Ain Amor: Ehemalige Closed-Designerin entwirft zwischen Hamburg, London und Bukarest
Sophia Lewis kam 1998 für Jil Sander nach Hamburg und blieb in Deutschland, wo sie rund 24 Jahre für Closed Denim, Sportswear und Outerwear verantwortete. Mittlerweile ist sie Creative Director bei Ain Amor, einem im November 2025 als Kollektivprojekt gegründeten Label.
Finanziert wird die Marke von der rumänischen Produktionsfirma Texdata, die zugleich fertigt und für mehrere europäische Labels arbeitet. Rund 200 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen nach eigenen Angaben. Ain Amor ist in Rumänien registriert, Design und Vertrieb sitzen in Hamburg, hinzu kommt eine Vertriebspräsenz in London. Lewis bewegt sich dementsprechend zwischen den drei Standorten.
Im Januar 2026 zeigte Ain Amor die erste Kollektion während der Herrenmodewoche in Paris und gewann Orders von zehn Händler:innen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Großbritannien, darunter die deutschen Luxusmodehändler Apropos und Bungalow. Die ersten Auslieferungen gingen im Juli 2026 in den Handel. Einen Monat später ging auch der eigene Onlineshop live.
Dort reichen die Preise derzeit von 45 Euro für ein Halstuch bis 1.200 Euro für eine Shearling-Jacke. Mäntel kosten zwischen 450 und 550 Euro, Hosen 225 Euro, Hemden zwischen 250 und 285 Euro.
Neben dem europäischen Markt ist die Marke über einen Distributionspartner in Japan vertreten. In den Vereinigten Staaten soll ab der kommenden Saison der New Yorker Sales Partner ICOT hinzukommen, zeitgleich führt Ain Amor eine Pre-Collection ein.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten bei Jil Sander und Closed sind Sie als Creative Director zu Ain Amor gekommen. Wie kam diese Konstellation zustande?
Es war eine ziemlich unerwartete Entscheidung. Ain Amor entstand durch eine Gruppe von Menschen mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen, und ich fand diese Kombination ungewöhnlich stark. Jede Person bringt etwas anderes mit, ob Produkt, Entwicklung, Produktion, Business oder Kommunikation. Zusammen hatten wir das Gefühl, das richtige Fundament für eine Marke mit echter Relevanz zu haben. Es ist eine kollektive Idee, bei der jede und jeder die eigene Stärke einbringt.
Was nehmen Sie aus den Jahren davor mit?
Jede Erfahrung baut auf der vorherigen auf. Man lernt von jedem Menschen, mit dem man arbeitet, und ich hatte das Glück, mit außergewöhnlich professionellen und hoch spezialisierten Leuten zu tun zu haben. Bei Jil Sander herrschte ein enormes Maß an Expertise und Disziplin, später im Denim-Bereich habe ich mit einigen der innovativsten Köpfen dieses Feldes gearbeitet.
Und was davon prägt Ihre Entscheidungen heute?
Mit der Zeit wird daraus ein persönlicher Erfahrungsschatz, aus dem man schöpfen kann. Als Designerin ist man letztlich jeden Tag eine Entscheiderin, und diese Entscheidungen speisen sich aus allem, was man gesehen, gelernt und aufgenommen hat. Ich glaube nicht, dass ich mit Ain Amor etwas radikal anderes versuche. Es geht eher darum, all diese Erfahrungen zusammenzuführen und auf eine demokratischere, zugänglichere Weise weiterzugeben.
Sie sind Ende der 1990er für Jil Sander nach Hamburg gekommen und geblieben. Was hat Sie überzeugt?
Ich hatte gerade mein Studium in London abgeschlossen, und London fühlte sich damals sehr intensiv und ziemlich rau an. Hamburg war fast das Gegenteil. Ruhig, grün, übersichtlich, und es gab dieses Gefühl, dass hier einfach alles funktioniert. Ich weiß noch, wie erstaunt ich war, dass die Busse fast auf die Minute pünktlich kamen. Aus London kommend, wo man auch mal eine halbe Stunde wartete, war diese Präzision unglaublich erfrischend. Hamburg hat mir einen völlig anderen Lebensrhythmus gegeben.
Die Kollektion ist weitgehend unisex angelegt, viele Teile lassen sich auf mehrere Arten tragen. Was steckt dahinter?
Dahinter steckt durchaus der Gedanke von „sharing is caring". Mir gefällt die Vorstellung, dass dasselbe Kleidungsstück auf verschiedenen Menschen unterschiedlich lebt. Auf der einen Person wirkt es taillierter, auf der anderen oversized, und beides kann gleichermaßen richtig sein. Ich selbst achte selten auf das Größenetikett, ich probiere Dinge an und reagiere auf die Silhouette. Diese Freiheit wollte ich in die Kollektion holen.
Ihre Kollektionen sind auf Dauer angelegt und saisonlos. Wie übersetzt sich das in die Wholesale-Strategie, damit Händler:innen damit arbeiten können?
Eine der größten Fragen für Designer:innen ist derzeit schlicht das Gewicht. Die globalen Temperaturen verändern sich, und Händler:innen verkaufen an Kundschaft in sehr unterschiedlichen Klimazonen. Die traditionelle Vorstellung einer klar abgegrenzten Winter- oder Sommerkollektion wird dadurch schwieriger. Wir reagieren darauf, indem wir eine Kollektion mit unterschiedlichen Gewichten aufbauen statt mit einem festen saisonalen Angebot.
Konkret sind wir in diesem Jahr mit zwei Hauptkollektionen gestartet. Weil wir noch klein sind, können wir die Lieferzeiten flexibel an die Bedürfnisse der einzelnen Kunden anpassen. Auf Rückmeldung aus Japan und den Vereinigten Staaten hin kommt ab November zusätzlich eine Pre-Collection dazu. Die Orderfenster orientieren sich am internationalen Wholesale-Kalender, wir handhaben sie aber bewusst flexibel.
Nachfrage und Angebot sollen in Balance bleiben, um Überproduktion zu vermeiden. Wie sieht das operativ aus?
Wir waren von Anfang an sehr vorsichtig mit Überproduktion. Das ist eines der großen Probleme, die die Modeindustrie angehen muss. Deshalb arbeiten wir im Wesentlichen auf Pre-Order-Basis und planen die Produktion nach der Nachfrage der Händler:innen, um Lagerbestände gering zu halten. Mindestordermengen gibt es derzeit keine.
Nachorders sind ein wichtiger Teil des Modells. Im August konnten wir Nachbestellungen bei Stoffen, die auf Lager waren, innerhalb von etwa einer Woche umsetzen. Für Sommer arbeiten wir teilweise mit garment-dyed Qualitäten, die naturgemäß längere Vorlaufzeiten brauchen. Daran arbeiten wir gerade. Langfristig wollen wir ausgewählte Stoffe und Qualitäten dauerhaft verfügbar halten, um während der Saison schnell reagieren zu können.
Die Europäische Union verschärft gerade die Regeln dafür, was Marken über Nachhaltigkeit behaupten dürfen. Was bedeutet das für ein Label, das gerade erst startet?
Ich finde es sehr wichtig, dass diese Regeln strenger werden. Nachhaltigkeit ist ein Feld geworden, in dem sich sehr pauschale Aussagen leicht treffen lassen. Wir wollen uns nicht einfach als nachhaltige oder ökologische Marke bezeichnen. Mir ist deutlich lieber, präzise zu benennen, was wir tatsächlich tun, und offen zu sagen, woran wir noch arbeiten.
Was macht feste Nachhaltigkeitsparameter so schwierig?
Die Branche verändert sich permanent, ebenso die Materialien, Technologien und Prozesse. Was man sich am Anfang vornimmt, kann einige Monate später ganz anders aussehen, sobald man die praktischen Grenzen in Design und Entwicklung kennt. Gerade für eine junge Marke, aber aus meiner Sicht auch für große Marken, ist es deshalb schwer, nach sehr starren Vorgaben zu arbeiten. Neue Materialien kommen auf den Markt, manche Entwicklungen funktionieren nicht wie erwartet, und manchmal zeigen sich Grenzen erst während der Produktion.
Für uns ist Nachhaltigkeit deshalb weniger eine einzelne Aussage als ein ständiges Fragen. Woher kommt der Stoff, wie wird er ausgerüstet, welche Prozesse sind nötig, können wir bestehende oder überschüssige Stoffe einsetzen, wie viel Ware produzieren wir und wie schnell können wir auf die tatsächliche Nachfrage reagieren? Persönlich glaube ich außerdem, dass eines der Wirksamsten ist, weniger zu konsumieren und das Gekaufte länger zu nutzen. Unser Ziel sind deshalb Kleidungsstücke, die tragbar und zeitlos genug sind, um wiederholt getragen, geteilt, weitergegeben oder sogar vererbt zu werden.
Zwei Aussagen der Marke waren zuletzt sehr konkret. Die Kollektion bestehe vollständig aus Überschussstoffen, die Hangtags seien vollständig biologisch abbaubar. Worauf stützen sich diese Angaben?
Danke, dass Sie das ansprechen, denn beide Aussagen müssen korrigiert werden. Der biologisch abbaubare Hangtag bezog sich auf eine frühere Entwicklung, die wir letztlich nicht eingesetzt haben, weil das Material zu spröde war. Der heutige Anhänger besteht aus Plastik, ist aber wiederverwendbar, etwa als Kofferanhänger oder Schlüsselring, und hat damit eine Funktion über seinen ursprünglichen Zweck hinaus. Auch besteht die Kollektion nicht vollständig aus Überschussstoffen. Wir setzen sie ein, wo es möglich ist, aber die Aussage gilt nicht für jedes Produkt.
Was lässt sich denn belegen?
Beim Herbst-Winter-Strick zum Beispiel haben wir mit Factory-Stock-Garn gearbeitet. Der Wollanteil ist nach dem Responsible Wool Standard (RWS) zertifiziert, ein entsprechendes Transaction Certificate unseres Wolllieferanten liegt vor. Künftig wollen wir zusätzlich Stock-Service-Garne von Lieferanten aus der Region Prato beziehen, um bei Nachproduktionen mehr Kontinuität zu haben. Für Sommer arbeiten wir mit Factory-Stock-Mischungen aus Baumwolle und Viskose.
Sie haben Ain Amor bereits international gezeigt. Welche Märkte wollen Sie erreichen, und wo sind Sie schon aktiv?
Wir waren unter anderem als Gastmarke in Paris und München vertreten. Für die Sommerkollektion arbeiten wir zudem mit einer Distributionsagentur in Japan zusammen. Unser Fokus liegt also derzeit auf Europa und Japan, die Vereinigten Staaten sind der nächste wichtige Schritt. Erstmals gezeigt haben wir Ain Amor im Januar 2026 während der Pariser Herrenmodewoche und konnten Orders von zehn Stores in Europa einsammeln. Weil einige davon mehrere Geschäfte in verschiedenen Städten betreiben, sind wir an rund 20 Verkaufspunkten präsent. Die ersten Teile der Herbst-Winter-Kollektion kamen im Juli in den Handel, zwischenzeitlich haben wir Nachorders erhalten und bedienen können.
Ihre Kreativität endet nicht bei der Mode. Sie haben auch das pflanzenbasierte Kochbuch „Dear Doris" herausgebracht. Was trägt die eine Disziplin in die andere?
Ich sehe zwischen kreativen Disziplinen keine starken Grenzen. Wenn man es gewohnt ist, kreativ zu arbeiten, kann Inspiration von fast überall kommen. Aus dem Kochbuch einer Großmutter, aus einer Ausstellung, einer Landschaft, einer Farbkombination in der Natur. Das Medium ändert sich, der Instinkt bleibt sehr ähnlich. Man sieht etwas, es löst eine Idee aus, und dann will man sie weiterentwickeln.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt.
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