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Tel Aviv Fashion Week – die "alternative Modewoche" mit Vorbildfunktion

Von Julia Garel

14. Apr. 2022

Mode

Foto: Yanki and nataf

Vergangene Woche fand die Tel Aviv Fashion Week in Israel statt. Es war eine Woche mit Modeschauen, die beispielhaft für die Inklusivität war, nicht nur in Bezug auf das Casting der Models. Die Veranstaltung, die die einende Kraft der Mode nutzt, begrüßte auf ihrem Laufsteg zum ersten Mal auch eine Designerin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Mona al Mansouri.

„Ich nutze diese Plattform, um ein soziales Bewusstsein zu verbreiten, nicht nur für Kleidung. Das ist es, was uns anders macht“, sagte Motty Reif, der Gründer der Tel Aviv Fashion Week, den FashionUnited nach einer gemeinsamen Show mit den Studenten des Shenkar College traf – der Modeschule, zu deren Studenten auch der Modedesigner Alber Elbaz gehörte. Seit etwa zehn Jahren wird dieser fruchtbare Nährboden für Talente und Kreationen durch seine Fashion Week unterstützt.

Dieses Jahr kamen 20.000 Menschen in den umgebauten Hafenschuppen, um die gut 20 Shows zu besuchen. Die von Motty als „alternativ“ bezeichnete Modewoche ging vier Tage lang einen Schritt weiter als ihre großen Schwestern in London, Mailand, Paris und New York.

„Eine Feier der Schönheit und der Menschen“

Nachdem er die London Fashion Week besucht hatte, sagte Motty Reif, er sei erstaunt über das dortige Casting gewesen, das seiner Meinung nach in keiner Weise die Stadt widerspiegelte, die doch als „Hauptstadt der Vielfalt“ wahrgenommen werde, wie er sagt. „Die Models waren alle jung, dünn und groß. Das ist für mich hier das Wichtigste. Wenn die Designer:innen nur mit schlanken Models arbeiten wollen, ist das in Ordnung, aber sie müssen zwischen 20 und 80 Jahre alt sein. Es geht um verschiedene Größen, Alter und Körperformen. Meiner Meinung nach ist es das, was eine Feier der Schönheit und des Individuums wirklich ausmacht. Und das ist etwas, was es weder in Mailand noch in New York zu sehen gibt.“

Auf dem Laufsteg wechselten sich die Looks von einer kurvigen Silhouette zu einem schlanken Model, von grauen Haaren zu Schwarzer Haut mit rasiertem Kopf sehr divers ab. Die Vielfalt war da und das Publikum applaudierte großzügig und begrüßte die Plus-Size-Models genau so wie auch die älteren Frauen und lokalen Berühmtheiten.

Bild: Yanki and Nataf / Northern Star

Insgesamt waren die Models alle israelisch, aber „wie die meisten Menschen, die hier leben, kommen sie von verschiedenen Orten, einige sind Eingewanderte oder Geflüchtete“, sagte Keshet Shapiro Vaturi, die Designerin der Marke Kesh, die im Kalender der Kornit Fashion Week steht. „Ich schaue nicht auf die Vergangenheit der Menschen, wenn ich caste, wie bei meinen Lieferanten oder den Menschen, mit denen ich arbeite, ich wähle die Menschen danach aus, wer sie sind und was sie aussagen.“ Sie hofft, dass Inklusivität eines Tages etwas völlig Natürliches sein wird: „Heute scheint es in vielen Fällen erzwungen zu sein, aber ich denke, es ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Die Darstellung von Körpervielfalt hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und das Thema Inklusivität in der Mode soll sich sogar auf die Verkaufszahlen auswirken. Laut dem Bericht über Repräsentation und Inklusion in der Modeindustrie, der 2021 von der All-Party Parliamentary Group for Textiles and Fashion veröffentlicht wurde, gaben 83,7 Prozent der Befragten an, dass es ihre Kaufentscheidung beeinflussen würde, wenn sich eine Modemarke als nicht inklusiv erweise. Der Gründer der israelischen Fashion Week hat dies verstanden: „Ich denke, dass Frauen genug von Fantasien haben“, sagt er. „Ein:e Designer:in kann nicht nur eine Art von Modell auswählen und fotografieren, sonst kaufen die Menschen [die Mode] nicht.“

Bild: Mona al Mansouri.

Mona al Mansouri, die erste arabische Designerin, die in Israel zeigt

In Israel erhält das Konzept der Inklusion und damit des Zusammenkommens eine weitere politische Dimension. Da es in einem Land, das von religiöser Spaltung geprägt ist, Gestalt annimmt, hat die menschliche und kulturelle Landschaft, die die israelische Mode zu repräsentieren wählt, eine noch größere Tragweite als die der europäischen und amerikanischen Fashion Weeks.

Ende März fand auf israelischem Boden ein Treffen zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Staat und den arabischen Ländern statt. An diesem „Negev-Gipfel“ nahmen der israelische Außenminister Yair Lapid und vier seiner arabischen Amtskollegen (Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain und Marokko) teil. Die Veranstaltung ermöglichte den Besuch von Mona al-Mansouri, einer Designerin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein großer Schritt nach vorn, da es das erste Mal in der Geschichte war, dass eine arabische Designerin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten an der israelischen Fashion Week teilnahm.

Die Aufnahme von Mona al-Mansouri wurde nach monatelangen Diskussionen ermöglicht: „Wir konnten das nie zuvor tun“, sagte Motty. Aber dank des von Naftali Bennett [Anm.d.Red.: Der israelische Premierminister] in Gang gesetzten Prozesses hat sich eine tolle Gelegenheit ergeben. Sie war sehr mutig, sich zu entscheiden, zu kommen, denn es ist nicht einfach, ihre Kund:innen kommen aus dem Libanon, aus Syrien, aus Yemen (...) Ich hätte nicht gedacht, dass sie kommen würde... Man trifft eine Entscheidung und weiß, was man verlieren kann. Dann sagte sie an einem bestimmten Punkt: «Ich werde den ersten Schritt machen, um eine echte Verbindung für den Frieden herzustellen». Und das hat sie getan.“

Nach Ansicht von Motty kann die Mode eine Rolle bei der Annäherung zwischen Israel und den arabischen Nachbarländern spielen: „Unsere Politiker reden und erzählen Geschichten, aber wir als Menschen, als Modeleute, müssen den ersten Schritt machen.“

Bild : Shady Francis Majlaton Facebook.

Neben den Modenschauen gab es bei der Kornit Fashion Week auch einen Showroom mit Designer:innen unterschiedlicher Herkunft. Unter ihnen war auch Shady Francis Majlaton. Der arabische Designer mit israelischer Staatsbürgerschaft, der auch Palästinenser ist, lässt sich in seiner Arbeit unter anderem von muslimischer Kleidung inspirieren. Seine Anwesenheit war für die Kuratorin Roza Sinaysky von großem Wert: „Ich wollte unbedingt einen palästinensischen Designer, nicht aus symbolischen oder strategischen Gründen, sondern weil es für mich das Gleiche ist. Sie haben nicht die Möglichkeit, so etwas zu machen, weil sie ein ziemlich restriktives Umfeld haben, genau wie Aharon Ganis“ [Anm. d. Red: ein israelischer Designer, der in einer ultra-orthodoxen Familie aufwuchs].

Am vergangenen Donnerstag, einen Tag nach der israelischen Fashion Week, eröffnete ein Palästinenser aus dem besetzten Westjordanland das Feuer auf einer Straße in Tel Aviv. Auch wenn die Mode und die Symbole der Einheit, die sie den Ländern bieten kann, leider ihre Grenzen haben, so kommt dem Berufsstand dennoch das Verdienst zu, mit gutem Beispiel vorangehen zu wollen.

Julia Garel reiste auf Einladung des israelischen Tourismusministeriums nach Israel.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ.

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