Performance Days München: Weiterhin ein Muss für Funktionstextilien
Performance Days in München haben einmal mehr gezeigt, warum sie zu den wichtigsten Treffpunkten der internationalen Funktionstextilbranche zählen. Auch der Streik im öffentlichen Nahverkehr in der bayrischen Landeshauptstadt konnte daran nichts ändern.
„Die Messe sei gut besucht“, sagte Eva Doll, Brand Strategy Manager für Europa, den Nahen Osten und Afriak (EMEA) beim schwedischen Textilausrüster Polygiene, bereits am ersten Messetag. Dieser Eindruck wurde von zahlreichen weiteren Ausstellenden geteilt und bestätigte sich auch beim Blick durch die zwei Messehallen, die an beiden Veranstaltungstagen durchgehend belebt waren.
Auch die Qualität der Besucher:innen wurde branchenübergreifend hervorgehoben. So trafen zahlreiche relevante Entscheider:innen aus der Industrie aufeinander, um sich über neue Materialien und Entwicklungen für die Saison Frühjahr/Sommer 2028 zu informieren. Zu den genannten Marken zählten unter anderem Adidas, Bogner, Peak Performance und Black Yak.
Recycling: Der Prozess muss gemanagt werden
Im Fokus der Branche und der Messe stand nach wie vor das Thema Nachhaltigkeit, auch weil in den kommenden Monaten neue gesetzliche Regelungen in Kraft treten werden, auf die die Branche reagieren muss. Während die letzte Veranstaltung im Herbst 2025 noch den Fokus auf Textile-to-Textile-Recycling legte, widmete sie sich diesmal dem Schwerpunktthema „Textile to Textile – Die Rolle von Sammlern und Sortierern“.
Ausstellende wie Turns präsentierten Kreislauflösungen, wie das Geschirrtuch für den Drogeriemarkt DM aus Post-Consumer-Textilien oder die neue Textilkollektion mit Höffe Textil aus Berlin, die aus Recyclingfasern besteht. Das Textilunternehmen Kipas aus der Türkei hat mit dem Ableger fibR-e die nach eigenen Angaben weltgrößte Anlage für chemisches Recycling von Mono-Polyester und Mischgeweben mit mindestens 70 Prozent Polyester-Anteil in diesem Jahr in Betrieb genommen. „Wir können pro Tag 200 Tonnen Garn produzieren“, erklärt Halit Gümüşer, Managing Director der Kipas Holding.
Den Eco-Award der Messe hat somit auch ein Stoff von BioCulus und Reo-Eco gewonnen, der aus Post-Consumer-Polyester unter Verwendung einer enzymatischen Recyclingtechnologie hergestellt wurde. Anders als bisher arbeitet das Unternehmen mit einer milden Variante der enzymatischen Depolymerisation, wo keine aggressiven Chemikalien nötig sind und dennoch hochreine Polyester-Bausteine gewonnen werden können.
Doch es ging nicht nur um die technische Infrastruktur, die aufgebaut werden muss und um recyclingfähige Komponenten. „Es müssen auch Prozesse entwickelt werden und dazu passend die Bekleidung, die morgen recycelt werden kann“, sagt Matthew Betcher, Creative & Marketing Director beim US-amerikanischen Daunen-Lieferanten Allied Feather + Down. Das Unternehmen hat gemeinsam mit der Activewear Brand Peak Performance und weiteren Partner:innen an der Materialtrennung von Daunenjacken gearbeitet. Bislang ist es enorm arbeitsintensiv, die Daunen aus Daunenjacken wiederzugewinnen. Zudem erfolgt der Trennungsprozess vor allem durch Schreddern, worunter die Qualität von Daunen und Textilien leiden. Mithilfe des Garnspezialisten Resortecs verwendete Peak ein lösliches Garn, das die Trennung der Materialien wesentlich einfacher macht und die Qualität bewahrt.
Standardisierungsprozesse für höhere Margen und mehr Nachhaltigkeit
Gerade in Zeiten multipler Krisen wurde das Thema Nachhaltigkeit auch unter der Prämisse der Kostenreduktion diskutiert. Der chinesische Stofflieferant Flytec setzt beispielsweise auf die Standardisierung von Prozessen, indem er Core-Garne definiert, die zu den meisten Marken passen und somit günstiger werden. „Damit kann effizienter produziert werden, wir haben weniger Abfall und die Marken erhalten hohe Qualität, schnellere Entwicklungszyklen und höhere Margen“, sagt Karrine Fang von Flytec. So kann das Problem gelöst werden, dass bei steigenden Preisen oft an der Qualität gespart werden muss. Mit der Heizfunktion iWarm von Flytex, die in Textilien integriert werden kann, denkt Fang in eine ganz ähnliche Richtung: „Wenn ich die Kleidung heizen kann, brauche ich die Räume nicht zu heizen und brauche vielleicht auch gar keine Kleidung mehr für so viele verschiedene Jahreszeiten.“
Auch Fleece-Spezialist Polartec und die Outdoor Brand Haglöfs haben über Standardisierung nachgedacht, allerdings bei der Färbung von Textilien. Bei einer gemeinsamen Materialprüfung identifizierten sie mehr als 20 optisch kaum unterscheidbare Schwarzvarianten, die in der meistverkauften Original-Fleece-Serie von Polartec aktiv im Einsatz sind. Jede davon erforderte einen eigenen Färbeprozess mit entsprechenden Produktionsmengen und Ressourcen, obwohl sie nahezu identisch aussehen. „Indem wir etwas so Grundlegendes wie Schwarz standardisieren, können wir unnötige Produktionsschritte reduzieren und gemeinsam genutzte Ressourcen effizienter einsetzen“, sagt Ramesh Kesh, Senior Vice President bei Milliken & Company und Business Manager bei Polartec. „Standard Issue Black ist bewusst für die gesamte Branche offen gestaltet. Unser Ziel ist es, eine breitere Bewegung hin zu gemeinsamen Standards in der Farbentwicklung und -produktion anzustoßen.“
Technische Innovationen für mehr Funktion
Die Sportbranche wäre nicht die Sportbranche, wenn es nicht auch um technische Innovationen ginge – vor allem um Lösungen, die Funktionalität verbessern, etwa in den Bereichen Leichtigkeit, Atmungsaktivität und Feuchtigkeitstransport.
So hat etwa The Lycra Company auf den Performance Days die weltweite Premiere der neuen Coolmax CloakFX Faser gefeiert. Diese Innovation minimiert sichtbare Schweißflecken und ist für Marken, Webereien, Stoff- und Bekleidungshersteller gedacht, die performance-orientierte Activewear, Workwear und Alltagsbekleidung herstellen. Die Technologie streut das Licht auf Faserebene mithilfe einer optischen „Maskierung“, die das visuelle Erscheinungsbild von Feuchtigkeit reduziert und so dazu beiträgt, Schweißflecken weniger sichtbar zu machen. Auch nach mehreren Waschzyklen bleibt die Funktion erhalten.
Der schweizerische Textilausrüster Livinguard präsentierte eine Technologie, die Textilien nicht nur vor unangenehmen Gerüchen schützt, sondern auch „die Faserfragmentierung um bis zu 80 Prozent reduziert“, sagt Christina Fürst, Global Head of Marketing von Livinguard.
Auch das Start-up SA-Dynamics aus Aachen hatte eine echte Neuheit im Gepäck. Das Spin-off der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen hat ein Vlies aus Cellulose-Aerogel entwickelt, das bereits mit Adidas getestet wurde. Als Aerogel bezeichnet man Materialien, die zu einem besonders hohen Anteil aus Luft bestehen und somit besonders leicht und isolierend sind. Das hochporöse Cellulose-Aerogel von SA-Dynamics besteht zu 70 Prozent aus Luft. „Wir sind die Ersten, die eine Faser als Aerogel herstellen können”, erklärt CEO Sascha Schriever. Im Gegensatz zu anderen Aerogel-Lösungen muss das Aerogel hier nicht extra in Fasern integriert werden, was wesentlich aufwändiger und teurer ist. Die Technologie eignet sich auch für andere Fasern wie Polyester oder Aramid. Das Unternehmen ist derzeit auf der Suche nach Investor:innen, um die erste Pilotanlage zu bauen.
Wolle als funktionale Naturfaser im Fokus
Aber auch Naturfasern standen im Fokus. Beispielsweise Wolle. Die natürliche Funktionsfaser steht in der Outdoor-Branche schon lange hoch im Kurs, leidet aber unter steigenden Preisen. „Viele Farmer:innen geben auf und verkaufen ihr Land lieber teuer, als weiterhin Schafe zu züchten“, sagt etwa Steve Weinstein vom Wollanbieter Engraw aus Uruguay. Das Unternehmen gehört zu den ganz wenigen im globalen Woll-Markt, das direkt mit seinen Farmern zusammenarbeitet, RWS- und GOTS-zertifiziert ist, und dessen Energiebedarf zu 98 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt.
Wolle verfügt selbst über hervorragende Eigenschaften, die sich aber noch weiterentwickeln lassen. Beispielsweise durch die Integration von biokeramischen Garnen, die Ferninfrarotwellen reflektieren und so Körperwärme speichern und die Durchblutung verbessern, beispielsweise von der Südwolle Group mit Tecnofilati. Feuerfeste Wolle mit thermoregulierenden Eigenschaften wurden derweil bei Woolmark präsentiert.
So hatte auch der Innovation Award mit Wolle zu tun und ging an den Strickspezialisten Wu Luen Knitting. Mit seiner neuen Warp-Knit Technologie NeoWarp durchbricht der Hersteller konventionelle Einschränkungen beim Stricken mit Wolle. Die hochdichte Warp-Struktur verbessert Stabilität und Haltbarkeit des Stoffes.