Erste Ispo in Amsterdam: Internationale Zuversicht, deutsche Zurückhaltung
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Nach mehr 55 Jahren in München fand diese Woche die erste Ausgabe der Sportfachmesse Ispo in Amsterdam statt. Während vor allem internationale Sportartikler aus Nordeuropa, dem Vereinigten Königreich und den USA dem neuen Standort aufgeschlossen gegenüberstanden, schienen sich insbesondere deutsche Unternehmen zurückzuhalten und die erste Ausgabe abzuwarten.
Teile der deutschen Branche hätten in diesem Jahr womöglich ausgesetzt oder die Messe nur als Besucher:innen erkundet, sagt Tracy Bebbington, Managing Director der Ispo. Insgesamt zog sie nach den drei Veranstaltungstagen ein positives Fazit. Schon in den Wochen vor der Messe habe sie eine „neugierige Positivität“ wahrgenommen. Marken, Händler:innen und Herstellende hätten sich stark eingebracht. Die im Vorfeld angekündigten Investitionen in das Hosted-Buyer-Programm, in Inhalte und Aktivierungen sowie in den Impact Fund, die karitative Komponente der Messe, habe man nach erstem Eindruck umgesetzt. Belastbar sei die Bilanz allerdings erst, wenn die Rückmeldungen der Teilnehmenden vorlägen. Für die nächste Ausgabe wolle man bestehende Formate nachjustieren und den Return on Investment ebenso wie den „Return on Engagement“ für Aussteller und Besucher:innen erhöhen.
Kürzer und früher als in München
Ein Vergleich mit der letzten Ausgabe in München zeigt, wie stark sich die Messe verändert hat. Ende 2025 präsentierten sich in München an drei Messetagen 1.750 Aussteller aus 54 Ländern in neun Hallen. Für Amsterdam hatte Ispo im Vorfeld 2.000 ausstellende Unternehmen und 25.000 Besucher:innen angekündigt. Nach einer ersten Hochrechnung der Veranstalter kamen rund 20.000 Besucher:innen. Im Jahr 2024 hatte die Messe in München noch rund 55.000 Fachbesucher:innen gezählt.
Die eigentliche Fachmesse ist auf zwei Tage verkürzt worden. Vorgeschaltet war mit dem Ispo Leaders Summit ein eigener Konferenztag für Führungskräfte. Zudem rückte der Termin von der Monatswende zum Dezember um rund vier Wochen nach vorn auf Anfang November. Erstmals lief außerdem mit der International Running Expo eine Laufmesse parallel, die mit demselben Ticket zugänglich war. Ausgerichtet wird die Ispo inzwischen von einem Joint Venture der Londoner Raccoon Media Group und der Messe München.
Einkäufer:innen wünschen sich mehr Marken
Für die nächste Ausgabe wünschten sich die Einkäufer:innen vor allem mehr Marken, sagt Bebbington. „Die Einkäufer:innen wollen sehen, wer als Nächstes kommt.“ Eine Antwort darauf sieht sie im Brandnew-Bereich, den die Ispo aus München mitgenommen hat und in Amsterdam gemeinsam mit dem japanischen Reißverschlusshersteller YKK ausrichtet. Junge Marken, die bestimmte Kriterien erfüllen, können dort zu einem Festpreis ausstellen und sich auf der Bühne präsentieren. Die Lounge der Einkäufer:innen habe man bewusst so platziert, dass der Weg durch diesen Bereich führe.
Zu diesen Marken gehörte unter anderem das südkoreanische Sportschuh-Start-up Darimati, das sich erst im April über eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Kickstarter gegründet habe, erklärte Chief Executive Officer (CEO) Hyunuk Hwang. Entstanden sei das Unternehmen als Antwort auf die wachsende Beliebtheit des Fitnesswettkampfs Hyrox in Seoul. Im Fokus stehen hybride Sportschuhe, deren spezielle Sohle auf Stabilität ausgelegt sei, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Nach dem Start im Direktvertrieb in Südkorea und den USA habe man dort bereits mehrere Händler:innen sowie Fitnessclubs gewinnen können und wolle nun auch Partnerschaften in Europa schließen.
Auf der Fläche zeigte YKK zudem Produkte, in die die eigenen Reißverschluss-Innovationen integriert sind, etwa die UltraLayer Jacket des belgischen Radsportbekleidungsherstellers Bioracer und die auf den Laufsport ausgerichtete Regenjacke Colibri Light des österreichischen Sportartiklers Löffler.
Running-Messe wieder am Start
Rund um das Thema Laufen ging es auch bei der International Running Expo, die bereits zum zweiten Mal in Amsterdam stattfand. Ausgestellt haben vor allem Anbieter:innen von Accessoires und Nahrungsergänzungsmitteln, vertreten waren aber auch einige Bekleidungs- und Sportschuhmarken, darunter das US-Unternehmen Skechers mit seiner Running-Kategorie sowie Scott. Der Schweizer Sportartikelhersteller, dessen stärkster Markt nach eigenen Angaben Frankreich ist, gefolgt von den USA, Italien und dem deutschsprachigen Raum, zeigte Schuhe und Bekleidung für den Laufsport. Darunter war auch die Kollaboration mit der rumänischen Langstreckenläuferin Mădălina Florea, die im kommenden Jahr erscheint und zwei Schuhmodelle für verschiedene Distanzen umfasst.
Grundsätzlich sei man mit der Ausgabe zufrieden, sagte Peter Cable, Head of Running bei Scott. Allerdings seien nicht viele Einkäufer:innen und Händler:innen vor Ort gewesen, bemerkte er mit Blick auf die Bedeutung des Großhandels für die Marke. Für diese Kategorie könnte daher eine Ausgabe im Frühjahr besser funktionieren, auf der sich dann auch die aktuellen Frühjahr/Sommer-Looks präsentieren ließen. Eine stärkere Beteiligung weiterer Sportartikler aus der Kategorie hätte derweil Vor- und Nachteile. Zusätzliche Marken würden die Fläche beleben, große Marken aber auch wieder mehr Raum einnehmen. Derzeit könnten sich Einkäufer:innen mehr Zeit für kleinere Marken und Zusatzprodukte nehmen.
Deutsche Outdoor-Marken fehlen
Ein ähnliches Bild zeichnete sich auf der Markenfläche der Ispo ab, auf der die Unternehmen teils nach Ländern und Regionen gegliedert waren. Die Beteiligung der Outdoor-Marken, die ein fester Bestandteil der Fachmesse sind, war eher gering. Vor allem aus Deutschland habe man Namen wie Jack Wolfskin, Lowa oder Deuter vermisst, sagte ein Vertreter der britischen Outdoor-Marke Craghoppers. Daher seien auch Händler:innen aus dem deutschsprachigen Raum seiner Einladung nach Amsterdam nicht gefolgt. Deutlich zufriedener seien dagegen die Partner:innen aus dem Vereinigten Königreich sowie aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gewesen. Von der Sporthandelsgruppe Intersport, die als Handelspartner der Messe vertreten war, seien nur einzelne Interessent:innen gekommen. Unter diesen Umständen müsse man überlegen, ob und in welcher Form man erneut teilnehme.
Auch Will Stanton, Head of UK and ROI Sales bei Equip Outdoor Technologies, dem Mutterkonzern von Rab, hat von Einkäufer:innen gehört, dass sie sich mehr Marken wünschten, vor allem kleinere und noch unbekannte. Der britische Daunenspezialist selbst, dessen Sortiment vom Schlafsack bis zur dick gefütterten Jacke reicht, sei sehr zufrieden gewesen. Aus dem Heimatmarkt seien alle Key Accounts vor Ort gewesen, zudem habe man sogar Gäste aus Nordamerika und Neuseeland begrüßt. Nach eigenen Angaben erzielt die Marke 90 Prozent ihres Umsatzes im Großhandel, fast die Hälfte davon im britischen Markt. Als Vorteil gegenüber München sieht Stanton vor allem die gute Verkehrsanbindung. Unter diesen Umständen lohne sich die Reise nach Amsterdam auch für einen einzigen Messetag.
Große Auftritte aus China und den USA
Einen der größten Stände hatte Tanboer, umrahmt unter anderem von einer Kletterszene mit Schaufensterpuppen. Die chinesische Marke für Premium-Daunenjacken, die für 2026 einen Umsatz von drei Milliarden chinesischen Yuan (knapp 390 Millionen Euro) anstrebt, nimmt bereits zum fünften Mal an der Ispo teil. Neu im Sortiment ist ein hybrider Lauf- und Wanderschuh, mit dem sich die Marke erstmals in diese Kategorie wagt. Auf das im Oktober lancierte Modell soll als Nächstes ein Schuh für professionelles Klettern folgen.
Über die Ispo will Tanboer zudem neue Märkte erschließen. Aktuell erwirtschafte die Marke 90 Prozent ihres Umsatzes im Heimatmarkt, den Großteil davon im stationären Handel mit rund 700 Points of Sale, von denen etwa 55 Prozent eigene Läden seien. Nun wolle man in Europa Fuß fassen und habe dabei besonders den deutschsprachigen Raum im Visier, sagte Ivan Wang, Chairman’s Assistant bei Tanboer. Dafür wolle man sich zunächst im Ski- und Snowboardbereich einen Namen machen und sich mit der Community und den Verbänden vernetzen. Dazu gehören eine bestehende Partnerschaft mit dem österreichischen Snowboard-Team und eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Team ab dem kommenden Jahr.
Den ebenfalls großen Nachbarstand belegte die US-amerikanische Sportswear-Marke Fabletics, die in Deutschland bereits stark vertreten ist. Nachdem sie die Abschiedsausgabe in München ausgelassen hatte, war die Marke in Amsterdam wieder dabei. Am ersten Messetag, der insgesamt deutlich stärker besucht war als der zweite, habe man nur mit wenigen deutschen Partner:innen gesprochen, dafür aber gute Gespräche mit Händler:innen aus Italien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich geführt, sagte Mark Ralea, General Manager Europe bei Fabletics. Große Neuheiten zeigte die Marke am Stand nicht, kündigte aber an, ihr Denim-Segment ab dem ersten Quartal 2027 auch nach Europa zu bringen. In den USA ist es seit dem Vorjahr im Sortiment.
Zulieferer, Testflächen und Nachhaltigkeit
Abseits der Markenflächen waren mehrere der umliegenden Hallen dem Bereich „Manufacturing & Ingredients“ vorbehalten. Dort präsentierte sich die Zuliefer- und Fertigungsseite der Branche, also Hersteller von Materialien, Komponenten und fertigen Produkten, die Marken als Partner für ihre Produktion gewinnen wollen. Das Angebot reichte vom Reißverschluss über Tischtennisschläger und Pokale bis zu Produzenten von Sportbekleidung.
Vieles ließ sich auf der gesamten Messe ausprobieren. In einer eigenen Padel-Halle und einem kleinen Pool konnten Besucher:innen Produkte testen, draußen zeigten Snowboarder:innen und Skifahrer:innen ihre Tricks an den Rampen.
Einen eigenen Bereich gab es zudem für nachhaltige Anbieter:innen. Dort stellte unter anderem die Südwolle Group aus Schwaig bei Nürnberg aus, einer der größten Hersteller von Kammgarnen aus Wolle und Wollmischungen. Ebenfalls vertreten war The New Zealand Merino Company aus Christchurch, die neuseeländische Merinowolle vermarktet und das Siegel ZQ für ethisch erzeugte Wolle verantwortet. Daneben gab es wieder einen speziellen Nachhaltigkeitshub, in dem Themen wie der Wasserverbrauch bei der Jeansproduktion, der Verschleiß von Outerwear und Recycling vorgestellt wurden.
Die Textiltrends für Frühjahr/Sommer 2029 und Herbst/Winter 2028/29
Wie sehr Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung die Branche prägen, zeigen die Trendtafeln der Ispo Textrends. Für Frühjahr/Sommer 2029 formuliert das Trendforum drei Megatrends. Unter „Looping the Loop“ wird Zirkularität vom Nice-to-have zur unternehmerischen Kernaufgabe, getragen von Textile-to-Textile-Recycling, neuen Feedstocks und biobasierten Alternativen zu fossilen Rohstoffen. „Smart Shift“ beschreibt, wie künstliche Intelligenz (KI), Automatisierung und Daten Design, Produktion, Beschaffung und Verkauf beschleunigen, während „Play On!“ der Branche die Aufgabe zuschreibt, Menschen wieder nach draußen zu bringen und zusammenzuführen. Auf Materialebene stehen Naturfasern wie Wolle, Hanf, Leinen und Seide mit neuen Performance-Eigenschaften („Natural Bounty“) neben ultraleichten, packbaren Konstruktionen („Quantum Leap“), Recyclingfasern mit Archivbezug („Back to the Future“) und einer saubereren Chemie entlang der textilen Kette („Bio Logic“). Letztere nimmt ausdrücklich auch die Färbe- und Ausrüstungsprozesse von Naturfasern in den Blick.
Ähnliche Linien ziehen sich durch die Prognose für Herbst/Winter 2028/29. Der Megatrend „Unconditional“ verbindet Verantwortung mit Regulierung und Compliance. „Divination“ sieht die Digitalisierung als Rückgrat der Industrie, von KI-gestützten Nähmaschinen bis zu cloudbasierten Produktionsmodellen gegen Überbestände. „Social Spirit“ setzt Bewegung als Gegengewicht zu Bildschirmzeit und politischer Dauerkrise. Bei den Textilien geht es um langlebige, schützende Outdoor-Materialien („Brevity“) und unregelmäßige Oberflächen samt neuer Schweißtechniken etwa bei Daunenjacken („Off-base“). Hinzu kommen ein Miteinander statt Gegeneinander von Natur- und Synthetikfasern („Raw rationality“) sowie Wearables, gedruckte Sensoren und App-gesteuerte Heizsysteme („Stalwart“). Farblich reicht das Spektrum von sanften Rosé- und Grautönen bis zu Sepia-Nuancen mit Kupfer und Gold für Trims. Für Frühjahr/Sommer 2029 kommt Lila neu in die Core-Palette.
Die Exponate wählte im September eine internationale Jury aus Textildesigner:innen, Trendexpert:innen und Journalist:innen aus. Radikale Neuerungen habe es nicht gegeben, bilanziert David Shah, Editor in Chief der Trendforecasting-Publikation View Magazine. Die Hersteller konzentrierten sich vielmehr auf Preis und Wertigkeit in einem Markt, in dem die Kosten wieder eine sehr große Rolle spielten. Textil- und Nachhaltigkeitsexperte Kutay Saritosun beobachtete viele Textile-to-Textile-Recyclingfasern aus Polyamid und Polyester, häufig kombiniert mit Wolle. Neu sei für ihn Kollagen als Faser gewesen. Louisa Smith, International Textile Trend Consultant, hebt Ausrüstungen frei von per- und polyfluorierten Chemikalien sowie Farbstoffe aus Lebensmittelabfällen hervor.
Mit neuem Konzept in die Zukunft
Wohin die Reise für die Messe geht, hatte Ispo bereits zum Auftakt am Dienstag skizziert. Unter dem Dach der Ispo Sports Week sollen Fachmesse, Publikumsevents und Community-Formate künftig in einer gemeinsamen Veranstaltungswoche zusammenfinden. Amsterdam soll dabei Hauptstandort bleiben und 2027 um die neuen Formate PadelXpo und OutdoorXpo wachsen. Im September 2027 sei eine erste Ausgabe in Dubai geplant, die bestehenden Messen in Shanghai und Peking sollen zu Ablegern der Sports Week werden. 2028 sollen zudem die USA folgen.
„Wir wollen, dass die Ispo Sports Week zu einer Feier des Sports wird“, sagt Bebbington. Im Idealfall umfasse die Woche rund 50 Veranstaltungen, längst nicht alle davon von der Raccoon Media Group organisiert. Dritte sollen ausdrücklich ermutigt werden, eigene Events in diesen Zeitraum zu legen. An der Ispo selbst will Bebbington dabei nicht rütteln. Es bleibe bei einem Tag Summit und zwei Messetagen, um die Kosten für die Aussteller überschaubar zu halten. Angepasst wird hingegen der Hallenplan. Im kommenden Jahr kommt eine zusätzliche Halle hinzu, die International Running Expo soll direkt an die Ispo anschließen. Eile hat Bebbington mit dem Umbau nicht. „Das ist für uns das erste Jahr, und wir wissen, dass es ein Lernprozess ist. Ich sage immer, es ist ein Marathon und kein Sprint.“