Kann ein KI-Roboter Jeans verkaufen?

„Hallo, ich bin Jeanie. Wonach suchen Sie heute?“ Gesucht wird eine schwarze, nachhaltige Jeans. Jeanie fragt, ob es ein Herren- oder Damenmodell sein soll, und zeigt dann zwei Optionen auf ihrem Bildschirm, die Lofty Low von Nudie Jeans und die Milla Wide von Nu Denim. Die Nudie Jeans besteht laut Jeanie aus 100 Prozent Bio-Baumwolle, die Nu Denim sei „nicht explizit als nachhaltig gekennzeichnet“. Zum Anprobieren muss allerdings ein Mensch übernehmen. „Ich kann mich nicht selbst bewegen, die Jeans holen oder den Kauf abwickeln“, sagt Jeanie. „Aber ich schalte jetzt die Anzeigeleuchte auf meiner Brust an, damit das Team weiß, dass es Ihnen weiterhelfen kann.“

Jeanie ist ein sozialer Roboter, der mithilfe eines Sprachmodells Kund:innen zu Jeans berät. Forscher:innen der Hogeschool van Amsterdam (HvA), einer Hochschule für angewandte Wissenschaften, und der Vrije Universiteit Amsterdam (VU) testen sie zehn Wochen lang im Jeansgeschäft De Rode Winkel in der Lange Elisabethstraat im niederländischen Utrecht. Inzwischen ist die Hälfte der Testphase vorbei. Untersucht wird, ob ein solcher Roboter das Ladenpersonal bei der Produktberatung unterstützen kann, ohne den persönlichen Service zu beeinträchtigen.

Der Versuch ist auch für den deutschen Modehandel interessant. Hierzulande könnten laut einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bis 2029 rund 39.100 Verkäufer:innen fehlen, mehr als in jeder anderen Berufsgruppe. Zugleich blicken viele Händler verhalten auf das laufende Jahr. Fast jedes zweite Unternehmen erwartete laut einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) für 2026 niedrigere Umsätze als im Vorjahr. Wie sich gute Beratung im Laden auch mit knapper Personaldecke sichern lässt, ist damit gerade für unabhängige Fachhändler eine zentrale Frage.

Der Test ist Teil des Forschungsprojekts „Bessere Produktberatung in meinem Geschäft durch einen sozialen Roboter mit KI“. Darin arbeiten HvA und VU mit acht Geschäften zusammen. Das Projekt läuft vom 1. Februar 2026 bis zum 31. Januar 2028 und wird vom Regieorgaan SIA mitfinanziert, einer niederländischen Förderorganisation für praxisnahe Forschung an Hochschulen.

Der Roboter trägt einen Denim-Anzug, den die niederländische Marke G-Star eigens für sie im hauseigenen Atelier in Amsterdam angefertigt hat. So ist sofort klar, dass Jeanie Jeansberatung anbietet. Ihr Kopf ist ein Bildschirm in einer Denim-Hülle, auf dem ein gezeichneter Roboter Passant:innen fragt, ob sie beraten werden möchten.

Vom Entscheidungsbaum zum echten Gespräch

Bisher arbeiteten Verkaufsroboter mit einem festen Satz von Fragen und Antworten. „Wirklich eine Art Entscheidungsbaum“, sagt der Forscher Ewout Nas. Mit einem Sprachmodell, einer Form Künstlicher Intelligenz (KI), kann der Roboter nun ein flexibles Gespräch führen, das mit den Produktinformationen des Geschäfts wie Marke, Modell, Passform, Größe, Material und Farbe verknüpft ist. „Dies ist ein Moment der Beschleunigung“, so Nas.

Tibert Verhagen, Lector für Emerging Technology for Business an der HvA, eine mit einer Forschungsprofessur vergleichbare Position, sieht das ähnlich. „Wo ein Verkaufsroboter früher hauptsächlich ein einstudiertes Gespräch abspulen konnte, kann er jetzt mitdenken und den Kund:innen wirklich zuhören.“

Für die Modebranche ist das ein relevanter Schritt. Frühere Tests von HvA und VU mit Robotern ohne Sprachmodell zeigten, dass diese vor allem bei einfachen, funktionalen Aufgaben gut funktionierten, etwa beim Wegweisen oder bei der Beratung zu Blumenerde. Bei Produkten, bei denen der persönliche Geschmack eine Rolle spielt, wie bei Kleidung, bevorzugten die Kund:innen menschliche Beratung. Auch das Personal in Modegeschäften und Baumärkten sah weniger Potenzial in einem Roboter als Kolleg:innen in Supermärkten und Drogerien. Das geht aus der HvA-Publikation „Soziale Roboter im Geschäft“ vom Februar 2025 hervor.

Die ersten vier Wochen des Tests dienten dazu, den Roboter auf die Praxis im Laden abzustimmen. In dieser Zeit wurde das Gesprächsverhalten deutlich verfeinert. Anfangs fragte Jeanie gezielt Geschlecht, Größe, Budget, Farbe und Passform ab, worauf die Kund:innen nur kurz angebunden antworteten.

Als Nas mitbekam, wie sich jemand aus dem Team ausführlich mit einer Person über Nachhaltigkeit unterhielt, der das Thema wichtig war, wurde der Ansatz geändert. Jetzt fragt der Roboter zuerst, was den Kund:innen an einer Jeans wichtig ist. Auch Passformen erweisen sich als schwierig. „Manche Kund:innen wissen genau, welche Passform sie möchten, andere haben keine Ahnung, wie die Passformen heißen.“

Jeanie übernimmt daher nur den Empfang und stellt einige grundlegende Fragen. Sobald die Beratung abgeschlossen ist, leuchtet die Lampe auf und ein diensthabender „Buddy“ übernimmt. Diese Übergabe ist entscheidend, denn bei De Rode Winkel nehmen Kund:innen nie selbst Hosen aus den Regalen. Das Personal holt alles, wenn nötig auch mit der Leiter.

Erste Ergebnisse und nächste Schritte

Es gibt noch einiges zu tun. Der Roboter gibt zu schnell Empfehlungen, bereits nach zwei Fragen. „Bei einer so großen Auswahl lässt man Kund:innen nicht sofort zwei Hosen anprobieren“, sagt die Forscherin Jacqueline Arnoldy. Wer nach einer genderneutralen Jeans fragt, muss derzeit noch zwischen Herren und Damen wählen. Eine genderneutrale Option ist aber in Planung.

Was Jeanie ebenfalls nicht kann, ist zu erkennen, was jemandem steht. „Manchmal kommen Kund:innen mit etwas, das sie online gesehen haben, während erfahrene Verkäufer:innen sofort erkennen, dass das Modell nicht zur Person passt. Das sieht der Roboter natürlich nicht“, sagt Daan Broekman, Inhaber von De Rode Winkel.

Das hat auch mit Datenschutz zu tun, ein Punkt, der für deutsche Händler ebenso zentral ist, da die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) EU-weit gilt. Die Hochschule filmt aus ethischen Gründen nicht mit dem Roboter. Kamera und Sensoren erfassen nur, was nötig ist, um auf die Kund:innen zu reagieren, etwa um sich der Person zuzuwenden.

Assistenz statt Ersatz

„Die Reaktionen der Kund:innen sind überwiegend positiv“, erzählt Nas. „Obwohl einige auch skeptisch sind.“ Erste Ergebnisse von 100 Kund:innen, Männern und Frauen im Alter von 16 bis 70 Jahren, geben einen ersten Eindruck. Nach dem Beratungsgespräch gaben 72 Prozent an, relevante Informationen erhalten zu haben. 67 Prozent hatten keine Schwierigkeiten bei der Bedienung. Mehr als die Hälfte empfand den Roboter als nützliche Ergänzung für das Geschäft.

In der zweiten Testhälfte messen die Forscher:innen systematischer, wie die Kund:innen die Beratung und die Kommunikation mit dem Roboter erleben.

Broekman sieht den Mehrwert vor allem im Produktwissen. Der Roboter könne mehr Informationen über Modelle, Passformen und Lagerbestand speichern als ein Mensch. Künftig könnte die Technologie in Stoßzeiten auch helfen, schnell festzustellen, wo bestimmte Artikel liegen oder welche Alternativen verfügbar sind. Der Roboter würde so zum digitalen Assistenten an der Seite des Personals, der hilft, Kund:innen schneller und gezielter zu bedienen.

Dass der Laden als Ort persönlicher Beratung an Gewicht gewinnen könnte, legt auch eine Studie der Markenberatung Liganova und des Marktforschers Appinio nahe. Demnach orientieren sich 87 Prozent der Befragten anderweitig, wenn ihnen Online-Informationen nicht authentisch erscheinen. Der Store werde damit zum Ort, an dem sich Markenversprechen überprüfen lassen.

Nach dem Einsatz bei De Rode Winkel wird Jeanie in weiteren teilnehmenden Geschäften getestet, darunter beim Babyausstatter Prénatal, der Baumarktkette Hubo und dem Elektronikhändler Expert. So soll sich zeigen, wie die Technologie in unterschiedlichen Handelsumfeldern funktioniert. „Wir stehen für Service“, sagt Broekman. „Aber gerade um dieses Serviceniveau hochzuhalten, müssen wir uns ständig erneuern und ausprobieren, was funktioniert.“


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