Verwirrende Coronaregelungen: Modellkommunen, Tests und Tricks

Eigentlich sollte es in diesem Artikel um das Modellkommunenprogramm, das in Nordrhein-Westfalen geplant war, gehen. 14 Modellkommunen sollten bei einem Wochen-Inzidenzwert unter 100 den Normalbetrieb für Gastronomie, Schwimmbäder, Kulturstätten und Handel aufnehmen dürfen. Zwei waren, kurz vor Start am 19. und 26. April, noch übrig, schließlich sagten auch Münster und Coesfeld das Programm wegen zu hoher Infektionszahlen ab. Vorerst also ein Totalausfall – so das Fazit des Modellkommunenprojekts in NRW, auch wenn viele der ursprünglich angekündigten Teilnehmenden sich weiter auf einen späteren Start vorbereiten.

Erste Schlüsse lassen sich bereits aus dem Modellprojekt in Tübingen, das nun wegen der Bundesnotbremse nach sechs Wochen beendet wurde, ziehen: „Das Tübinger Modell führte zu einem messbaren, allerdings kleinen und tendenziell temporären Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen“, schreiben die untersuchenden Wissenschaftler in ihrem Blog.

In Tübingen konnten sich Teilnehmende seit dem 16. März an neun Stationen in der Innenstadt kostenlos testen lassen. Die bescheinigten Negativtests galten dann als eine Art „Tagesticket“, mit dem sie in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen gehen durften. Traurig über das Ende des Projekts zeigte sich Tübingens Bürgermeister Boris Palmer. Er wolle „die Erfahrung nutzen“ und „möglichst schnell wieder aufmachen“, sagte er in der Tagesschau.

Die Regelungen sind „absolut verwirrend“, sagt Carina Peretzke vom Handelsverband NRW, gerade weil die Regelungen in NRW teilweise bereits strikter waren als die der Bundesnotbremse. „Die Modellprojekte in NRW wären auch wissenschaftlich sehr interessant gewesen“, findet Peretzke. Ein Dankeschön für die harte Arbeit und Kreativität der Händler, so Peretzke, soll der Wettbewerb ‚Helden des Handels‘ sein, der durch den Handelsverband NRW und das Wirtschaftsministerium NRW ausgerufen wurde und bis Mitte Mai Einsendungen entgegennimmt. Gesucht werden auf der Website „kleine und mittelgroße Einzelhandelsgeschäfte aus NRW, die während der Coronazeit eine bemerkenswerte, nachahmenswerte, innovative und/oder digitale Maßnahme ergriffen haben, um für Ihre Kunden da zu sein“. Die besten Beiträge werden mit Geldprämien im Gesamtwert von 30.000 Euro geehrt. Wie diese kreativen Maßnahmen aussehen könnten, bleibt abzuwarten.

Digitalisierung, Tests und der Griff in die Trickkiste

Es dem Kunden so einfach wie möglich zu machen, ist die Herangehensweise der Concept- Shopping Mall Bikini Berlin. Das Einkaufszentrum bietet seit dem 20. April die kostenlose Durchführung von SARS-CoV-2 -Tests auf der eigenen Dachterrasse an. So soll den Kunden und Kundinnen ein möglichst sicheres und komfortables Shopping-Erlebnis ermöglicht werden: „Bei einem negativen Ergebnis steht einem ausgiebigen Shoppingtag in der Concept Shopping Mall nichts mehr im Wege“, heißt es in der Pressemitteilung. Man habe „eine Steigerung der Besucherzahlen, im Vergleich zur Woche vor Eröffnung der Teststation“ feststellen können, so das Management.

Peek & Cloppenburg hingegen setzt auf Live-Shopping-Events, wobei Zuschauer per Live-Chat fragen stellen und Produkte aus dem Stream kaufen können – ein neuer Shoppingtrend aus Asien, der das Geschäft ankurbeln soll.

„Der einzige Lichtblick für mich ist im Moment die Digitalprämie, für die ich mich beworben habe und die ich hoffe, zu bekommen“, sagt eine Berliner Modehändlerin, die anonym bleiben möchte. „Damit man nicht so vom stationären Handel abhängig ist“, sagt sie und stellt auch in Aussicht, eventuell in Zukunft nur noch auf online setzen zu wollen, wo möglich. Sie sei im Mietrückstand und warte immer noch auf die zugesagten Dezemberhilfen. Das Kurzarbeitergeld werde für die Mitarbeiter gezahlt, aber nicht für das eigene Gehalt. Sie weiß aktuell nicht weiter und hofft darauf, dass eine schnelle Impfkampagne bald Besserungen bringt.

Während einige still verzweifeln, platzt anderen die Hutschnur, sie satteln kurzerhand auf das um, was verkauft werden darf. Das Modehaus Blum-Jundt im baden-württembergischen Landkreis Emmendingen wurde zum „Klopapier-Flagshipstore“ – eine Protestaktion der Inhaber. Ein bayerischer Händler aus Freyung hatte sein Geschäft ebenfalls zu über 50 Prozent auf Dinge des täglichen Gebrauchs umgerüstet, um öffnen zu dürfen: Toilettenpapier, Klobürsten und Lebensmittel. Er bekam dennoch eine Schließungsanordnung, das Landratsamt schätze seinen Laden weiterhin als ein Modegeschäft ein, so die Begründung.

Der Rügener Modehändler Ulf Dohrmann, dessen Läden geschlossen bleiben müssen, vertreibt neuerdings Corona-Schnelltests und beliefert damit Kommunen und Unternehmen.

Einen Hoffnungsschimmer für den hiesigen Einzelhandel könnte diese Meldung aus Großbritannien darstellen: Nachdem die Läden wieder öffnen durften, waren dort die Online-Bestellungen um zwölf Prozent zurückgegangen. Ein Zeichen, dass sich die Menschen nach dem Lockdown das stationäre Einkaufserlebnis zurücksehnten und dem Onlineshopping, zumindest teilweise, wieder den Rücken kehren werden.

Foto: Bikini Berlin – Robert Schlesinger

 

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