Zulieferer globaler Modemarken bringen Textilarbeiter:innen zum Schweigen
Ein neuer Bericht der britischen gemeinnützigen Arbeitsrechtsorganisation Labour Behind the Label enthüllt ein Problem. Globale Modekonzerne und Marken wie Levi's, Next, H&M, Gap, Inditex, Carrefour und Primark nutzen ein fehlerhaftes, milliardenschweres Auditsystem. Dieses System bringt laut dem Bericht „systematisch Textilarbeiter:innen in Pakistan zum Schweigen“, obwohl es weitreichende Beweise für Arbeitsrechtsverletzungen in der Branche gibt.
Der 43-seitige Bericht ‘Silenced: Wie die Einhaltung von Lohnvorschriften die Arbeiter:innen in Pakistan im Stich lässt’ untersuchte die Bedingungen in Fabriken, die 15 internationale Modemarken beliefern. Er stellte fest, dass „oberflächliche Compliance-Systeme“ die Beschwerden von Arbeiter:innen über unrechtmäßige Löhne, überlange Arbeitszeiten, Belästigung, Mobbing, Überwachung und Einschüchterung abweisen.
Labour Behind the Label stützt sich auf die Aussagen von 255 Arbeiter:innen aus acht Fabriken in Pakistan. Die Organisation stellt fest, dass Arbeiter:innen Missstände wie systematische Unterbezahlung und Ausbeutung nicht melden können. Sie riskieren dabei Disziplinarmaßnahmen, einschließlich Lohnabzug oder Entlassung. Angst und Vergeltung sind laut dem Bericht „in die Beschwerdesysteme der Fabriken integriert“.
Labour Behind the Label untersucht, wie die Einhaltung von Lohnvorschriften Arbeiter:innen in Pakistan im Stich lässt
Die Untersuchung ergab, dass 80 Prozent der Arbeiter:innen keine Kopie ihres Vertrags besaßen und somit keinen Nachweis über ihre Anstellungsbedingungen hatten. 65 Prozent gaben an, keine Lohnabrechnung zu erhalten. Zwei Drittel berichteten, dass sie oft unter Druck zu Überstunden gezwungen wurden. 62 Prozent von ihnen gaben an, für diese Stunden nicht den gesetzlich vorgeschriebenen doppelten Lohn zu erhalten.
Werden Qualifikationsniveau und Überstundenansprüche korrekt berücksichtigt, verdienen 65 Prozent der Arbeiter:innen weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. 71 Prozent fügten hinzu, dass ihre Löhne „nicht ausreichten, um die grundlegenden Bedürfnisse des Haushalts zu decken“.
Wenn es jedoch darum geht, Probleme anzusprechen, zeigt der Bericht Missstände auf. In einigen Fabriken sind Beschwerdekästen direkt unter Überwachungskameras angebracht. Sogenannte ‘interne Hotlines’, die den Fabrikarbeiter:innen Anonymität bei der Meldung von Problemen bieten sollen, befinden sich in voller Sichtweite der Fabrikleitung und der Kolleg:innen.
Ein:e Arbeiter:in aus der Fabrik von Artistic Milliners in Karatschi, die den Zara-Eigentümer Inditex beliefert, sagte im Interview für den Bericht: „Wir alle wissen, wenn man eine Beschwerde einreicht, wird man gekündigt.“
Dies bestätigt einen Fall vom Januar. Damals wurde eine Gruppe von 50 Arbeiter:innen bei Combined Fabrics in Lahore entlassen, nachdem sie Bedenken wegen unbezahlter Prämien geäußert hatten. Das Unternehmen stellt Kleidungsstücke für Levi's her.
Neben einer Kultur der Angst in den Fabriken deckt der Bericht auch ein fehlerhaftes Auditsystem im Herzen der Modebranche auf. Die Arbeitsrechtsorganisation stellt fest, dass viele internationale Modemarken „unzureichende, periodische und inkonsistente Sozialaudits“ nutzen. Damit sollen die Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten überwacht werden.
Wenn Arbeiter:innen den Auditor:innen Missstände melden, werden diese laut dem Bericht ignoriert oder systematisch nicht erfasst. Der Grund dafür sei, dass „Audits die Dokumentation über die Menschen stellen“. Andere Beweise im Bericht deuten darauf hin, dass einige Fabriken Audits aktiv manipulieren.
Tun internationale Modemarken genug, um die Arbeiter:innen in der Lieferkette zu unterstützen?
Laut dem Bericht tun die meisten internationalen Marken „nur das Nötigste, um lokale Gesetze und internationale Standards zu erfüllen“. Sie setzen weiterhin auf ein Auditsystem, von dem allgemein bekannt ist, dass es „die realen Arbeitsbedingungen nicht widerspiegelt, anstatt auf Veränderungen zu drängen“.
Der Bekleidungs- und Textilsektor macht etwa 60 Prozent der Gesamtexporte Pakistans aus und beschäftigt 15 Millionen Menschen in der gesamten nationalen Lieferkette. Dies macht ihn zu einem wichtigen Motor der Volkswirtschaft. Die anhaltend hohe Inflation, die in diesem Jahr auf 11,7 Prozent gestiegen ist, hat jedoch die Reallöhne geschmälert. Dies stellt eine zusätzliche Belastung für Arbeiter:innen und Haushalte dar.
Anna Bryher, Policy Lead bei Labour Behind the Label, sagte in einer Erklärung: „Die Modebranche steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise. Viel zu lange haben sich internationale Marken auf oberflächliche Compliance- und Auditsysteme verlassen. Diese erfassen die Realität der Arbeiter:innen in Pakistan nicht. Die Legitimität der Beschaffung aus Niedriglohnländern, in denen Ausbeutung weit verbreitet ist, steht auf dem Spiel.“
„Eine Kultur der Angst lässt sich nicht allein durch Richtlinien beheben. Man muss den Arbeiter:innen zuhören und ihre Aussagen in den Mittelpunkt des Schutzes ihrer Rechte stellen. Echte Abhilfe muss Arbeiter:innen und Gewerkschaften in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen. So wird sichergestellt, dass sie eine wirksame Stimme bei der Verbesserung ihrer Arbeitsplätze haben.“
Modemarken reagieren auf den Bericht von Labour Behind the Label
Labour Behind the Label unterstützt weltweit die Bemühungen von Textilarbeiter:innen, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Organisation ist der Ansicht, dass viele Modemarken „ihrer Verantwortung nicht nachkommen, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder den gefährdeten Arbeiter:innen in ihren Lieferketten Abhilfe zu schaffen“.
Die Organisation fügt hinzu, dass sie die Ergebnisse mit den im Bericht genannten großen internationalen Marken geteilt hat. Einige, darunter Lidl und Carrefour, gaben an, „eine dritte Partei“ mit der Prüfung der Ergebnisse beauftragt zu haben. Andere, wie Asda, sagten, sie würden die Bedenken aus dieser Untersuchung bei ihrem Zulieferer US Apparel ansprechen. Inditex bestätigte, dass mit seinen Zulieferern Artistic Milliners, Interloop, Rajby Enterprises, Soorty Enterprises, Stylers International, Tauseef Enterprises und US Apparel ein „Korrekturmaßnahmenplan“ erstellt wurde. S.Oliver teilte mit, dass mit den Zulieferern Soorty Enterprises und Stylers International „Abhilfemaßnahmen eingeleitet“ worden seien.
Die britische Marke Next gab an, einen „Korrekturmaßnahmenplan“ mit US Apparel vereinbart zu haben. Sie meldete Verbesserungen wie eine bessere Kommunikation mit der Personalabteilung, klarere Lohnabrechnungen und transparentere Verfahren zur Zustimmung von Überstunden. Primark erklärte, an der gemeinsamen Untersuchung bei US Apparel teilgenommen zu haben, um die Probleme anzugehen. Das Unternehmen habe bereits ein gemeinsames Arbeitsprogramm mit anderen Marken bei Soorty und „darauf aufgebaut, um die Ergebnisse dieser Untersuchung zu berücksichtigen“.
Der globale Modehändler H&M, der mit Soorty Enterprises und US Apparel zusammenarbeitet, bestätigte ein koordiniertes Vorgehen in Zusammenarbeit mit anderen Marken. Es wurden Überprüfungsprozesse bezüglich der Sozialversicherungsanmeldung und der Arbeitsverträge durchgeführt. Zudem seien die ‘Hauptursachen’ identifiziert und durch Schulungen behoben worden. Dazu gehörten Lücken in internen Lieferantensystemen, Kommunikationspraktiken und Lohnbuchhaltungsprozessen. H&M fügte hinzu, dass eine „spezifische Due-Diligence-Strategie für Pakistan“ entwickelt wurde, die regelmäßigere Besuche und Nachkontrollen umfasst.
Levi's gab an, eine eigene Prüfung bei Artistic Milliners und Combined Fabrics durchgeführt zu haben und „die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht bestätigen“ zu können. Kontoor, das mit Artistic Milliners und Interloop zusammenarbeitet, berichtete, dass beide Betriebe die gesetzlichen Anforderungen an Mindestlohn, Anstellungsschreiben, Lohnabrechnungen und Überstundenvergütung einhielten.
Khalid Mahmood, Direktor der Labour Education Foundation Pakistan, fügte hinzu: „Wenn Marken verantwortungsvolles Handeln ernst nehmen, müssen sie über die auditgesteuerte Compliance hinausgehen. Sie müssen in Systeme investieren, die die Vereinigungsfreiheit garantieren und die Arbeiter:innen in den Mittelpunkt von Überwachung und Abhilfe stellen.“
„Arbeiter:innen sind nicht nur Begünstigte der Due Diligence; sie sind deren glaubwürdigste Beweisquelle. Solange den Arbeiter:innen die Vereinigungsfreiheit und eine echte Stimme verwehrt bleiben, werden die Marken weiterhin das hören, was die Fabriken wollen, anstatt das, was die Arbeiter:innen ertragen müssen.“
Wie können Modemarken die Arbeiter:innen unterstützen?
In dem Bericht gibt Labour Behind the Label mehrere Empfehlungen für Marken. Dazu gehört die Einführung von gemeinschaftsbasierten Überwachungsmechanismen. Diese sollen sicherstellen, dass die Aussagen der Arbeiter:innen außerhalb des Betriebsgeländes in einem vertrauensvollen Umfeld gesammelt werden. Marken sollten auch mit den Zulieferern zusammenarbeiten, um eine von Respekt geprägte Fabrikkultur zu gewährleisten. Den Arbeiter:innen muss klar kommuniziert werden, dass sie vor Vergeltungsmaßnahmen geschützt sind. So können sie ohne Angst Beschwerden über ihre Arbeitsbedingungen vorbringen. Entlassungen und Einstellungspraktiken sollten dabei als Erstes angegangen werden.
Für die Zulieferer fordert die Arbeitsrechtsorganisation die Einhaltung der gesetzlichen Lohnvorschriften für alle Arbeiter:innen. Sie sollen auf die Zahlung eines existenzsichernden Lohns für alle Arbeiter:innen hinarbeiten. Zudem sollen sie mit gemeinschaftsbasierten Überwachungsansätzen zusammenarbeiten, um Fälle zu beheben, die von Arbeiterrechtsgruppen bilateral angesprochen werden.
Dieser neue Bericht knüpft an den Bericht von Labour Behind the Label aus dem Jahr 2023 an, ‘Hanging on By a Thread’. Dieser berichtete, dass Mindestlohnverstöße üblich und die Arbeitszeiten übermäßig lang waren. Eine große Mehrheit der Arbeiter:innen besaß zudem keinen ordnungsgemäßen Arbeitsnachweis.
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