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Mare di Moda: Bleibt der Bademodenboom aus?

Von Jule Scott

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Die Messe Mare Di Moda im November 2023. Bild: Mare Di Moda

Mare di Moda, eine Messe für Stretch-Stoffe und -Bekleidungen, ist vergangene Woche zum 21. Mal nach Cannes zurückgekehrt. Ganz konnte die malerischen Kulisse der französischen Riviera die auf der Messe heiß diskutierten Wehen der Branche – von Überbeständen bis zu steigenden Rohmaterialpreisen – nicht wettmachen, doch vor dem für die Veranstaltung umfunktionierten Filmpalast stimmte der Blick auf die französische Riviera, das für November äußerst milde Wetter und im Winde wehende Palmen bereits auf die im Fokus der Messe stehende Sommersaison ein.

Vom 7. bis zum 10. November präsentieren über 110 europäische Unternehmen ihr Sortiment für Beachwear-, Unterwäsche- und Athleisure-Stoffe sowie -Accessoires für den Sommer 2025. In der Messehallen hielt das sommerliche Gemüt dank bunten Dekorationen und einem vollen Programm, trotz einer relativ ruhigen Ausgabe, an. Während einige Aussteller:innen von einem Rückgang von Besuchenden sprachen, reflektierten Andere eine lebhafte und geschäftige Messe, ein Sentiment, das die Veranstalter:innen teilen.

„In einer Zeit, in der sich das internationale Messesystem tiefgreifend verändert, bestätigen wir uns als Referenz für die High-End-Sektoren Bademode, Unterwäsche und Athleisure mit einem immer qualifizierteren Angebot, unterstützt durch eine sehr selektive Wahl unserer Aussteller:innen”, so Claudio Taiana, President der Mare di Moda.

Keine Bademodenboom

Die Ausstellenden der Messe produzieren Taiana zufolge ausschließlich in Europa, wodurch es auf der Messe selbst zu keinerlei Diskussionen über das Preis- und Qualitätsniveau kommt, und doch sind sowohl Preise als auch die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen fast an jedem Stand ein Thema. Während viele einen Reiseboom nach der Lockerung der pandemiebedingten Lockdowns prophezeiten, gilt dies nicht unbedingt für den Sektor der Bademode und der Stretch-Stoffe. Menschen fingen an zu reisen, doch Kleidung hat im Moment keine Priorität, erklärte Elisabetta Bianco, Print und Textildesignerin bei dem von ihrem Urgroßvater gegründeten Textilunternehmen Maglificio Ripa.

„Im letzten Jahr gab es einen Aufschwung, doch jetzt geht es etwas langsamer voran, weil die Unternehmen zu viel gekauft haben – vor allem in Bezug auf Athleisurestoffe, da dieser Sektor während der Pandemie sehr stark war“, so die Textildesignerin. Damit bestätigt sie eine Tendenz, die vermehrt zur Sprache kam. Doch das nachlassende Wachstum des Athleisuremarktes alleine ist nicht der einzige Grund, dass Unternehmen nun übervolle Lager haben, erklärte David Kaitiff, Managing Director bei Friedmann, einem englischen Großhändler für Stretchstoffe.

„Letztes Jahr war das Schlagwort der Branche die Logistik, man konnte nichts bekommen, egal wie viel man zahlen wollte, denn die Ware konnte nicht geliefert werden.“ Jetzt habe sich das Blatt gewendet, denn damals haben die Unternehmen aus der Not heraus mehr geordert, als sie inflationsbedingt am Ende verkaufen konnten. Eine Ursache, die nun einen Rattenschwanz nach sich zieht und durch steigende Rohmaterialpreise lediglich verstärkt wird. Umstände die dazu führen, dass Branchengrößen wie die Carvico Gruppe, die sowohl mit dem Stoffproduzenten Carvico als auch Jersey Lomellina in Cannes vertreten war, auf eines der herausforderndsten Jahren ihrer mehr als fünfzig jährigen Firmengeschichte zurückblickt, wie Romina Barelli, Marketing und Communication Manager des italienischen Unternehmens erzählte.

Stoffselektionen bei der Mare Di Moda in Cannes. Bild: Mare Di Moda

Kaitiff rückt die auf der Messe immer wieder zur Sprache kommenden Wehen jedoch ins rechte Licht zurück und betont, dass diese keineswegs lediglich die Tendenzen der Bademode oder des Stretch-Stoff-Sektors reflektieren. „Es spiegelt eher das allgemeine Unwohlsein aller Volkswirtschaften oder zumindest alle europäischen Volkswirtschaften wider”, so der Engländer. Wichtig sei es daher insbesondere in Zeiten wie diesen, die Sourcing-Linie so aufzustellen, dass eine gewisse Preisstruktur und Grenzen nicht übersteigt, so Thomas Merkel, Geschäftsführer von der Textildruckerei InnoTex Merkel & Rau GmbH, einer der wenigen deutschen Ausstellenden der Messe. Preissteigerungen seien aktuell allerdings so gut wie unvermeidbar.

„Unsere Kundschaft ist hauptsächlich mittelständisch geprägt, wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Kund:innen und finden dort auch ein Verständnis für die Situation. Und für die Erhöhungen, die gerade im Zusammenhang mit Energiekosten unvermeidbar sind, haben wir eine sehr transparente Lösung gefunden”, so Merkel. „Unsere Kund:en kriegen jede Woche, am Ende der Woche, eine Tabelle, in der wir nachweisen, dass wir wirklich mehr an Energiekosten verbraucht haben, da wir kein Interesse haben, als Lieferant unsere Kund:innen unnötig mit Preiserhöhungen zu belasten.” Derzeit liege die Verteuerung bei InnoTex bei drei Cent pro Laufmeter. Dieser Betrag sei sowohl verkaufbar als auch nachvollziehbar.

Nachhaltigkeit weiterhin ausbaufähig

Etwas anders sieht es bei den nachhaltigeren Stoffen aus, die auf der Messe – zumindest dem offiziellen Veranstaltungsprogramm der Organisator:innen der Mare di Moda – groß geschrieben werden. Während das Event-Programm der Messe mit Vorträgen stark auf Nachhaltigkeit setzt, gibt es auf den Ständen der Ausstellenden geteilte Meinungen.

Dass das Thema ein wichtiges ist, würden wohl alle Messebesucher:innen und auch Ausstellenden unterschreiben, doch während bereits viele Kund:innen nach recycelten Stoffen fragen, sind die Marken, die die nachhaltigen Stoffe auch tatsächlich kaufen, noch in der Minderheit, so Bianco. „Es ist immer noch eine Frage des Preises, denn heutzutage gibt es immer noch einen Unterschied und Endkund:innen sind noch nicht bereit, dafür zu zahlen”, erklärt die Textildesignerin. Nachhaltigere Stoffalternativen bei Maglificio Ripa werden mit etwa 50 Cent Zusatzkosten pro Kilo berechnet, doch hinzu kommen noch Zuschläge bei der Verarbeitung und eventuell dem Färben der Stoffe. Unterm Strich kosteten die nachhaltigen Varianten daher bis zu 20 Prozent mehr als ihre herkömmlichen Gegenstücke.

Dass die Nachfrage auf der Seite der Endkonsument:innen noch nicht der Norm entspricht, bestätigt auch Kaitiff, der als Teil seiner beruflichen Laufbahn mit einer Bandbreite an Endkonsument:innen in Kontakt kam. „Ich habe mit Weltmeisterschafts-Turner:innen gesprochen und ihnen genau dieselbe Frage gestellt: Wenn ihr eure Trikots auswählt, denkt ihr dann an die Verwendung von recyceltem Stoff?“ Die Antwort, so der Textilunternehmer, war meist ein klares Nein, denn die Performance der Stoffe stehe immer noch ganz klar im Vordergrund.

Alle Wege führen zu Lycra

The Lycra Company hat sich die Nachhaltigkeit dennoch ganz groß auf die Fahne geschrieben. An dem Unternehmen, das als offizieller Partner der Mare Di Moda in Cannes vertreten war, führte kein Weg vorbei. Rote Pfeile auf dem Boden der Messehalle führten zur Lycra Lounge, ein “Raum zum Entspannen und Netzwerken” inmitten des Messetrubels, während der Vortrag “Let’s talk Circularity” von Alistair Williamson, Vice President, Apparel, Europa, Naher Osten, Afrika und Südasien, sowohl die Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens als auch neue Fasertechnologien vorstellte.

Der Faserhersteller präsentierte neue Produkte darunter ‘Adaptiv Xtra Life’-Fasern für Bademode und ‘Adaptive Black’-Fasern für Athleisurewear. Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Fasertechnologie namens Qira, die in Zusammenarbeit mit Qore entwickelt wurde. Qira ist das erste Elastan auf biologischer Basis, zu 76 Prozent aus erneuerbaren, nicht essbaren Mais hergestellt.

Nachhaltige Entscheidungen und Technologien müssen wirtschaftlich rentabel sein, um für Unternehmen attraktiv zu erscheinen, das bestätigt auch Williamson. Dennoch sei die für Lycra mit Kosten verbundenen Umstellung auf biologisch gewonnene Fasern der richtige Schritt. Inwiefern diese Technologie und ihre Mehrkosten zur geplanten Einführung in 2025 tatsächlich von Kund:innen angenommen wird, bleibt abzuwarten, doch die Nachfrage, so Williamson, sei bereits enorm und lasse auf eine nachhaltige Zukunft für die Lycra Company und den Markt für Stretch-Stoffe hoffen.

FashionUnited wurde eingeladen, Mare Di Moda in Cannes zu besuchen.

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