Einkaufsstraße im Fokus: Das Geheimnis der Ellenstraße in Kempen

Erlebnis-Einzelhandel und Wohlfühl-Einkauf am Niederrhein.
Einzelhandel
Die Ellenstraße in Kempen besticht durch ihren romantischen Charakter. Bild: Alina Cürten für Kempuni
Von Simone Preuss

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Wer nach besonderen Geschäften sucht, landet immer häufiger in kleineren Städten ohne viele Kettenläden, aber einer Dichte an inhaber:innengeführten Boutiquen oder Spezialläden. Kempen am Niederrhein ist eine solche Stadt, die zudem ein Zentrumskonzept verfolgt. Dies bedeutet, dass alle Geschäfte sich in der Innenstadt ansiedeln müssen. Es gibt keine Billigläden und keine Autos in der Innenstadt, was sie angenehm für den Einkaufsbummel macht.

Die Ellenstraße, die über die Peterstraße in den Studentenacker übergeht, ist ein solches Schmuckstück des Einzelhandels. Hier reihen sich Modeboutiquen an Spezialgeschäfte für Fahrrad- und Kinderbekleidung, zudem gibt es viele Cafés und Restaurants, die zum Verweilen einladen. Alle Läden werden von Unternehmer:innen geführt, die sich gegenseitig kennen, Kund:innen weiterempfehlen und gemeinsam eine starke Einzelhandelskultur geschaffen haben. FashionUnited sprach mit mehreren Einzelhändler:innen über die Entwicklung der Straße und den Einzelhandel in Kempen.

Urlaubsstimmung am Niederrhein

Große, üppig begrünte Blumenkübel, gepflegte Gebäudefassaden, einladende Farben und eine persönliche Begrüßung. Dies fällt Besucher:innen, die die Ellenstraße beziehungsweise den Studentenacker entlangschlendern, besonders auf. Und immer wieder gibt es Bänke, die zum Verweilen einladen. Kein Wunder, dass sich viele Besucher:innen aus dem Umland und von weiter Weg für einen „Kurzurlaub“ in Kempen entscheiden.

„Wir haben schöne alte Gemäuer, die eine mittelalterliche Atmosphäre verströmen, und wir haben dieses superlebendige Stadtleben. Durch die Gastronomie, aber auch dadurch, dass vor vielen Geschäften und auch Wohnhäusern überall Bänke stehen, ist immer viel Getümmel auf den Straßen. Und gerade durch die Bestuhlung auf dem Buttermarkt unter den Bäumen und den verzweigten Gassen der Fußgängerzone, die überall mit bunten Bändern und Blumen geschmückt sind, fühlt man sich immer, als wäre man im Urlaub,” begeistert sich Nina Glombitza, seit Anfang des Jahres Inhaberin des Garnfachgeschäfts Wollke 6.

Ausgewählte Stücke aus Europa. Bild: Pink & Orange

Ausgefallenes aus Europa

Urlaubsstimmung und Einkauf als „Wohlfühl-Erlebnis“ liegen auch Marie-Luis Jung am Herzen. Sie betreibt seit November 2024 den Concept Store Pink & Orange an der Ellenstraße 40. Der Name verrät das Konzept: Pink wirkt warm und beruhigend und verstärkt positive Gefühle, während Orange Motivation und Lebensfreude steigert und zudem belebt und aufheitert. Das Angebot ist breit gefächert und reicht von Mode über Accessoires bis hin zu Dekorationsgegenständen. Alles, nur keine ‘Basics’, sondern echte Hingucker, die sich schon in den alle zwei Wochen wechselnden Auslagen zeigen.

„Durch meine ausgefallenen und immer neu gestalteten Schaufenster locke ich viele Kund:innen an. Ich habe auch eine sehr große, bunte Giraffe vor der Tür, die die Leute anzieht. Außerdem gewinne ich immer mehr Reichweite auf Instagram, weil ich hier auch sehr aktiv bin“, erläutert Jung ihre Strategie.

Die Pop Art-Giraffe ist das Aushängeschild von Pink & Orange. Bild: Pink & Orange

Die Frage, welche Farbe die Saison bestimmt, ist für sie nicht leicht zu beantworten, „da ich ausschließlich Farbe im Laden habe,” so Jung. Aber sowohl Pastell als auch kräftige Farben wie Grün, Pink, Orange und Blau verkaufen sich dieses Jahr sehr gut. „Dieser Sommer ist voller Farbe“, verrät Jung. Ihre stetig wachsende Kundschaft schätzt, dass sie jede neue Marke, jedes Label selbst entdeckt hat, meistens bei Urlauben in Spanien, Frankreich, Belgien, Dänemark oder den Niederlanden.

Eine Fahrradlänge vorn durch Beratung und Spezialisierung

Schlendert man die Ellenstraße entlang, kommt man zu Kempuni Bikewear an der Hausnummer 11, im Areal der ehemaligen Passage. Im Lokal war zuvor eine Pizzeria, die das Ehepaar Friederike und Christoph Steckhahn umbaute und Anfang Dezember 2025 bezog. Sie betreiben ihr auf Radsport- und Fahrradbekleidung spezialisiertes Geschäft seit 14 Jahren. Ein Wasserschaden in der etwas zentraler gelegenen Umstraße zwang sie zum Umzug, doch sie empfinden die Ellenstraße durch die vielen inhaber:innengeführten Geschäfte als „angenehmer“.

Alles, was man rund um den Radsport und Fahrradfahren braucht - Kempuni in Kempen. Bild: Alina Cürten für Kempuni

Kempuni ist in der glücklichen Lage, in Kempen keine und auch im Umkreis wenig Konkurrenz zu haben. „Wir haben keine Laufkundschaft, sondern gezielte Kund:innen, die auch mal eine gute Stunde zu uns fahren“, erklärt Christoph Steckhahn. „Sie fahren nicht für ein paar Socken nach Kempen, sondern sind dann ein bis zwei Stunden im Laden“, fügt er hinzu. Beratung ist das A und O, und neben den Steckhahns beantwortet der mehrfache Deutsche Meister im Radsport und WM-Teilnehmer Reinhold Kleebaum als externer Berater Fragen rund um die Themen Sitzposition, Fahrtechnik oder Radtraining.

Dabei ist das Anfassen und Anprobieren wichtig. Für die Steckhahns ist klar: der Onlineshop ist das Schaufenster, über das sich Interessierte vorinformieren können. Für spezielle Fragen und die fachkundige Anprobe ist dann der Laden unverzichtbar, egal ob für Radpendler:innen, Hobbyradler:innen oder Profis. Zudem wird Unterwäsche oder ein Fahrradhelm grundsätzlich nicht verschickt.

Schuhe, Helme, Trikots und eine gemütliche Sitzecke - das lässt das Herz von Fahrradbegeisterten höher schlagen. Bild: Alina Cürten für Kempuni

Neue Marken sind für das Sortiment nicht geplant – da decken bestehende wie Assos, Vaude, Löffler, Roeckl, Castelli, Gonso, Fina und andere die Ansprüche an Qualität und Nachhaltigkeit ab. Sollten Kund:innen einmal etwas suchen, dass es im Laden nicht gibt, dafür aber bei einem anderen der Geschäfte in der Straße, dann werden sie dorthin verwiesen. Die einzige Trübung im Einzelhandelsglück? So langsam denken die Steckhahns an ihren Ruhestand und suchen ebenso passionierte Fahrradbegeisterte, die den Laden übernehmen würden.

Beratung mit Geschick und Herz

Geschwisterherz bietet hoch­wertige Klei­dung und Acces­soires für Babys, Kinder und Teenager an. Im Angebot sind Marken wie Jack & Jones, Morgenstern, Hansekind, Feetje und andere, etwa aus Dänemark und den Niederlanden. Der Name ist Programm: die Geschwister Oxana Jakob und Swetlana Schmidt verkaufen mit Herz.

Das helle Innere des Ladens und die klare Gliederung lädt zum Verweilen und Stöbern ein. Bild: Geschwisterherz

Schmidt arbeitete sechs Jahre bei Seekatz Coole Mode für Kinder, bevor sie den Laden am Studentenacker 7 zusammen mit ihrer Schwester zum 1. Juli 2024 von Claudia Seekatz übernahm. Er wurde umgebaut und umsortiert, die Stammkundschaft blieb jedoch – sie schätzen die Expertise der beiden Inhaberinnen, die beide Kinder haben und viele ihrer jungen Kund:innen (und deren Vorlieben) schon lange kennen.

„Kinder wollen oft nicht das kaufen oder anprobieren, was ihre Eltern empfehlen. Aber wenn wir es empfehlen, ist es etwas ganz anderes“, verrät Jakob. Die Strategie ist, möglichst allen Kund:innen gerecht zu werden. Das braucht Innovation und Kreativität. So haben die Schwestern zum Beispiel in eine Stickmaschine investiert, mit der sie Artikel wie Hand­tücher, Bade­mäntel oder Ponchos auf Wunsch besticken und so personalisieren, etwa mit dem Namen des Kindes oder einer hübschen Applikation.

Geschwisterherz bietet Bekleidung für Babys, Kids und Teens. Bild: Geschwisterherz

Trends sind auch in der Kindermode wichtig. Dabei helfen Messen wie die 4-Kidz in Neuss, Supreme Kids in München oder Kindermoden Nord in Hamburg, die sich je nach Standort auf Marken aus dem Norden oder Süden fokussieren. Da ein Jahr im Voraus geplant und eingekauft wird, verlassen sich Jakob und Schmidt auf die Expertise der Lieferant:innen, die Trends voraussagen. „Kindermode wird hauptsächlich nach Trend gekauft. Gerade Kinder ab Größe 140, also das Teenageralter, wissen was sie wollen. Und wenn es mal einen neuen Trend auf Tiktok gibt, dann merken wir das gleich“, erzählt Jakob.

Die Stärke des Geschäfts liegt in der Auswahl der Marken, der persönlichen Beratung und der langjährigen Beziehung zur Kundschaft: „Wir sind die einzige Kindermodeboutique in Kempen“, sagt Jakob stolz. „Einige Leute stöbern, andere kaufen gezielt. Eltern kommen mit oder ohne ihre Kinder in den Laden, ältere Kinder kommen auch alleine. Geschenke werden gerne gekauft, etwa zum Geburtstag oder zur Geburt. 90 Prozent der umgesetzten Artikel werden mit Beratung verkauft.“

Handarbeit als Hobby und Oase des Abschaltens

Schräg gegenüber, am Studentenacker 6, gibt es seit Ende Februar dieses Jahres Wollke 6, ein Fachgeschäft für hochwertige Garne. Von Merino, Mohair und Alpaka über Leinen, Hanf und Seide bis zu Tencel – für alle ist etwas dabei. Inhaberin Nina Glombitza hat sich mir ihrem eigenen Laden einen Traum erfüllt und möchte andere fürs Stricken oder Häkeln begeistern, egal ob Anfänger:innen oder Neueinsteiger:innen.

Die Strickbank mit Schaf als Begleitung bei Wollke 6. Bild: Wollke 6

„Ich habe immer eine Tafel vor dem Laden, um auf Aktuelles aufmerksam zu machen, zum Beispiel Strickenlernen für Anfänger:innen,“ bestätigt Glombitza. Auch monatliche Stricktreffs gibt es im Laden – und die sind normalerweise ausgebucht. Handarbeit ist in, denn handyfreie Zeit gilt als Entspannung. „Das Handarbeiten generell hat in den letzten Jahren ein richtiges Comeback erlebt, vor allem durch Instagram & Co, das ist wirklich toll zu sehen. Und es ist ein Hobby, das verbindet; man tauscht sich gerne aus, bewundert fertige Teile und ist immer auf der Suche nach neuer Inspiration. Das merke ich hier bei mir im Laden auch sehr.”

Wer Lust auf das Hier und Jetzt hat, kann sich bei schönem Wetter auch einfach auf der „Strickbank“ vor dem Geschäft niederlassen und anfangen. Ein charakteristisches Schaf mit Wollknäueldekoration leistet Gesellschaft. Wechselnde Schaufensterdekorationen mit Blickfängern ziehen die Laufkundschaft und Stammkund:innen gleichermaßen an. Hier sehen sie gleich, was im Trend ist – derzeit sanfte Naturtöne wie Beige, Braun und Taupe, „gerade für die skandinavischen Strickdesigns“, weiß Glombitza. „Aber auch knallige Farbkombinationen wie Orange/Pink und vor allem auch Blautöne in sämtlichen Abstufungen sind derzeit gefragt.“ Ebenfalls im Trend sind Papiergarne, die sich zu Taschen oder Wohnaccessoires verarbeiten lassen.

Zufriedenheit bei Neuzugängen und Alteingesessenen

Der Erfolg der Ellenstraße/des Studentackers beziehungsweise der gesamten Kempener Innenstadt ergibt sich aus verschiedenen Faktoren: Zum einen, dass sie komplett autofrei ist. Zum anderen locken historische Gebäude und die Burg Kempen viele Besucher:innen aus der Umgebung an. Fachgeschäfte wie die genannten sorgen dafür, dass der Zustrom aus dem Umland und sogar dem benachbarten Ausland kommt.

„Die Altstadt von Kempen ist unheimlich familiär. Tourist:innen gehen über jede Straße, weil die Innenstadt von Kempen nicht groß ist. Es gibt eine gute Gastronomie und jede Straße hat eine eigene Straßengemeinschaft, die eine WhatsApp-Gruppe hat und Treffen organisiert. Zudem veranstaltet die Stadt viele Feste wie Kirmes, Karneval, Martinszug und Weihnachtsmarkt sowie andere Märkte – etwa den Feierabendmarkt, Wochenmärkte und Krammärkte. Dazu gibt es verkaufsoffene Sonntage und Straßenfeste wie das Frühlingsfest und das Altstadtfest mit internationalen Highland-Games, die Besucher:innen in die historische Altstadt locken. Es gibt daher keine ‘Saison’ an sich, es ist eigentlich immer etwas los“, fasst Marie-Luis Jung zusammen.

Der gute Zusammenhalt und die gute Kommunikation tun ihr übriges, um die Straße zusammenzuschweißen. Dazu gehört auch, sich gegenseitig Kundschaft zu schicken. „Da wir uns vom Sortiment ganz gut ergänzen, ist es eigentlich keine Konkurrenzsituation, sondern vielmehr ein gutes Miteinander. Wir schicken uns auch immer die Kund:innen hin und her, wenn wir selbst nicht das haben, was eine Kundin gerade braucht“, bestätigt Glombitza. „Wir hätten es nicht woanders gemacht,” sind sich auch Oxana Jakob und Swetlana Schmidt einig. Der einzige Verbesserungsvorschlag, bei dem sich alle einig sind: „Parken könnte günstiger sein, um mehr Besucher:innen in die Innenstadt zu bringen.”

Auffallendes, Fachwissen und Besonderheiten wie diese Sitzecke bei Pink & Orange machen den Charme von Kempen aus. Bild: Pink & Orange
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