Warum 10.000 Meter handgesponnener Flachsgarn nicht für ein einziges Kleidungsstück ausreichen

Es ist jedoch ein wertvoller Zwischenschritt.
Mode
Joline Jolink bei ihrer Flachsernte. Credits: Joline Jolink
Von Guest Contributor

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Manche Entwürfe erzählen eine Geschichte nicht nur durch das, was sie sind, sondern vor allem durch das, was ihnen vorausging. Die Lin-Jacke ist für mich vielleicht das greifbarste Beispiel dafür. Was einst als limitierte Auflage aus biologisch angebautem Leinen von The Linen Project begann, hat sich zu einem Kleidungsstück mit mehreren Bedeutungsebenen entwickelt.

Über die Autorin:
Die Modedesignerin Joline Jolink zog 2023 von Rotterdam auf einen Bauernhof in Overijssel in den Niederlanden. Dort gründete sie die Fashion Farm. Hier experimentiert sie mit Rohstoffen für Textilien, die auf niederländischem Boden angebaut und verarbeitet werden können. Als Gastautorin für FashionUnited nimmt sie Sie in dieser Serie, ‘Tagebuch einer Pionierin’, mit auf eine Reise vom Samen bis zum Kleidungsstück.

Die erste Auflage wurde 2023 als Ode an lokales Leinen, Handwerkskunst und zeitloses Design eingeführt. Sie fand schnell Anklang bei Frauen, die eine Geschichte tragen und nicht nur eine Jacke kaufen wollten. Die Jacke war ausverkauft. Ein gut durchdachtes Design lasse ich jedoch gerne zurückkehren. Deshalb kam Lin im Frühjahr 2026 wieder auf den Markt. Es war erneut eine limitierte Auflage, die wieder in der gleichen, wiedererkennbaren Handschrift verwurzelt war. Dieses Mal wurde sie jedoch mit etwas bereichert, das auf dem Papier fast unmöglich schien: einer Handstickerei mit Flachsgarn von der allerersten Flachsernte auf unserer Fashion Farm in Welsum. Das verleiht Lin nicht nur eine Neuauflage, sondern auch eine tiefere Bedeutungsebene.

Während das ursprüngliche Design bereits eine Hommage an niederländisches Leinen war, vereint diese neue Version zwei Quellen in einer Jacke: das biologisch angebaute Leinen von The Linen Project und den ersten handgesponnenen Flachsfaden von unserem eigenen Land, der sorgfältig in eine dezente Stickerei auf den Schultern eingearbeitet wurde.

Die Lin-Jacke. Credits: Joline Jolink

Diese Ergänzung macht das Design kostbar. Nicht nur wegen des Materials, sondern auch wegen der investierten Zeit. 2024 haben wir zum ersten Mal Flachs auf der Fashion Farm gesät. Seitdem hat uns das Land Geduld gelehrt. Nach zwei Jahren haben wir nun mehr als 10.000 Meter handgesponnenen Faden aus unserem eigenen Welsumer Flachs. Dieser Meilenstein war ebenso hoffnungsvoll wie ernüchternd. Obwohl wir Garn haben, haben wir noch keine laufenden Meter Stoff. 10.000 Meter Garn reichen wahrscheinlich nur für 1,5 Meter Stoff, also für ein einziges Kleidungsstück.

Würde man all diese Arbeit in die Kosten einrechnen, wäre Lin ein fast unbezahlbares Couture-Stück. Genau deshalb enthält diese Wiedereinführung auch eine bewusste Aussage: Sie zeigt, wie viel Wert normalerweise bei der Herstellung von Textilien verborgen bleibt.

Die Garne. Credits: Joline Jolink

Es beginnt mit dem Land und der Faser selbst

Für die Stickerei unseres handgesponnenen Flachsgarns haben wir mit Martine von Het Borduurburo zusammengearbeitet. Sie ist eine Stickdesignerin mit über 25 Jahren Erfahrung in speziellen Techniken. Für Martine fühlte sich diese Zusammenarbeit wie ein Treffen von Vergangenheit und Zukunft an. Sie wuchs auf einem Bauernhof auf, wo ihr Vater eine große Liebe zum Flachs hegte. Daher erkannte sie sofort etwas Wesentliches in meinem Ansatz: die Rückkehr zur Quelle. Ihre Expertise liegt in der Bewahrung und Weitergabe von Sticktechniken, Handwerkskunst und Textilwissen als notwendige Verbindung zur Zukunft.

Genau deshalb war dieses Projekt für sie etwas Besonderes. Es ging nicht nur um Mode, sondern darum, dass es beim Land begann. Bei der Faser selbst.

Technisch erforderte die Arbeit mit unserem Flachsgarn außergewöhnliche Präzision. Die unregelmäßigen, handgesponnenen Garne machten eine traditionelle Verarbeitung fast unmöglich. Martine fand schließlich eine Lösung in einer Goldstickerei-Technik. Dabei wird das kostbare Garn nicht durch den Stoff gezogen, sondern sorgfältig daraufgelegt und mit einem feineren Faden befestigt.

Die Stickmethode. Credits: Joline Jolink

Diese Technik wird traditionell für Materialien verwendet, die zu wertvoll sind, um sie zu verschwenden. Genau dieses Gefühl stellte sich hier wieder ein. Wer weiß, wie viel Arbeit, Aufmerksamkeit und Land in einem einzigen Faden stecken, geht grundlegend anders mit dem Material um.

Diese Erkenntnis berührt den Kern dessen, was die Fashion Farm sichtbar macht. Es geht nicht nur um die Herstellung von Kleidung, sondern um die Wiederherstellung von Beziehungen: zwischen Hersteller:in und Material; zwischen Design und Herkunft; zwischen Mode und Landwirtschaft.

Die Lin-Jacke zeigt, dass es bei regenerativer Mode nicht nur um das Endergebnis geht, sondern auch um die Zwischenschritte. Es geht um die Frage: Wie können wir Wert schaffen, auch wenn ein Prozess noch im Gange ist?

In einer Branche, die auf Geschwindigkeit, Größe und Effizienz ausgerichtet ist, fühlt sich das fast radikal an. Perfektion wird hier nicht erzwungen; stattdessen arbeiten wir mit dem, was bereits vorhanden ist. Mit dem ersten Faden. Der ersten Ernte. Der ersten Gelegenheit.

So wird Lin mehr als nur ein Kleidungsstück. Es wird zu einem Design, in dem Landwirtschaft, textile Innovation und spezialisierte Handwerkskunst zusammenkommen. Oder vielleicht eine Jacke, die zeigt, dass die Zukunft der Mode nicht nur gewebt wird, sondern manchmal Stich für Stich im Dazwischen entsteht.

Joline

Joline auf ihrer Fashion Farm. Credits: Joline Jolink

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