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Ukrainian Fashion Week FW26/27 als Akt der kulturellen Kontinuität

Die jüngste Ausgabe der Ukrainian Fashion Week in Kiew zeigte, wie Designer Nachhaltigkeit und ukrainische Identität in ihren Kollektionen verankern, um kulturelle Resonanz zu schaffen.
Mode
Backstage bie Khrystyna Rachytska Credits: Serhiy Khandusenko
Von Jule Scott

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Seit ihrer Rückkehr nach Kyiv im September 2024 findet die Ukrainian Fashion Week unter Bedingungen statt, die den regulären Rhythmus einer Modewoche immer wieder aus dem Gleichgewicht bringen. Auch die Ausgabe FW26/27 bildet hier keine Ausnahme.

Zwischen einem verschobenen Termin und anhaltenden Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur – mit spürbaren Folgen für Strom- und Wärmeversorgung in Kyiv – behauptete sich das Format dennoch und fand vom 12. bis 15. März statt. Dabei wurde erneut deutlich, welche Rolle Mode in der Ukraine nicht nur als ästhetische, sondern auch als kulturelle und wirtschaftliche Kraft einnimmt.

„Diese Saison wird nicht wegen ihrer verschobenen Termine oder der schwierigen Bedingungen in Erinnerung bleiben, unter denen die Kollektionen entstanden sind“, sagte Iryna Danylevska, Gründerin und CEO der Ukrainian Fashion Week. „Sie wird in Erinnerung bleiben wegen des kompromisslosen Glaubens an das, wofür wir stehen – und an die ukrainische Modeindustrie.“

Die Art of Fashion Ausstellung Credits: Kateryna Gagosova

Aus dieser Haltung heraus wurden Fragen der Identität – national, individuell oder markenspezifisch – zu einem der zentralen Themen der Präsentationen in Kyiv. Parallel dazu erhielten Textilien und Nachhaltigkeit eine zentrale Bedeutung. Unter dem Titel Art of Fashion zeigte die Ukrainian Fashion Week eine begleitende Ausstellung, die nachhaltige Ansätze, neue Materialien und experimentelle Techniken zusammenführte. Gezeigt wurden Arbeiten von Bevza, J’aemme, Kseniaschnaider, Litkovska, Nadya Dzyak, Plngns, TG Botanical, Upslowuse sowie der Ukrainian Fashion Education Group.

Nachhaltigkeit als Struktur

Der Diskurs blieb jedoch nicht auf den Ausstellungsraum beschränkt. Auch die Runway-Kollektionen setzten sich intensiv mit Nachhaltigkeit auseinander. Dabei erschien das Thema selten isoliert, sondern war eng mit Fragen von Identität, Erinnerung und Transformation verbunden.

Upcycling und abfallfreie Produktion bilden bei Upslowuse keine ergänzende Ebene, sondern die Grundlage der gesamten Arbeitsweise. Materialien tragen sichtbare Geschichten in sich. Denim, Wolle und rekonstruierte Textilien behalten ihre Vergangenheit und werden in neue Kontexte gesetzt.

In der Kollektion ‘Liminal’ wird dieser materielle Ansatz um eine konzeptionelle Ebene erweitert. Ausgehend von ukrainischer Dämonologie beschäftigt sich die Arbeit mit Übergängen, Ambivalenz und psychischer Spannung. Die Präsentation verstärkt diesen Eindruck durch Schichtung, Materialkontraste und einen performativen Aufbau. Nachhaltigkeit zeigt sich hier im Lebenszyklus der Kleidung ebenso wie in der Frage nach kulturellem Gedächtnis und Bedeutungsverschiebung über Zeit.

Upslowuse Credits: Volodymyr Bosak

Ein ähnlicher Zugang zeigt sich bei St. Mariia. Wiederverwendete Materialien werden als Träger von Erfahrung verstanden. Ihre Neuordnung löscht Vergangenes nicht aus, sondern lässt unterschiedliche Zeitschichten nebeneinander bestehen. So entstehen Kleidungsstücke, die weniger als fertige Produkte erscheinen, sondern als Verdichtungen von Zeit.

St. Mariia Credits: Volodymyr Bosak

Dieser Prozess destabilisiert bestehende Codes und eröffnet neue Lesarten. Upcycling wird hier zu einem kritischen Instrument, das nicht nur Herstellung, sondern auch gesellschaftliche Funktion von Kleidung befragt.

Ukrainische Identität als System

Neben Nachhaltigkeit bildet die Frage nach ukrainischer Identität eine zweite zentrale Achse der Saison. Dabei geht es weniger um Repräsentation als um die Übersetzung kultureller Inhalte.

Bei Khrystyna Rachytska basiert die Arbeit auf traditionellen Sticktechniken, archivischer Forschung und handwerklicher Präzision. Elemente ukrainischer Volkskunst werden in zeitgenössische Silhouetten überführt, ohne ihre Bedeutung zu verlieren. Jedes Detail verweist auf historische Kontexte und wird zugleich Teil einer gegenwärtigen Erzählung. Naturmaterialien verstärken diese Verbindung und verankern die Entwürfe in einer materiellen Realität. Themen wie Resilienz, Kontinuität und Fürsorge prägen die Kollektion. Mode wird hier zum Medium kultureller Weitergabe.

Khrystyna Rachytska Credits: Volodymyr Bosak
Auch bei Yaroslav Filip steht Identität im Zentrum, hier über Fragen von Stigmatisierung und sozialer Zuschreibung. Kleidung wird zum Raum der Aushandlung. Durch die Dekonstruktion klassischer Anzüge wird der symbolische Gehalt von Kleidung innerhalb gesellschaftlicher Ordnungssysteme hinterfragt. Der Anzug, traditionell verbunden mit Autorität, Professionalität und geschlechtlichen Normen, wird aufgebrochen und in modulare Formen überführt.
Yaroslav Filip Credits: Volodymyr Bosak

Über diese Positionen hinweg zeigt sich ein gemeinsamer Kern: Identität wird nicht als feste Größe verstanden, sondern als Prozess. Sie entsteht im Zusammenspiel von Erfahrung, Kontext und Zuschreibung. Die Laufstege machen diese Bewegung sichtbar.

Zwischen Form und Fluidität

Neben diesen thematischen Achsen rückt das Verhältnis von Form und Funktion stärker in den Fokus. Juliya Kros arbeitet mit dem Prinzip der Transformation. Ihre Entwürfe verändern sich durch reversible Konstruktionen, variable Elemente und modulare Systeme. Kleidung wird zum aktiven System, das von den Träger:innen mitgestaltet wird. Der Fokus liegt auf Schnitt und Proportion, häufig in klaren, architektonisch geprägten Silhouetten.

Juliya Kros Credits: Volodymyr Bosak

Chuprina wiederum überführt klassische Materialien wie Tweed in weichere, fließendere Formen. Die Kollektion ist geprägt von Bonbonfarben, Bewegung und Leichtigkeit, während Fransen und Blumen sanfte Akzente setzten. So entsteht ein Bild von Weiblichkeit, das sich zwischen Struktur und Fluidität bewegt, während umgehängte Tischtennisschläger als Taschen – natürlich in Tweed gehüllt – die Idee etwas sportiven suggerieren.

Chuprina Credits: Volodymyr Bosak

Die Saison in Kyiv entzieht sich einer eindeutigen Erzählung. Statt sich auf ein einzelnes Narrativ festzulegen, entfaltet sie sich in Überlagerungen, in denen Nachhaltigkeit, Identität und Form ineinander übergehen. Materialien tragen Erinnerung, Silhouetten verweisen auf Wandel, und kulturelle Bezüge werden nicht nur zitiert, sondern neu inszeniert. In dieser Vielschichtigkeit entsteht ein Bild von Mode, das weniger auf Klarheit als auf Resonanz setzt – auf das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart, von persönlicher Erfahrung und kollektiver Geschichte.

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