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Laufsteg-Analyse: Kommt die Feminisierung der Herrenmode?

Von Florence Julienne

11. Juli 2022

Mode |Meinung

Craig Green – Dries Van Noten ©imaxtree

Auf der Herrenmodewoche in Paris Juni 2022 gab es zahlreiche geschlechtsneutrale Kollektionen zu sehen. Für den Sommer 2023 bieten viele Modemarken Röcke, Kleider, Schmuck, Absätze, Pailletten für Männer an. Ist die Zeit endlich reif für dafür?

Kann man nach der Herrenmodewoche in Paris im Juni 2022 behaupten, dass „der Mann eine Frau wie jede andere“ ist? Die Frage stellt sich, weil Röcke, Kleider, Schuhe mit hohen Absätzen, Schmuck – kurzum die klassischen Attribute der Frau – gerade besonders häufig von den Modehäusern für Männer angeboten werden. Wenn es nur den Streetstyle der Pariser Fashion Week gäbe, um dies zu bezeugen, ließe sich diese Tatsache als ein gesellschaftliches Phänomen abhaken. Und wenn es nur auf den avantgardistischsten Laufstegen oder nur für einen Nischenmarkt gedacht wäre, ließe es sich noch verneinen. Aber das ist nicht der Fall – die Feminisierung der Herrenmode ist allgegenwärtig. Man muss sich nur die Silhouetten anschauen, die bei Louis Vuitton über den Laufsteg gingen, um zu verstehen, dass sich die Herrengarderobe aktuell radikal verändert.

Feminisierung der Herrengarderobe: die Anfänge eines neuen Rollenverständnisses?

Auf den Laufstegen machten auch andere Marken mit Vorschlägen auf sich aufmerksam, die den Trend ankündigten. So auch bei Dries Van Noten, der einen Trick anwendet: eine Hose mit Tennisstreifen wird zu einem hellrosa Rock mit hoher Taille und mit einem weißen Hemd und Krawatte kombiniert – ein wahrer Mix und Match der Genres. Das koreanische Label Songzio oder das spanische Label Oteyza lassen Rock und Shorts zu einer textilen Einheit verschmelzen.

Songzio - Oteyza

Das Interessanteste war aber zweifellos, was sich in den Salons und Showrooms während der Pariser Fashion Week Men's im Juni 2022 abspielte. Orte, die nicht wirklich für die Presse oder Influencer gedacht sind, sondern eher dazu dienen sollen, Modetrends und den Einkauf großer Kaufhäuser zusammenzubringen. David Tlale, ein südafrikanischer Designer, der auf der Tranoï Hommes ausstellte, schlägt das Tragen eines Kleides, das von der Djellaba (einem weiten Überwurf, der vor allem in Marokko getragen wird) inspiriert wurde, vor: „Männer in Kleidern sind für uns nichts Neues“, sagte er nach seiner Präsentation und verwies in der westlichen Kultur auf den Kilt.

David Tlale / Tranoï. Courtesy of Florence Julienne

Damenmode für Männer auch in den Showrooms für internationale Buyer

Die Djellaba ist auch ein Thema bei Carbone, einer argentinischen Marke, die im No Season Showroom präsentiert wird. Sie sieht in dem Look „ein bequemes Kleidungsstück für den Strand oder zu Hause”, ähnliche wie ein hochwertiger Pyjama. „Dies stellt kulturelle Annahmen in Frage und macht die Geschichte von Carbone als südamerikanische Marke komplizierter“, so das Label. Das Thema ist auch im Dover Street Market Showroom aktuell, der die Marke Airei begleitet. Sie fällt besonders durch die Wahl der Materialien auf, die von indischen Saris inspiriert wurde.

Foto: Carbone/ No Season.
Foto: Airei / Dover Street Market

Walter Van Beirendonck hat schon lange mit traditionellen Standards gebrochen. In seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2023 setzt er dies mit Schuhen mit Absätzen wie aus der Barockzeit, Schmuck und Farben wie Lila fort. Der Designer Gabriel Figueiredo geht für die Marke De Pino, die auf der Tranoi ausstellte, sogar so weit, dass er Hochzeitskleider für Männer anbietet, mit der Begründung, dass „man schließlich, bevor die Gesellschaft uns formt, sagen kann, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist.“ Ein neues Rollenverständnis ohne Gschlechtergrenzen? Nur das Gesetz des Marktes wird diese Frage beantworten.

Foto:Walter Van Beirendonck
De Pino
David Tlale. Courtesy of Florence Julienne

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fr veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ.

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