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Pariser Männermodewoche: Die Laufstegschauen sind gekommen, um zu bleiben

Von Jesse Brouns

29. Juni 2021

Mode

Sonntag endete die Men's Fashion Week in Paris. Es war die erste Modewoche mit Publikum seit letztem September. Der offizielle Kalender der Fédération de la Haute Couture et de la Mode beinhaltete etwa siebzig Veranstaltungen, darunter zehn Laufsteg-Schauen.

Das physische Programm war relativ klein, aber dennoch größer als in Mailand, wo nur Etro, Dolce & Gabbana und Giorgio Armani "live" zeigten. Die meisten Marken haben sich wieder für Videos entschieden, darunter auch Giganten wie das französische Modehaus Louis Vuitton.

Etliche Pariser Labels und Designer empfingen Journalisten und Einkäufer persönlich in ihren Showrooms. Casablanca-Gründer Charaf Tajer sprach fast eine Stunde lang mit FashionUnited über seine neue, von Japan und der Designgruppe Memphis inspirierte Kollektion in einem eigens angemieteten Gebäude: drei Etagen vollgestopft mit Kleidern, Taschen, Schuhen und Schmuck – und drei provisorische Fotostudios.

„Wir haben in dieser Saison 600 Artikel in der Kollektion", sagte Tajer, "ein Rekord." Tajer, ein in London lebender Franzose mit marokkanischen Wurzeln, hatte eigentlich eine Catwalk-Show geplant. Doch das scheiterte letztlich. „Wir warten lieber darauf, dass mehr Leute zurückkommen", sagte er.

Casablanca hat einen Cocktail im Garten des Ritz organisiert, dem Luxushotel am Place Vendôme. Dazu waren prominente Gäste wie Ella Emhoff, der Stieftochter der US-Vizepräsidentin Kamala Harris, und Ashley Park, die Schauspielerin aus Emily In Paris (die zweite Staffel der Netflix-Serie wurde in den vergangenen Wochen in Paris gedreht) geladen.

Dilan Lurr, Creative Director von Namacheko, kam mit seiner Kollektion aus Antwerpen. Er zeigte seine Kleidung in einem Sitzungssaal des von Oscar Niemeyer entworfenen Hauptsitzes der Kommunistischen Partei Frankreichs.

Er drehte auch einen Film in einer brutalistischen Kirche im westflämischen Dorf Harelbeke. „Ich denke, ich werde zu gegebener Zeit zurückkommen, um zu zeigen", erzählte er FashionUnited in Paris. „In der Zwischenzeit liebe ich diese Kombination: Hier im Showroom kann ich Menschen treffen, persönliche Kontakte knüpfen, und zusätzlich gibt es das Video, mit dem ich ein viel größeres Publikum erreichen kann."

Lurr hat in den letzten Tagen vor allem Journalisten und Redakteure gesehen. „Ich hatte zwei Termine mit Einkäufern diese Woche, beide aus Frankreich", sagte er. „Die Saison vor Covid hatte ich noch achtzig Verkaufstermine." Er fügte hinzu, dass das Geschäft gut läuft. Der Unterschied ist, dass die Verkäufe an Buyer nun fast vollständig online vollzogen werden.

Dies ist sowohl für die Modemarken als auch für die Einkäufer von Vorteil: sie müssen nicht mehr nach Mailand und Paris reisen oder in teure Showrooms investieren. Der Nachteil für die Einkäufer ist, dass sie die Kleidung erst zum Zeitpunkt der Lieferung zusehen bekommen, und das kann manchmal enttäuschend sein. Für Modejournalisten sind Videos frustrierend. Der Nachrichtenwert einer Modewoche liegt größtenteils im Verborgenen – in den Menschen, die man trifft, und in den Erfahrungen, die man teilt.

Dior begrüßte 500 Gäste

Der Andrang zur Modewoche war absolut nicht mit dem der Pre-Corona-Zeit zu vergleichen. Asien, der mit Abstand wichtigste Markt für Luxusmode, war unterrepräsentiert, und es gab weit weniger Influencer und Streetstyle-Fotografen als in der Vergangenheit. Die Grenzen zu den Vereinigten Staaten sind wieder geöffnet, und das führte zu einer begrenzten Anwesenheit von US-amerikanischen Modeprofis.

Dior war das einzige Label, das so tat, als wäre alles in Ordnung – mit einer Show für 500 Gäste in einem riesigen Zelt vor der vergoldeten Kuppel von Les Invalides. Die Social-Distancing-Maßnahmen, bei dem ein Platz zwischen den Sitzen freigehalten wird, wurden weitgehend ignoriert. Kim Jones, Artistic Director für Menswear bei Dior, hat seit seinem Eintritt in das ehrwürdige französische Modehaus jede Saison mit einem anderen renommierten Künstler zusammengearbeitet. Dieses Mal hat er den Musiker Travis Scott gefragt, der bereits mit McDonald's, Nike, Playstation, Epic Games und Byredo kollaborierte. Und so rückte die High Fashion ein wenig näher an die Unterhaltungsbranche heran.

Das Dekor von Dior war erstaunlich: eine Mischung aus Christian Diors Garten mit der Wüste von Texas, mit riesigen Rosen und Kakteen. Die Kollektion wurde schick und leicht psychedelisch, mit Schlangenhaut und den Farben eines psychedelischen Sonnenuntergangs (plus einen Hauch von fluoreszierendem Grün hier und da). Der Bezug zu Texas war offensichtlich: Scott wuchs dort auf, und Dior passierte den Staat 1947 während seiner legendären Reise durch Vereinigten Staaten.

Die Hermès-Schau war der letzte wichtige Termin in dieser Woche. Das Format war etwas kleiner als das von Dior. Etwa hundert Gäste waren in den Innenhof des Mobilier National eingeladen. In dem Gebäude werden außergewöhnliche Möbel des französischen Staates aufbewahrt. Die Show begann pünktlich, in einem fast tropischen Regen. Véronique Nichanian, Artistic Director der Herrenkollektion von Hermès kollaborierte zum dritten Mal mit dem Theaterregisseur Cyril Teste, und wählte zum ersten Mal die Form einer klassischen Laufstegshow, mit der mineralischen Architektur von Auguste Perret und Großbildschirmen als Kulisse. Es war eine denkwürdige Show, eine der erfolgreichsten in der langen Karriere von Nichanian – weich, und dennoch voller Energie und Optimismus. Wie anderswo in Paris (Louis Vuitton, Dior, Burberry) wurde die Farbpalette von Sandtönen dominiert.

„Die menschliche Verbindung mit dem Publikum während einer Modenschau ist unersetzlich", sagte Nichanian. „Zu sehen, wie die Leute die Kleidung tragen, ist das, was ihr Leben gibt."

Dior und Hermès waren die Blockbuster der Woche. Aber zusätzlich ergriffen auch einige jüngere französische Labels ihre Chance auf einen Platz im Rampenlicht.

Eröffnet wurde die Woche mit Back-to-Back-Schauen von Cool TM in einer stimmungsvollen, leerstehenden Villa am Place d'Iéna und Bluemarble im Innenhof des Nationalarchivs im Marais. Beide Labels sind spezialisiert auf eine Mischung aus Streetwear und High Fashion – in Technicolor.

Das Duo Lazoschmidl eröffnete einen Pop-up-Shop und begrüßte die Presse mit einer One-Man-Show: ein Model, das die Kleidung der neuen Kollektion im Store präsentierte und dem Publikum dabei tief in die Augen schaute. Isabel Marant klebte Fotos ihrer neuen Kollektion an die Säulen des Palais Brogniart, und organisierten ein Picknick auf dem Platz davor (eine großartige Idee, zu schade, dass es für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt war). Courrèges eröffnete ein neues Geschäft im Marais. Akne zeigte Archivausgaben des Acne Journal, das noch in diesem Jahr neu aufgelegt wird.

Celine, Saint Laurent, Kenzo, Balenciaga, Balmain, Berluti und Raf Simons sowie einige andere Marken waren letzte Woche nirgendwo zu finden. Einige Labels ziehen es wahrscheinlich vor, bis September zu warten, um ihre Herrenkollektionen zusammen mit den Damenkollektionen zu präsentieren. Saint Laurent und Celine, sowie Gucci, scheinen sich wohler zu fühlen, wenn sie ihrem eigenen Rhythmus folgen können. Balenciaga hatte einen wichtigeren Termin in der kommenden Woche, während der Couture-Week.

Die Modewochen der Zukunft werden digital und analog sein

Wenn die Modewoche der Männer etwas bewiesen hat, dann dass die Laufstegshow da ist, um zu bleiben. Die Modebranche braucht Events um Inhalte für soziale Medien zu erstellen, aber auch einfach um sich zu vernetzen – ebenso wie die Städte, in denen die Modewochen stattfinden. Aber vielleicht braucht nicht jedes Label eine Show, und vielleicht werden sie nie wieder so groß sein wie früher, obwohl Diors Präsentation das Gegenteil zu suggerieren scheint. Es bleibt abzuwarten, ob internationale Journalisten und Einkäufer in Scharen nach Paris, Mailand, London und New York zurückkehren werden. Eine Reihe von Boutiquen hat die Pandemie nicht oder nur knapp überlebt, und weltweit verschwinden Magazine.

Auch der Modefilm wird nicht verschwinden. Mit diesem Medium erreichen Marken ein viel größeres Publikum, auch wenn die endgültige Wirkung kleiner sein mag als die einer Modenschau. Giganten wie Louis Vuitton oder Chanel haben genug Ressourcen, um sowohl eine spektakuläre Laufstegshow als auch eine Hollywood-Produktion zu finanzieren. Aber für kleinere Marken wird es eine Frage der Effizienz.

„Ich liebe Shows", sagt der aufstrebende Designer Boramy Viguier gegenüber FashionUnited, "aber eine weiße Box mit einer Reihe von Models in einer Reihe ist nicht mehr genug. In der Vergangenheit, in der Ära von Coco Chanel hielten die Models ein Schild mit einer Zahl, das auf die Reihenfolge ihres Outfits in einem Orderbuch hinwies. Außerdem gab es typische Modelposen. Shows haben sich immer weiterentwickelt." Viguier zeigte in dieser Saison seinen dritten Modefilm.

Auf lange Sicht könnte es so werden wie früher: Fast jede Show wurde bereits vor der Pandemie per Livestream übertragen. In der Zwischenzeit haben die Organisatoren der Modewochen, wie zum Beispiel die Fédération de la Haute Couture et de la Mode, die notwendige digitale Infrastruktur, um diese Livestreams auf einer Plattform zur Verfügung zu stellen. Die nächste Generation der Modewochen wird sowohl analog als auch digital sein, um eine noch größere Wirkung zu erzielen.

Dieser übersetzte und bearbeitete Beitrag erschien zuvor auf FashionUnited.nl.

Titelbild: Louis Gabriel Nouchi