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Die Angewandte in Wien: Mode studieren auf den Spuren von Karl Lagerfeld und Jil Sander

Von Lara Grobosch

11. Nov. 2021

Mode |INTERVIEW

Universität für angewandte Kunst Wien, oder kurz 'Die Angewandte', Foto: Birgit und Peter Kainz

Wer zu den glücklichen 10 Prozent gehört, die in die Modeklasse der Universität für angewandte Kunst Wien aufgenommen werden, lernt von den Besten und hat gute Karrierechancen. Was Studierende außer Modezeichnen und Nähtechnik noch lernen müssen, um in der heutigen Modebranche zu bestehen, erzählt Monica Titton, Senior Scientist am Modeinstitut der Angewandten, im Interview.

Neben einem starken künstlerischen Fokus zeichnet sich die Modeabteilung der Wiener Universität vor allem durch die wechselnde Professur international renommierter Modedesigner aus. Karl Lagerfeld, Helmut Lang, Jil Sander, Raf Simons, Vivienne Westwood, Viktor & Rolf und viele weitere bekannte Persönlichkeiten haben bereits an der 1867 gegründeten Hochschule gelehrt. Seit 2020 hat die britische Modedesignerin Grace Wales Bonner die Professur des Diplomstudiums inne. Sie zählt zu den Shootingstars der Modebranche und wurde mit ihrem Label Wales Bonner bereits mehrfach ausgezeichnet.

Alessandro Santi, Diplom-Kollektion, 2021. Foto: Alessandro Santi

Für die Studierenden scheint der enge Kontakt zu Koryphäen der Branche und die praxisnahe Lehre fast wie ein Garant für eine erfolgreiche Karriere zu sein. Absolvent:innen gründen ihre eigenen Labels oder haben Arbeit bei bedeutenden Modehäusern wie Balenciaga oder Prada gefunden.

Die Modeklasse der Angewandten:

  • Adresse: Oskar-Kokoschka-Platz 2, A-1010 Wien
  • Website: www.dieangewandte.at / https://www.modeklasse.net/
  • Studiengang: Diplomstudium Modedesign (Magister)
  • Studiengebühren: ca. 384 Euro/Semester
  • Anzahl der Studierenden: 40 in vier Jahrgängen
  • Aufnahmequote: 10 Prozent
  • Betreuungsverhältnis: ein Dozent je Fach bei 10 Studierenden

Die Abteilung Mode ist Teil des übergeordneten Instituts für Design, das auch die Studienzweige Angewandte Fotografie und zeitbasierte Medien, Grafikdesign sowie Grafik und Werbung umfasst. Die Modeabteilung setzt besonders auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Modeindustrie, um die Studierenden auf eine sich verändernde Fashionwelt vorzubereiten.

„Für eine zeitgenössische Modeproduktion ist es extrem wichtig, dass die Studierenden in der Lage sind, ihre Arbeit kritisch zu reflektieren und in einen gesellschaftlichen Kontext zu setzen“, sagt Monica Titton. Die Modetheoretikerin und Soziologin unterrichtet die Studierenden in Modegeschichte und kreativem Modeschreiben. Im Gespräch erzählt sie über die Hochschule, die Kurse und darüber, wie sich die Modeklasse von den Mode-Studiengängen anderer Hochschulen abhebt.

Was macht das Modestudium an der Angewandten einzigartig?

Wir sind kein Massenstudium. Wir versuchen mit den sich verändernden Bedingungen Schritt zu halten und bieten den Studierenden Kontakt mit Personen an, die in der Modeindustrie arbeiten. Dadurch haben wir sehr gute Netzwerke. Wir haben einen guten Ruf in der Modebranche und die Leute wissen, dass diejenigen, die bei uns studiert haben, gut ausgebildet werden.

Die Modeklasse ist dafür bekannt, dass sie seit den 1980er Jahren von wechselnden international renommierten Modedesignern geleitet wird. Was können die Studierenden von ihnen lernen?

Die Idee hinter dieser wechselnden Besetzung kommt aus dem System der Kunsthochschulen. Man studiert in einer Meisterklasse und durch den Kontakt mit einer Person, die eine erfolgreiche Position in der Praxis etabliert hat, ist man immer am Puls der Zeit des jeweiligen kreativen Bereichs. Es geht um die Vermittlung von praktischem Wissen und die Zurverfügungstellung von Netzwerken.

Anastasya Shpagina, drawing, Diploma Collection, 2021. Foto: Anastasya Shpagina

Um an der Universität für angewandte Kunst zu studieren, müssen Interessierte ein Portfolio einreichen und eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Worauf achten Sie besonders bei der Auswahl Ihrer Studierenden?

Eine hohe künstlerische und kreative Kompetenz ist entscheidend für die Aufnahme in die Modeklasse. Wir achten sehr stark darauf, dass die Personen in der Lage sind, eine eigene künstlerische Vision zu entwickeln und eine sehr eigenständige visuelle Sprache und künstlerische Position in Bezug auf Mode haben. Es ist uns sehr wichtig zu gucken, wo sich die Bewerber und Bewerberinnen positionieren und was sie in der Mode bewirken wollen – das ermitteln wir im Anschreiben und in den Gesprächen.

Pro Jahrgang werden nur maximal zehn Studierende aufgenommen. Warum hat sich die Universität für diese geringe Studentenzahl entschieden?

Wir legen großen Wert darauf, dass jede und jeder Studierende bei uns im Studio einen eigenen Arbeitsplatz hat. Weil wir nur diese geringe Anzahl aufnehmen, können wir uns wirklich auf die Förderung der Talente konzentrieren.

Möchten Sie ein genaueren Einblick in die Modeabteilung der Angewandten und ihre Räumlichkeiten bekommen? Erkunden Sie hier die Universität mit Hilfe Ihrer Maus.

Die Arbeitsräume der Modestudierenden an der Angewandten. Fotos: Matthias Aschauer

Der Modedesign-Studiengang umfasst Kurse in Modezeichnen, Modekommunikation, Mode-Business, Modegeschichte und Modetheorie. Was sind in Ihren Augen die Grundpfeiler des Modedesign-Studiums?

Eine fundierte technische Ausbildung und die Herausbildung einer eigenen künstlerischen und kreativen Handschrift halten sich die Balance. Deshalb gibt es Kurse in Schnittzeichnen, Nähtechnik und Stricktechnik, aber auch in Modezeichnen und kreativer Modekommunikation. Ein wichtiger Aspekt ist vor allem der künstlerische Einzelunterricht und das zentrale künstlerische Fach, in denen eine kreative, künstlerische Identität herausgebildet wird. Ergänzend gibt es Kurse in Theorie und in Geschichte, damit die Studierenden auch reflexiv mit dem Gegenstand Mode umgehen können.

Wir teilen uns an der Angewandten ein Curriculum mit anderen Studiengängen der Fakultät für Design. Viele Vorlesungen des Institutes sind deshalb interdisziplinär verortet. Einen gewissen Teil absolvieren die Studierenden bei uns, aber sie besuchen auch Lehrveranstaltungen in anderen Abteilungen, zum Beispiel in der Abteilung für Designtheorie.

Wie kann man sich den künstlerischen Einzelunterricht vorstellen?

Das sind sogenannte Korrekturen, in denen der oder die Studierende den Fortschritt seiner Arbeit und Kollektionsentwicklung erklärt. Gemeinsam mit dem Dozenten oder der Dozentin, die für den künstlerischen Einzelunterricht zuständig ist, wird in einem Dialog erarbeitet, was es zu bedenken gilt und wie sich diese Arbeit weiterentwickeln kann. Es geht um eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Arbeit der Studierenden und auch um Entscheidungshilfe. In dieser Auseinandersetzung entsteht das Gespür für eine künstlerische Sprache in der Mode.

Nikola Marković, Research Map, Diplom-Kollektion, 2021. Foto: Nikola Marković

Das Modedesign-Studium ist eigentlich sehr praxisnah. Doch aufgrund der Corona-Pandemie musste die Präsenzlehre lange Zeit ausgesetzt werden. Wie lief die Umstellung auf Online-Unterricht während der Pandemie?

Wir haben versucht, mit den Möglichkeiten, die die Studierenden zuhause haben, Lösungen zu finden. Die Kolleginnen, die Näh- und Stricktechnik unterrichten, waren da unglaublich kreativ. Im Nähtechnik-Kurs haben die Studierenden beispielsweise einfach Essstäbchen aus Holz für die Konstruktion eines Korsetts verwendet. Der künstlerische Einzelunterricht hat vielfach über Zoom stattgefunden. Die visuelle Kommunikation ist viel wichtiger geworden. Die Studierenden haben innerhalb kürzester Zeit lernen müssen, wie man seine eigene Arbeit gut dokumentiert und präsentiert – auf einmal waren die Photoshop-Kurse sehr gefragt. Es war ein Learning by Doing, aber es hat gut funktioniert.

Ab dem zweiten Lockdown war es aufgrund einer Regelung mit dem Bildungsministerium möglich, dass die Studierenden in einer beschränkten Anzahl an die Universität kommen und dort auch mit den Geräten und den Maschinen arbeiten konnten.

Sie selbst forschen unter anderem zu postkolonialer Modekritik, dem Einfluss digitaler Medien und der Verbindung von Mode und Feminismus. Wo sehen Sie im Bereich der Forschung interessante Themen, mit denen sich der Mode-Nachwuchs beschäftigen sollte?

Wenn ich meine Forschungsinteressen formuliere, denke ich auch immer als erstes daran, was jetzt gerade für die Studierenden wichtig ist. Ich versuche sie auf eine sich immer mehr verändernde und öffnende Modeindustrie vorzubereiten, in der auch zum ersten Mal Dinge kritisch diskutiert werden. Sie müssen geläufig sein in zeitgenössischen, politischen Diskursen über Identität, Feminismus, Diversity und Nachhaltigkeit und sie müssen auch wissen, dass Sustainability sich nicht nur auf Materialien und Produktion bezieht, sondern dass es da um eine umfassendere Vision eines alternativen Modesystems geht. Mir ist es ganz wichtig, dass die Studierenden verstehen, dass sich dieses System nur ändert, wenn sie auch einen Beitrag dazu leisten. Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass Solidarität untereinander und Collective Action extrem wichtig sind, um Missstände aufzuzeigen und gemeinsam die Modeindustrie zur Verantwortung zu ziehen.

Larissa Falk, Lookbook, Diplom-Kollektion, 2021. Foto: Lea Sophia Mair & Anna Skuratovski

In der Modeindustrie herrscht eine Umbruchsstimmung. Modehäuser wie Gucci haben sich von klassischen Saisons distanziert. Für welche Art von Modewelt wollen Sie Ihre Studierenden ausbilden?

Mit dieser Frage setzen wir uns sehr stark auseinander. Wir haben auch schon darüber diskutiert, ob wir zum Beispiel den Begriff der Kollektion überhaupt noch beibehalten wollen. Viele Labels haben angefangen, diese Begriffe nicht mehr zu verwenden, und alles entwickelt sich eher zu einer Herausarbeitung eines Codes hin, der dann zwar aktualisiert wird, sich aber nicht wie noch in den 90er Jahren von Saison zu Saison radikal verändert. Wir bilden unsere Studierenden für eine Modewelt aus, in der dieser extreme Hyperkonsum, der von der Fast-Fashion-Industrie mitproduziert wurde, nicht mehr so dominant ist. Wir vermitteln ihnen ein Bewusstsein für Qualität und für eine nachhaltige Produktion. Die Art und Weise, wie sie hier lernen Kleidung zu fertigen, ist auf einen langlebigen Besitz ausgerichtet.

Halten Sie das aktuelle Modesystem noch für zeitgemäß?

Ich bin eine starke und artikulierte Kritikerin des aktuellen Modesystems, gleichzeitig aber glaube ich auch an das enorme emanzipative und kreative Potential von Mode. Die Konsumgewohnheiten und Produktionsbedingungen sind in der global agierenden Modeindustrie größtenteils nicht nachhaltig und daher auch nicht mehr zeitgemäß. Durch diesen plötzlichen Halt, der durch die Pandemie ausgelöst wurde, hat sich für die Modeindustrie kurz ein Moment zum Nachdenken eingeschlichen. Wollen wir so weiter machen oder wollen wir das nicht? Und dann war aber auch die Modeindustrie eine der ersten Zweige, die wieder weitergemacht hat und Business as usual fortgeführt hat. Ich finde, es haben sich kosmetische Veränderungen eingeschlichen. Mittlerweile hat jedes Label ein Sustainability-Statement auf der Website oder kommt gar nicht mehr drum herum, eine Äußerung zu veröffentlichen, aber einen tatsächlichen Wandel habe ich jetzt noch nicht feststellen können.

Jennifer Milleder, Diplom-Kollektion, 2021. Foto: Irmfried Photographers

Was müsste passieren, um Änderungen im Modesystem herbeizuführen?

Ich finde es ganz wichtig, dass man sich abschaut, wie Protestbewegungen funktionieren und wie diese versuchen, sozialen Wandel herbeizuführen. Das ist zum einen die Stärkung von Solidarität. Da finde ich es ganz wichtig, dass man das auch an den Universitäten schon ganz klar anspricht und versucht, Solidarität unter den Studierenden zu fördern, dass sie nicht nur im Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, sondern auch gemeinsam als Gruppe agieren können und sich gegenseitig unterstützen. Es geht aber auch darum, Solidarität zu zeigen mit den Personen, die in diesem System benachteiligt sind und von dem System ausgeschlossen sind.

Wie können junge Modeschaffende in der heutigen Modewelt bestehen?

Um sich in der sich verändernden Modewelt behaupten zu können und im besten Fall, vielleicht sogar dieses System zu erneuern, sind kritisch-reflexive Kompetenzen extrem wichtig. Deswegen legt Grace Wales Bonner sehr viel Wert auf Research und hat mit dem Antritt ihrer Professur auch zum ersten Mal das Verfassen einer schriftlichen Diplomarbeit eingeführt. Zum Abschluss des Studiums setzen sich die Studierenden noch einmal vertiefend mit einem selbst ausgewählten Thema auseinander, das im Zusammenhang mit ihrer Diplomkollektion stehen kann. Viele Studierenden haben die theoretische Auseinandersetzung in ein schönes, kreatives Konzept umgesetzt, das die Grundlage für die Kollektionsentwicklung gebildet hat.

Welche Einstiegschancen haben die Nachwuchsdesigner:innen nach dem Studium?

In Österreich gibt es eine sehr gute Nachwuchsförderung und viele nehmen sich nach dem Diplom Zeit, ihre Arbeit weiterzuentwickeln und erste Schritte als eigenes Label zu fassen. Eigene Labels unserer Absolventen und Absolventinnen sind unter anderem Petar Petrov, Femme Maison, Sagan Vienna und Kenneth Ize.

Es gibt aber auch viele, die in Junior-Design-Positionen in großen Modehäusern der europäischen Modeindustrie einsteigen. Das sind meistens Prêt-à-porter Labels in Paris, London und Antwerpen. Ehemalige Studierende arbeiten für Marken wie Balenciaga, Andreas Kronthaler für Vivienne Westwood, Alexander McQueen, Lanvin, Raf Simons, OAMC, Prada, Comme des Garçons oder Maison Margiela.