Fashion Week SS27: Ein kurzer Moment des Halts
Bei einigen Marken ist Ruhe eingekehrt. Neue Kreativdirektor:innen sind in ihren Häusern angekommen, und ihre Visionen werden klarer. Nach Saisons voller Debüts, Neustarts und zaghafter erster Entwürfe wirkten die Schauen für Frühjahr/Sommer 2027 von New York über London und Mailand bis Paris, als könne die Branche endlich wieder durchatmen. Gewissheit gibt es in der Mode nicht, Sicherheit schon gar nicht, doch in dieser Saison schien es für einen Moment, als hätte die Mode ihren Halt – und mit ihm eine neue Vision – gefunden.
Neu interpretiertes Erbe
Am deutlichsten zeigt sich der Wandel im Umgang mit dem Erbe der Häuser. Früher wollte man das Archiv entweder abreißen oder kopieren, jetzt gehen die Designer gelassener damit um und überarbeiten es gezielt. Beim französischen Luxushaus Dior nahm Kreativdirektor Jonathan Anderson den strengen Codes des Labels mit Rüschen, Plissé-Jacquards und weichen Silhouetten die Härte, während Sarah Burton, die ihre Handschrift zwei Jahrzehnte lang als Kreativdirektorin von Alexander McQueen geschärft hat, bei Givenchy auf Fransen und das Zusammenspiel von rigiden sowie fließenden Linien setzte.
Ein weiteres eindrückliches Beispiel lieferte das Florentiner Modelabel Gucci. Zwei Saisons lang tastete sich Kreativdirektor Demna Gvasalia an eine Marke heran, deren Codes bekanntermaßen dehnbar sind. In der dritten wirkte er, als habe er aufgehört, Gucci zu erforschen, und angefangen, seine Sprache zu nutzen.
Für SS27 brachte der Designer bürgerliche Eleganz und Provokation im Geist der Tom-Ford-Ära zusammen und stieß dabei auf seine bisher erfolgversprechendste Rezeptur für das Modehaus. Sein Vorgänger Alessandro Michele wiederum zeigte seine Kollektion für das Luxusmodehaus Valentino im Lesesaal einer Pariser Bibliothek und füllte ihn mit seinem unverkennbaren Maximalismus. So verschieden die Designer:innen und ihre Häuser auch sind, überall entstand der Eindruck von Menschen, die wissen, was sie sagen wollen.
Den stärksten Beweis dafür lieferte Celine, für viele die überzeugendste Show der Saison. Kreativdirektor Michael Rider zeigte sie in den Pariser Archives nationales unter einem Schilfdach.
Den Auftakt machte ein schlichtes schwarzes Kleid mit vernünftigen Absatzschuhen und lässig hängender Lacktasche, danach wurde es zunehmend lebendiger. In den Notizen zur Show war davon die Rede, die Dinge aufzulockern, und genau das gelang Rider, der seine Herren- und Damenkollektionen ohnehin als Teile eines einzigen Puzzles versteht. Ihre Stärke war die Balance, die schwer zu treffen und derzeit selten ist. Ähnlich wie Matthieu Blazy, Kreativdirektor beim Pariser Haus Chanel, schuf Rider eine Kollektion, die der künftigen Kundschaft Raum lässt, sie auf eigene Weise zu stylen. Sie lädt dazu ein, sich nicht nur eine Marke vorzustellen, sondern die Kleidungsstücke im eigenen Kleiderschrank.
Was Klarheit kostet
Natürlich entsteht all das nicht im luftleeren Raum, und Mode ist selten so unbeschwert wie ihre Fransen. Die Stimmung der Branche bestimmen weiterhin die Handelspolitik und eine zurückhaltende Kundschaft. Im jährlichen State-of-Fashion-Report der Unternehmensberatung McKinsey stehen Zölle ganz oben auf der Sorgenliste der Führungskräfte. Rund drei von vier erwarten, dass der Umgang mit Handelsfragen 2026 den Ausschlag gibt, und immer öfter nennen sie die Lage herausfordernd statt bloß unsicher. Der Bericht rechnet nur mit einem niedrigen einstelligen Wachstum, wobei preisbewusste Kund:innen das mittlere Preissegment stützen, und setzt für den Luxus auf eine Welle kreativer Neuanfänge.
Die Trendagentur Peclers Paris wiederum beschreibt die Saison in ihrem Trendbuch für Damenmode im Frühjahr/Sommer 2027 als freudvollen, befreienden Raum für Selbstausdruck in einer Welt, die von ökologischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten geprägt ist. So gesehen sind die Ausgelassenheit auf dem Laufsteg und die Sorgen vor dem Zelt zwei Hälften derselben Geschichte.
Damit ist Kreativdirektion ebenso ein Finanzinstrument wie eine künstlerische Aufgabe. Der Luxuskonzern Kering hat in diesem Jahr rund 31 Prozent an Börsenwert verloren. Geschäftsführer Luca de Meo steht entsprechend unter Druck. Die Kreativchefs von Gucci, Balenciaga und Bottega Veneta hat der Konzern bereits ausgetauscht. Klarheit auf dem Laufsteg bedeutet deshalb auch Klarheit für Aktionäre:innen, denn eine Kollektion, die sofort als die Marke erkennbar ist, verkauft sich. Das Wertvollste, was ein Haus heute bieten kann, ist womöglich eine Haltung, die erkennbar von einem Menschen stammt.
Wer seinen Halt gefunden hat, muss ihn nun behalten und aus einer starken ersten oder zweiten Saison eine Identität machen, die auch ein schwaches Quartal übersteht. Die Häuser, die noch suchen, stehen vor der umgekehrten Aufgabe: Sie brauchen jemanden, dessen Stimme markant genug ist, um das Risiko zu rechtfertigen. Und für alle gilt, dass ein wiedererkennbarer Look auch bei einer Kundschaft bestehen muss, die jeden Euro zweimal umdreht.
Was, wenn Handschrift nicht reicht?
Umso überraschender kam der Abschied bei Saint Laurent, trotz vorangegangener Gerüchte. Anthony Vaccarello beendete nach einem Jahrzehnt an der Spitze am 29. September seine Amtszeit mit goldenen Kleidern, goldenen Trenchcoats und goldenen Stilettos unter riesigen Kronleuchtern. Hausklassiker wie Safarijacken und Wickelröcke interpretierte er in Goldlamé und Blattgold-Latex neu. Es war das deutlichste Statement der Saison für eine eigene Handschrift, und doch reichte dies am Ende nicht aus, den Designer zu halten. Am 9. Oktober bestätigte Kering sein Ausscheiden.
Unter Vaccarello öffnete sich das Haus über die Mode hinaus, gründete 2023 eine eigene Filmproduktion und unterstützte den in Cannes ausgezeichneten Film „Emilia Pérez”. Doch der Umsatz sank 2024 und 2025, bevor er sich in diesem Jahr weitgehend stabilisierte, und in einem Konzern unter Wachstumsdruck reicht selbst ein Jahrzehnt kultureller Strahlkraft nicht aus, um zu bleiben. Über die Nachfolge wird bereits spekuliert, am häufigsten fällt der Name Chemena Kamali, Kreativdirektorin bei Chloé, die früher selbst bei Saint Laurent tätig war. Bestätigt ist bislang nichts, doch gerade weil Vaccarello mit einer so eigenständigen Stimme geht, bleibt vor allem der Zeitpunkt überraschend.
Saint Laurent war allerdings nur das erste Anzeichen dafür, dass sich die Stimmung dreht. Binnen einer Woche wurde bekannt, dass Kreativdirektor Seán McGirr das britische Haus McQueen nach drei Jahren verlässt, wenige Wochen, nachdem er es zurück in den Londoner Showkalender geholt hatte. Und die italienische Designerin Veronica Leoni scheidet bei Calvin Klein Collection aus, sobald ihr Vertrag endet, nach vier Kollektionen, mit denen sie die Luxuslinie der US-amerikanischen Marke nach sieben Jahren Pause zurück auf den Laufsteg gebracht hat.
Unterschiedliche Häuser, unterschiedlicher Druck, doch über allen dreien steht dieselbe Frage: Wie lange bekommt eine Vision Zeit, sich zu beweisen? Klarheit ist offenbar ebenso zerbrechlich, wie sie willkommen ist. Und wenn man der Gerüchteküche glauben darf, steht der Mode ein weiterer gewaltiger Umbruch bevor.
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