Warum verkaufsoffene Sonntage nicht zwingend die Innenstädte retten
Deutschland ist im Ausland für Vieles bekannt - schnelle Autos und Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, Biergärten und das Oktoberfest, eine große Auswahl an Brotsorten und die Tatsache, dass man diese nicht am Sonntag kaufen kann. Letzteres erfahren Besucher:innen aus dem Ausland meist schmerzhaft, wenn sie vor verschlossenen Türen stehen - beim Bäcker, im Supermarkt oder in den Modegeschäften der Innenstadt.
Verbände für flexiblere Öffnungszeiten
Der E-Commerce-Verband Bevh hat sich jüngst erst für lockerere Regeln bei Sonntagsöffnungen ausgesprochen, schließlich sei der Onlinehandel ja auch am Sonntag verfügbar, argumentiert er.
Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) setzt sich für eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten ein. Der Sonntag habe sich verändert und stehe für viele Menschen für einen Tag der Freizeit, an dem Gastronomie, Kultur- und Freizeiteinrichtungen geöffnet seien, so Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Der Einzelhandel bleibe da ausgeschlossen.
Der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Peter Adrian, spricht sich gar für eine Grundgesetzänderung aus, um die Rechtslage für verkaufsoffene Sonntage dauerhaft zu klären.
Sind Innenstädte noch als Freizeitorte gefragt?
Der deutschsprachige Raum (Deutschland, Österreich und die Schweiz) steht zudem ziemlich allein auf weiter Flur, denn die meisten europäischen Länder haben sich längst an verkaufsoffene Sonntage gewöhnt. Die Niederlande, Italien und Frankreich etwa sind dafür bekannt, dass der Sonntag ein ganz normaler Einkaufstag ist. Die Rechnung, dass verkaufsoffene Sonntage auch Kund:innen in die Innenstädte treiben, könnte jedoch nicht aufgehen.
„Die Debatte um die Sonntagsöffnung ist berechtigt, denn zusätzliche Öffnungszeiten könnten dazu beitragen, mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, Innenstädte zu besuchen. Dies ist jedoch nur ein Teil des größeren Gesamtbilds. Für immer mehr Personen ist Einkaufen nicht mehr nur eine funktionale Beschäftigung, sondern ein soziales Erlebnis. Die entscheidende Frage lautet daher: Ist dies ein Ort, an dem ich tatsächlich Zeit verbringen möchte?“, gibt Olivier Buffon, VP International beim Online-Großhandelsmarktplatz Faire zu bedenken.
Mit Einzelhändler:innen und Marken aus über 8.000 Städten in Deutschland auf der Plattform verfügt Buffon über einen direkten Einblick in die Herausforderungen und Veränderungen des unabhängigen Einzelhandels. „Konsument:innen suchen nach Atmosphäre, Inspiration, persönlicher Interaktion und Erlebnissen, die authentisch sind und in Erinnerung bleiben. Genau das hören wir auch von unseren Händler:innen immer wieder. Die Zukunft des stationären Einzelhandels dreht sich daher nicht allein um längere Öffnungszeiten“, warnt Buffon.
Für ihn bieten verkaufsoffene Sonntage zwar mehr Flexibilität und zusätzliche Möglichkeiten für soziale Begegnungen und Erlebnisse, die größere Herausforderung bestehe jedoch darin, „Einkaufsorte relevanter, lebendiger und attraktiver zu gestalten - zu Orten, an denen Menschen gerne ihre Freizeit verbringen.“
Wie es funktioniert
Und hier tun sich deutsche Innenstädte oft schwer. „Die Herausforderung besteht vielmehr darin, neue Gründe zu schaffen, warum Menschen gerne in die Innenstadt kommen. Der Einkauf ist häufig nicht mehr der Anlass, sondern der positive Nebeneffekt eines gelungenen Aufenthalts“, bestätigt die Innenstadtexpertin Angelika Winkler im aktuellen Interview mit FashionUnited.
„Menschen brauchen heute einen Anlass,“ weiß sie und nennt Straßenfeste wie etwa das Berger Straßenfest in Frankfurt als Beispiel. „Die Straße ist voller Leben, Gastronomie, Musik und Begegnungen. Viele Besucher:innen kommen zunächst wegen des Erlebnisses – und entdecken anschließend ganz selbstverständlich die geöffneten Geschäfte. Genau darin liegt die große Veränderung.“
Zudem hat sich der heutige Einkauf verändert, weg vom reinen Bedarfseinkauf. „Der Einkauf beginnt heute häufig nicht mehr mit dem Wunsch nach einem Produkt, sondern mit dem Wunsch nach einem Erlebnis. Händler:innen berichten immer wieder, dass sie an solchen Tagen Umsätze erzielen, die früher nur im Weihnachtsgeschäft möglich waren,“ erläutert Winkler.
Anreize schaffen
Eine repräsentative Faire-Umfrage aus dem Frühjahr 2026 kam zu dem gleichen Ergebnis: Verbraucher:innen kommen nicht vorrangig wegen der Produkte in die Innenstadt, sondern wegen der Atmosphäre, persönlicher Beratung und gemeinsamer Erlebnisse. Diese stehen gerade bei jüngeren Zielgruppen im Vordergrund.
Daher werden auch Straßengemeinschaften und Einzelhändler:innen, die sich gegenseitig unterstützen, immer wichtiger. Die Ellenstraße in Kempen am Niederrhein ist eine solche Straße. Hier findet man inhaber:innengeführte Boutiquen, die stolz auf ihr spezielles Sortiment und die persönliche Beratung sind. Im Kindermodefachgeschäft Geschwisterherz etwa werden 90 Prozent der vertriebenen Artikel nach vorheriger Beratung verkauft.
„Wir haben schöne alte Gemäuer, die eine mittelalterliche Atmosphäre verströmen, und wir haben dieses superlebendige Stadtleben. Durch die Gastronomie, aber auch dadurch, dass vor vielen Geschäften und auch Wohnhäusern überall Bänke stehen, ist immer viel Getümmel auf den Straßen. Und gerade durch die Bestuhlung auf dem Buttermarkt unter den Bäumen und den verzweigten Gassen der Fußgängerzone, die überall mit bunten Bändern und Blumen geschmückt sind, fühlt man sich immer, als wäre man im Urlaub,” fasst Nina Glombitza, seit Anfang des Jahres Inhaberin des Garnfachgeschäfts Wollke 6, den Anreiz ihrer Straße und der Kempener Innenstadt zusammen.
Fazit also: Verkaufsoffene Sonntage können Flexibilität und Möglichkeiten für soziale Begegnungen und Erlebnisse bieten, werden jedoch voraussichtlich nur in Innenstädten funktionieren, die über den Einzelhandel hinaus schon Einiges zu bieten haben.
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