Mare di Moda 2026: Zwischen Dauerkrise und Zuversicht
Von einer Krise war in Cannes bei der Fachmesse Mare di Moda in Cannes auf den ersten Blick wenig zu spüren. Vor dem Palais des Festivals zeigte sich die Küste von ihrer besten Seite, und selbst von den Protesten gegen steigende Lebenshaltungskosten, die Frankreich und Italien in den Wochen zuvor in Atem gehalten hatten, ließ sich nur etwas durch die abgeriegelten Schaufenster der Luxusläden an der Promenade erahnen. Auf dem Messegelände dagegen sprachen Hersteller:innen über Garnpreise, die sich fast verdoppelt haben, über Sprit, der bis zu 30 Prozent mehr kostet als im Februar, und über Kund:innen, die das Gefühl haben, es sei nicht der richtige Moment, um zu kaufen oder zu feiern. Und doch war die Laune erstaunlich gut. Das Gefühl für die Zukunft sei optimistisch, hieß es bei dem italienischen Textilhersteller Carvico, wobei genau das am Mittelmeer auch leicht falle.
Vom 27. bis 29. Oktober kehrte die Messe für Stretch-Stoffe und -Bekleidung zum 24. Mal an die Côte d’Azur zurück, und mehr als hundert Kollektionen europäischer Unternehmen für den Sommer 2028 zeigten. Die Veranstalter ziehen eine Bilanz auf Vorjahresniveau, ohne Rückgang und sprechen von einer gezielteren, besser informierten Suche der Fachbesucher:innen und einer positiven, lebhaften Atmosphäre. Gute Stimmung gab es allemal, doch auch die Atmosphäre und das Meer konnten nicht über aktuelle Fakten hinwegtrösten, und so klangen manche Gespräche auf den Gängen und an den Ständen nüchterner. Die Kriege in der Ukraine, in Palästina und im Iran verteuern und verunsichern zugleich, und sie treffen eine Branche, die nach den Überbeständen der Pandemie-Jahre ohnehin vorsichtig bestellt.
Instabilität statt Einzelkrise: Warum alle abwarten
Erst war es die Logistik, dann waren es Überbestände und Rohstoffpreise: Jedes Jahr brachte sein eigenes Schlagwort nach Cannes. 2026 fällt ein anderes Wort besonders oft: Instabilität. „Die politische Instabilität ist der schlimmste Feind unserer Branche“, sagt Claudio Taiana, Präsident der Mare di Moda. Wer nicht wisse, was morgen möglich sei, verschiebe Investitionen und warte ab, denn jeder Tag erscheine schlechter als der vorherige. In der Mode heiße „später“ meist: nächste Saison. Das bedeute eine Saison ohne Geschäft, abgesehen von Last-Minute-Aufträgen. Bei Stoffen für den Sommer 2028, die jetzt ausgewählt werden, kann Abwarten deshalb schnell ein ganzes Jahr kosten.
Offiziell fällt das Fazit der Veranstalter versöhnlicher aus. Man habe von dieser Ausgabe nach einer Phase der Stagnation, die mit der geopolitischen Lage zusammenhänge, eine Beschleunigung erwartet, so der Präsident. Die Zahlen sprächen für eine Rückkehr zu Programmierung und Planung, erkennbar an überlegteren Entscheidungen, genauerer Prüfung der Kollektionen und einer positiven, lebhaften Atmosphäre. Das deckt sich mit dem, was Aussteller schildern: Es wird wieder bestellt, aber mit Bedacht.
Die Unsicherheit kommt auch bei den Verbraucher:innen an. Den direkten Schaden des Iran-Kriegs für die Textilindustrie hält der Präsident für begrenzt, entscheidend sei, was der Krieg im Alltag der Menschen auslöse. Sie wollten sparen, weil sie ihre Zukunft nicht einschätzen könnten, und das gelte für Textilien ebenso wie für Lebensmittel oder Restaurants. Bei Carvico und Jersey Lomilina, seit mehr als 60 Jahren europäischer Marktführer für Maschenstoffe und Mitgestalter der Bikini-Jubiläumsschau, beschreibt Area Manger Giorgio Cavallini denselben Mechanismus. Der Ölpreisanstieg sei real, an der Tankstelle zahle man bis zu 30 Prozent mehr als im Februar. Schwerer als die Preise wiege aber die Stimmung.
Vor allem jüngere Menschen hätten das Gefühl, es sei nicht der richtige Moment, um zu kaufen oder zu feiern. Cavallini verweist dabei auch auf die Proteste der Vorwoche in Italien, Frankreich und anderen Ländern. Sie richteten sich gegen steigende Lebenshaltungskosten und Spritpreise, am Wochenende des 17. und 18. Oktober kam es in Frankreich, Italien und Belgien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Dieses Gefühl, so der Area Manager, habe mehr Einfluss auf das Geschäft als der Krieg selbst.
Für die Bademode verschärfen zwei Umstände diese Zurückhaltung. Der erste ist die Erinnerung an die Pandemiejahre. 2021 und 2022 seien für viele die besten Jahre überhaupt gewesen, so Cavallini, und zugleich eine Blase. 2023 kam die Rechnung samt Zinsen, denn die Lager waren voll, bei Carvico mit Garnen, bei den Kund:innen mit Stoffen und fertigen Teilen; in der Activewear dauerte der Abbau fast drei Jahre. Heute fürchte jeder, zu viel und dann auch noch das Falsche zu bestellen. Das erklärt, warum Kund:innen zwar Neues sehen wollen, aber nichts riskieren. Gefragt sind klassische Stoffe, nur mit mehr Textur. Das Jahr habe mit den besten Zielen begonnen, es hätte das erste seit Langem sein können, in dem wieder relevante Volumen bestellt werden. Doch die Weltlage habe die Kund:innen erneut vorsichtig gemacht.
Der zweite Umstand ist das enge Verkaufsfenster. Activewear lässt sich fast das ganze Jahr verkaufen, die Bademodensaison spielt sich dagegen in etwa zwei Monaten ab. Gekauft wird im Mai und Juni, im Idealfall bei Sonne, aber nicht zu heiß, sonst gehen die Menschen gleich an den Strand, statt vorher einzukaufen. Ein kühler Frühsommer verpasst das Fenster. Ob die Nachfrage deshalb einbricht, ist offen. Taiana sagt, der Sommer sei gut gelaufen, und Bademode stehe besser da als die Textilbranche insgesamt, auch weil sich das Geschäft auf einen kurzen Zeitraum konzentriere. Dazu passt eine These, nach der das Sparen der Bademode sogar helfen könnte: Wer im Alltag verzichte, gebe im Urlaub mehr aus, wie beim Drink am Wochenende, den man sich unter der Woche verkneift. Der Präsident rechnet aber selbst dagegen: Eine große Nacht stehe sieben oder 30 Tagen Sparen gegenüber, das gleiche sich nicht aus.
Kosten und Konkurrenz: Wer trägt die Last?
Auf der Kostenseite treffen die Krisen die Hersteller:innen direkt. Dasselbe britische Gespann aus Hersteller nachhaltiger Bekleidung und Stoffentwickler Maxxam Textiles und ApparelTasker, das mit einem in den Achtzigerjahren erfundenen Crinkle-Stoff arbeitet, berichtet, die Garnpreise seien fast auf das Doppelte gestiegen, auch Färbemittel würden stetig teurer. Hinzu kämen britische Besonderheiten: Färbemittel müssten das britische REACH-Verfahren durchlaufen und in Mindestmengen abgenommen werden, die kaum jemand lagern könne. Weil nur zwei Färbereien infrage kämen, die inzwischen das Doppelte früherer britischer Preise verlangten, sei der Spielraum gering, so Maxxam-Gründerin und Textildesignerin Rosemary Moore.
Wer die Last trägt, beantwortet sie pragmatisch. Man könne nicht alles an die Kund:innen weitergeben, ohne dass es für diese ein riesiger Sprung werde, und auch die Verbraucher:innen wären am Ende nicht glücklich. Also trage man einen Teil der Erhöhung selbst und hebe zugleich die Löhne an. Je besser ein Unternehmen aufgestellt ist, desto leichter fällt der Umgang mit den Kosten.
Marco Taiana, General Manager des gleichnamigen Webers aus dem Raum Como seit 1933, spezialisiert auf Super-Stretch-Webware, weist darauf hin, dass bei Bademode pro Teil nur wenig Stoff verbraucht werde. Material mache daher einen kleinen Teil der Produktionskosten aus, und Premiumprodukte litten weniger als günstige. Sofiletta, ein Familienunternehmen seit 1911 mit fünf Werken, streut das Risiko: Sport und Mode inklusive Bademode machen rund 40 Prozent des Umsatzes aus, Schutztextilien für Feuerwehr, Militär und Polizei etwa die Hälfte, der Rest entfällt auf Industrietextilien. Gerade diese Vielseitigkeit helfe, wenn ein Markt schwächelt.
Dass sich Kosten nicht beliebig weitergeben lassen, hat auch mit der Konkurrenz zu tun. Für die kommenden Monate sorgt man sich bei Sofiletta wegen der Stammkundschaft aus dem Luxussegment kaum, der Blick auf die nächsten fünf Jahre fällt anders aus. Schützten die USA ihren Markt, versuchten asiatische Anbieter, sich ein Stück vom europäischen zu holen, und Europa schütze seine Industrie nicht genug, heißt es dort. Auf dieser Messe träfen sich noch faire Wettbewerber, auf größeren Messen sehe man dagegen immer mehr Anbieter aus Asien mit Preisen, gegen die man unmöglich ankomme. Die Kombination aus Dumpingpreisen und den eigenen gestiegenen Kosten sei „wirklich hart“. Ein chinesischer Wettbewerber habe zudem kleine Mengen als uninteressant bezeichnet, obwohl sie für europäische Betriebe gute Aufträge seien. Dass kleine europäische Premiummarken trotzdem in Asien fertigen ließen, hält ein Vertreter des Unternehmens für „völlig verrückt“. Gehe das so weiter, gebe es am Ende kein Textilgeschäft mehr in Europa.
Auch Cavallini sieht, dass die Zeit vorbei sein könnte, in der man Kund:innen im Discountsegment bedienen konnte, denn Anbieter in Asien könnten sich Preise leisten, die schwer nachvollziehbar seien. Von europäischen Lieferanten erwarte man dagegen höchste Standards bei Nachhaltigkeit und unbedenklichen Produktionsmitteln, ohne dass die Umwelt belastet werde, und wolle am liebsten trotzdem Preise wie in Asien. Große Händler verlangten Nachweise gegen Sklaverei und Kinderarbeit, obwohl in Italien interne wie externe Gewerkschaften und regelmäßige Kontrollen dafür sorgten, dass dies „keine Chance“ habe. Man frage sich bei Carvico und Jersey Lomelina, ob dieselben Nachweise auch von Lieferanten in anderen Weltregionen verlangt würden oder ob man ein Auge, vielleicht beide, zudrücke, wenn der Preis stimme.
Europa als Standort: nah und transparent, aber nicht billiger
Mit den Störungen der Lieferketten verband sich vielerorts die Erwartung, dass Produktion in Europa an Bedeutung gewinnt. An mehreren Ständen zeigt sich, dass der Gedanke ankommt. Sofiletta, vertikal integriert, beobachtet, dass Kund:innen immer häufiger nach kurzen Lieferketten fragen und die Werke persönlich besichtigen wollen, „und in diesem Fall gewinne ich den Kunden“. Die Garne stammen fast durchweg aus Europa, das Polyester aus Spanien, nur das Elastan aus Asien. Bei Taiana gehen die meisten Lieferungen innerhalb Europas von Portugal bis Polen, nur selten nach Asien. Cavallini berichtet von einem Kunden, der nicht mehr allein auf Stoffe mit Recyclinganteil setzt, sondern auf Produktion wenige Kilometer von zu Hause: Die kurze Lieferkette wird zur eigenen Nachhaltigkeitsstrategie.
Wie unsicher die Wege aus Asien geworden sind, beschreibt das britische Gespann: Einige Garne, selbst aus China, kämen inzwischen per Bahn, und die sei schneller als das Schiff. Europa biete dagegen Transparenz und Kontrolle, man fahre einfach zur Fabrik, anders als nach China, wohin man nicht alle zwei Wochen reisen könne. Man sehe inzwischen die „Risse im System“, sei aber „noch nicht so weit“, auch aus Gier, wie es dort heißt, denn in Europa seien die Margen niedriger als in Asien. Dass aus dem Argument noch kein Auftragsboom wird, hat zwei Gründe. Der erste ist der Preis: Nähe und Transparenz haben ihren Preis, und wer sie will, erwartet oft trotzdem Preise wie in Asien, wie der Abschnitt zu Kosten und Konkurrenz zeigt. Der zweite ist die Substanz.
Der Präsident sieht in der Lage zwar einen Anreiz zu investieren, doch man habe der Produktion in Europa bereits so viel Schaden zugefügt, dass es schwer sei, eine neue Gruppe von Hersteller:innen aufzubauen. Auch die Alternative in der Nähe hat Grenzen: Carvicos Area Manager sieht in der Türkei einen potenziell hervorragenden Partner für europäische Produktion, mit Können, Kapazität und Willen, doch das Land sei derzeit in einer schwierigen Lage und nicht mehr so wettbewerbsfähig wie früher, weil die Produktion dort inzwischen fast so teuer sei wie in Italien.
Europa als Reiseziel: Ist Cannes sicher genug?
Als Lieferregion hat Europa also Argumente, als Reiseziel kämpft es mit seinem Image. Wie tief die Verunsicherung reicht, zeigt eine Anekdote des Messepräsidenten. In diesem Jahr vergab die Messe ihre Excellence Awards an zwei Preisträger, einen Italiener und einen US-Amerikaner. Der US-Amerikaner kam nicht, obwohl die Veranstalter Anreise und Unterkunft bezahlt hätten: Er wollte das Risiko nicht eingehen, denn Europa, allen voran Frankreich, gelte aus der Ferne als zu gefährlich. „Aus der Distanz macht man ein Gesamtbild und sagt: zu gefährlich für mich“, so der Präsident. In dieser Wahrnehmung stehe Frankreich an erster Stelle, gefolgt von Italien, wo vor allem der Norden um Mailand genannt werde. Der Präsident sieht darin das Ergebnis schlecht gemanagter Politik: Die Menschen hätten Angst um ihre Zukunft, um ihre Stadt, um ihre Familie. Vor Ort fiel das Bild ruhiger aus: Von den Protesten der vergangenen Wochen war in Cannes außer den abgeriegelten Schaufenstern der Luxusläden an der Promenade nichts zu spüren.
Die Folgen lassen sich auf den Gängen ablesen. Die Messe ist stark europäisch geprägt, Gäste aus Übersee sind selten. Carvico und Jersey Lomelina zählte Besucher:innen aus den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, Deutschland und Frankreich, bei Taiana kamen die meisten Kund:innen aus Frankreich und Italien, dazu aus der Türkei, Griechenland, Spanien und Portugal, aber auch einige aus den USA. Taiana verweist darauf, dass es für viele Unternehmen ohnehin aufwendig sei, Personal auf eine Messe zu schicken und dafür Geld auszugeben. Die Organisator:innen wollen nun mit einer Kampagne gezielt Besucher:innen aus dem Ausland ansprechen.
Der US-Markt selbst bleibt für europäische Hersteller:innen zwiespältig. Sofiletta wächst dort seit zwei Jahren mit guten Ergebnissen, trotz schwierigerer Bedingungen als zuvor. Die Ost- und die Westküste seien völlig verschiedene Märkte, und die Ostküste suche weiter nach Funktion und technischen Stoffen, also nach dem, was europäische Lieferanten ausmache. Ein Vorteil sei dabei die Verlässlichkeit der Lieferungen. Dass Europa als Partner dort gefragt ist, obwohl es als Reiseziel Zweifel weckt, ist ein Widerspruch, den die Kampagne der Organisator:innen auflösen soll.
Ausblick SS28: Mehr Nutzen, wenig Risiko
Wenn Kund:innen wenig riskieren wollen, aber Anlässe zum Kauf brauchen, müssen Stoffe mehr können als bisher. Das zeigt sich in drei Richtungen. Sofiletta setzt auf Vielseitigkeit. Kund:innen suchten zunehmend Stoffe, die für das Schwimmen und die Sportstunde taugen und zugleich auf einer Party tragbar sind, ein Trend, der sich weniger auf dieser Messe als im Sportbereich zeige. Biobasierte Materialien würden dort ebenfalls angefragt, auch weil Lieferanten sie stark bewerben, ein echter Trend sei das aber nicht. Bei Carvico steht schnelles Trocknen im Vordergrund, vor allem bei verzierten Teilen mit vielen Details, die nach dem Baden schwer werden. Selbst wer nur an der Poolbar sitze, wolle in dem Moment trocken sein, in dem er aus dem Wasser komme. Taiana wiederum setzt auf Struktur. 3D-Effekte, meist Seersucker, bei denen verschiedene Materialien und Gewebestrukturen gemischt werden, außerdem bunte Streifen und Ton-in-Ton-Jacquards. Manche dieser Stoffe eigneten sich besonders für besondere Bikinis, doch die Herstellung sei anspruchsvoll.
Die Messe war zumindest zum Auftakt gut besucht. Taiana sprach von vielen Kund:innen mit sehr schönen Markennamen und weiteren fest vereinbarten Terminen, bei Carvico fanden die meisten Gespräche mit bekannten Kund:innen statt, Neukund:innen zu gewinnen sei auf einer solchen Messe schwer, auch weil das Unternehmen bereits ehr gut Vernetzt sei. Ob sich das in Aufträgen niederschlägt, dürfte sich wie in früheren Jahren erst in den kommenden Monaten zeigen.
Der Messepräsident zieht am Ende die historische Linie. Der Bikini habe sich durchgesetzt, als der Krieg schon 15 Jahre vorbei gewesen sei und die Gesellschaft sich ein neues Modell leistete, ein Mentalitätswandel. Auf eine Wiederholung hofft der Präsident. Zuvor müsse allerdings „etwas in den USA gelöst werden“. Wann aus der heutigen Knappheit wieder etwas Neues entsteht, entscheidet sich nicht in Cannes, sondern im Mai und Juni, wenn die Kund:innen darüber entscheiden, ob sie in diesem Sommer einen neuen Badeanzug kaufen.
FashionUnited wurde eingeladen, Mare Di Moda in Cannes zu besuchen.
ODER ANMELDEN MIT