerüstet, der 200 Maße in der Sekunde nehmen kann. Der Kunde steigt in Unterhose in das Gerät, anschließend werden letzte Maße per Hand genommen und Wünsche bezüglich der Passform besprochen. Nach etwa vier bis sechs Wochen ist der Maßanzug fertig beim Kunden.

François Chambaud, der Mitbegründer des Labels entkräftet die Einwände gegen die 3D-Technologie. „Ich wollte das beste aus beiden Welten vereinen: Das Traditionelle der Handwerkskunst und die Preise der Konfektion. Die 3D-Technologie hilft uns, dem Kunden Zeit zu sparen, weil er nicht aufwendig von Hand vermessen werden muss. Die Scanner sind gesundheitlich unbedenklich und die Software ist unsere eigene, so bleiben die Daten ausschließlich bei uns – wir produzieren sogar in unserer eigene Fabrik.“

Jede erste Bestellung muss in einem Laden platziert werden, danach ist der Datensatz angelegt, die Kundenpräferenz beim Sitz der Kleidung festgelegt und der Kunde kann jederzeit Maßanzüge oder Maßhemden nachbestellen. Bisher ist AtelierNA mit Filialen in Frankreich, Belgien und Luxemburg vertreten, vergangenen Donnerstag eröffnete am Ku'damm in Berlin seine insgesamt siebzehnte Filiale – und die erste in Deutschland. Offenbar kommt das Konzept gut an: Etwa 150 Anzüge und 350 Hemden produziert das Label laut Chambaud täglich in der eigenen Fabrik in China. 2017 will er fünf bis sieben weitere Läden in Deutschland eröffnen, unter anderem in Stuttgart, München, Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt.

So bleibt es letzten Endes Geschmackssache, ob man sich vom Herrenschneider, oder vom Scanner vermessen lässt, oder sich online ein Body Double erstellt. Wenn es aber so einfach ist, sich vermessen zu lassen, bleibt die Frage, ob zukünftig jeder Onlineshop die Maße seiner Kunden abgespeichert haben wird und ob sich dies überhaupt mit den Kundenwünschen deckt. Klar ist, der Rücksendegrund ‚falsche Größe’ dürfte zukünftig zwar unbedeutender werden, aber sowohl Scanner, als auch Algorythmus können bisher Kundenwünsche und Passform-Vorlieben nicht so gut einschätzen, wie Fachpersonal.

Fotos: Lanieri, Suit Supply, Fitanalytics, AtelierNA Websites