Was erwartet die Modebranche Herbst/Winter 2020?

Die Modebranche hat den Lockdown und seine Folgen überstanden, aber die Unsicherheit und Besorgnis über die Folgen einer zweiten Infektionswelle in den kommenden Wochen wächst. Welchen Herausforderungen sehen sich Händler und Brands aus Mode und Sport in der kommenden Herbst/Winter-Saison gegenüber?

In den vergangenen Wochen hat die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland und anderen europäischen Ländern wieder zugenommen. Auch wenn es Experten noch für verfrüht halten von einer zweiten Infektionswelle zu sprechen, bleibt die größte Furcht der Modehändler eine Rückkehr des Szenarios von März, als innerhalb von Tagen alle Bekleidungsläden bundesweit schließen mussten und die Einnahmen einbrachen.

„Wie es genau weitergeht, weiß keiner. Die große Unbekannte ist, wie sich die Corona-Pandemie entwickeln wird”, sagt Achim Berg, Senior Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey. „Stand heute ist die Modebranche in Deutschland besser weggekommen als noch im März und April erwartet. Trotzdem ist das das schlechteste Jahr in der neueren Modegeschichte.” Im ersten Halbjahr sanken die Umsätze im deutschen Bekleidungshandel um 30,5 Prozent, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Über das Gesamtjahr könnte die Modebranche einen Umsatzverlust von bis zu 20 Milliarden Euro einstecken, prognostiziert eine Studie des Instituts für Handelsforschung Köln und der BBE Handelsberatung. Laut den Marktforschern wuchsen die Erlöse 2019 noch um 1,9 Prozent auf rund 58 Milliarden Euro an.

Modeunternehmen müssen flexibler reagieren

Die Pandemie zwingt Modeunternehmen dazu, vorsichtiger zu werden. Einkäufer werden schauen, was sie als Risiko mit dem Lieferant einkalkulieren können und in Zukunft mehr auf Wertigkeit und Never-Out-of-stock gehen, sagt André Myburgh, Head of Merchandise Fashion & Accessoires des Zürcher Kaufhauses Jelmoli. „Ich denke, die Einkäufer werden alle vorsichtiger werden und schauen, was und wann einzusteuern ist. Das niedrigere Budget könnte noch länger beibehalten werden.” Die Prognosen für die Orderrunde Frühjahr/Sommer 2021 sind vorsichtig. Generell sei eine gekürzte Vororder von 15 bis 25 Prozent realistisch, hieß es bei den Ordertagen in Düsseldorf.

„Die große Herausforderung für alle ist es, die Volumina richtig zu planen und agil auf das Infektionsgeschehen zu reagieren”, sagt Berg. Gerade für bundesweite Händler mit entsprechendem Filialnetz kann die das Infektionsgeschehen an verschiedenen Standorten sehr unterschiedlich sein. „Sie werden flexibler darauf reagieren müssen – bis zu dem Punkt, dass man Läden schließen muss”, so der Experte von McKinsey. Seit der Lockerung der Coronavirus-Maßnahmen kam es in Deutschland lokal zu Lockdowns und Einschränkungen; die Pariser Stoffmesse Première Vision und die Offenbacher Lederwarenmesse wurden abgesagt, während die Düsseldorfer Modemessen im September wie geplant ausgerichtet wurden. /

Brands haben auch reagiert und viele haben Teile ihrer Kollektionen für Herbst/Winter 2020 storniert. Andere wie niederländische Marke Fabienne Chapot passen ihre Lieferrhythmen bereits langfristig an, um auf die neue Situation gestiegener Unsicherheiten zu reagieren. Ab der Saison SS21 wird die Vororder von vier auf zwei reduziert und das Label will flexibler reagieren – mit Flash-Kollektionen während der Saison und bei Nachbestellungen. Mit diesen Schritten soll auch das Risiko zwischen Marke und Händler gleichmäßiger verteilt werden. „Wir sehen, dass Nachbestellungen und saisonale Produktion eine Entwicklung sind, zu der der Einzelhandel zunehmend übergeht", sagt Gründerin Fabienne Chapot während eines Telefongesprächs. „Es wird immer schwieriger, im Voraus an alles zu denken". /

Wer muss ins Risiko?

Wenn Marken ihre Kollektionen umstellen, mehr Durchläufer anbieten und den Lagerbestand für Nachbestellungen erhöhen, wollen sie dem Handel entgegenkommen. Einige große Händler nutzen das jedoch zu sehr aus, sagen einige Marken. „Wir erleben auch weniger faires Verhalten von einigen Key Accounts, die ihre Pre-Orders halbieren oder sogar auf ein Drittel reduzieren und darauf bauen, dass die Brands über entsprechende Bestände verfügen“, erklärt Julien Durant, Geschäftsführer von Picture Organic Clothing.

Auch Brillenhersteller Julbo hat das festgestellt: „Einige große Händler ordern zwar, behalten sich aber das Recht vor, Ware zu einem gewissen Prozentsatz wieder stornieren zu dürfen“, sagt Bertrand Ragonneau-Flemming, International Sales Manager von Julbo. Aber auch die Industrie spielt auf Zeit. Gerhard Flatz, Managing Director des chinesischen Bekleidungs-Produzenten KTC: „Zahlungsziele von 150 Tagen – wie soll das gehen? Wir Produzenten gehen ohnehin schon in Vorleistung mit 60 Tage Materialbeschaffung, 60 Tage Produktion. Wenn dann noch ein halbes Jahr Zahlungsziel drauf kommt, bin ich kein Konfektionär, sondern eine Bank.“ Zu den Zahlungsverzögerungen können im Winter auch weiterhin Lieferschwierigkeiten kommen, was die Unsicherheit nochmals erhöht.

Kleinere Kollektionen, weniger Umsätze?

Ungeachtet der Möglichkeit einer zweiten Ansteckungswelle ab Herbst diesen Jahres und einem damit verbundenen Lockdown und Nachfrageeinbruch, blicken viele Modeunternehmen bereits jetzt niedrigeren Erlösen für das zweite Halbjahr entgegen, in das sonst mit der winterlichen Ware und der Festsaison die stärksten Monate des Jahres fallen. Viele Bekleidungshersteller haben ihre Produktionen für AW20 zurückgefahren, Pre-Kollektionen für SS21 gestrichen – die üblicherweise im November geliefert werden – und andere liefern die Sommerware später als sonst.

Peek & Cloppenburg wird für Juli, August, September deutlich weniger Ware bekommen als ursprünglich geordert, um auf der Fläche mehr Raum zu haben, die Produkte zu verkaufen, die noch da sind. Aber der Umsatz der winterlichen Ware, die sonst ab August ausgeliefert wird, fehlt dann. „Unser Sommer startet bei fast 50 Prozent der Lieferanten im Januar; Umsätze, die wir sonst im November und Dezember tätigen, erreichen wir so eventuell nicht”, sagte Miriam Anlauf, Buying Director für Damen-Artikel und Boutique bei Peek & Cloppenburg Düsseldorf. „Wir müssen also eine neue Rechnung aufmachen, weil unsere Saison erst im Januar startet.”

Marktbereinigung geht weiter

Auch die Sportbranche sieht den kommenden Winter als nächste Herausforderung: Die schneearme Wintersaison 2019/20, der frühe Abbruch der Saison durch den Ausbruch der Pandemie und die vollen Läger sind keine gute Voraussetzung für den Start in die nächste Saison. Unternehmen, die schon vorher mit Problemen gekämpft haben, könnte der Winter die Existenz kosten, sagt Robbert De Kock, Präsident des Weltverbands der Sportindustrie (WFSGI). „Es wird mehr denn je darauf ankommen, ob wir genug Schnee haben oder es genügend kalt wird, um Winterbekleidung zu kaufen. Das wird eine riesige Challenge.“

Zu den Wetterkapriolen, die Textilhändlern in den vergangenen Jahren schon zu schaffen machten, kommen in dieser Herbst/Winter-Saison auch noch die konjunkturellen Folgen der Covid-19-Pandemie. Die Rezessionseffekte in anderen Branchen werden zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führen, die sich auch auf den Konsum auswirken wird, sagt Achim Berg. „Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Begeisterung für den Modekauf dramatisch über die nächsten Monate verbessern wird.”

Die Kauflaune der Verbraucher ist weiterhin getrübt und der deutsche Modehandelsverband rechnet in den kommenden Monaten mit Tausenden Geschäftsschließungen. Bis jetzt kam es schon zu zahlreichen Insolvenzen – von Karstadt Kaufhof bis Esprit – auch mehr als 7000 Arbeitsplätze stehen bei den betroffenen Unternehmen und anderen, die umstrukturieren und Standorte schließen, auf der Kippe.

Die Konsolidierung der Modebranche wird voranschreiten und in Summe werden etwa 20 bis 30 Prozent der Marktteilnehmer ausscheiden oder aufgekauft, erwartet Berg. „Diese überfällige Konsolidierung wird noch stattfinden.”

Dieser Beitrag entstand mithilfe von Regina Henkel, Caitlyn Terra und Lisa Dartmann.

Bild: Einkaufen mit Maske | Westend61 / Picture Alliance

 

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