Pierpaolo Picciolis Haute-Couture-Debüt für Balenciaga
Im Rahmen einer der am meisten erwarteten Schauen der Pariser Haute Couture Week hat Balenciaga am Mittwoch seine 55. Haute-Couture-Kollektion vorgestellt – die erste unter der kreativen Leitung von Pierpaolo Piccioli. Die Ernennung des römischen Designers zum Kreativdirektor des zum französischen Luxuskonzern Kering gehörenden Modehauses war Ende Mai 2025 bestätigt worden, sein Amtsantritt folgte am 10. Juli desselben Jahres – fast genau ein Jahr vor der heutigen Schau.
Für sein Debüt wählte Piccioli einen neuen Ort: Statt in den traditionellen Salons am Stammsitz in der Avenue George V zeigte er die Kollektion unter der sengenden Sonne eines besonders heißen Pariser Tages im Ehrenhof der Cité Internationale Universitaire de Paris im Süden der Stadt – die erste Open-Air-Präsentation einer Haute-Couture-Kollektion in der Geschichte des Hauses. Die historischen Gebäude des Universitätscampus erinnern an das Schloss Fontainebleau.
Zur Einordnung: Nachdem sich Gründer Cristóbal Balenciaga 1967 zurückgezogen und sein Modehaus geschlossen hatte, ruhte die Haute Couture der Marke über fünf Jahrzehnte. Erst am 7. Juli 2021 belebte Demna Gvasalia die Linie mit der 50. Haute-Couture-Kollektion wieder. Der georgische Designer entwarf fünf Kollektionen, bevor er den Staffelstab an Piccioli übergab und den Relaunch von Gucci übernahm.
Piccioli bringt seinerseits langjährige Couture-Erfahrung mit: Als Kreativdirektor von Valentino verantwortete er die Haute Couture des italienischen Modehauses, zuletzt mit der Kollektion für Frühjahr/Sommer 2024 im Januar 2024. Bereits seine Valentino-Kollektion für Herbst/Winter 2023/24 ließ deutliche Anleihen an Balenciagas Werk erkennen – die heutige Schau wirkt in Atmosphäre wie Design wie deren Fortsetzung.
Zwischen Sack-, Ballon- und ‘Pfauenschwanz’-Kleidern
Mit der 55. Haute-Couture-Kollektion demonstrierte Piccioli sein tiefes Verständnis für das Können des Meisters aus Getaria: eine lebendige Abfolge von Modellen, inspiriert vom Werk des Spaniers ebenso wie von der Gegenwart – und geprägt von Picciolis eigener Handschrift.
Das Ergebnis ist eine farbenfrohe Symphonie. Neutrale Töne wie Sandbraun, Weiß, Steingrau und Schwarz treffen auf Korallenorange, Aquamarin, Himmelblau, Violett, Pastellgelb und Waldgrün sowie herbstliche Aubergine-, Bordeaux- und Burgundnuancen. Die breite Palette an Rosatönen – von Pastellakzenten bis zum ‘Shocking Pink’ Schiaparellis – erinnert an den ‘Barbiecore’-Trend, den Piccioli bei Valentino maßgeblich mitprägte, ordnet sich hier jedoch den Balenciaga-Referenzen unter. Farblich schöpft die Kollektion aus den Werken spanischer Meister wie Zurbarán, El Greco und Goya, die Cristóbal Balenciaga zu Lebzeiten stark beeinflussten. Eingesetzt werden die Farben vor allem in Color-Blocks; auf Drucke wird fast vollständig verzichtet – Ausnahmen bilden texturierte Oberflächen und florale Muster als flache, dekorative Elemente.
Bei den Schnitten dominieren umhüllende, fließende und panzerartige Linien mit tierischen Einflüssen – in der Tradition von Balenciagas Sack-, ‘Pfauenschwanz’-, Ballon- und Trapez-Designs, mit denen der Couturier ein bis heute gültiges Vokabular der Mode schuf. Piccioli schöpft aus Erbe und Archiv des Hauses und überträgt dieses Vermächtnis zugleich in die Gegenwart: Archetypen der goldenen Couture-Ära erscheinen als fließende Blusen mit Stehkragen, westenartige Capes, Mantelkleider oder transparente Blusen im ‘Pfauenschwanz’-Schnitt. Diese doppelte Sprache verdeutlicht seine Absicht, Balenciaga als Referenz für heutige Mode-Liebhaber:innen zu positionieren – mit einer Haute Couture, die ebenso sinnlich wie tragbar ist.
Vor Gästen wie Demi Moore, Isabelle Huppert und Naomi Watts präsentierte das Haus eine Kollektion, die „eine Hommage an die Prinzipien von Balenciaga als Haute-Couture-Haus ist, verwurzelt in seinen Axiomen, seinen Eigenheiten, seinen Wahrheiten“, wie es im Begleittext zur Schau heißt. Ausgangspunkt ist die elementare Bedeutung, die Cristóbal Balenciaga dem Stoff als Anfang und Ende seiner Entwürfe beimaß – eine Methodik, die Piccioli übernimmt.
Die Entwürfe sind aus Tüll, Musselin, Federdetails und dem von Balenciaga mitentwickelten Seiden-Gazar gefertigt, der seinen Kreationen ihr charakteristisches Volumen verlieh. Der „Besessenheit“ des spanischen Couturiers für „Dreidimensionalität, für die Schneiderei als wahre Skulptur“ im Dienste des weiblichen Körpers wird in dieser ersten Haute-Couture-Kollektion Picciolis für Balenciaga besonders gewürdigt.
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