Warum Kilian Kerner sich heute selbst mehr liebt als seinen Job als Designer
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Anfang des Jahres musste Kilian Kerner zum ersten Mal in seiner Karriere wochenlang pausieren – nicht aus freien Stücken, sondern weil es nicht anders ging. Es traf ihn ausgerechnet in einer Phase, die der Designer selbst als eine der erfolgreichsten seiner Karriere beschreibt. Privat wurde aber genau diese Zeit zu einer der dunkelsten seines Lebens.
Begonnen hatte alles mit einem vermeintlich harmlosen Bandscheibenproblem. Statt auf seinen Körper zu hören, entschied sich Kerner, die Berlin Fashion Week im Januar trotz starker Schmerzen durchzuziehen. Eine Entscheidung mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Es war eine Zeit, die ihn auch jenseits der körperlichen Krise an seine Grenzen brachte: Parallel zur Erkrankung musste er eine Trennung verkraften und verlor in diesen Monaten vieles, das ihm lange selbstverständlich erschien.
Im Gespräch Anfang Juli blickt Kerner zurück auf diese Zeit, spricht offen darüber, wie es dazu kam und was sie in ihm verändert hat. Er erzählt, wie er trotz allem den Weg zurück auf den Laufsteg fand – erst mit einer Show in Paris, und dann zu Beginn des Monats mit seiner neuen Kollektion „Burning Symphony“ bei der Berlin Fashion Week – und warum diese Kollektion für ihn mehr ist als nur eine neue Saison. Es geht um neue Grenzen, die er sich seither setzt, seinen kritischen Blick auf den Modestandort Berlin, Kommerz als bewusste Haltung statt Kompromiss und seine langfristigen Pläne in den USA.
Herr Kerner, Sie haben sich öffentlich, unter anderem in den Sozialen Medien, sehr offen über Ihren Leidensweg der vergangenen Monate geäußert. Können Sie uns dennoch noch einmal an den Anfang zurückbringen, zur Berlin Fashion Week im Januar?
Ja, absolut. Eigentlich war diese Krankheit am Anfang sehr harmlos, es war nichts Schlimmes, nur ein Anriss in der Bandscheibe, aber es hat sich über die Zeit verschlechtert, unter anderem weil ich die Fashion Week im Januar durchgezogen habe, anstatt auf meinen Körper zu hören. Ich hatte unfassbare Schmerzen, vor allem während der Fashion Week. Ich musste 17, 18 Tabletten am Tag schlucken, und das meiste davon waren Morphine, bis dann nur noch Oxycodon geholfen hat. Dann wurde mein Rücken betäubt und ich weiß nicht was noch alles, damit ich diese Show machen konnte. Das war total bescheuert, das hätte ich niemals tun dürfen. Ich hätte sagen müssen: „Das Team macht das, aber ich muss ins Krankenhaus.“
Die Konsequenzen dieser Entscheidung, die Show trotz allem durchzuziehen, waren schlussendlich sehr weitreichend…
Ja, die Folge war, dass ich monatelang nicht gearbeitet habe – und das war das erste Mal in meinem Leben, seit ich Modedesigner bin. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern es ging einfach nicht. Was ich mir da selbst angetan habe, darunter leide ich bis heute. Der Arzt hatte mir vor der Show gesagt: „Sagen Sie ab. Das Einzige, was ich Ihnen noch anbieten kann, ist Oxycodon.“ Aber Absagen war für mich keine Option. Also habe ich das Medikament genommen. Ich war wie auf Droge, aber schmerzfrei.
Dieser Zustand hielt aber wahrscheinlich nicht lange an, oder?
Nein, am nächsten Morgen war alles noch schlimmer. Mein Bein und mein Fuß waren taub, die Situation wurde so kritisch, dass ein Notarzt eingeflogen wurde. Als ich nicht mehr aufstehen konnte, wollten sie mich für den Transport betäuben. Das funktionierte nicht richtig, wahrscheinlich wegen der Medikamente, die ich bereits genommen hatte. In meinem Schlafzimmer waren 14 Männer. Schließlich haben sie mich fixiert, in einen Tragesack gelegt und mein Haus heruntergetragen.
Dieses Gefühl, so ausgeliefert und hilflos zu sein, war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Im Krankenhaus hat man mich nicht ernst genommen und nach sechs Stunden „rausgeschmissen“. Zwei Tage später stellte sich nach einem weiteren [Anm. d. Red.: Magnetresonanztomographie] heraus, dass etwas an der Bandscheibe geplatzt war. Dann wurde ich operiert. Als ich nach der Operation (OP) aufgewacht bin, war die erste Frage: „Können Sie atmen?“ Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Dann erklärten sie mir, dass meine Atmung während der OP nicht mehr so gut funktioniert hat.
War das ein Weckruf für Sie ?
Ich bin heute dankbar. Ich habe die Chance bekommen, mich als Mensch zu entwickeln, und meine Prioritäten haben sich verändert. Ich liebe diesen Job, diese Leidenschaft, immer noch über alles. Aber ich liebe mich mehr. Und das musste ich erst lernen. Ich habe mich immer nur dafür geliebt, dass ich ein erfolgreicher Modedesigner bin. Heute habe ich meinen wahren Wert erkannt. Wenn jemand fragen würde: Würdest du auf alles verzichten, was seit Ende November 2025 bei dir passiert ist? – ich würde sofort Ja sagen und hoffen, dass irgendetwas in meinem Kopf trotzdem das Leben herbeiführt, das ich jetzt habe. Ich sage nicht, dass es besser ist, sondern anders und gesünder. Diese Umstellung in meinem Kopf und in meinem Herzen ist das Beste, was mir je passieren konnte. Ich bin ein anderer Mensch geworden, der zwar noch die gleichen Werte hat, aber sein Leben komplett anders lebt.
Was genau haben Sie seither konkret verändert?
Ich habe mir heute klare Grenzen gesetzt. Früher wusste jeder, dass er, wenn er mir abends schreibt, meistens noch eine Antwort bekommt. Das hat sich verändert. Ich nehme alles genauso ernst wie früher, und ich liebe es genauso wie früher, aber ich liebe mich mehr. Das Krasseste in der gesamten Zeit war ein Gespräch mit meiner Assistentin darüber, was wäre, wenn es schiefgegangen wäre. Ich habe gesagt, ich hätte ein erfülltes Leben gehabt, die große Liebe erlebt und so viel Erfolg, wie ich mir nie hätte vorstellen können. Niemand hätte sagen können, dass Kilian in seinem Leben etwas verpasst hätte. Dann kam aber der Gedanke, dass vieles unausgesprochen geblieben ist.
Ich habe Freund:innen und auch mich selbst zu lange vernachlässigt und gemerkt, dass ich nichts mehr unausgesprochen lassen kann, weil ich damit nicht einschlafen kann. Meine Therapie war unter anderem Schreiben: Briefe, die nie abgeschickt wurden, manchmal nur zwei Sätze, ganze Tagebücher über die Krankheit, die Trennung und alles dazwischen.
War Ihre Show Anfang des Monats auf der Berlin Fashion Week, „Burning Symphony“, ebenfalls eine Art Therapie, umdieses Kapitel Ihres Lebens abzuschließen?
Ich glaube nicht so sehr an Loslassen und Neuanfänge. Ich glaube, man geht im Leben immer weiter – das tun wir ja jeden Tag. Aber ich hoffe, dass ich mich ein Stück weit noch freier fühle als bisher.
Nach allem, was Sie erlebt haben, überrascht es mich, dass es in dieser Saison überhaupt eine Kollektion präsentieren…
Mitte April dachte ich noch, das funktioniert gar nicht. Ich habe keinen einzigen Entwurf. Die jetzige Show abzusagen, habe ich für meinen Kopf nicht als die richtige Lösung gesehen. Außerdem hatten wir Verträge. Dann kam mir diese Idee: Entweder mache ich für längere Zeit eine Weltreise oder ich ziehe nach „L.A.“ Und am nächsten Morgen war klar, dass ich nach „L.A.“ ziehe. Ab diesem Moment hat sich in meinem Kopf etwas verändert. Plötzlich konnte ich wieder klar über meine Arbeit nachdenken.
Wie ging es dann weiter?
Ich habe meinen Stylisten, mit dem ich seit zwölf Jahren zusammenarbeite, angerufen und gesagt: „Ich habe ein Thema und eine Idee, die ich umsetzen will. Mehr ist nicht da. Kein Stoff. Keine Zeichnung. Kann ich nächste Woche nach Hamburg kommen, damit wir über die Kollektion sprechen?“
Um den Druck nicht zu groß werden zu lassen, haben wir gesagt, ich entwerfe nur zehn neue Looks, die den Kern der Kollektion bilden, und der Rest sollte aus alten Styles in neuen Stoffen bestehen. Daraus wurde am Ende nichts, denn als ich angefangen habe, war ich wie im Rausch. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich eine komplett neue Kollektion entworfen.
Wofür steht die Kollektion?
Die Kollektion ist auch nach der Präsentation noch lange nicht fertig. Es ist eine Kollektion, die zwischen zwei Gegensätzen lebt. Es geht um Schmerz und Zerrissenheit, die auf diesen Glamour treffen. Es gibt viele Teile in der Kollektion, wenn man die Geschichte kennt, wird man meinen Schmerz darin sehen können. Ich habe in diese Teile wirklich diesen ganzen Schmerz hineinfließen lassen.
Berlin ist allerdings nicht die erste Show nach der Operation, kurz danach stand bereits ein Präsentation in Paris an. Wie haben Sie das körperlich überhaupt geschafft?
Ich habe das Okay von den Ärzten geholt. Ich habe vor der OP gesagt: „Seien Sie ehrlich – in vier Wochen ist eine Show in Paris. Ist das realistisch?“ Sie meinten, mit guter Physiotherapie und Schonung sei das möglich. Also war klar, dass wir Paris machen werden.
Die Zeit in und um Paris herum war dennoch nicht einfach. Ich habe ständig geweint. Beim Fitting hatte ich kurz ein gutes Gefühl. Ich war abgelenkt, habe mich über die Models gefreut und bei der Kollektion gedacht: Die ist gut. Aber sobald ich allein war, bin ich immer wieder zusammengebrochen. Den Showtag selbst gibt es für mich kaum. Ich war zwar aufgeregt, aber vieles habe ich wie im Nebel erlebt. Danach habe ich ein Interview gegeben und bin währenddessen in einen so starken Weinanfall geraten, dass ich weggelaufen bin. Als 47-jähriger Mann einfach aus einem Interview zu gehen, das war für mich selbst absurd.
Das sind keine einfachen Umstände oder Erinnerungen. Wird Paris dennoch ein fester Bestandteil ihrer künftigen Strategie werden?
Mein Traum war immer New York, auf Paris wäre ich nie gekommen – bis diese Anfrage kam. Dann hat es sich richtig angefühlt. Mein Ziel ist aber immer noch New York. Das Ziel ist, in den nächsten zwei Jahren von Paris nach New York zu wechseln.
New York ist eine spannende Wahl, die meisten Unternehmen scheuen sich derzeit, ihre Aufmerksamkeit auf die USA zu richten. Wieso halten Sie an dem Land fest?
Mir geht es aktuell gar nicht darum, meine Kollektion in Amerika zu verkaufen. Es geht mir erstmal darum, den Erfolg dort – über Agenturen, Prominente und Aufmerksamkeit – weiter auszubauen und die Kontakte persönlich zu treffen: Stylist:innen, Presseleute. Das stärkt die Marke, und das strahlt auch zurück nach Europa. Den Verkauf ankurbeln will ich dort, wenn wir uns noch mehr etabliert haben.
Und wie soll es konkret weitergehen?
Kooperationen sind für mich extrem spannend, aber gerade dieses Jahr ist es schwieriger geworden. Die Budgets sind kleiner, auch wenn wir weiterhin gute Deals haben. Man merkt aber, wie wichtig das Zusammenspiel ist: Prominente, Marketing, Shows, Paris – alles zusammen stärkt die Wahrnehmung.
„Ich liebe Kommerz.“
Kooperationen sind für Sie allerdings nichts Neues. Sie sind in der Vergangenheit bereits etliche Deals eingegangen, unter anderem mit Teleshopping-Unternehmen und Drogeriemärkten. Für einen Designer, der zugleich auf den Fashion Weeks präsentiert, ist das ein durchaus ungewöhnlicher Weg.
Ich liebe Kommerz. Das sage ich bewusst, auch wenn das in der Modewelt nicht jeder gern hört. Ich mag es, Dinge zu machen, die viele Menschen tragen können. Und ich finde es spannend, wie Unternehmen funktionieren – auch durch Kooperationen oder Projekte mit Partnern wie QVC.
Zu sehen, wie Menschen meine Sachen im Alltag tragen, ist für mich extrem wichtig und darum geht es am Ende. Laufsteg und Show zu gestalten ist nicht schwer – da geht es um Fantasie. Die eigentliche Herausforderung ist es, Mode zu machen, die Menschen wirklich kaufen. Selbst im Onlinegeschäft ist es heute schwierig, ständig Treffer zu landen.
Gibt es Beispiele von Kooperationen, die zuletzt besonders erfolgreich waren?
Ein großer Erfolg waren unsere „NUR DIE Leggings“ bei DM, und auch online haben sie sich gut verkauft. Außerdem waren die Schuhe für Tamaris sofort ausverkauft und mussten nachproduziert werden. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Dinge, die nicht funktionieren.
Sie sagten gerade, Shows zu gestalten sei nicht schwer, dennoch sind Sie seit vielen Jahren fester Bestandteil der Berliner Fashion Week und wurden zeitweise auch gefördert. Hat sich Ihr Blick auf den Standort Berlin seither verändert?
Meiner Meinung nach läuft Berlin in eine Einbahnstraße. Früher gab es Förderungen, die waren schlecht – sie gingen eine Saison, wenn man Glück hatte vielleicht noch eine zweite, und dann wurden Designer:innen wieder fallengelassen. Das hat keinen Sinn. Man muss wenige Designer:innen auswählen und sie lange begleiten – denn Mode ist verdammt teuer. Wenn man keine kommerziellen Sachen verkauft, ist es sehr schwer, eine Marke zu finanzieren. Mode aus Deutschland in Deutschland zu produzieren, ist so schwer, dass man kommerzielle Sachen machen muss.
Hat sich das auch auf Ihre Zusammenarbeit mit dem Modeverband, der die Modewoche organisiert, ausgewirkt?
Ich zeige seit 2008 in dieser Stadt. Ohne arrogant zu sein: Ich habe zum Erfolg der Fashion Week einiges beigetragen. Die Umstellung beim Fashion Council, dass Marken jetzt länger gefördert werden, ist großartig. Aber was das Kommerzielle angeht: Wir wurden drei Saisons gefördert und dann fallengelassen, aus dubiosesten Begründungen. Insgeheim wissen wir alle, warum: weil ich einfach zu kommerziell bin. Da können sie mir sagen, was sie wollen, das ist der Grund. Ich finde, es ist zu eng gefasst. Berlin gibt einen bestimmten Stempel und sagt: Das ist jetzt Berlin – und alles andere nicht.
Ist das mit ein Grund für Ihren Weg nach Paris – kehren Sie Berlin damit langfristig den Rücken?
Nein, wir halten dennoch erstmal an Berlin fest, auch wenn es im Januar keine Schau vor Ort geben wird, da ich Ende Oktober nach L.A. gehe. Vier Shows im Jahr – Januar, März, Juli und Oktober – das ist ein Ritt, der für mich gerade nicht funktioniert. Aber ich habe vor, nächstes Jahr im Juli wieder zu zeigen.
Manchmal trauen sich viele nicht zu sagen, dass sie ihren eigenen Weg um den Kalender herum finden. Wäre mir nicht passiert, was mir passiert ist, hätte ich wahrscheinlich sofort vier Shows im Jahr gemacht. Aber ich will es nicht. Das ist für den Kopf zu viel, die Qualität würde darunter leiden. Ich bin 47 und nicht 27. Ich möchte auch noch 30 Jahre gut leben.
Wir haben heute viel über Veränderung und die Lehren daraus gesprochen. Was würden Sie jungen Designer:innen mitgeben, welche Fehler sie besser vermeiden sollten?
Der teuerste Fehler meines Lebens hat mich einen hohen sechsstelligen Betrag gekostet. Daher würde ich allen immer raten, ja nichts ohne Anwälte zu machen. Niemals. Und ein weiterer Fehler ist es, sich nicht irgendwann auf den Kommerz einzulassen. Man kann auch guten Kommerz machen. Das sind meine beiden Tipps.