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Woke Denim: Denim als eine Form des Aktivismus

Von Rachel Douglass

16. Nov. 2021

Mode

Bild: Woke Denim von Tiwirayi Ndoro

Materialien können Gegenstand politischer Bewegungen, Nachhaltigkeitsdebatten und persönlicher Mode-Statements sein, aber kaum eines hat eine so ereignisreiche Geschichte wie Denim.

Nach einem ganzen Monat voller Vorträge, Workshops und Veranstaltungen ist Ende Oktober die British Textile Biennale zu Ende gegangen. Die Themen der Veranstaltung konzentrierten sich auf Textilgeschichte, zukünftige Produktionsmethoden und gesellschaftliche Auswirkungen des Materials, sowie die Beziehung Großbritanniens zu Kreativität, Innovation und Ausdruck in textiler Form.

Zahlreiche Podiumsdiskussionen und Ausstellungen der diesjährigen Ausgabe legten einen besonderen Schwerpunkt auf Denim als eine Form des Aktivismus und betonten seine Bedeutung in Protesten und Bewegungen als Stoff für politisch aufgeladene Aussagen.

In einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Denim and Civil Rights“ (Denim und Bürgerrechte) wurde Tiwirayi Ndoros Werk „Woke Denim“ besprochen. Die Fotoserie der Fotografin, Stylistin und Aktivistin entstand im vergangenen Jahr auf dem Höhepunkt der Black-Lives-Matter-Bewegung und untersuchte die Verwendung von Denim bei Protesten heute und in seiner Geschichte.

Ndoro wurde bei der Diskussion von Tunde Adekoya, dem Direktor von Big People Music, und den Künstlern Jamie Holman und Calum Bayne begleitet, die jeweils ihre eigene Perspektive auf die Verwendung von Denim als Ausdrucksmittel für Selbstdarstellung und Protest darlegten.

Denim als Zeichen der Jugend und als Plattform für verschiedene Gemeinschaften

In Bezug auf ihr simbabwisches Erbe und ihre Erfahrungen als schwarze Britin konzentrierte sich Ndoro auf den Einfluss von Denim auf die Geschichte der Schwarzen. Gemeinsam mit Tunde Adekoya brachte sie ihre Beziehung zu diesem Material zum Ausdruck, nachdem sie dessen Bedeutung in ihrer jeweiligen Gemeinschaft kennengelernt hatte. Adekoya und Ndoro wiesen auf oft unbekannte Beziehung zwischen Denim und der Geschichte der Schwarzen während der Zeit der Sklaverei hin und erwähnten, dass sie sich des Einflusses des Materials auf die Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren zuvor nicht bewusst gewesen waren. Beide waren sich einig, dass sich ihre Beziehung zu Denim seitdem deutlich verändert hat.

Bild: Woke Denim von Tiwirayi Ndoro

„Die Verbindung zur Bürgerrechtsbewegung ist der Schlüssel für die Etablierung der Jugendkultur in den 60er Jahren. Denim wurde zu einem Symbol für die Jugend, und hat von dort aus ihren Siegeszug angetreten. Sie wurde zur Uniform vieler verschiedener Jugendkulturen“, so Jamie Holman.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand ein Bild der Aktivistin Joyce Lander, das beim Marsch auf Washington im Jahr 1963 aufgenommen wurde. Lander, eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, trug einen Jeans-Overall, ein Look, der in der amerikanischen Alltagsmode nicht üblich war.

„Die Verwendung von Denim transportiert eine spezifische Botschaft, als würde sie die Menschen zwingen, die Jeans-Overalls zu betrachten und darüber nachzudenken, wie die Menschen in den Gemeinden in Amerika und auf der ganzen Welt angesehen und wahrgenommen werden“, so Calum Bayne. „Es handelt sich um eine spezifische Version des Protests, die besagt, dass sie sich nicht von der weißen amerikanischen Mittelklasse-Mode vereinnahmen lassen will, ein Widerstand der Annäherung, um Gleichheit zu erreichen."

„In diesem Sinne lässt sich von einem Gleichmacher sprechen: Die Verwendung von Denim ist klassenübergreifend. Die Demonstranten vereinigen sich in ihrer Verwendung von Denim“, fuhr er fort.

Bayne begann daraufhin, den Einfluss von Denim in der schwulen Gemeinschaft zu untersuchen und verwies auf den Aufstieg des Castro-Looks in den 70er Jahren. Der Look, der von einer Gruppe in San Francisco ausging, bestand aus eng anliegenden Jeans und einem weißen Tank-Top, inspiriert von der Kleidung der Arbeiterklasse jener Zeit. Bayne merkte an, dass dies zwar einst eine Gemeinschaft zusammenbrachte, aber auch negative Assoziationen mit der zunehmend populären Denim-Mode verbunden waren.

„Der Look und die Verwendung von Denim können für die einen verbindend, für die anderen ausgrenzend sein“, erklärte er. „Damals wurde der weiße, muskulöse, hypersexualisierte Körper in der Gemeinschaft gewissermaßen idealisiert. Alles, was außerhalb der weißen, idealisierten Perspektive lag, wurde abgelehnt.“

„Kann man sich auf Kleidungsstücke verlassen, um seine politische Integrität zu vermitteln?", fragt er weiter. „Denn jeder, der eine Jacke trägt, kann eine andere politische Identität haben. Es geht darum, ob Denim als politisches Modestatement missbraucht wird oder ob die Marke ein langfristiges Statement abgibt, um selbst mehr Verantwortung zu übernehmen.“

Bild: Woke Denim von Tiwirayi Ndoro

Schließlich war sich die Runde einig, dass Denim flexibel betrachtet werden kann, je nachdem, welche Medien der Einzelne konsumiert und welcher Gemeinschaft er oder sie sich zugehörig fühlt. Die zunehmende Beliebtheit der Teilnahme an Protesten, verbunden mit dem Wunsch, modisch auszusehen, hat es schwieriger gemacht, den Grund für die Verwendung von Denim in diesem Zusammenhang zu bestimmen. Unterschiedliche Dialoge verdrängen andere, so dass die Geschichte des Materials oft unklar und unsicher ist, aber Ndoro möchte diese Wahrnehmung ändern.

„Viele junge Leute sind sich der Geschichte von Denim nicht bewusst, insbesondere seiner Verbindungen zu Black Lives Matter...“

Ihr Projekt 'Woke Denim', das sich um die Black Lives Matter (BLM)-Bewegung des letzten Jahres dreht, die durch den Tod von George Floyd ausgelöst wurde, war Teil eines internationalen Aufschreis, der sich auf die Behandlung von Schwarzen durch die Strafverfolgungsbehörden konzentrierte.

„Junge Menschen haben die BLM-Bewegung in einer Weise vorangetrieben, die entscheidend und lebenswichtig war“, sagte Ndoro in dem Vortrag. „Es war eine erstaunliche Erfahrung für mich. Es lag keine Wut in der Luft, es waren vielmehr Menschen, die für eine Sache zusammenkamen.“

„Die meisten meiner Arbeiten sind auf die Erfahrungen ausgerichtet, die Schwarze Menschen machen, wenn sie Barrieren niederreißen und gegen Unterdrückung in allen Bereichen kämpfen,“ fügte sie hinzu.

Die Bilder der Fotoserie zeigen schwarze britische Jugendliche, die überwiegend in Jeans-Outfits gekleidet sind und eine kraftvolle Haltung einnehmen, die deutlich macht, worum es bei der Bewegung ging und geht.

Im Gespräch mit FashionUnited sagte Ndoro im Anschluss an den Vortrag über ihre Entscheidung, Denim zu verwenden: „Als ich ursprünglich gebeten wurde, das Projekt zu machen, hatte ich keine Ahnung, dass Denim eine so große Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung hatte und dass Schwarze ihn bei der Arbeit auf den Feldern tragen mussten.“

„Die Recherche war also sehr aufschlussreich für mich, und deshalb habe ich mich dafür entschieden, in meinen Bildern viel Denim zu verwenden. Ich wollte damit nicht nur die Wut der Proteste darstellen, sondern auch die Freude der Schwarzen und ihre gemeinsame Stärke.“

Ndoro erklärte, sie glaube, dass die Recherchen über Denim ihre Beziehung zu dem Material zum Besseren verändert hätten, und merkte an, dass diese Denkweise für eine breitere Mehrheit von Vorteil sei.

Bild: Woke Denim von Tiwirayi Ndoro

„Viele junge Leute sind sich der Geschichte von Denim nicht bewusst, vor allem nicht der Verbindungen zur BLM, deshalb wollte ich sie in den Mittelpunkt stellen. Sie nehmen an diesen Veranstaltungen teil und tragen Denim, ohne dessen Bedeutung zu kennen, was oft unbewusst geschieht,“ so die Künstlerin.

„Große Denim-Marken wie Levi's haben ganze Arbeit geleistet, die Geschichte des Denim mit Whitewashing zu verschleiern. Wir können auch die Schwarze Sichtweise betrachten. Dieses Projekt sollte das Bewusstsein dafür schärfen.“

Auch als Direktorin des KYSO-Projekt CIC versucht Ndoro, Mode und Aktivismus in andere Bereiche ihrer Arbeit zu integrieren. Die in Manchester ansässige gemeinnützige Organisation will benachteiligten jungen Menschen helfen, Chancen und Fähigkeiten zu erlangen, die für ihre Entwicklung wichtig sind.

„Junge Menschen gedeihen in Umgebungen, die integratives Lernen ermöglichen“, sagt sie. „Ich sehe viele junge Menschen, die denken, dass sie nicht zu bestimmten Veranstaltungen gehen können, die ihnen mehr Möglichkeiten bieten würden, wenn sie daran teilnehmen würden. Ich denke, es ist wichtig, Räume und ansprechende Inhalte zu schaffen, die junge Menschen aus allen Gesellschaftsschichten ansprechen."

Bei einer kürzlich durchgeführten Initiative arbeitete die Organisation mit Patagonia an einem Erlebnis, das die Teilnehmenden in die freie Natur führte, wobei Aktivitäten wie Wandern als eine Möglichkeit der Alltagsflucht für sie konzipiert wurden.

„Wir machen Fortschritte in der Mode. Wir befinden uns in der Vorbereitungsphase, wir helfen diesen jungen Menschen und schaffen einen Raum, in dem sie etwas über diese Dinge lernen und ihr Verständnis für die Welt kultivieren können.“

„Wenn sich Marken an diesen Initiativen beteiligen, haben junge Menschen die Möglichkeit, sich stärker in sie zu einzubringen. Ich habe das Gefühl, dass das die einzige Möglichkeit ist, mit ihnen in Kontakt zu treten, und zwar durch eine Erfahrung, an die sie glauben können.“

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ