Zwischen Binnenmarkt und Weltbühne: Die CHIC Shanghai im Herbst 2026

Sinkende Exporte, steigende Zölle: Auf der Herbstausgabe der CHIC Shanghai setzten die Aussteller:innen auf den Binnenmarkt und eine Rückbesinnung auf chinesischen Stil.
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Nomen est omen: Elegante Mode im chinesischen Stil am Stand von Saint Joy auf der CHIC Shanghai. Credits: Simone Preuss for FashionUnited
Von Simone Preuss

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Trotz aller Internationalisierungsbemühungen war Chinesisch die vorherrschende Sprache auf der Herbstausgabe der China International Fashion Fair (CHIC), die vom 25. bis 27. August in Shanghai stattfand. Nicht chinesische Besucher:innen sind auf dieser kompakteren, auf den Binnenmarkt ausgerichteten Ausgabe der Messe eher selten. Für das Business-Programm gab es daher weder Übersetzungsgeräte noch Dolmetscher:innen.

Während die Exporte sinken und Zölle sowie Kosten steigen, versuchen chinesische Marken und Hersteller:innen, sich mit innovativen Produkten, Produktionsverlagerungen und einer Rückbesinnung auf den chinesischen Stil zu behaupten. FashionUnited sprach mit Aussteller:innen über ihre Strategien und Aussichten.

Offiziellen Angaben zufolge zog die Messe mehr als 61.800 Fachbesucher:innen und knapp 740 inländische Aussteller:innen an, dazu einige internationale aus Ländern wie Italien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Korea, Japan und Indien. Die Ausstellungsfläche umfasste 53.000 Quadratmeter in drei Hallen. Bei Networking-Veranstaltungen unter dem Namen „CHIC Matching“ kamen Marken und Hersteller:innen zusammen. Der chinesische Markt ist mit seiner schieren Größe, seiner Produkt- und Fertigungsqualität, innovativen Materialien und effizienter Beschaffung zweifellos attraktiv, bleibt aber anspruchsvoll. Die größten Hürden sind Sprache und fehlende Kontakte – auch für Marken, die in den europäischen Markt eintreten wollen.

Ein tanzender Roboter unterhielt die Besucher:innen an allen drei Tagen. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Der Online-Modehändler About You war mit einem eigenen Stand vor Ort, um genau das zu ändern. Das Hamburger Unternehmen gehört inzwischen zu Zalando. In einer eigenen Session sprach Jeff Wang von About You über die Vorteile der Plattform auf dem europäischen Markt. Er räumte ein, dass About You in Europa zwar bekannt sei, vor allem bei der Generation Z, in China aber nicht. Noch nicht, so das Unternehmen, das seinen Kundenstamm in China ausbauen will und aktiv nach chinesischen Marken sucht, um sie in Europa einzuführen. Neben dem Zugang zu 26 Märkten lockt About You mit rechtlicher Unterstützung und ohne Einstiegskosten für den Plattformbeitritt. Zudem sollen Sprache, Zahlungsoptionen und Kundenservice mithilfe der eigenen Technologie lokalisiert werden.

Binnenmarktfokus, internationale Ambitionen

Die Casualwear-Marke Samceten erzielte in ihrer Blütezeit 2008 und 2009 noch 40 bis 50 Prozent ihres Umsatzes im Ausland, heute sind es nur noch zehn Prozent. Gan Dan Qing, die das 38 Jahre alte Familienunternehmen in zweiter Generation führt, möchte diesen Anteil wieder steigern. Einem Plattformmodell wie dem von About You stand sie im Gespräch mit FashionUnited jedoch skeptisch gegenüber. Die Plattform werbe zwar aktiv um chinesische Marken, ihrem Unternehmen fehle es aber an Personal, Zeit und Kapazitäten, um sich näher damit zu befassen.

Gan Dan Qing von der minimalistischen Marke Samceten. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Die Marke setzt deshalb weiterhin auf Messen wie die CHIC. Ihre minimalistischen Styles und Quiet-Luxury-Teile sind derzeit bei Kund:innen in Singapur, Kasachstan, Japan und Südkorea gefragt. Auf der Frühjahrsausgabe der Messe kamen neue Kund:innen aus Australien und Polen hinzu. Im Inland arbeitet das Unternehmen mit einem Netz von rund 1.000 Großhandelskund:innen und produziert eine Million Teile pro Jahr. Ein T-Shirt kostet im Großhandel zwischen 50 und 180 Yuan, also etwa 7,50 bis 27 US-Dollar.

Samceten war auf den vergangenen sechs bis sieben Ausgaben der CHIC vertreten. Das Unternehmen hat Tochtergesellschaften in drei Regionen, die sich auf unterschiedliche Produktkategorien konzentrieren, insbesondere Hemden, Pullover und Lederjacken. In Kooperation mit anderen Unternehmen entwickelt es zudem Materialien, vor allem aus Naturfasern wie Wolle, Kaschmir, Seide und Baumwolle.

Jiao Pei, Vizepräsident des chinesischen Bekleidungsverbands China National Garment Association. Credits: Simone Preuss

Auf die Frage nach der Entwicklung der CHIC verwies Jiao Pei, Vizepräsident des chinesischen Bekleidungsverbands China National Garment Association, auf den Umzug der Messe von Peking nach Shanghai im Jahr 2015. Die halbjährlich stattfindende Messe sei laut Jiao wichtig für die kulturelle Identität des Landes.

Mit Blick auf die Exportaussichten sagte Jiao, Zölle und Steuern könnten die Preise der Produkte erhöhen und damit die Nachfrage nach chinesischer Ware dämpfen. „Auf die CHIC wird das aber keine Auswirkungen haben, weil die Messe stark auf den Binnenmarkt ausgerichtet und dort fest verankert ist.“

Chinesischer Stil mit globalen Ambitionen

Kleidungsstücke im chinesischen Stil von Fan Hua. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Erstmals gab es einen eigenen Bereich für Mode im chinesischen Stil. Dort waren rund 20 Marken vertreten – Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins einer chinesischen Modebranche, die sich zunehmend durch eigenständiges Design, Markenaufbau und globale Ambitionen auszeichnet.

Wang Chun, General Manager der Marke Fan Hua, begrüßte im Gespräch mit FashionUnited diese Initiative und die Nähe zu gleichgesinnten Marken. Fan Hua wurde vor vier Jahren gegründet und trifft mit zeitgenössischer Kleidung mit traditionellem Touch einen Nerv. Die Elemente sind traditionellen chinesischen Kleidungsstücken entlehnt und neu interpretiert. Bevorzugtes Material ist Brokat, Zielgruppe sind Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. Seit Mai gibt es mit Sun Yun Shan eine zweite Marke, die noch zeitgemäßer auftritt, eine jüngere Zielgruppe ansprechen soll und mehr Unisex-Teile bietet. Das Konzept scheint aufzugehen, der Stand war gut besucht.

Designer Ling Hu (links) und Designerin Zhao Xin (Mitte) mit General Manager Wang Chun. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

„Mit Ling Hu haben wir einen bekannten Designer engagiert, der in Großbritannien studiert hat“, sagt Wang, deren Mutter Zhao Xin ebenfalls Designerin ist. Wang begeistert sich für Geschichte, die Kollektionen sind von der chinesischen Geschichte inspiriert. „Das wird zu einer Frage des Nationalstolzes“, sagt sie.

Das Unternehmen hat eine kleine eigene Fabrik, lässt aber auch extern fertigen. Den Löwenanteil des Umsatzes erzielt es im Inland, Kund:innen gibt es aber auch in London und Thailand, überwiegend im Ausland lebende Chines:innen. Zudem betreibt Fan Hua acht Geschäfte, alle in Shenzhen. Der Jahresumsatz liegt bei zehn Millionen Yuan, etwa 1,5 Millionen US-Dollar, und wächst schnell. Beide Marken sind im Luxussegment positioniert, eine Jacke kostet im Großhandel 1.500 Yuan, etwa 224 US-Dollar.

Italienischer Pavillon zielt auf den chinesischen Markt

Eine Seite des italienischen Pavillons. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Auf der Messe waren 14 italienische Marken vertreten, neun davon zum wiederholten Mal, fünf zum ersten Mal. Bei der Frühjahrsausgabe waren es noch zwölf, im August 2025 sechs. Für das Frühjahr 2027 sind 20 Marken geplant. Vertreten sind vor allem Damenmodemarken, dazu zwei Herrenmodelabels und Accessoire-Marken.

Die Italian Fashion Agency, die auch eine Gruppe italienischer Modeunternehmen zur Ordermesse Supreme Women&Men bringt, nahm zum dritten Mal seit der Coronapandemie an der CHIC teil. Raffaele Vedani kennt die Messe schon länger. Er erinnert sich an seine erste Teilnahme, als sie noch in Peking stattfand.

„‚Made in Italy‘ ist begehrt“, sagt er im Gespräch mit FashionUnited und verweist auf die hohe Qualität, natürliche Materialien wie Seide und Kaschmir und die Produktion in Italien. „Die Marken, die hier [im Pavillon] teilnehmen, wollen in den chinesischen Markt eintreten.“ China sei allerdings ein schwieriger Markt, nicht nur wegen der Sprache, sondern auch, weil man es mit sehr unterschiedlichen Geschäftspartnern zu tun habe. „Es geht darum, echte Kooperationen zu finden statt Partner, die nur Styles kopieren wollen“, so Vedani.

Mit dem Zulauf auf der aktuellen Ausgabe zeigte er sich recht zufrieden, es kamen sogar neue Kund:innen hinzu, vor allem aus Katar, Kanada und Panama.

Denim World @CHIC

In einem eigenen Bereich präsentierten sich rund 30 Denim-Hersteller:innen und -Marken. XZY Denim ist auf Damenmode spezialisiert, die etwa 70 Prozent des Geschäfts ausmacht, die übrigen 30 Prozent entfallen auf Herrenmode. Das 2018 gegründete Unternehmen erzielt rund 90 Prozent seines Umsatzes im Inland und zehn Prozent im Ausland. Besonders stark sind Großbritannien, Russland und die USA. Kund:innen aus diesen Märkten gewann das Unternehmen auf der sehr erfolgreichen CHIC-Ausgabe im März 2026.

Die Geschäftsführerin von XZY Denim zeigt die neuesten Damenmode-Styles der Marke. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Alleinstellungsmerkmal der Marke ist ihre hohe Qualität, die bei den Messebesucher:innen Eindruck hinterließ. So seien die Steppnähte der Jeans von Hand genäht, erklärt Geschäftsführerin Vickie, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann leitet. Dadurch entfielen die Punkte, die sonst zwischen den Stichen sichtbar seien.

Gerade für kleine und mittelgroße Marken und Einzelhändler:innen sind zudem die vergleichsweise niedrige Mindestbestellmenge von 200 Stück und die moderaten Preise interessant. Eine Jeans kostet 200 Yuan, rund 30 US-Dollar, die Lieferzeit beträgt 45 Tage.

Das Unternehmen hat eine eigene Fabrik mit etwa 80 bis 90 hoch qualifizierten Arbeitskräften, da bestimmte Arbeitsschritte von Hand erfolgen. Der Denim stammt aus China und aus dem Ausland, vor allem aus traditionellen Denim-Ländern wie Japan, Italien und der Türkei. Pro Jahr fertigt die Fabrik rund 200.000 Teile.

Mit der aktuellen CHIC zeigte sich die Geschäftsführerin zufrieden. Sie habe viele neue Kund:innen aus dem In- und Ausland gewonnen, etwa aus Japan, Südkorea, Singapur und Indien.

Als Herausforderung nennt Vickie die Produktionszeiten, die kürzer werden müssten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dafür brauche es mehr Fachkräfte, die schwer zu finden seien. Im Auslandsgeschäft bleibe zudem die Sprache eine Hürde. Vorerst werde der Großteil des Umsatzes aus dem Inland kommen, wo Vickie in den nächsten Jahren mit einem Plus von rund 15 Prozent rechnet. Ziel sei es, sich im Inland stärker im Luxussegment zu positionieren.

Der Outdoor-Sektor verzeichnet steigende Umsätze. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Outdoor-Segment legt zu

Auch Outdoor und Sport hatten auf der CHIC eine eigene Fläche mit rund 25 Ständen. Yalida ist Outdoor-Marke und Hersteller von Herren- und Damenmode zugleich. Das 1995 gegründete Familienunternehmen vertreibt die eigene Outdoor-Marke Ironcross sowie Arbeitskleidung und Uniformen unter der Marke YLD Workwear. Beide Segmente tragen etwa zur Hälfte zum Geschäft bei, auch die Produktion verteilt sich etwa hälftig auf den In- und den Auslandsmarkt. Exportiert wird unter anderem nach Südkorea, Japan, in die Schweiz, in den Nahen Osten, nach Singapur und nach Deutschland.

Andrew Lin und Grace Yang von Yalida. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Im Auslandsgeschäft seien die Verkäufe wegen der aktuellen Zollsituation um etwa 20 Prozent zurückgegangen, im Inland verzeichne das Unternehmen dagegen ein Plus, berichtet Produktionsleiter Andrew Lin. Seine Frau Grace Yang ist General Manager und damit die Nummer zwei hinter ihrer Mutter, die das Unternehmen gegründet hat und als Chief Executive Officer (CEO) leitet.

Yalida besitzt drei Fabriken, eine davon in Dhaka in Bangladesch, und erwägt, die Produktion auf weitere Länder wie Ägypten und später womöglich Ghana auszuweiten. Geplant sind zudem ein Marketing- und Vertriebsbüro sowie ein Showroom in Europa, möglicherweise in München, um näher an wichtigen Kunden wie den Arbeitskleidungsspezialisten Engelbert Strauss und Kübler zu sein. Derzeit produziert Yalida jährlich rund zehn Millionen Teile, davon sechs Millionen wattierte Jacken und Daunenjacken. Wichtige Messen sind neben der CHIC die Sportartikelmesse ISPO, die Düsseldorfer Fachmesse für Arbeitsschutz A+A und die Sicherheitsmesse Milipol in Paris.

Jacken der Daunenmodemarke Goldson. Credits: Simone Preuss for FashionUnited
Besucher:innen vor dem Einlass zur CHIC. Credits: Simone Preuss for FashionUnited

Die Frühjahrsausgabe der CHIC findet vom 10. bis 12. März 2027 statt.

FashionUnited wurde zur Messe eingeladen.

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