Das Modejahr 2025: Carl Tillessen, CEO Deutsches Mode-Institut
2025 neigt sich dem Ende – höchste Zeit, sich an die vergangenen Monate zurück zu erinnern und einen Ausblick auf das kommende Jahr zu wagen. Dafür haben wir mit verschiedenen Branchenexpert:innen über ihre Erwartungen, Wünsche und Highlights gesprochen.
Als nächstes ist Carl Tillessen, CEO der Deutsches Mode-Institut DMI GmbH, an der Reihe. Der Trendexperte des Kölner Instituts ist mehr dafür bekannt, der Modebranche einen Einblick in die kommenden Saisons zu geben und Unternehmen zu beraten. Im Interview blickt Tillessen aber auch auf das Jahr zurück.
Welche Erwartungen hatten Sie an 2025?
Unsere Prognose war, dass es in der Mode 2025 darum gehen würde, dem Subjektiven und Individuellen mehr Raum zu geben, auch im Massenmarkt. Das begründet sich einerseits als Gegenreaktion auf die zunehmende Verflachung von Mode durch die Macht des Algorithmus und andererseits aus der Beobachtung, dass Kollektionen, die versuchen, es allen recht zu machen, es am Ende niemandem mehr recht machen.
Hat sich die Prognose erfüllt?
Tatsächlich waren 2025 genau die Produkte besonders erfolgreich, die ein bisschen verschroben und abwegig waren, wie zum Beispiel ein vollkommen nutzloses Plüschmonster mit süffisantem Grinsen.
Was hat das Jahr für Sie ausgemacht?
Wir konnten in unserer Beratungstätigkeit etwas Ähnliches beobachten wie in den Modesortimenten, nämlich dass Fashion, Sport, Beauty, Produktdesign und Interior enger zusammenrücken und sich gegenseitig befruchten. Dadurch konnten wir neue Kund:innen aus unterschiedlichsten Branchen dazu gewinnen, und am Ende war es ein sehr erfolgreiches Jahr.
Die DMI-Zeitgeist-Analyse für Frühjahr/Sommer 2027
Welche Highlights bot die Modebranche für Sie in diesem Jahr?
In den vier Jahren vor 2025 hatte ich mich oft gefragt, ob das Angebot lahm ist oder ob ich borniert bin. 2025 hingegen gab es in allen Bereichen, Genres und Preislagen wieder vieles, wofür man sich begeistern konnte. Offenbar hat die Branche tatsächlich vier Jahre gebraucht, um sich psychisch von den erdrückenden Lebensbedingungen während der Pandemie zu erholen. Kreativität ist eben ein zartes Pflänzchen, und wir sind alle keine Maschinen. Umso mehr freue ich mich, dass die Mode jetzt kreativ wieder auf der Höhe ist.
Wohin wird sich die Modebranche im kommenden Jahr entwickeln?
Politisch, gesellschaftlich und auch modisch ist gerade sehr vieles im Umbruch. Marken werden nervös, wechseln die Designer, ändern ihre Logos und so weiter, weil sie denken, dass es in der Mode immer darum geht, sich agil zu zeigen. Wenn man aber mal einen Schritt zurücktritt, stellt man fest, dass – von Hermès bis G-Star – die beharrlichsten Marken oft am robustesten dastehen. In dem blinden Aktionismus, der gerade um sich greift, werden die Verbrauchenden sich 2026 erst recht an Marken halten, die sich selbst treu bleiben. Authentizität und Integrität werden belohnt.
Und was muss sich nun dringend ändern?
Ich habe Verständnis dafür, dass einem in den drei Jahren der Pandemie gar nichts anderes übrig blieb als „auf Sicht zu fahren“. Aber viele Akteur:innen in Wirtschaft und Politik haben das danach einfach beibehalten. Sie wurschteln sich seither nur noch durch. Sie entwickeln keine Vision mehr, haben keine langfristige Strategie, verweigern Planung, schieben Entscheidungen vor sich her, gehen keine Verpflichtungen ein und – was das Schlimmste ist – investieren nicht in die Zukunft. Damit muss jetzt langsam mal Schluss sein.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt.
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