Sonntag der Superlative: Der Abschluss der Berlin Fashion Week SS27

Mode
GmbH SS27 Credits: Koichi Godenschweger für Berlin Fashion Week
Von Jule Scott

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Sonntags ist eigentlich Ruhetag – nicht so bei der Berlin Fashion Week. Zum Abschluss der SS27-Saison drehte die Stadt noch einmal richtig auf und brachte internationale Namen und Berliner Platzhirsche auf denselben Kalendertag. Während anderswo der letzte Tag als ruhiger Ausklang fungiert, ballten sich in Berlin am Sonntag gleich mehrere Highlights: ein dänisches Label mit Umweg über Mailand, ein japanischer Designer, der Berlin regelmäßig seiner Heimatstadt vorzieht, ein Debüt nach Jahren im Windschatten prominenter Kundschaft und zum Schluss ein rundes Jubiläum als großes Finale.

Wer geglaubt hatte, nach vier Tagen Fashion Week sei die Luft raus, wurde eines Besseren belehrt. Ein kurzer Blick auf die letzten Stunden der Berlin Fashion Week.

Martin Quad: Der Kopenhagener Gast

Bevor Martin Quad am Sonntag in Berlin auftrat, hatte das Label bereits sein internationales Runway-Debüt in Mailand hinter sich. Bei der Fondazione Sozzani zeigte der Kopenhagener Designer Martin Juncker im Juni erstmals „Woodman Pt.2“, inspiriert von der morbid-poetischen Bildwelt der Fotografin Francesca Woodman. Statt ihre Motive nur zu zitieren, übersetzte Juncker deren Faszination für Spiegel, Fragmentierung und Verschwinden direkt in den Schnitt: Klassische Tailoring-Stücke wurden auseinandergenommen und in verdoppelter, invertierter oder leicht verzerrter Form neu zusammengesetzt.

In Mailand begleiteten zerbrochene Spiegel, schwebende Drapagen und eine eigens komponierte Operngesangs-Partitur die Show, die dadurch eher wie Performance-Kunst als klassische Modenschau wirkte. Nach Berlin brachte Juncker das Konzept nun in kompakterer Form: Röcke, die eigentlich aus zwei Hosenbeinen bestehen, extrem hoch angesetzte Bünde, Einteiler, die zwischen Kleid und Hose changieren, oder Blazer, die nahtlos in Shorts übergehen, überwiegend gehalten in einer einzigen, monochromen Farbe.

John Lawrence Sullivan: Wieder Berlin statt Tokio

Dass Arashi Yanagawa mit seinem Label John Lawrence Sullivan lieber in Berlin als in seiner Heimatstadt Tokio zeigt, hat inzwischen Tradition. Der frühere Profiboxer gründete die Marke 2003 und benannte sie nach dem legendären Schwergewichtler John L. Sullivan – eine Referenz, die bis heute den kämpferischen Grundton seiner Entwürfe prägt. Für seine SS27 „Androgyny“, präsentiert im Saal des Kronprinzenpalais, hinterfragte Yanagawa erneut klassische Geschlechterrollen und rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie sich scheinbar widersprüchliche Eigenschaften in einem Kleidungsstück vereinen lassen.

Sichtbar wurde das unter anderem an präzise geschnittenen Anzügen, klassischen Hemden und langen Mänteln, ergänzt um eine wiederkehrende Bundfaltenhose in langer, kurzer und wadenlanger Variante. Dazu kamen Materialien in Reptilienoptik als Sinnbild für Wandel und Neubeginn sowie Bezüge zur japanischen Fesseltechnik Shibari, die sich in Gurt- und Schnürdetails an Mänteln und Blazern niederschlugen. Als übergeordnete Referenz diente die 1990 entstandene Porträtserie „Modern Lovers“ der Fotografin Bettina Rheims, die die Befreiung von starren Geschlechternormen festhält.

Selva Huygens: Endlich auf dem eigenen Laufsteg

Cristian Huygens und Natalia Golubenko haben ihr 2024 gegründetes Label bereits zu einem gefragten Namen unter Prominenten gemacht – Lady Gaga, Jared Leto und FKA Twigs zählen zu den Kund:innen –, standen aber bislang nie mit einer eigenen Show im offiziellen BFW-Programm. Entstanden sind die Entwürfe fernab vom Glamour, in einem Industriegebäude in der Neuköllner Ziegrastraße, wo Huygens Autoteile, ausrangierte Schuhe und Industrieabfall vom Straßenrand in tragbare Skulpturen verwandelt.

Mit „Aerospatial“ feierte das Duo nun sein BFW-Debüt. Die Kollektion griff die Formensprache der Raumfahrt-Ästhetik der 1960er-Jahre auf, gepaart mit Retrofuturismus und den klaren Linien brutalistischer Architektur – ein Stil, den das Label selbst als „Brutalist Functional Art“ bezeichnet.

Lederkleider mit A-Linie und trapezförmige Miniröcke in Abendrot-Tönen trafen auf skulpturale Teile aus recycelten Autobestandteilen, etwa Korsagen aus alten Gummimatten oder Röcke aus Sicherheitsgurten. Rund neun von zehn verwendeten Materialien stammen aus Recycling, Deadstock-Beständen oder wurden auf Berliner Straßen aufgesammelt – für Golubenko, die neben Kommunikation und Brand Management auch als Model für das Label arbeitet, ist genau das der Markenkern: ein unkonventioneller Umgang mit verworfenen Materialien, der Nachhaltigkeit und Wagemut zusammenbringt.

Kolya Bogatyrev: Kleidung als Erinnerungsstück

Das 2021 im ukrainischen Cherkassy gegründete Modeprojekt Kolya Bogatyrev verzichtet komplett auf neue Materialien. Gearbeitet wird ausschließlich mit bereits existierenden Kleidungsstücken, die über ein selbst entwickeltes Recyclingsystem aus traditioneller Schneiderei und moderner Upcycling-Technik neu zusammengesetzt werden.

Nach der Vorgängerkollektion „Contraargumentum“, die im Frühjahr im Second-Hand-Kaufhaus Humana am Frankfurter Tor gezeigt wurde, folgte nun mit „Classical Reminder“ bereits die zweite Runway-Show im offiziellen BFW-Programm, diesmal als Reflexion über Vergänglichkeit und die stille Schönheit alltäglicher Momente. Hemden, Anzugteile und Uniformen wurden zerschnitten und neu zusammengesetzt, sodass Reste ihrer ursprünglichen Form sichtbar blieben und Kleidung so zum Träger persönlicher Geschichte wurde. Strenge Schnitte trafen auf durchscheinende Stoffe und handwerkliche Details, sodass die Looks zwischen Klarheit und Verletzlichkeit pendelten.

GmbH: Der große Schlusspunkt

Zum Finale der Berlin Fashion Week SS27 luden Serhat Işık und Benjamin Huseby von GmbH. Die Show bildete zugleich den Schlusspunkt von „Intervention VI“, dem von der Berliner PR-Agentur Reference Studios kuratierten Showformat im Kronprinzenpalais, das an diesem Tag auch Dagger, Martin Quad und John Lawrence Sullivan auf die Bühne brachte.

Mit der Kollektion „Desire Paths“ ging es GmbH nicht um bloße Nostalgie, sondern um ein kaum erzähltes Kapitel der Stadtgeschichte: das florierende Berliner Modeschaffen der 1920er-Jahre, das während des Nationalsozialismus gewaltsam ausgelöscht wurde, weil viele der prägenden Häuser und Werkstätten von jüdischen Designer:innen geführt wurden, die enteignet, vertrieben oder ermordet wurden. Statt diese Geschichte kostümhaft nachzustellen, ließ GmbH sie in die eigene, für das Label typische Formsprache aus körperbetonter Sportswear und schützenden Silhouetten einfließen. Bestes Beispiel hierfür war etwa ein Kragen, der an einen Mantel der von 1912 bis 1939 aktiven Berliner Schneiderin Clara Böhm erinnert.

Für die Recherche besuchten Işık und Huseby das Privatarchiv von Julia Schwarz und banden ausgewählte Originalstücke aus den 1910er- bis 1960er-Jahren in die Show ein, geschaffen von heute weitgehend vergessenen Berliner Designer:innen. Aufwendige Abendgarderobe, klar geschnittene Kleider und scharf sitzende Blazer trafen so auf die Sportswear- und Clubwear-Elemente, für die das Duo bekannt ist. Politisch verstanden wissen wollte GmbH die Kollektion ebenfalls. Das Label verwies explizit auf zunehmende staatliche Repression, die Marginalisierung von Minderheiten und den Rechtsruck in Deutschland.

Damit ging die SS27-Ausgabe der Berlin Fashion Week zu Ende – den großen Überblick über die gesamte Saison gibt es hier.

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