Platform Group-CEO Dominik Benner – wie ein ungeplanter Einstieg in das Familien-Schuhgeschäft zum Online-Imperium führte
Nicht weniger als 38 Unternehmen hat Dominik Benner in den vergangenen fünf Jahren mit der Platform Group übernommen. Das Wiesbadener Unternehmen begann zunächst als Online-Plattform für Schuh- und Modehandel und ist mittlerweile in 28 Branchen aktiv.
Während eines vereinbarten Videocalls wirkt der CEO des E-Commerce-Konzerns sichtlich gut gelaunt. Das Geschäftsmodell, stationären Händler:innen einen digitalen Verkaufskanal zu bieten, läuft. Für 2026 peilt die Platform Group – ehemals als Schuhe24 bekannt – erstmals die Umsatzmilliarde an. Dabei begann seine Erfolgsgeschichte ungeplant, als das Schicksal plötzlich an die Tür klopfte und ihn vor die Wahl stellte.
Plötzlich Schuhhandel
Gemeinsam mit dem Vater betrieb seine Mutter in vierter Generation klassische Schuhgeschäfte im Raum Frankfurt. Die Familie besaß seit 1882 Schuh- und Modehäuser in der Region. „Ich hatte mich nie dafür interessiert, das elterliche Unternehmen zu übernehmen”, erinnert sich Benner zurück. Aber als sein Vater 2012 überraschend starb, muss er entscheiden. Steigt er in den Familienbetrieb ein oder behält er seinen Geschäftsführerposten im Energiekonzern?
„Ich wollte nach 130 Jahren nicht derjenige sein, der das abschließt und die Tradition beendet. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, das Unternehmen weiterzuführen”, erklärt er.
Obwohl der 1982 geborene Betriebswirt aus einer Familie von Schuhhändler:innen kommt, musste er das Geschäft von Grund auf lernen. Als Kind half er als Teil seiner Aufgaben zuhause manchmal im Lager oder am Wochenende aus, aber näher hatte er sich nie mit dem Unternehmen beschäftigt.
„Ich war beim Einkaufen nicht dabei und habe keine Modeleidenschaft. Also ich bin einfach kein geborener Schuhverkäufer, das musste ich irgendwann einsehen”, erzählt Benner. Als farbenblinde Person hatte er nie so recht Interesse an der Mode entwickelt.
Stattdessen studierte Benner Betriebswirtschaftslehre auf Bachelor und Master an der renommierten Schweizer Universität St. Gallen, die für ihren anspruchsvollen Zulassungstest für Nichtschweizer:innen bekannt ist. Er promovierte über Fusionen und Übernahmen von Familienunternehmen – ein Thema, das wie ein frühes Indiz über die künftige Expansion der Platform Group anmutet.
Nach der Dissertation arbeitete Benner ab 2008 beim Baukonzern Bilfinger Berger, nach drei Jahren folgte ein Geschäftsführerposten im Energieunternehmen Juwi Group – diesen gibt er auf, als er in fünfter Generation in den Familienbetrieb mit sechs Schuh-Filialen einsteigt.
Von Schuhgeschäft zu Mode-Marktplatz
„Als ich die Schuhgeschäfte übernommen habe, haben wir uns die Frage gestellt, wie man eigentlich in Zukunft noch wachsen kann”, sagt Benner. Bald nach der Übernahme des elterlichen Geschäfts eröffnete er einen eigenen Onlineshop für Schuhe und merkte schnell, wie schwierig es ist, als einzelner Händler ausreichend Frequenz von Kund:innen online zu bekommen.
Sein Lernprozess führte ihn zur Gründung des Marktplatzes Schuhe24; nachdem er mehr als 1000 Filialen von Schuhhändler:innen angeschlossen hat, warb er um den Modehandel – wie etwa im Herbst 2019 beim Kongress des BTE Handelsverbands Textil in Köln. Damals war es sein Ziel, die Umsatzgrenze von 100 Millionen Euro zu knacken.
Einen Saal voll stolzer Inhaber:innen von Modehäusern aus dem deutschsprachigen Raum versuchte Dominik Benner davon zu überzeugen, dass sie ihr Geschäft online über seinen Marktplatz Mode24 abwickeln sollen. Die Online-Plattform nimmt ihnen das Betreiben eines Webshops, beispielsweise digitales Marketing oder die Abwicklung von Bestellungen ab. Händler:innen bekommen nach Eingang einer Bestellung eine E-mail und müssen lediglich die Ware verpacken und versenden. So riskieren stationäre Händler:innen es nicht, viel Arbeit in einen eigenen Onlineshop zu stecken, der am Ende nicht viel Traffic bekommt.
Im Rückblick erscheint seine Botschaft einleuchtend – damals kurz vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie war sie es für manche noch nicht. Denn mit dem Verkauf über Marktplätze verdienen stationäre Händler:innen unter dem Strich weniger als über die eigenen Läden. Spätestens die Lockdowns während der Pandemie haben allerdings verdeutlicht, warum ein zusätzlicher Online-Verkaufskanal für den stationären Handel angesichts von Waren-Überhängen, volatiler Wetterlagen und Frequenzen sowie Online-Konkurrenz von Zalando oder Amazon helfen kann.
„Ich habe den Leuten relativ schnell gesagt: Euer Konkurrent wird künftig Amazon sein. Amazon wird selbst Schuhe massiv kaufen und billig im Markt raushauen”, sagt Benner. „Das wird euer Konkurrent. Und das haben viele verstanden.”
Zwischen stationär und digital
Stationäre Händler:innen sahen Online-Player lange als lästige Konkurrenz zu ihrem angestammten Geschäft und vernachlässigten digitale Verkaufskanäle. Bis heute haben wenige – selbst etablierte Unternehmen – es geschafft, erfolgreich einen eigenen Onlineshop zu betreiben. Durch seinen späten Einstieg in das Schuh- und Modegeschäft war Dominik Benner nie in den Denkmustern des klassischen Handels verhaftet.
Auch sein Auftritt beim BTE-Kongress unterscheidet sich von dem der anderen Vortragenden. Sind es seine zurückgekämmten Haare und Hornbrille, das Einstecktuch im Jackett oder die präzise aufeinander abgestimmten Powerpoint-Folien, die an Business-School, Unternehmensberatung und Arbeitsabläufe im Konzern erinnern?
Doch Benner weiß inmitten der mittelständischen Unternehmer:innen mit seiner Herkunft zu punkten. Er gibt sich als einer aus ihren Reihen, der stationären Händler:innen mit einem Marktplatz hilft, online zu verkaufen. Und dieses Image pflegt er nicht nur, um seinen Business Case zu stützen.
Der Unternehmer betreibt bis heute neben dem Stammhaus in Wiesbaden noch neun weitere Schuhgeschäfte in der Region. Seit seinem Einstieg in das Familienunternehmen wurden sogar vier weitere Läden erworben. Warum bleibt er trotz der Expansionen im Plattformgeschäft weiter im stationären Schuhhandel investiert?
„Es ist unsere DNA. Und wenn es die DNA ist, willst du das nicht aufgeben. Das ist unsere Herkunft und wir glauben, dass wir dadurch den Handel bis heute sehr gut verstehen”, erklärt Benner. „Wenn du Händler:innen gut verstehst, kannst du mit Händler:innen auch gut arbeiten.”
Seine Mutter Monika Benner kommt mit 71 Jahren weiterhin jeden Tag in den Familienbetrieb, sein Bruder ist ebenso im Unternehmen tätig. Die Familienholding der Benners hält laut Webseite rund 70 Prozent an der Platform Group, der Rest der Aktien ist frei an der Börse handelbar. Er beschreibt die Unternehmenskultur der Platform Group als „familiengeprägt”. „Das heißt, wir entscheiden schnell und direkt. Wir haben eine sehr starke Trial-and-Error-Mentalität. Wir probieren Sachen aus und diskutieren nicht mehrfach darüber.”
Umtriebiger Unternehmer
Als Unternehmer will Benner auch lokal etwas zurückgeben. Seit 2022 lädt die Platform Group Anwohner:innen einmal jährlich am Firmensitz in der Wiesbadener Innenstadt zur Pasta-Tafel im Freien ein; über die rund 400 Plätze am Tisch entscheidet das Los. Die Pasta wird von den Restaurants der Benners geliefert, über die Holding ist die Familie auch in Geschäftsfeldern wie Gastronomie und Immobilien aktiv.
So sehr der gebürtige Wiesbadener ein lokaler verwurzelter Unternehmer ist, ist Dominik Benner auch ein umtriebiger Geschäftsmann mit Ambitionen. Als Zalando groß in das Marktplatz-Geschäft einstieg, begann er, neue Nischen zu suchen.
Die erste Branche nach Schuhen und Mode ist der Maschinenhandel. Die Platform Group übernahm eine Firma, die ausschließlich mit Maschinen handelt. Diese ist heute laut Benner eine der profitabelsten Sparten. Dann kamen Fahrräder mit der Fahrrad-Plattform Bike-Angebot, auf der mehr als 1000 Fahrradhändler:innen ihre Produkte verkaufen.
„So haben wir uns immer weiter neue Branche vorgewagt, immer mit dem gleichen Plattformmodell”, sagt Benner. „Wir bringen Händler:innen auf unsere Plattform und machen für sie den kompletten Online-Handel, weil sie es alleine nicht schaffen.”
Im Dezember 2020 änderte die Schuhe24-Gruppe ihren Namen zu Platform Group, um ihr Geschäftsmodell zu reflektieren, das nun neun Branchen umfasste. Es folgten unter anderem Vorstöße in die Luxusmode, den Apothekenbereich und das Geschäft mit Kunstpflanzen. Inzwischen ist die Platform Group in 28 Branchen und 14 europäische Länder expandiert, der Umsatz im laufenden Jahr soll bis zu 735 Millionen Euro erreichen.
Mode-Strategie
Mit der jüngsten Übernahme des Sneaker-Shops 43einhalb GmbH investiert die Platform Group weiter in den Bereich Mode & Schuh, der derzeit etwa 250 Millionen Euro zum Umsatz beiträgt.
„Wir haben dieses Mode-Universum immer weiter ausgeweitet, aber nur im Luxusbereich, mit Fashionette, Winkelstraat, Joli Closet”, erklärt Benner seine Strategie. Der durchschnittliche Warenkorbwert liege dort bei etwa 400 Euro. „Das ist viel spannender als günstige Artikel und man verdient mehr Marge damit.”
Rund 5300 Mode- und Schuhgeschäfte verkaufen online über die Auftritte der Platform Group – von der Luxus-Boutique über Schuhgeschäfte, Modegeschäfte, Lederwarengeschäfte bis zu Taschengeschäften. Ihre Umsätze können sie dadurch zwischen zehn bis 25 Prozent steigern. Nur bis zu vier Prozent der angeschlossenen Händler:innen verkaufen sowohl über die Luxusmode-Töchter Fashionette und Winkelstraat als auch über den eigenen Online-Store.
Chancen der Zukunft
Die derzeitige Krise im Luxusbereich ist Benner nicht entgangen und könnte Marktplätzen wie den Töchtern der Platform Group auch Chancen bieten. „Mode ist super anspruchsvoll. Zum einen ist es ein Rabatt-Kampf und zum anderen tut sich die Luxusindustrie ganz schwer”, sagt er. Bei vielen treffen rückläufige Umsätzen auf steigende Kosten für Personal und Miete. „Auf der anderen Seite kommen die Händler:innen zu uns, um online zu verkaufen und mehr Umsatz zu erzielen."
Auch von der jüngsten Konsolidierung unter den Luxus-Marktplätzen verspricht er sich Wachstum für seine Plattformen. „Es gibt eigentlich kaum eine Plattform im Bereich Luxusmode mehr”, sagt er. Der angeschlagene britische Luxus-Modehändler Farfetch sei nach der Übernahme durch den südkoreanischen E-Commerce-Konzern Coupang “nicht mehr groß aktiv in Europa”. LuxExperience, der neue Konzern um MyTheresa, will sich in Zukunft auf ein kuratiertes Luxusangebot fokussieren; noch ist nicht bekannt, wie es mit dem Plattform-Geschäft für stationäre Händler:innen des Konkurrenten Yoox-Net-a-Porter nach der Übernahme weitergehen wird.
„Sonst kennen wir eigentlich keine Luxus-Plattformen in Deutschland und deswegen finden wir diesen Bereich schon spannend”, resümiert Benner. „Da kann man schon noch weiter wachsen.” Er beobachtet ebenfalls das überdurchschnittliche Wachstum des Vintage-Luxus-Geschäfts mit Interesse. „Das ist ein Riesenwachstumsmarkt, der da entsteht.”
Blick in die Zukunft
Nach Jahren des rasanten Wachstums hat sich die Platform Group inzwischen auch von kleinen Beteiligungen getrennt, die wenig zum Umsatz beitragen. Der E-Commerce-Konzern will sich in den kommenden fünf Jahren auf wesentliche Beteiligungen konzentrieren, die zu den künftigen Margen-Zielen beitragen.
Bis 2030 soll die Marge von acht Prozent auf einen zweistelligen Wert steigen. Dann soll der Jahresumsatz bei mindestens drei Milliarden Euro liegen, dafür will der Konzern in weitere Länder expandieren und die Anzahl der Branchen auf mehr als 50 erhöhen.
„Wir möchten in neue Branchen eintreten. Es klappt nur, in neue Branchen einzutreten, wenn wir hier gute Plattformen finden und wenn auch ein bisschen internationaler werden”, sagt Benner mit Blick auf die USA. „Wir wollen also mehr Richtung Amerika gehen und neue Länder erreichen.”
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