Chef-Einkäufer im Gespräch: Streetwear-Trend könnte mehr Tailoring weichen

In einer für Straßen voller Luxusboutiquen bekannten Stadt wie Hongkong hat sich Joyce als eine der feinsten Adressen für High Fashion etabliert. Das mehrfach in der asiatischen Metropole vertretene Multibrand-Konzept, betreibt mittlerweile auch Dependancen in Beijing und Shanghai. Chefeinkäufer Michael Mok sprach auf der Modemesse Centrestage im September mit FashionUnited über den Trend zu mehr Tailoring, aufstrebende Designtalente, sowie die Unterschiede im Einkauf zwischen China und Hongkong.

Wie würden Sie Hongkong’s Modeszene in wenigen Worten beschreiben?

Michael Mok, General Merchandise Manager von Joyce: Neu, aufstrebend, Potential, aufregend.

Welches sind die spannendsten ‘Labels to watch’ in Hongkong?

Es gibt einige Labels vor Ort, die ziemlich spannend sind. Es gibt eine Marke, die Jourden heißt und bereits auf der Pariser Modewoche in der vergangenen Saison ihre Kollektion vorgestellt hat. Sie ist eine ziemlich gute, etablierte Womenswear Designerin. Wenn es ausgefallene Kollektionen sein sollen, schauen Sie sich ‘Ground Zero’ an. Es gibt auch ein Menswear-Label namens ‘The World is Your Oyster’, das ziemlich interessant ist. Das Gute für sie ist, dass die Produktion ziemlich nah an China ist, so können die Designer ihre Preise wirklich unter Kontrolle halten.

Bewegen Sie Ihre Maus über das Bild um mehr zur Kapselkollektion der jungen Designerin Arto Wong für Joyce zu sehen. Wong gewann mit ihrer Avantgarde Knitwear den Hong Kong Designers' Contest 2017.

Chef-Einkäufer im Gespräch: Streetwear-Trend könnte mehr Tailoring weichen

Welche Marken sind international gerade sehr interessant?

Wir haben die Ordern für Menswear gerade abgeschlossen. Dabei haben wir die Marke Botter ins Sortiment aufgenommen, die gerade die kreative Leitung von Nina Ricci übernommen hat. Wir haben sie bereits zuvor ausgewählt und als wir von der Fashion Week zurückkamen, haben wir erfahren, dass sie ernannt wurden. Stefan Cooke ist einer der Londoner Designer, die sehr interessant sind, wie auch Charles Jeffrey. Auf der Womenswear Seite führen wir Marine Serre seit der vergangenen Saison und sie läuft immer noch sehr gut. In jedem Land versuchen wir neue Labels und Talente zu finden, die wirklich das Land repräsentieren können.

Welchen Trends sehen Sie in dieser Saison und was sind die Must Haves?

Der Streetwear Trend ist überall anzutreffen. Ich denke, dass die Menschen ein bisschen Abstand von Streetwear nehmen und sich formeller und schicker kleiden werden. Streetwear ist immer noch ein maßgeblicher Trend im Großteil des kommerziellen Marktes, aber designermäßig versucht man sich von Streetwear zu distanzieren und sich anspruchsvoller und gehobener und mit mehr Tailoring zu kleiden. In der Menswear tragen viele noch Oversize Hemden, aber mit engeren Jeans und sogar Lederschuhen um es formeller zu halten.

Was denken Sie über Logos?

Im Massenmarkt schauen die kommerziell orientierten Menschen weiterhin nach Logos. Es ist eine Art Statussymbol und lustiges Abzeichen. Aber modeorientierte und -bewusste Kunden werden eher davon fernbleiben und auf Qualität und Handwerk achten. Ich denke, dass auch Gucci und Vetements ihre Stile ändern. Es gibt nicht mehr so viele Logos. Gucci hat mehr subtile Teile mit Details, nicht mehr so viele Logos auf den Kleidungsstücken. Dasselbe gilt für Vetements, sie fokussieren sich mehr auf Schnittführung und Details als das T-Shirt in Übergröße.

Welches sind die Must Haves dieser Herbst-Winter Saison?

Einige Teile mit Farben sind ein Schlüsseltrend für Herbst/Winter. Die Menschen tragen meistens schwarz und grau, diese dunklen Farben. Aber diese Saison werden wir Menschen sehen die Muster und Farben tragen. Es wird sehr anders als in den vorhergehenden Saisons sein, gemischte Muster sind auch ein Trend für Herbst/Winter.

Chef-Einkäufer im Gespräch: Streetwear-Trend könnte mehr Tailoring weichen

Wie hebt sich Joyce bei seinem Sortiment ab und wie ist es aufgebaut?

Die Identität von Joyce gründet sich auf dem Design unserer Marken und Produkte. Üblicherweise wählen wir Marken aus, die Wert auf Kreativität und Handwerk legen. Bevor wir in die Showrooms gehen, wählen wir ein Thema für die Saison aus: was wir kaufen werden und worauf wir uns konzentrieren werden. Wenn Sie in unseren Laden kommen, werden Sie saisonale Trends durch unsere Augen betrachtet im Sortiment wiederfinden. Es unterscheidet sich von anderen Modehändlern, die eher kommerzielle Teile und Stücke kaufen, die leicht zu verkaufen sind. Wir kaufen ein Thema und erzählen eine Geschichte.

Nach wie vielen neuen Marken halten Sie pro Saison Ausschau?

Normalerweise, versuchen wir 10 bis 15 Prozent unseres Einkaufs neuen Marken zuzuteilen. Das bedeutet meist 10 bis 15 Labels. Wenn wir nicht viele interessante Labels entdecken, können es auch mal fünf sein.

Gibt es Unterschiede, wie Sie für Ihre Häuser in Hongkong und Festland China einkaufen?

Der chinesische Markt unterscheidet sich stark von Hongkong. Kunden reagieren wirklich stark auf soziale Medien oder KOLs [Anm.: kurz für ‘Key Opinion Leader’, d.h. Personen mit einer großen Gefolgschaft und Einfluss auf den sozialen Medien ]. Unser Einkauf in China nimmt auch eine jüngere Kundschaft als in Hongkong ins Visier. Unser Marken-Mix in China ist jünger und kontemporärer, auch mit Designern jüngerer Generationen, weil die Konsumenten offener sind. Einige Kunden in Shanghai sind auf der ständigen Suche nach neuen Designern, weil der Markt dort bereits sehr gesättigt ist.

Was meinen Sie mit ‘gesättigt’?

Es gibt einige Multilabel Stores, die sehr stark sind und ständig neue Labels bringen. Wir konzentrieren uns auf die stärksten neuen Labels und bringen sie zuerst nach Shanghai.

Welche starken Designer sehen Sie auf dem chinesischen Festland?

Auf dem chinesischen Festland arbeiten wir derzeit mit Labelhood [Anm.: Plattform für junge Designer während der Shanghai Fashion Week] zusammen. Sie stellen viele neue chinesische Designer vor. Wir haben uns in die Kollektion von Samuel Gui Yang, einem neuen chinesischen Designer, eingekauft. Auch Laurence & Chico, die gerade in New York gezeigt haben, und auch Angel Chen.

Wie hat sich der Beruf eines Einkäufers verändert seitdem Sie angefangen haben ?

Als ich als Einkäufer für Menswear vor zehn Jahren anfing, gab es noch weniger soziale Medien. Es gab weniger Wettbewerb. Jetzt sind sind die Hauptkonkurrenten online. Wie wir im Onlinewettbewerb abschneiden, wird entscheidend für unsere nächste Einkäufergeneration sein. Wie kann sich unsere Auswahl von einem Onlineshop abheben? Neuheit und Auswahl sind äußerst wichtig für uns. Wie können wir sicherstellen, dass unsere Kunden in einem stationären Geschäft einkaufen? Service, Produkt und Styling-Vorschläge sind sehr wichtig. Selbst für einen Einkäufer sind diese heutzutage wichtig. Die Prozesse im Einkauf sind mehr oder weniger dieselben geblieben. Es sind nur die äußeren Faktoren, die die Arbeit eines Einkäufers erschweren. Einige Kunden kommen zu uns auf der Suche nach Teilen, die stark auf den sozialen Medien beworben wurden, aber um die Besonderheit des Ladengeschäfts zu unterstreichen, müssen wir den Kunden etwas Neues geben.

Welche Ratschläge geben Sie Ihren Einkäufern um die interessantesten Label zu finden?

Sie müssen offen sein, egal ob die Produkte aus einer kleinen Stadt kommen und zu einem niedrigen Preis angeboten werden oder ob es ein luxuriöses Couture-Produkt ist. Sie müssen außerhalb ihrer Komfortzone denken, sie sollten nicht zu schnell zu Schlüssen neigen. Es ist auch gut zu Kunden für Inspiration zu sprechen.

Was sind Ihre zukünftigen Pläne für Joyce?

Das digitale Online-Geschäft ist unser nächster Schritt für Joyce. Einige Produkte, die wir verkaufen sind exklusiv und werden bisher nur in den stationären Geschäften verkauft. Viele Kunden verlangen aber danach. Wir werden weiter in China expandieren. Wir schauen uns Chengdu und andere Städte an, um weitere Geschäfte zu eröffnen.

Fotos: FashionUnited & Joyce
 

Themenverwandte Nachrichten

WEITERE NACHRICHTEN

 

AKTUELLSTE STELLENANGEBOTE

 

MEISTGELESEN