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Nachhaltige Trendforscherin: „Ohne Saisons betrachten Marken Farben auf eine fließendere Weise“

Von Léana Esch

25. Okt. 2021

Mode |Interview

Bild: Luminary Colours

Anna Starmer gründete vor fünfzehn Jahren die Trendprognose-Agentur Luminary und entwickelte einen einzigartigen Ansatz, der sich an der Erde orientiert und nachhaltig ist. Sie arbeitet mit einigen der größten Handelsunternehmen und Marken zusammen, um eine nachhaltigere Modebranche aufzubauen, die sich auf langlebigere Inspirationen und Trends konzentriert. FashionUnited hat sich mit der Gründerin getroffen und über ihren kreativen Prozess, die Entstehung der Luminary Books und warum Farbe eine so wichtige Rolle in der Modeindustrie spielt, gesprochen.

Können Sie Ihren Werdegang schildern und wie Sie darauf gekommen sind, Luminary zu gründen?

Ich habe am Chelsea College in London Strickwaren und Textildesign studiert und nach meinem Abschluss in einem Studio für Farb- und Trendprognosen gearbeitet. Dort habe ich viel mit Materialien und Garnen für Marken gearbeitet und festgestellt, dass ich das erstellen von Konzepten, die Entwicklung von Geschichten, die Fotografie und das Geschichtenerzählen liebe. Ich lernte das Handwerk und meine Leidenschaft kennen und wurde Beraterin für viele verschiedene Marken wie Monsoon, Miss Selfridge und Primark. Ich habe lange Zeit bei Marks & Spencer in der Lingerie-Abteilung gearbeitet. Meine Aufgabe war es, die Designteams zu inspirieren, indem ich Informationen sammelte und hausinterne Bücher zusammenstellte, die als Konzepte für die folgende Saison dienen sollten. Dann begann ich mit der Arbeit an „Luminary The Book“. Ich habe es komplett von Hand zusammengestellt und bin auf Märkte in Hackney, London, gegangen, um Stoffmuster zu kaufen, und habe alle Fotos dafür geschossen.

Bild: Luminary Colours

Wie hat sich Luminary im Laufe der Jahre entwickelt?

Fünf Jahre nach der Gründung von Luminary begann ich, viel zu reisen. Ich habe ein Buch über Indien geschrieben und Agenten aus aller Welt wollten es haben. Zu dieser Zeit begann ich auch, mit einer Färberei in Großbritannien zusammenzuarbeiten, um meine eigenen Farbmuster herzustellen.

Im Jahr 2017 wollte ich an einen Ort reisen, an dem es nicht um die Menschen, sondern vielmehr um den Ort ging, also reiste ich nach Island. Dort produzierte ich ein Buch und ein Seminar mit Farben, die von den Landschaften inspiriert waren. Damals wurde mir klar, dass wir in unserem modernen Leben zu wenig Kontakt zur Natur haben. Als ich mein Seminar in New York vorstellte, fragte ich die Zuhörenden: „Wie kann man für die Menschen auf diesem Planeten etwas gestalten, ohne die Auswirkungen auf die Erde zu berücksichtigen?“ Seither ist das ein wichtiger Teil meiner Arbeit geworden.

Können Sie das Konzept hinter Luminary genauer erklären? Wie unterscheidet sich der Ansatz von Luminary von dem anderer Agenturen?

Das Besondere an meiner Arbeit ist, dass sie farb- und konzeptbasiert ist und auf die Bereiche Mode, Inneneinrichtung, Wäsche und Verpackung anwendbar ist. Meine Aufgabe ist es, zu inspirieren und neue Ideen einzubringen. Das ist unglaublich kreativ und zukunftsorientiert, aber man muss auch gute Überzeugungsarbeit leisten, da man ständig versucht, Menschen von neuen Ideen zu überzeugen.

Bild: Luminary Colours

Sie arbeiten regelmäßig mit Kunstschaffenden, Farbautoritäten, aber auch großen Marken zusammen, um die Branche von innen heraus zu verändern. Können Sie uns erklären, wie diese Zusammenarbeit abläuft?

Es ist interessant, denn wenn ich mit Studierenden spreche, fragen sie: „Aber wie können Sie mit Primark zusammenarbeiten?“ Meine Argumentation lautet: Wenn wir es schaffen, Primark zu verändern, dann schaffen wir alles. Ich arbeite mit Marken, die Massenware herstellen, und versuche, sie dazu zu bringen, ihre Produktions- und Arbeitsweise zu ändern. Ich arbeite auch mit dem Möbelhaus Ikea zusammen, das sich verpflichtet hat, bis 2030 CO2-neutral zu sein. Ich werde mehr und mehr zu einer Brücke zwischen großen Unternehmen und kleinen, innovativen Marken, die gerade erst am Anfang stehen.

Ich setze mich mit den Marken zusammen und prüfe die Dinge, die sie entwickelt haben, und ich setze mich immer für einen nachhaltigeren oder regenerativen Ansatz ein. Ich stelle immer Fragen wie: „Wo wird das hergestellt?“, „Woher kommen die Farben?“

Einige Marken holen mich zu sich, um ihre Ideen zu überprüfen und zu verbessern, also schaue ich mir alle Abteilungen an und überlege, wie zum Beispiel die Ladenfläche aussehen soll. Ich arbeite auch mit jungen Unternehmen zusammen, die Materialien produzieren, um Farbkonzepte für sie zu entwickeln. Es geht darum, diese zusätzliche Ebene des Wissens einzubringen.

Wonach suchen Unternehmen, wenn sie zu Luminary kommen?

Ich habe im Laufe der Jahre herausgefunden, dass die direkte Zusammenarbeit mit den Kreativen die beste Lösung ist, weil sie auf ihrem Gebiet spezialisiert sind und es eine echte Zusammenarbeit sein muss.

Ich arbeite seit 15 Jahren mit derselben technischen Färberei in Großbritannien zusammen und färbe meine Farbmuster auf dieselbe Weise wie Pantone. Jede Marke, die mit mir zusammenarbeitet, kann zusätzliche Farbmuster bestellen, die zu ihren Produkten passen. Sie verwenden meine Bücher intern, um ihre eigenen Farbpaletten zu erstellen, und zusammen mit dem physischen Buch erhalten die Marken sechzig Farbmuster, damit sie ihr eigenes Farbschema erstellen können.

Bild: Luminary Colours

Wovon handeln die alle zwei Jahre erscheinenden Luminary Colour Bücher? Was sind Ihre Vorhersagen für die kommenden Saisons?

Ich möchte, dass meine Bücher originelle Informationen enthalten und einen persönlichen Blick auf das werfen, was ich im Moment für interessant halte. Es ging noch nie darum, was auf dem Laufsteg zu sehen ist – sie basieren darauf, wie wir leben und was ich um mich herum sehe. Hinter jedem Buch steht eine wirklich starke Geschichte und alle haben einen erdverbundenen Ansatz. Sie haben wunderschöne Bilder, inspirierende Farben und viele Worte darüber, wie wir uns fühlen, was vor sich geht und was uns beeinflusst. Ich stelle Kunst, Kreatives und Materialien vor.

Interessierte kaufen die Bücher zu Beginn der Saison – sie sind dem Trend zwei Jahre oder mehr voraus – und so ist es für die Modeschaffenden eine Möglichkeit, ihren kreativen Prozess zu beginnen. In den letzten Jahren habe ich die Saisons aus meinen Büchern ausgeklammert. Ich stelle fest, dass die Menschen sie jetzt auf andere Weise verwenden; Marken betrachten Farben auf eine fließendere Weise.

Warum ist Farbe ein so wichtiger Faktor bei der Entscheidungsfindung in der Modeindustrie?

Farben sind eine unmittelbare menschliche Reaktion. Sie ist intuitiv, kommt aus dem Bauch, aus dem Herzen. Selbst wenn wir uns nicht besonders für Mode oder Stil interessieren, reagieren wir alle instinktiv auf Farbe – wir lieben sie oder hassen sie. Aus diesem Grund kann die Farbe über den Erfolg oder Misserfolg einer Marke entscheiden. Ich habe schon erlebt, dass die meistverkauften Produkte in einer Farbe ausverkauft waren und in einer anderen Farbe überhaupt nicht verkauft wurden. Da es sich um eine so persönliche Reaktion handelt, spiegelt sie auch unsere Stimmung und Persönlichkeit wider. Zum Beispiel sind die Farben, die Sie für Ihre Wohnung wählen, ein mutiges Statement. Es ist wie der erste Eindruck, den man von einem Menschen bekommt. Farben können als erstaunliche Kommunikationsmittel eingesetzt werden. Wir sind alle verwirrt, was Farben betrifft, weil wir in unserer modernen Welt so sehr mit Farben und Bildern bombardiert werden. Es ist schwierig geworden, sich an die Farben zu erinnern, die man wirklich liebt.

Bild: Luminary Colours

Gibt es Veränderungen, die Sie sich in der Branche wünschen würden, wenn es um Trend- und Farbvorhersagen geht? Wenn ja, warum?

Es wird viel über die Veränderung der von uns verwendeten Materialien gesprochen, aber nicht über Farben in Textilien und den Giftmüll, der durch sie entsteht. Das Problem ist, dass wir die Art und Weise, wie wir produzieren und konsumieren, komplett ändern müssen. Das ist ein riesiger Berg, den wir erklimmen müssen, und das wird nicht über Nacht geschehen.

Wenn ein Unternehmen, das Einfluss nimmt oder als Modetrend-Organisation arbeitet, sich nicht auf einen „Earth-First“-Ansatz konzentriert, habe ich dafür kein Verständnis, denn für mich gibt es nichts anderes, was im Trend liegt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir weniger kaufen müssen und Produkte kaufen sollten, die wir lieben, in die wir investieren und die wir jahrelang in unserem Haus und in unserem Kleiderschrank haben wollen. Wir brauchen immer noch Kleidung und Produkte, aber bei allen Trends sollte es darum gehen, wie wir das auf bessere Weise tun können. Alle sollten auf eine bessere Verwendung von Materialien abzielen und eine bessere Arbeitsweise in der gesamten Lieferkette fördern.

Woran arbeiten Sie derzeit und was sind die nächsten Projekte für Luminary?

Die Luminary-Ausgabe 25 mit dem Titel „Lightness“ wurde im September 2021 veröffentlicht. Ich habe sie diesen Sommer erstellt und sie ist für den Frühling/Sommer 2023 ausgerichtet, geht aber definitiv darüber hinaus. Das meiste habe ich in Sussex und in der Region produziert – es zeigt brillante Neuerungen in Sachen Materialität und Farbgestaltung. Ich habe gerade The Future of Colour veröffentlicht, einen 280-seitigen digitalen Bericht und eine Präsentation, die die Zukunft von Farben und Materialien im Design für das nächste Jahrzehnt untersucht. Außerdem beginne ich gerade mit der Betrachtung der nächsten Saison, Herbst/Winter 2023.

Bild: Luminary Colours

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fuk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ