032c-Designerin Maria Koch: „Anstrengung und Lust waren für mich nie Gegensätze“
Dressurreiten und Techno gehören traditionell zu verschiedenen Welten, doch für Maria Koch sind beide Teil ihrer Biografie: Sie wuchs mit Pferden auf und fand später ihren Weg in die Rave-Szene. Heute ist sie Kreativdirektorin der Kollektionen von 032c, dem Modelabel des gleichnamigen Berliner Magazins zwischen Mode, Kunst und Gegenwartskultur. Ihre Spring/Summer-2027-Kollektion „Stable“, die sie jüngst auf der Paris Fashion Week präsentierte, greift die Verbindung zum Reitsport auf und überträgt dessen funktionale Anforderungen in einen zeitgenössischen Womenswear-Kontext.
Koch interessiert sich dabei weniger für die gesellschaftlichen Codes des Reitsports als für das, was er dem Körper abverlangt. In der Kollektion verbindet sie sportliche Funktionalität mit Sinnlichkeit und stellt unterschiedliche Vorstellungen von Körper, Kleidung und Bewegung nebeneinander. Ihre Referenzen reichen von der Malerin Lotte Laserstein, deren Frauen weder gefallen noch etwas beweisen müssen, bis zum Philosophen Roland Barthes, der Kleidung als Zeichensystem verstand. Mit FashionUnited sprach die Designerin darüber, was eine Silhouette über ihre Zeit erzählt und wann Funktion zur Ästhetik und Disziplin zum eigenen Antrieb wird.
Frau Koch, auf der Pariser Modewoche haben Sie „Stable“, Ihre SS27-Kollektion, gezeigt. Ist sie damit für Sie abgeschlossen, oder beginnt sie jetzt erst ihr eigentliches Leben?
Ich denke Kollektionen eher in Kapiteln als in Büchern. Das liegt vielleicht daran, dass wir von einem Magazin kommen: Man denkt in Ausgaben, nicht in Endpunkten. „Stable“ ist ein Kapitel in der Geschichte von 032c. Es ist in sich abgeschlossen, schreibt aber am nächsten mit, und das wiederum am übernächsten. Insofern ist die Kollektion fertig und gleichzeitig nicht zu Ende.
Disziplin und Dekadenz, Kontrolle und Begehren: Um diese Spannung kreist die ganze Kollektion. Wann haben Sie diese Spannung zum ersten Mal an sich selbst gespürt?
Sehr früh. Mich hat immer angezogen, etwas zu leisten und daraus Freude zu ziehen. Nach einem harten Training zu wissen, dass es gut war und dass man einen Schritt weitergekommen ist: Dieses Gefühl kenne ich, seit ich ein Kind bin. Anstrengung und Lust waren für mich nie Gegensätze.
Sie sind zwischen der Rave-Szene der Neunziger und dem Turniersport aufgewachsen. Beide haben ihre eigene Uniform und strenge Regeln, beide tragen das Versprechen von Entgrenzung in sich, und doch wirken sie auf den ersten Blick nicht verwandt. Was verrät diese Spannung über Sie?
Meine Geschichte ist etwas anders, weil diese Welten bei mir nacheinander kamen, nicht nebeneinander. Ich bin in Göttingen aufgewachsen und habe mit fünf angefangen zu reiten, erst auf Ponys, dann auf Schulpferden. Irgendwann war ich eines dieser Mädchen, die morgens vor der Schule mit dem Fahrrad zum Stall fahren. Bis ich siebzehn war, war ich jeden Tag dort, mit fünfzehn und sechzehn auch im niedersächsischen Landeskader Dressur.
Dann gab es ein Ereignis in meiner Familie, das mich aus der Bahn geworfen hat. Ich habe mich für ein Jahr aus dem Stallleben zurückgezogen. Danach habe ich meinen Weg in die Musik und in die Techno-Szene gefunden.
Was beide Welten über mich verraten? Vielleicht, dass ich Orte suche, an denen man sich vollständig hingibt und trotzdem einer Form folgt. Ein Turnier und ein guter Rave haben mehr gemeinsam, als beide Seiten zugeben würden.
„Stable“ heißt Stall und Stabilität. Wie bewusst haben Sie mit dieser Doppelbedeutung gespielt?
Die Doppelbedeutung war mir bewusst, aber sie war nicht der Grund. Zuerst gab es den Instagram-Account 032c Stable. Dort wollte ich das Reiten und die Liebe zu Pferden anders zeigen und Bilder anders zusammenbringen, als die Reitsportwelt es gewohnt ist. Dann habe ich mir selbst wieder ein Pferd gekauft und bei der Suche nach Reitbekleidung nichts gefunden, das mich gereizt hätte. Es gab also einen ganz eigenen Bedarf.
Der Name war schon da, die Kollektion kam dazu. Das war kein Plan vom Reißbrett. Wie vieles bei 032c ist es gewachsen. Wenn das Wort in unruhigen Zeiten Halt verspricht, nehme ich das gern an, aber als Geschenk, nicht als Strategie.
Beim Reiten führt man ein anderes Lebewesen, Kontrolle funktioniert da nur über Vertrauen. Hat das verändert, wie Sie über Autorität und Loslassen denken?
Ich habe verstanden, dass Autorität nichts mit Dominanz zu tun hat. Ein Pferd wiegt ungefähr das Zehnfache von mir, mit Kraft gewinnt man da nichts. Autorität heißt, den anderen zum Vertrauen einzuladen und Entscheidungen zu treffen, die für beide als Team gut sind: vernünftig und wohlwollend. Und Loslassen ist keine Schwäche, sondern Technik. Wer sich am Zügel festhält, hat schon verloren.
Disziplin ist in Deutschland ein vorbelasteter Begriff, man denkt an Preußen, die Kavallerie und einen starken Leistungsethos. Möchten Sie ihn neu besetzen?
Die historischen Linien sind da, keine Frage. Ich habe aber kein Bedürfnis, mich an Preußen oder der Kavallerie abzuarbeiten. Modern oder eins zu eins übertragbar finde ich diese Vorstellungen selbstverständlich nicht. Trotzdem ist Disziplin ein zentrales Motiv in meinem Leben, und zwar als etwas, das man sich selbst gibt, nicht als etwas, das einem auferlegt wird. Auf diesen Unterschied kommt es an. Neu besetzen muss ich den Begriff dafür nicht. Ich benutze ihn einfach.
Reitmode gilt traditionell als Sache von Klasse und Landadel. Streifen Sie diese soziale Codierung ab, oder spielen Sie bewusst mit ihr?
Diese Codes interessieren mich modisch nicht. Was mich am Reiten fasziniert, ist der Körper. Um einem Pferd feinste Hilfen zu geben, muss der menschliche Körper kräftig, beweglich und elastisch sein und harmonisch arbeiten. Daraus ergeben sich die Anforderungen an die Kleidung, nicht aus dem Landhaus. Mein Ausgangspunkt ist dieser Performance- und Sportgedanke.
Deshalb ist „Stable“ auch keine Reitkollektion im engeren Sinn, sondern Womenswear mit einigen reitspezifischen Teilen. Die meisten Sneaker, die heute getragen werden, haben nie einen Sportplatz gesehen. Bei uns ist es ähnlich: Ein paar Stücke gehören wirklich in den Sattel, alles andere funktioniert auch ohne Pferd.
Lotte Laserstein war für die Kollektion eine wichtige Referenz. Die Malerin gehörte zur Neuen Sachlichkeit der Weimarer Zeit, wurde von den Nationalsozialisten verfolgt, ging ins schwedische Exil und geriet lange in Vergessenheit. Was bedeutet es, sich als Designerin auf eine fast verschwundene Künstlerin zu beziehen?
Ausgangspunkt waren ihre Bilder, und konkret vor allem eine Haltung. Ihre Frauen sind nicht kokett und nicht dekorativ. Sie sind anwesend: bei sich, schön und erhaben, ohne es jemandem beweisen zu müssen. Dazu kommen ihr Licht und eine Intimität, die nie übergriffig wird. Diese Körpersprache, aufrecht, konzentriert und ruhig, ist das, was mich an ihr am meisten beschäftigt hat.
Aber selbstverständlich berührt mich auch ihre Geschichte. Eine so großartige Malerin wurde von den Nationalsozialisten ausgegrenzt, musste ins Exil gehen und war danach jahrzehntelang fast vergessen.
Laserstein malte in der Weimarer Republik, als die Idee radikaler Freiheit kurz vor dem Kippen stand. Schwingt dieser Subtext bei Ihnen mit, und wie viel davon weiß unsere Gegenwart?
Bewusst habe ich die Kollektion nicht so gedacht. Aber natürlich nimmt man gesellschaftliche Entwicklungen wahr, und sie fließen in die eigene Arbeit ein. Unsere Gegenwart würde ich nicht pauschal als Zeit radikaler Freiheit beschreiben. Gleichzeitig habe ich durchaus das Gefühl, dass etwas kippen könnte. Dass man auf einen Knall wartet. Das ist kein ausformulierter Gedanke hinter der Kollektion, eher eine Grundtemperatur. Mode misst so etwas oft früher, als man es aussprechen kann.
In der Kollektion gibt es transparente Blusen, die freilegen, Performance-Materialien, die bedecken, und Reithosen, die fast wie eine zweite Haut sitzen. Verspricht „Stable“ den Trägerinnen damit mehr Kontrolle über den eigenen Körper?
Ich würde nicht von Kontrolle sprechen, sondern von Unterstützung. Die Kleidung soll dem Körper helfen, sich so zu bewegen, wie er es braucht, im Sattel genauso wie abends. Transparenz und Bedeckung sind dabei keine Gegensätze, sondern zwei Arten, ehrlich mit dem Körper umzugehen. Und was die Kollektion dafür verlangt? Eigentlich nur, dass man sich bewegt.
Mode lebt oft vom Überflüssigen, bei Ihnen sollen Stiefel und Handschuhe wieder zu Werkzeugen werden, nicht zu bloßen Accessoires. Was geschieht, wenn Mode sich an Funktion messen lassen muss, und bleibt da noch Platz für Begehren?
Natürlich bleibt dafür Platz. Funktion und Sinnlichkeit schließen sich nicht aus, im besten Fall bedingt das eine das andere. Ein Stiefel, der perfekt sitzt, ist auch ein schöner Stiefel. Bei den Werkzeugen im engeren Sinn arbeiten wir deshalb mit Spezialisten: Die Stiefel entstehen mit De Niro, deren Reitstiefel für mich derzeit unübertroffen sind. Die Handschuhe machen wir gemeinsam mit Roeckl Sports, und zusammen mit Mykita ist eine Brille speziell für den Reitsport entstanden.
Abendkleidung erfüllt andere Bedürfnisse. Deshalb steht in „Stable“ der Reitstiefel neben dem Abendkleid und das Tailoring neben der technischen Jacke. Mode, die sich an Funktion messen lassen muss, verliert nicht ihr Begehren.
Kleidung kann also Werkzeug sein. Aber was ist sie als Kulturgut? Gemälde kommen ins Museum, Kleidung gilt als Verbraucher:innengut. Ist Mode eher das flüchtigste oder das ehrlichste Kulturgut, weil sie am Körper stattfindet?
Ich würde sagen: beides. Man kann bei Roland Barthes anfangen. Wenn wir Mode als Sprache verstehen, gehört sie zu unserem zivilisatorischen Grundverhalten. Bestimmte Kleidungsstücke halten den Zeitgeist fest, so wie wir bestimmte Wörter oder Wendungen einer Epoche zuordnen können. Flüchtig ist dabei nur der Moment, in dem etwas neu ist. Was bleibt, ist die Spur: Eine Silhouette erzählt oft mehr über ein Jahrzehnt als ein Leitartikel. Und ehrlich ist Mode tatsächlich, weil sie sich am Körper bewähren muss. Ein Gemälde muss niemand anziehen.
032c war nie nur Mode, sondern immer auch Magazin und Ausstellungsort. Welchen Platz hat die Mode in diesem Gefüge, und was gelingt ihr, woran die anderen Formate scheitern?
Das Magazin, die Ausstellungen, unsere gerade gestartete Pirate Radio Station auf YouTube und die Mode sind für uns verschiedene Streams für denselben intellektuellen und kreativen Input. Was in welchen Kanal fließt, entscheidet sich danach, was uns gerade beschäftigt.
Was die Mode kann, was die anderen nicht können. Man trägt sie. Ein Text wird gelesen, eine Ausstellung besucht, Kleidung geht mit nach Hause und lebt dort weiter.
Deshalb ist es für uns so wichtig, dass „Stable“ jetzt in den Handel geht, international über Luxus-Retailer und mit erstaunlich viel Resonanz aus den USA. Mein eigentlicher Prüfstein ist aber der deutschsprachige Markt. Die Reitlehre, auf die sich weltweit alle beziehen, hat hier ihre Wurzeln.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt.
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