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Mytheresa-Chefeinkäuferin: Nachfrage nach Individualität steigt

Die Chefeinkäuferin Tiffany Hsu teilt ihre Einschätzungen zu den aktuellen Entwicklungen in der Branche und den Präferenzen der Kundschaft.
Mode|Interview
Tiffany Hsu, Chief Buying Officer bei Mytheresa Credits: Mytheresa
Von Jule Scott

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Die Fashion Weeks in den großen Modehauptstädten liegen einige Wochen zurück und haben der Branche Zeit gegeben, eine überraschend ruhige Saison zu verarbeiten. Im Gespräch mit FashionUnited reflektiert Tiffany Hsu, Chief Buying Officer bei Mytheresa, über die Fall/Winter-2026-Saison und erläutert, welche Trends, Kollektionen und Laufsteg-Momente für Mytheresa besonders relevant sind.

Außerdem gibt sie Einblicke, wie diese Entwicklungen die Buying-Strategie und das Gleichgewicht zwischen Markenloyalität, Designer:innen-Einfluss und datenbasierten Entscheidungen prägen.

Die Fall/Winter-26-Saison folgt auf Jahre zahlreicher Premieren und Veränderungen, hinterlässt jedoch einen ruhigen Eindruck. Wie beurteilen Sie diese Phase im Modediskurs?

Es war eine sehr interessante Saison, jede Stadt hatte ihren eigenen Flair. London wirkte eher evolutionär, ein kollektiver Schritt hin zu Handwerk, Klarheit und langfristiger Relevanz, während in Mailand ein neues Kapitel spürbar war – mit einer Atmosphäre der Neukalibrierung statt disruptiver Veränderungen.

In New York zeigte sich ein deutlicher Wandel hin zu Ernsthaftigkeit und Raffinesse, begleitet von einer fast meditativen, kreativen Bildsprache. Paris wiederum wirkte sehr energiegeladen und romantisch und vermittelte ein erneuertes Gefühl von Weiblichkeit.

Welche Kollektionen oder Laufsteg-Momente der Saison sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben und erscheinen Ihnen besonders bedeutend?

Pradas Präsentationskonzept war ein Highlight! Die Einfachheit des Konzepts verlieh ihm eine enorme Kraft und machte Prada erneut zu einer der meistdiskutierten Marken der Saison.

Meine Lieblingskollektion war Bottega Veneta unter Louise Trotter, die mit einem architektonischen Ansatz beeindruckte und Weiblichkeit mit Brutalismus zu einer begehrenswerten Kollektion verschmolz. Einer meiner weiteren Favoriten bleibt Saint Laurent, das eine Vision moderner Eleganz präsentierte und Zurückhaltung mit der Markenidentität vereinte. Und natürlich darf man die Taschen von Chanel nicht vergessen sowie die Neuinterpretation der Fendi Baguette durch Maria Grazia Chiuri!

Welche Trends der Saison sind für Mytheresa wirklich tragbar und relevant, welche bleiben vor allem Laufsteg-Statements?

Die gotische Romantik, die in vielen Kollektionen zu sehen war wird, ebenso wie präzise Schneiderkunst und Statement-Outerwear, Bestand haben. Die schärferen Silhouetten verleihen dem Kleiderschrank eine raffinierte Leichtigkeit, sodass er entspannt und gleichzeitig elegant wirkt. Ich habe viel Statement-Outerwear mit zusätzlicher Textur oder in starken Silhouetten gesehen.

Ein Trend, der meiner Ansicht nach nicht lange Bestand haben wird, ist Utility. Der Trend wirkt etwas ermüdet, da sich die Silhouetten verfeinern und die Proportionen weiterentwickeln. Daher erscheint er weniger relevant und wird keine langfristige Bedeutung haben.

Wie nehmen Sie die Verschiebung von mutigen, spektakulären Statements hin zu funktionaler und subtiler Mode wahr, insbesondere im Luxussegment?

Es gibt definitiv eine Bewegung hin zu einem zurückhaltenderen Look, mit Fokus auf gut geschnittene Kleidungsstücke und Textur. Calvin Klein Collection kehrte letztes Jahr mit ihrem klaren, polierten Ästhetik zurück auf den Laufsteg, und Khaite ist für ihre raffinierten Silhouetten bekannt. Ihre Kollektionen treffen weiterhin die perfekte Balance zwischen klarer Schneiderkunst und Tiefe durch Textur.

Die Menschen setzen jetzt eher auf Accessoires, um Persönlichkeit und individuelle Akzente in einen ansonsten reduzierten Look zu bringen.

Wie würden Sie die aktuelle Stimmung und die Erwartungen Ihrer Kund:innen beschreiben?

Es gibt den Wunsch nach Stücken, die unseren Kund:innen ermöglichen, Persönlichkeit in ihre Outfits einzubringen – sei es durch Accessoires, Texturen, Proportionen oder unerwartete Details. Die Nachfrage nach Individualität und herausstechenden Stücken ist gestiegen und deutlicher geworden, während der Gesamtlook insgesamt einfacher und raffinierter geworden ist.

Während die Laufstege bereits auf Fall/Winter ausgerichtet sind, steht der Sommer vor der Tür. Welche Styles sind derzeit besonders gefragt?

Der Haupttrend dieser Saison ist das Spiel mit Proportionen: Wir sehen viele strukturierte Schultern und betonte Hüftdetails, die die Sanduhr-Silhouette unterstreichen. Auch abgesenkte Taillen bei Sommerkleidern sind zunehmend beliebt. Bei Hosen und Röcken sind Micro-Minis stark im Kommen, sei es bei Röcken oder Shorts.

Viele Häuser haben in letzter Zeit kreative Führungswechsel erlebt. Bleiben Mytheresa-Kund:innen einer Marke oder dem einzelnen Creative Director treu?

Beides. Einige Kund:innen sind Fans bestimmter Designer:innen und folgen ihnen von Haus zu Haus, während andere der Marke treu bleiben, unabhängig davon, wer die kreative Leitung innehat.

Welche Designer:innen oder Marken stehen derzeit im Fokus Ihrer Buying-Entscheidungen?

Die Narrative von Khaite spricht unsere Kund:innen sehr an. Sie vereint Einfachheit und Sinnlichkeit und ist ein wahres Meisterstück kontrollierter Selbstsicherheit. Außerdem ist Christen von Nina Christen eine herausragende Marke. Ihre Schuhe verbinden akribisches Handwerk mit modernen, schmeichelhaften Silhouetten, die sofort begehrenswert sind. Sie versteht intuitiv, was zeitgenössische Frauen tragen möchten.

Welcher Fokus wird bei Accessoires gesetzt?

Bei Accessoires verstärken wir unseren Einkauf bei Schuhen, da wir diese Saison viele gehobene Evening- und Occasion-Schuhe gesehen haben. Zusammen ermöglichen diese Kategorien uns, ein überzeugendes, modebewusstes Sortiment für unsere Kund:innen aufzubauen.

Wie bewerten Sie junge Talente im Vergleich zu etablierten Häusern für Mytheresa? Spielt Risikobereitschaft eine Rolle, oder steht Stabilität derzeit im Vordergrund?

Obwohl wir stets aufstrebende Talente scouten, sind nur wenige Marken derzeit in der Lage, auf der Skalierungsebene unserer Plattform zu operieren. Neue Namen führen wir daher bewusst ein. Wir navigieren noch durch die Nachwirkungen der kreativen Führungswechsel der letzten Saison, daher ist dies stets ein Thema sorgfältiger Abwägung.

Haben sich Budgetallokationen oder Einkaufsstrategien kürzlich verändert, und wenn ja, wo wird verstärkt investiert und wo Anpassungen vorgenommen?

Wir investieren deutlich mehr in Ready-to-Wear, da es eine unserer zentralen Wachstumsachsen ist, insbesondere in gehobene, statementstarke Stücke, die ein Outfit verankern, etwa Cocktail- und Abendmode sowie Statement-Outerwear.

Unsere Kund:innen bauen ihre Garderobe gezielt auf und kaufen viele Ready-to-Wear-Stücke, daher konzentrieren wir uns auch beim Einkauf darauf und planen keine Abweichung davon.

Welche Rolle spielen Daten, digitale Engagement-Metriken, Reaktionen in sozialen Medien und KI-Insights bei der Bewertung von Trends und Kundeninteresse, und wie stark verlassen Sie sich auf Ihre persönliche Intuition?

Die Kenntnis bevorstehender Trends ist ein wichtiger Faktor für unsere Entscheidungen, aber wir nutzen auch vergangene Daten, um die Auswahl zu navigieren. Wir müssen genau beobachten, was auf dem Markt passiert und was auf der Straße getragen wird, wofür Social Media natürlich hilfreich sein kann.

Unser großartiges Personal-Shopping-Team unterstützt uns ebenfalls, indem es uns das Feedback der Kund:innen weitergibt, was stets sehr wertvoll ist.

Sie sind zudem verantwortlich für exklusive Kooperationen und Capsule-Kollektionen bestimmter Marken bei Mytheresa. Wie fügen sich diese in die Gesamtstrategie des Unternehmens ein?

Bei der Arbeit an exklusiven Capsule-Kollektionen haben wir natürlich immer unsere Kund:innen im Blick. Wir kennen unsere Kund:innen sehr gut und wissen, was sie mögen und kaufen möchten, daher geben wir gerne gewisse Parameter für die Kollektion vor, bleiben dabei aber der DNA der Marke treu. Insgesamt sind wir stark involviert, jedoch nicht in den Designprozess eingebunden.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

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