Die Top 7-Maestros der Farbe - von damals bis heute

New York - Die meisten Designer arbeiten mit Farbpaletten und viele Laufstege bilden ein breites Farbspektrum ab. Trendspotting-Websites analysieren die Catwalks der internationalen Modewochen, um eine Trend-Palette auszumachen, die zukünftige Einkaufsgewohnheiten der Konsumenten vorhersagt und erstellen darauf basierend endlose Trendreports. Schwarz und Weiß bleiben natürlich kommerzielle Dauerbrenner, aber bezüglich aller anderen Farben gibt es immer wieder Debatten, was nun welchen Hauttypen schmeichelt.

Darüber erhaben sind nur ein eine Handvoll Kreativer, die so virtuos mit Farbe umgehen, dass sie sich aus den Debatten raushalten und sich nicht mit solcherlei Banalitäten abgeben müssen. Instinkt statt Trendanalysen setzen hier den Kurs. Hier kommt der Countdown der Top-7-Maestros der Farbpaletten unter den Modedesignern:

7. Valentino

So wie ein bestimmter Blauton zum Synonym für den französischen Künstler Yves Klein wurde, wurde ein Rotton schnell zu einer der tragenden Säulen von Valentino Garavanis Arbeit. Die geschützte Formel für das bekannte Valentino-Rot besteht aus 100 Prozent Magenta, 100 Prozent Gelb und 10 Prozent Schwarz und ist von den Frauen inspiriert, die der Designer als Kind in der Oper sah. Die Farbe kommt seit 1959 in jeder Kollektion vor und wurde vom Jet Set und den Glamourati dieser Ära, wie Elizabeth Taylor oder Jackie Kennedy, getragen. Schließlich nahm sie auch bei seinem Rücktritt im Jahr 2008 eine zentrale Rolle ein, als eine Parade von "Val'sGals", wie seine Anhänger bekannt wurden, den Laufsteg mit Kleidern in Valentino-Rot flutete. Glücklicherweise ist die Farbpalette seines Nachfolgers am Pierpaolo Piccioli ebenso faszinierend und in seinen Kollektionen lebt das Vermächtnis des Gründers weiter, das Weiblichkeit, Romantik und Handwerkskunst zelebriert. Dies dürfte die wohl reibungsloseste Übergabe eines Labels in der Geschichte Mode gewesen sein.

Die Top 7-Maestros der Farbe - von damals bis heute

6. Paul Poiret

Paul Poirets Faszination für nah- und fernöstliche Kulturen und die Kostüme des Ballets Russes, inspirierten seinen einzigartigen Sinn für Farben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Während er in die Modegeschichte einging, weil er angeblich die Frauen von Korsetts und Petticoats befreite und ihnen Pantalons brachte - Revolutionen, die so bedeutsam genannt wurden wie die Kunst Picassos - dürften seine exotischen Farbpaletten ebenso eine Rolle bei seinem Erfolg gespielt haben. Als ein passionierter Liebhaber des Art Deco, wird ihm das Zitat "Bin ich dumm, wenn ich davon träume, Kunst in meine Kleider zu integrieren, ein Narr, wenn ich sage, Schneiderei ist eine Kunst?“ zugeschrieben. Nach einer neunzigjährigen Pause wurde das Haus Poiret in diesem Jahr mit Hilfe der Couturiere Yiqing Yin wiederbelebt, und wenn man die Sahara-farbenen Entwürfe ihrer Herbst/Winter 2018-Kollektion zur Grundlage nimmt, dann hat das Haus dadurch nicht an Farbe verloren.

Die Top 7-Maestros der Farbe - von damals bis heute

5. Schiaparelli

Nach ihrem Tod im Jahr 1973 betrauerte die New York Times den Tod der Designerin, "die Farbe in die Mode brachte", aber ebenso bemerkenswert ist vielleicht der Mangel an näherischem Können, den Elsa Schiaparelli mitbrachte. Stark beeinflusst vom Surrealismus, insbesondere von Salvador Dali und Jean Cocteau, und von Paul Poiret betreut, setzte sich Schiaparelli in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in ihrer Mode mit surrealistischen Einflüssen auseinander - von der Form ihrer Knöpfe bis zu ihren Trompe-l'oeil-Drucken. Diese einzigartige Liebe zur Kunst unterschied ihre Arbeit von der ihrer Erzrivalin Coco Chanel, die Schiaparelli „diese italienische Künstlerin, die Kleider macht“ nannte. Schiaparellis Schöpfungen sprachen jedoch Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo und Katharine Hepburn an. Das, was wir heute als 'Shocking Pink’ kennen, leitet sich von der Farbe ab, die bei der Verpackung ihres Parfüms mit dem Namen Shocking verwendet wurde, einer Zusammenarbeit zwischen der Designerin und dem surrealistischen Maler Leonor Fini. Schiaparellis eigener Einschätzung der Farbe als "hell, unmöglich, unverschämt, schmeichelnd, lebensspendend, wie all das Licht und die Vögel und die Fische in der Welt zusammen, eine Farbe von China und Peru, aber nicht des Westens - eine schockierende Farbe, rein und unverdünnt“ ist nichts hinzuzufügen.

4. Christian Lacroix

Er bevorzugte warme mediterrane Töne, gemischt mit den opulenten Schattierungen des Theaters, intensiv verziert und gemustert. Vielleicht war dies seinem Hintergrund im Kostümdesign geschuldet - und auch er hatte eine Vorliebe für Shocking Pink. Bekannt für seine Wiederentdeckung von Korsetts, Krinolinen und "le Pouf", dem herrlich polarisierenden Ballon-Puffrock der späten 80er Jahre, war der Farbsinn von Christian Lacroix nichts weniger als eine Oper für die Augen. Obwohl seine Firma angeblich während ihrer 30-jährigen Existenz nie Gewinn erwirtschaftete und 2009 Konkurs anmeldete, kehrte er mit seinen neueren Arbeiten zu seinen Wurzeln zurück und entwarf Kostüme für Theater, Ballett und Musikperformances. Dabei arbeitete er immer noch mit dem besten Tüll- und Spitzenhersteller der Mode zusammen, Hallette, und mit Swarovski für Kristalle. Auch auf Hoteleinrichtung wandte er seine Vision an. Kürzlich sagte Lacroix in einem Interview mit Vogue, dass "Mode ein Zufall war", aber für viele bleibt das poetische Schauspiel seiner Laufstege in ihrer Psyche eingebettet, wo auch seine Farbpalette bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Die Top 7-Maestros der Farbe - von damals bis heute

3. Giorgio Armani

Es ist verlockend, nur Designer aufzuzählen, deren Palette von der bunteren Seite des Farbspektrums herrührt, aber der italienische Designer, selbst stets in Navyblau gekleidet, hatte von Anfang an verstanden, dass man nicht schreien muss, um gehört zu werden, und verdiente sich so den Titel „King of Greige“ (ein Neologismus aus Beige und Grau). In den 80er Jahren zog eine Armee von Frauen in unauffälligen Farben in den Krieg gegen die gläsernen Decken des Patriarchats - in Schattierungen von Beige und Grau und all den grenzenlosen Variationen, die sie mit sich brachten: Taupe, Austerngrau, Sand, Malve, Schiefer, Beton. Akzentuiert mit einem Hauch von pudrigem Rosa oder einem Schuss Sonnenuntergangsorange, verhalfen sie Armani dazu, einer der erfolgreichsten Designer seiner Zeit zu werden. Kein Wunder, dass sein Einfluss derzeit über die internationalen Me-Too-inspirierten Laufstege dieser Welt weht. Seine Schattierungen werden nie ineinander verschwimmen, sondern bleiben stets streng und fein abgestimmt, selbst dann, wenn er für den Red-Carpet-Effekt Vollgas gibt. Egal ob er Michelle Pfeiffer oder Lady Gaga kleidet, seine beispiellose und einzigartige Farbpalette ist so einflussreich wie eh und je.

2. Yves Saint Laurent

Von den kühnen Farben der „Mondrian“-Kollektion aus dem Jahr 1965, bis hin zu seiner Matisse-inspirierten Abendgarderobe im Herbst 1980 oder in der strengen weißen Iteration des ikonischen Damenanzugs "Le Smoking" mit Bianca Jagger - Yves Saint Laurent wusste immer, wie er Farbe erstaunlich, verführerisch oder überwältigend einsetzen konnte. So ist es nur passend, dass die Models auf seiner letzten Catwalkshow ganz in Schwarz gekleidet waren, weil die Show diesmal eben nicht mehr weiterging. Sein geliebter Jardin Majorelle, der farbenfrohe Garten seines marokkanischen Feriendomizils war eine ständige Inspiration für Saint Laurent. Zeit seines Lebens sammelte er außerdem gemeinsam mit seinem Partner Pierre Bergé Kunst, bis seine Häuser mit Picassos, Brancusis, Cézannes und Andy Warhols überquollen und die Liebe zu Kunst und Einsatz von Farbe auch immer wieder auf seine Laufstege überschwappte.

Die Top 7-Maestros der Farbe - von damals bis heute

1. Dries Van Noten

Der Spitzenplatz wird dem Designer verliehen, dessen Statement für die Frühjahrsmodenschau 2018 nur die Farbe erwähnte. Das klang dann wie die Zutaten für ein üppiges Festmahl oder wie die Bestandteile eines Zaubertranks: "Fleisch, Pink, Kaffee, Senf, Puder, Himmelblau, Petrol, Zabaglione, Mokka, Mayonnaise, Schiefer, Maus, Pfirsich, Marineblau, Minze, Taubengrau, Spachtelkitt, Pflaume…“ Van Notens Damenmodekollektion ist eine von denen, auf die jede Saison hingefiebert wird. In dem Dokumentarfilm "Dries" aus dem Jahr 2017 sieht man den Designer mit seinem Airedale-Terrier in seinem prächtigen, 18 Hektar großen Anwesen beim Blumenpflücken in seinem weitläufigen Garten, oder in seinem Atelier in Antwerpen, wo er Textilien kombiniert. Prächtige Brokate, florale Muster, Paisleys, Streifen und Animalprints, die mit der gleichen Leichtigkeit zusammentreffen, wie er mit Mutter Natur in seinen Blumenbeeten zusammenarbeitet. Das, was in anderen Händen zu Chaos führen würde, wird in seinen Kreationen zu glorreicher Kohäsion. Kein Designer weiß heute den Konflikt zwischen Farbe und die Spannung zwischen Tönen so gut wie Van Noten auszuspielen. Er provoziert und wagt, zerschneidet das Regelbuch und bleibt dennoch im Bereich der durchdachten Tragbarkeit. Seine Farbpaletten bringen einen zum Seufzen; sie sind echte Zauberei, die einen Platz an den Wänden einer Galerie verdient.

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in NYC und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Laufstegfotos von CatwalkPictures.com; Fashion Designs by Paul Poiret, 1908. illustriert von Paul Iribe. Les Robes de Paul Poiret, p.17 Wikimedia Commons Public Domain; Shocking Pink Schiaparelli tag inside lingerie case from Is.Joules Wikimedia Commons