Balenciaga Frühjahr/Sommer 2027: Picciolis Korallen der Freiheit
Als eines der wichtigsten Ereignisse der Pariser Modewoche präsentierte das französische Modehaus Balenciaga am Donnerstag, den 1. Oktober, seine Kollektion für Damen und Herren für die Saison Frühjahr/Sommer 2027. Der Entwurf des römischen Designers Pierpaolo Piccioli trägt den Titel „Les Coraux de la Liberté“, zu Deutsch „Die Korallen der Freiheit“. Es ist seine dritte Ready-to-wear-Kollektion für das Haus, bei dem er vor genau einem Jahr als Kreativdirektor debütierte.
Die Hauptinspiration der Kollektion sind Korallen – sowohl als lebende Organismen als auch als figuratives Element. Der Titel ist von einem Werk der französischen Künstlerin Aude Franjou entlehnt. Eine monumentale Textilskulptur, die an ein Totem im Stil von Stanley Kubrick erinnerte, stand im Zentrum des Laufstegs im Tennis Club de Paris. Der Veranstaltungsort wurde für einen Tag in eine Bühne für Picciolis neueste Balenciaga-Kollektion verwandelt.
Es ist die dritte Ready-to-wear-Kollektion des römischen Designers und seine vierte insgesamt, wenn man seine Haute-Couture-Debütkollektion mitzählt. Piccioli trat vor einem Jahr sein Amt als Kreativdirektor an und präsentierte damals seine erste Kollektion für das Haus, Frühjahr/Sommer 2026.
Trotz der seit Wochen kursierenden Gerüchte über seine Zukunft an der Spitze der Kreativabteilung beweist Piccioli, dass er auch mit 59 Jahren noch zu überraschen und sich weiterzuentwickeln vermag. Der Designer besitzt eine unverkennbare Handschrift und schafft es zugleich, anspruchsvolle und ansprechende Entwürfe zu entwickeln.
Seine Arbeit bei Balenciaga begann mit der Kollektion für Frühjahr/Sommer 2026, in der er das Erbe des spanischen Gründers Cristóbal Balenciaga mit der jüngeren Ära unter Demna Gvasalia verband. Darauf folgte eine deutlich rockigere Kollektion für Herbst/Winter 2026/2027. Schließlich debütierte Piccioli in der Haute Couture mit einer Kollektion, die stark an seine Jahre bei Valentino erinnerte – eine Zeit, in der seine Entwürfe bereits einen deutlichen Einfluss von Cristóbal Balenciaga erkennen ließen.
Licht und Bewegung
Aufbauend auf dieser kurzen, aber intensiven Reise durch seine bisherigen Kollektionen für das Haus hat der römische Designer seine Arbeit bei Balenciaga mit der neuen Frühjahr/Sommer-Kollektion 2027 im wahrsten Sinne des Wortes erhellt. Der Entwurf wirkt zugleich wie ein Abschluss und eine Fortsetzung seines bisherigen Schaffens für die Marke.
Piccioli überraschte mit einer Kollektion, in der das typische Balenciaga-Weiß, das an die prominenten Brautkleider in seinem Werk erinnert, an die Stelle des Schwarz der vor einem Jahr präsentierten Kollektion tritt.
Ob dies nun der finale Auftritt des römischen Designers bei dem französischen Modehaus mit spanischen Wurzeln ist oder nicht, die Kollektion vermittelt ein starkes Gefühl von Freiheit. Es zeigt sich in der Risikobereitschaft, mit der Piccioli seine Entwürfe angelegt hat, ebenso wie in der Leichtigkeit, die jede einzelne Kreation ausstrahlt.
Die Kollektion basiert auf einer lebendigen, leuchtenden Farbpalette. Gebrochene Weißtöne stehen im Dialog mit elektrischem Klein-Blau, Fuchsia-Pink und Korallenorange. Beige- und Schokoladenbraun, zartes Rosa, Grün, Senfgelb und Himmelblau erweitern die Palette. Schwarz dient als Kontrapunkt und verleiht der Farbkomposition Tiefe und Gewicht.
Jenseits der Farbgebung bestimmen Licht und Bewegung den Charakter der Kollektion. Silhouetten und Schnittformen orientieren sich an den organischen Formen von Korallen und anderen Lebewesen des Meeresbodens. Damit greift Piccioli jene organischen Panzer- und Schalenformen auf, die bereits die Arbeit Cristóbal Balenciagas inspirierten, und übersetzt sie in eine zeitgenössische Formensprache.
Dabei folgt er einer zentralen Maxime des Meisters von Getaria: Es sind die Stoffe und Textilien selbst, die den Charakter eines Kleidungsstücks bestimmen. Piccioli formte die einzelnen Looks mit derselben Sorgfalt und Hingabe, die Cristóbal Balenciaga auf seine Haute-Couture-Konstruktionen verwendete. Das Ergebnis ist eine Prêt-à-porter-Kollektion, die mit den Techniken der Haute Couture entwickelt und modelliert wurde.
Zu den Schlüsselstücken der Kollektion gehört das weiße Ensemble aus Bluse und Jeans, das die Show eröffnete und Picciolis Intentionen für den Entwurf auf den Punkt bringt. Das zugleich entspannte und strukturierte Outfit bildete den Auftakt für Kleider mit korallenartigen Fransen und voluminöse Röcke, die wie unter Wasser zu schweben schienen.
Es folgten fließende, bauschige Cargohosen und eine Reihe leichter, transparenter Kleider, die den Eindruck erweckten, als würden sie unter Wasser treiben. Die maritimen Elemente und die Formen der Korallen ziehen sich damit durch die gesamte Kollektion.
Piccioli verlieh ihnen eine tiefere Bedeutung, indem er die Korallen als lebende Organismen in den Mittelpunkt rückte, die aus Tausenden von Individuen bestehen und Teil eines gemeinsamen Ökosystems sind. Ob seine Worte darüber hinaus eine doppelte Bedeutung haben, bleibt abzuwarten.