Mehr Haut als Hype: Mailands Herrenmode kämpft um Relevanz

Die Frühjahr/Sommer 2027 Saison der Herrenmode in Mailand war von einer geringen Beteiligung von Marken geprägt, was Fragen zur zukünftigen Relevanz der Stadt als Modezentrum aufwirft.
Mode
Prada SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight
Von Jule Scott

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Es ist kein Geheimnis, dass die Herrenmode selten jene Art von Aufmerksamkeit genießt, die der Damenmode zuteilwird. Mailands Herrenmodensaisons liefen stets auf ruhigerem Register, überlagert vom spektakulären Damenmoden-Kalender der Stadt und von den immer ambitionierteren Großinszenierungen in Paris. Doch SS27 hat dieses Ungleichgewicht weiter verschärft als gewohnt. Die Saison war so dünn besetzt, dass die Abwesenheit selbst zur Geschichte wurde und eine unbequeme Frage aufwarf: Hat die Herrenmode Mailand aufgegeben?

Die Antwort ließ sich bereits vor dem offiziellen Ende der Mailänder Modewoche ablesen, als sich die Aufmerksamkeit der Branche nach Paris verlagerte. Für Mailand ist das mehr als eine Randnotiz. Es offenbart ein grundlegendes Problem, denn im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Publikum und kulturelle Relevanz fällt es der Stadt zunehmend schwer, die internationale Modeszene bis zum Schluss an sich zu binden. Paris profitierte davon unmittelbar. Während die Zugkraft Mailands nachließ, versammelte sich die Branche bereits vor deren offiziellem Ende zum Auftakt der dortigen Herrenmodenschauen, die von Louis Vuitton eingeläutet wurden.

Hat das gemischte Format die Herrenmodewoche überflüssig gemacht?

Vergleichbare Momente der großen Inszenierungen blieben in Mailand rar. Teile der Aufmerksamkeit verlagerten sich sogar vollständig aus dem offiziellen Kalender heraus. Eine der meistdiskutierten Herrenmodeprä­sentationen Italiens fand diese Saison nicht in Mailand, sondern bereits in Florenz bei der Pitti Uomo statt. Dort debütierte Simone Rocha mit ihrer ersten eigenständigen Herrenkollektion und sorgte damit für viel Resonanz. Die Reaktion fiel in Teilen deutlicher aus als auf viele Beiträge des Mailänder Programms.

Simone Rocha SS27 Credits: Simone Rocha

Hinzu kamen personelle Umbrüche innerhalb der Branche, darunter der Abgang von Adrian Appiolaza bei Moschino und seine rasche Nachfolge durch die Sunnei-Gründer Loris Messina und Simone Rizzo. Eines der prägendsten Gespräche der Woche entstand damit nicht aus den Schauen selbst, sondern aus deren Umfeld und verweist auf eine Verschiebung der Aufmerksamkeit weg vom offiziellen Programm hin zu den Bewegungen dahinter.

Dabei zog Mailand durchaus ein nennenswertes Aufgebot internationaler Marken an. Der sonst in New York oder Paris präsentierende Thom Browne zeigte zum ersten Mal in der Stadt, das New Yorker Urgestein Ralph Lauren kehrte für eine zweite Saison zurück, und Paul Smith setzte seine Mailänder Präsenz fort, nachdem er London hinter sich gelassen hatte. Auf dem Papier sind das bedeutende Zugänge. In der Praxis haben sie die Wahrnehmung der Woche jedoch nicht grundlegend verändert. Prada bleibt die einzige heimische Konstante, die jene Vorfreude erzeugen kann, welche Mailand einst als Herrenmodehauptstadt definiert hat.

(v.l.n.r.) Thom Browne, Giorgio Armani, Ralph Lauren SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

An Präsentationen mangelte es hingegen nicht, doch spricht diese Darstellungsform per se ein engeres Publikum an und erzeugt selten jene kulturellen Nachbeben, die ein Runway-Spektakel auslöst. Sie sind effizient, kommerziell rational und zunehmend im Einklang damit, wie Marken heute operieren wollen. Gleichzeitig tragen sie zu einer stilleren, weniger sichtbaren Modewoche bei, einer, die als Handelsplattform funktioniert, aber als kulturelles Ereignis kaum Spuren hinterlässt.

Ein Teil dieser Entwicklung spiegelt tiefergehende strukturelle Veränderungen in der Modewelt wider. Mit der zunehmenden Verwischung der Grenzen zwischen Herren- und Damenmode sind gemischte Shows zum Standard geworden. Für viele Marken ergibt die Trennung der Kalender weder kreativ noch kommerziell Sinn. Eine gemeinsame Präsentation bietet Effizienz, Kohärenz und eine klarere Markenwelt.

Doch der kumulative Effekt ist weniger positiv. Jede Entscheidung, die Herrenmode in eine breitere Show zu integrieren, streicht einen weiteren fixen Ankerpunkt aus dem Herrenmodenkalender. Mit der Zeit untergräbt das die Dichte, von der eine eigenständige Modewoche lebt, und beschleunigt einen Kreislauf, in dem weniger Schauen zu weniger Branchenbesuchenden führen, was wiederum die Relevanz der Woche insgesamt schwächt.

Wenig Hype trotz viel nackter Haut

Dennoch, auch wenn SS27 die Dichte jener Shows vermissen ließ, die Mailands Herrenmode einst prägten, zeichnete sich in den Kollektionen eine klare ästhetische Verschiebung ab – die Rückkehr des Körpers als zentraler Fokus.

Quer durch die Woche zeigte sich ein wachsendes Interesse der Designer:innen daran, die männliche Form nicht länger zu verbergen, sondern zu inszenieren. Nach Jahren, die von Oversized-Tailoring und entspannten Silhouetten geprägt waren, haben die Kreativdirektor:innen für SS27 ihre Bemühungen deutlich verstärkt, den männlichen Körper sichtbar zu machen.

Mikroshorts, körpernahe Strickwaren, transparente Stoffe und offen getragene Hemden tauchten wiederholt auf und unterstrichen den neuen Fokus auf Körperlichkeit. Entstanden ist jedoch keine einheitliche Silhouette, sondern ein Spektrum idealisierter Körperbilder.

(v.l.n.r.) Dolce & Gabbana, Paul Smith und Thom Browne SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Einige Kollektionen, etwa bei Dolce & Gabbana, akzentuierten bewusst muskulöse Physiken, während Prada eine deutlich schlankere, reduzierte Slim-Line-Silhouette entwickelte – eine Form, die der Herrenmode in den vergangenen Saisons weitgehend fehlte und in dieser Zuspitzung zuletzt in den frühen 2000er-Jahren sichtbar war.

Das Nebeneinander dieser Ideale spiegelt eine breitere kulturelle Verschiebung wider: Männlichkeit wird nicht länger durch ein einzelnes dominantes Ideal definiert, sondern durch konkurrierende, oft widersprüchliche Körperbilder. Diese Entwicklung erinnert an Muster, die die Damenmode seit Langem prägen. Die wachsende Erwartung, Körper zu kuratieren, zu optimieren und visuell lesbar zu machen, ist nun auch in der Herrenmode vollständig angekommen. Social Media hat diese Dynamik weiter verstärkt, mit einem permanenten Strom idealisierter männlicher Körperbilder, und der Laufsteg wird wieder zur Bühne, auf der genau diese Ideale verhandelt werden.

Prada SS27 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Das Ergebnis ist eine Herrenmode, die zunehmend nicht nur durch Kleidung definiert wird, sondern durch den Körper darunter sichtbar geworden, formbar und durch externe Bildwelten normiert wird. Doch so prägnant diese Verschiebung in den Kollektionen lesbar war, so wenig vermochte sie die strukturelle Frage zu überdecken, die SS27 von Anfang an begleitete: Hat die Herrenmode Mailand aufgegeben?

Noch lautet die Antwort nein. Aber die Anzeichen verdichten sich. Wenn relevante Gespräche außerhalb des Programms entstehen, wenn die Branche aufbricht, bevor die Woche zu Ende ist, und wenn wenige Häuser die Last der Relevanz nahezu im Alleingang tragen, dann hat eine Modewoche ihr Gravitationszentrum verloren, gleich wie viele Schauen offiziell auf dem Kalender stehen.

Mailand präsentiert die Herrenmode noch, doch prägen tut es sie immer seltener. Und solange das so bleibt, wird diese Frage nicht verstummen.

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