Mare di Moda: Bademodentrends 2028 zwischen Eskapismus, Protest und Glanz
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„Das hier ist eine der schwierigsten Saisons, denn niemand in dieser Branche hat wirklich eine Ahnung, was gerade passiert.“ Mit diesem Eingeständnis eröffnete Trendexperte David Shah sein Trendseminar auf der Textil- und Bademoden Messe Mare di Moda. Wer schon länger zu seinen Zuhörer:innen zählt, dürfte sich an seinen Einstieg vor einigen Jahren erinnert haben, denn auch damals begann er mit einem Bekenntnis der Ratlosigkeit. Dass er nun erneut so startet, unterstreicht, wie volatil die Branche und die Welt derzeit sind. Dennoch zeigte sich Shah „sehr, sehr positiv“ für den Bademodenmarkt.
Eine Welt im Ausnahmezustand
Die Liste der Unsicherheiten ist lang. Der Krieg in der Ukraine ist nicht beendet, zwischen Iran und Israel bleibt die Lage angespannt, am Roten Meer spitzen sich Konflikte zu, und im November wählen die USA. Auch auf China richtete Shah seinen Blick. Er arbeitet seit 1985 in der Volksrepublik und sieht das Land nicht als kriegerisch, sondern als zivilisatorisch selbstbewusst. Es komme in Robotik, Künstliche Intelligenz (KI) und Elektrotechnik rasant voran und dränge mit Importen im Wert von rund einer Milliarde Euro täglich nach Europa, längst auch in Mode, Kosmetik und Lifestyle.
Die Modebranche bekommt die Lage auf ihre eigene Weise zu spüren. Gleichzeitig steht der Luxussektor wegen seiner Preise in der Kritik. Vor allem junge Menschen fühlen sich betrogen und tragen ihre Wut über Ungleichheit auf die Straße. Hinzu kommen ausbleibende Touristen in Paris, weniger US-amerikanische Einkäufer und schwankende Märkte. Überraschenderweise läuft Quiet Luxury trotzdem weiter gut, was Shah als „Non-Status-Status“ beschreibt.
Was die Menschen wollen
Aus diesem Umfeld leitete Shah mehrere Entwicklungen ab, die für die Bademode wichtig werden. Menschen geben ihr Geld heute lieber für Erlebnisse aus als für Dinge. Luxusreisen boomen, und manche zählen die besuchten Länder wie in einem Wettbewerb. Der Bademode habe das bislang geschadet, denn wer nur übers Wochenende und für ein Foto verreist, braucht keine 14 Tage am Strand. Weil sich viele aber nach echter Flucht aus dem Alltag sehnen, erwartet Shah hier eine Wende.
Auch beim Körperideal verschiebt sich etwas. Als Statussymbol gilt nicht mehr das Sixpack, sondern die Zahl der gesunden Lebensjahre, was leichte, weiche Stoffe und eine Art Wellness-Bademode begünstigt. Zugleich rückt die ältere Kundin nach dem Vogue-Auftritt von Schauspielerin Jamie Lee Curtis wieder in den Blick. Sie hat Geld und Zeit zum Reisen, empfindet den Kauf von Bademode aber oft als unangenehm und bestellt lieber online. Die Branche müsse die Kategorie deshalb altersunabhängig positionieren.
Daneben kehrt die Sinnlichkeit zurück, vom Comeback der Victoria’s-Secret-Show hin zu provokativen Kinofilmen und Serien. Dahinter steht eine Generation, die sich einsam fühlt, für die Dating teuer geworden ist und die sich nach Romantik und Zärtlichkeit sehnt. Dieselben jungen Menschen mögen Fehler, Brüche und große Formen und lieben das Spielerische. Spielzeug, Lego und Puzzles boomen, Tennis und Padel bleiben modisch, und auch das Niedliche ist zurück, mit Teddybären, Plüsch, flauschigen Texturen, Pastelltönen und Bonbonglanz.
Für den Trendexperten folgt daraus, dass Bademode vor allem Eskapismus bieten muss.
Fünf Strömungen, die Beachwear 2028 prägen werden
1. Hyper Hyper
Die erste Strömung speist sich aus Hyperpop und Internetkultur. Die Farben sind künstlich und ungehemmt, Chrom erinnert an das frühe Internet, und der Glitzer stammt aus Glamrock und der Y2K-Style der 2000er-Jahre. Gedacht ist dieser Stil weniger für den Strand als für das, was danach kommt, etwa den Cocktail an der Beach-Bar danach.
Rüschen, Volants und 3D-Verzierungen mit Kitsch-Faktor gehören ebenso dazu wie Anleihen bei Showgirls und Burlesque. Besonders gefiel Shah Varsity-Sportswear mit Pailletten, die er als „Trash-Kultur in Bestform“ bezeichnete. Hier darf alles übertrieben, schrill und selbstironisch sein, denn es geht darum, sich in eine andere Welt zu versetzen.
2. Chill
Als Gegenstück dazu steht Chill für Lo-Fi-Musik, Kalifornien und Authentizität statt Perfektion. Die Farben wirken sonnengebleicht und verwaschen und erinnern an Wasser, Blütenblätter und Honig. Der Surf-Look kommt nicht im bunten Hawaii-Stil daher, sondern reduziert und im Geist der 1960er, als hätten sich die Kinder im Kleiderschrank ihrer Eltern bedient.
Typisch sind schlichte Zweifarbigkeit, Motive mit Anklängen an indigene Kunst sowie Batik und andere Handfärbetechniken. Häkeln, Stricken und Nadelarbeit werden neu zusammengesetzt, ergänzt durch Erbstück-Details wie Raffungen und Smok-Arbeiten, cremeweiße Stickerei, Farben im Stil der italienischen Marke Missoni, neu kombinierte Karos und weiche, feine Streifen. Insgesamt bewegt sich der Look in der Balance zwischen laut und leise.
3. Hot
Hot ist die lateinische Strömung und steht für Leidenschaft, Eleganz und Verführung. Gesättigte Farben treffen auf dunkle Untergründe, die ihre Dramatik noch verstärken, und Seidenglanz lässt die Töne leuchten. Shah sprach von „Maximalismus in Bestform“, mit Rüschen, Volants und allem, was exotisch, dramatisch und theatralisch wirkt.
Hinzu kommen hyperrealistische Federn, intensiv gedruckte Skin-Motive und Farbflecken, die wie ein „Tintensturm“ aussehen, so Shah. Körperbetonte Konturen und ein Hauch Boudoir sorgen für Sinnlichkeit, während sich zugleich Geschlechtergrenzen auflösen.
4. Flow
Das Thema Nachhaltigkeit habe in der Mode an Schwung verloren, erklärte Shah nach einem Gespräch mit einer Expertin für verantwortungsvolle Bekleidung. Stattdessen entwickle es sich zu einer „Next Nature“, in der Natur und Technik verschmelzen. Die Farben sind atmosphärisch, moosig und pilzig, haben aber einen klinischen, synthetischen Einschlag. Die Haptik wird „geleeartig“, halbtransparent und opalisierend, begleitet von Fluidität, technischen Verläufen, biomorphen Flecken und einer oxidierten Metall-Patina.
Das Wasser prägt auch Optik und Konstruktion. Man sieht Wellenmuster, aquatische Tarnmuster und Marmorierungen, durchlässige Lasercut- und Openwork-Strukturen sowie Reliefs, die durch Smok-Arbeiten, 3D-Druck und technisches Strickgewebe entstehen. Außerdem beobachtet Shah einen Trend zu einfarbigen Looks, von der Yogamatte bis zur Haarklammer, auch wenn er selbst Maximalist bleibt.
5. Bang Bang
Die letzte Strömung ist die lauteste und steht für Protest, Hip-Hop und Musik als Akt des Aufbegehrens. Das Motto „Ich mache das für mich“, gelte dabei vor allem für Jugendliche, die sich ihr eigenes Universum bauen. Gefragt sind starke Kontraste zu Schwarz, kollidierende Formen und Konzepte sowie gesättigte Farben, die ineinander laufen. Kleidung wird so zum Dialog und zur Aussage, ganz wie einst bei den Slogan-Shirts von Designerin Katharine Hamnett.
Entsprechend finden sich Sticker, Badges und Transfers mit witzigen, sozialen oder politischen Botschaften, dazu Sprühfarbe, Graffiti und gestische Pinselstriche im Stil von Jackson Pollock. Die Muster wirken konstruktivistisch, dynamisch und geometrisch. Tarnstreifen formen die Silhouette, ähnlich wie bei Schiffen im Ersten Weltkrieg, und Bänder definieren die Form anstelle des Schnitts.
Glanz als Signal
Die deutlichste Zahl lieferte die Farbe. Von den Tönen der neuen Farbkarte für 2028/29 sind laut Shah 25 Prozent glänzend, also perlmuttartig, glossy, gläsern oder schimmernd und nicht bloß metallisch. Das französische Farb-Gremium Comité Français de la Couleur, komme auf denselben Anteil, und holografische, prismatische und chaotische Farben ergänzen das Bild.
Welche Farbe Pantone zur Farbe des Jahres kürt, wird erst im Dezember bekannt gegeben, und Shah durfte dazu noch nichts verraten. Er ließ jedoch durchblicken, dass der Ton zur Bademode sehr gut passen werde.
Sein Fazit fiel entsprechend klar aus. In einer Zeit voller Ängste, Einsamkeit und Luxus-Skepsis suchen Menschen Freude, Fantasie und einen Ort zum Abschalten, und Bademode kann alle drei liefern.