Zalando und Vestiaire Collective läuten die Ära des ‘neuen Neuen’ ein
Vestiaire Collective und Zalando haben eine Partnerschaft bekannt gegeben, die die Grenzen des Wiederverkaufsmarktes erweitert. Durch die Zusammenarbeit mit einem starken E-Commerce-Akteur, der Secondhand-Artikel in 14 europäischen Märkten an Millionen von Besucher:innen verkaufen kann, läutet Vestiaire Collective eine neue Ära des Secondhand-Handels ein, die Ära des „neuen Neuen“ und der virtuellen Mega-Malls.
Was ist das „neue Neue“?
Der von Maurane Nait Mazi, einer Expertin für Secondhand-Mode, geprägte Begriff „das neue Neue“ beschreibt treffend die Verlagerung des Marktes für gebrauchte Kleidung in ein kommerzielles Umfeld, das dem für Neuware sehr ähnelt.
Sichtbar wird dieser Markt des „neuen Neuen“ durch Partnerschaften zwischen Online-Wiederverkaufs-Spezialist und leistungsstarken E-Commerce-Plattformen. Ob es sich um die Zusammenarbeit zwischen Vestiaire Collective und Zalando oder um die frühere Kooperation von Luxclusif mit Farfetch handelt, das Ergebnis ist dasselbe: ein kommerzieller Service und eine Präsentation von Secondhand-Kleidung, die nahezu identisch mit jener von Neuware sind. Dank dieser B2B-Vereinbarungen können Konsument:innen heute von der Produktseite einer neuen Tasche zu der einer gebrauchten wechseln, ohne einen Unterschied zu bemerken.
Dieser Übergang der Konsument:innen vom Erst- zum Zweitbesitz hat jedoch nicht auf eine ausgefeilte Präsentation und einen an Neuware angelehnten Service gewartet. Kürzlich gab die Plattform Vinted bekannt, dass 2025 bereits 88 Prozent ihrer Mitglieder die von Privatpersonen veröffentlichten Anzeigen ansehen, bevor sie den Kauf eines neuen Artikels überhaupt in Erwägung ziehen. Diese Anzeigen bestehen oft aus Amateurfotos und knappen Beschreibungen. Dieser Reflex sendet ein starkes Signal: Neuware scheint zunehmend zum „Plan B“ zu werden, während Secondhand an ihre Stelle tritt.
Das einheitliche Ökosystem, das von Zalando oder Farfetch angeboten wird, ist eine Antwort auf dieses neue Konsumverhalten. Es beseitigt die visuelle und logistische Grenze zwischen Neu- und Secondhand-Ware, sodass Kund beide Kategorien vergleichen und kaufen können, ohne die Plattform jemals verlassen zu müssen.
Diese Dynamik wird von Branchenakteur wie Aurélie Baranes, Mitgründerin von Jaiio, bestätigt. Ihr Unternehmen integriert sein Secondhand-Angebot bereits auf Plattformen wie Place des Tendances oder La Redoute. Auf Anfrage per E-Mail erklärt die Geschäftsführerin, dass die Ankündigung von Zalando „keine Revolution, aber ein sehr starkes Signal“ sei. Sie beweise, dass Secondhand seinen Nischenstatus verlassen habe und sich inzwischen ganz selbstverständlich in den gesamten Kaufprozess integriere.
„Kund:innen denken nicht mehr in Gegensätzen von Neuware und Secondhand“, präzisiert sie. „Sie suchen vor allem das richtige Teil zum richtigen Preis – mit dem richtigen Maß an Vertrauen und Service.“ Laut Baranes ist diese Annäherung eine ausgezeichnete Nachricht für die Branche. Je mehr Sichtbarkeit und je einfacheren Zugang Secondhand gewinnt, desto mehr wird es für die breite Masse zur Selbstverständlichkeit.
Virtuelle Mega-Malls
2026 ist der Secondhand-Markt, obwohl in Frankreich von Vinted dominiert, weiterhin fragmentiert. In einigen Jahren könnte sich die Landschaft jedoch rund um Super-Plattformen wie Zalando oder Amazon neu strukturieren.
Zu seiner Partnerschaft mit Vestiaire Collective schreibt Zalando auf seiner Website: „Diese Partnerschaft öffnet zum ersten Mal die Kategorie ‚Secondhand‘ für das Partnerprogramm von Zalando. Dies steht im Einklang mit Zalandos Wandel vom Einzelhändler zum Wegbereiter für den Einzelhandel (Retail Enabler).“ Das Unternehmen ergänzt: „Indem Zalando ein komplettes Ökosystem für den E-Commerce von Mode und Lifestyle in ganz Europa anbietet, eröffnet es sowohl seinen Partner als auch seinen Kund neue Perspektiven – nun auch im Bereich Secondhand.“
Denn Zalando ist heute, wie einige seiner Konkurrent, weit mehr als ein Händler: Das Unternehmen stellt eine technologische und logistische Infrastruktur bereit, die andere Marken und Unternehmen nutzen, um ihre eigenen Produkte zu verkaufen. Diese Entwicklung lässt sich mit jener von Amazon vergleichen, das sich von einem einfachen Buchhändler zu der globalen Infrastruktur entwickelt hat, die wir heute kennen. Genau das bezeichnet das deutsche Unternehmen als „Retail Enabler“ – und macht sich damit zu einer Art virtueller Mega-Mall.
Gerade diese industrielle Stärke löst den größten Albtraum des Secondhand-Handels: das Problem der „einzelnen SKU“ (Stock Keeping Unit). Im Gegensatz zu Neuware, bei der ein einziger Identifikationscode Tausende identischer Artikel bezeichnet, müssen im Secondhand-Bereich Millionen einzigartiger Stücke verwaltet werden. Diese unterscheiden sich in Größe, Zustand und Farbe. Nur die hochautomatisierten Logistikketten und Algorithmen dieser Internetgiganten können eine solche Komplexität in großem Maßstab bewältigen.
Diese Online-Einkaufszentren scheinen daher das unvermeidliche Sprungbrett für den Wiederverkaufsmarkt zu sein. Mithilfe dieser Strukturen soll laut Prognosen von ThredUp bis 2030 die Marke von 393 Milliarden US-Dollar überschritten werden.
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