Wie Einkäufer:innen für SS27 ordern: Ein Besuch im Wandergeschäft The World of Walking

Als ihr Vater 2021 in den Ruhestand ging, übernahm Sanne Dirven das Familienunternehmen The World of Walking im niederländischen Made. Ihr Großvater, ein Schuhmacher, gründete das Geschäft 1953. Im Laden findet man technische Outdoor-Bekleidung und Wanderschuhe, ausgewählt mit einem Blick für Stil und Funktion und aus Leidenschaft für den Sport. FashionUnited spricht mit ihr mitten in der Einkaufssaison für den nächsten Sommer.

Ihr Großvater gründete das Unternehmen 1953, heute führen Sie es in dritter Generation. Wie kam es dazu, dass Sie die Nachfolge angetreten haben?

Genau, mein Opa hat vor fast 75 Jahren damit angefangen, er war Schuhmacher. Meine Eltern haben das Geschäft etwa 40 Jahre lang geführt, und ich habe es zusammen mit meinem Partner Ward übernommen. Ich hätte nie im Leben daran gedacht, aber jetzt erfüllt es mich sehr.

Während der Corona-Zeit hat das Wandern einen enormen Boom erlebt. Wir hatten extrem viel im Laden zu tun, und ich habe angefangen, meinem Vater zu helfen. Eins führte zum anderen. Er hatte schon eine Weile versucht, das Unternehmen zu verkaufen, aber letztendlich blieb es in der Familie. Ich habe zwar in der Branche studiert – ich habe die TMO Fashion Business School besucht – aber bis dahin hatte ich nie etwas damit gemacht. Jetzt helfen meine Kinder manchmal samstags mit. So ist das Leben.

Sanne Dirven und ihr Partner Ward im Geschäft in Made. Bild: World of Walking

Wie würden Sie die Identität Ihres Geschäfts beschreiben?

Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der sich die Leute wohlfühlen. Es ist ein gemütlicher Laden, aber nicht unordentlich, sodass man den Überblick verliert. Wir legen viel Wert auf Visual Merchandising und bekommen dafür auch Komplimente. Wir sind mit vielen Mitarbeitenden vor Ort, um zu beraten. Das ist das Wichtigste.

Was das Angebot angeht, versuche ich, eine Schnittmenge zu finden: Es muss technisch funktionieren, aber am besten auch noch modisch aussehen. Das ist im Outdoor-Bereich eine echte Herausforderung.

Wie sieht der Einkaufsprozess bei Ihnen aus?

Der Einkauf ist eine Kunst für sich, besonders im Outdoor-Segment. Man kauft gut ein Jahr im Voraus ein. Die Einkaufszeiträume sind von Mai bis Juli und von Oktober bis Dezember. Wir haben jetzt mit Frühjahr/Sommer 2027 begonnen.

Früher gab es viele Messen, aber das ist seit Corona wirklich minimal geworden. Es gibt noch die Brand Event Preview im Sport Business Center in Leusden und ein paar kleine Events – das war's dann aber auch schon. Also muss ich mich mehr auf meine eigenen Expeditionsreisen und die Inspiration, die ich dort sammle, verlassen.

Wo gewinnen Sie derzeit Impulse für die Order?

Ich mache viele Trekkingtouren und Expeditionen. Dabei stößt man auf praktische Kleidung oder Ausrüstung, bei der man denkt: Oh, das ist etwas Neues, das einen Mehrwert bietet. Ich war gerade in Schweden und habe den Kebnekaise bestiegen. Das war bei minus 20 Grad und starkem Wind.

Mir ist aufgefallen, dass in Skandinavien ganz andere Kleidung getragen wird als in den Alpen. Schweden ist flacher, es wird viel Langlauf betrieben. Dafür braucht man eine Hose, die an der Innenseite bei der wiederholten Bewegung nicht kaputtgeht. Ich habe auch bemerkt, dass man sich in Skandinavien viel mehr mit nachhaltigen Materialien beschäftigt als in den Alpenländern.

Welche Rolle spielen Daten und Verkaufszahlen bei Ihren Einkaufsentscheidungen?

Ich liebe Daten und beziehe sie ernsthaft in den Einkauf mit ein. Heutzutage geht es auch nicht mehr ohne. Bei uns ist das Sortiment so umfangreich – wenn ich das rein nach Gefühl machen würde, würde das nichts werden. Aber ich kaufe keine Dinge, die ich selbst nie tragen würde. Und ich denke auch über Dinge wie Farben nach: Steht eine Modefarbe wirklich allen Menschen mit unterschiedlichen Hauttönen?

Sanne Dirven auf einer Expedition in Lappland. Bild: World of Walking

Gibt es Marken, die immer wieder in der Kollektion auftauchen?

Icebreaker ist so eine Marke: viel Wolle, technisch gut, nachhaltig. Wir verkaufen sie seit mindestens 25 Jahren und sind selbst auch Fans. Meindl und Lowa sind am umsatzstärksten.

Aber ich bin immer auf der Suche nach Neuheiten. Letztes Jahr haben wir mit Patagonia angefangen, und das läuft wie am Schnürchen. Der Patagonia-Effekt ist nicht zu unterschätzen – die Leute wollen nachweislich nachhaltige Produkte.

Manchmal nehmen wir auch eine Marke aus dem Sortiment, wie zum Beispiel Arc’teryx. Aus Gründen der Nachhaltigkeit. Sie waren wegen eines Feuerwerksspektakels im Himalaya in den Schlagzeilen – und dazu möchte ich mit meinem Unternehmen nicht beitragen. Ich verkaufe nur Marken, hinter denen ich voll und ganz stehe. Dann traue ich mich auch, eine solche Entscheidung zu treffen.

Nachhaltigkeit ist also eine feste Anforderung?

Ja. Am Anfang war das eine Herausforderung – es ist ein Dschungel aus Labels und Zertifizierungen. Wenn man sich wirklich damit beschäftigt, sieht man alle möglichen Missstände. Ich versuche, nicht in eine Negativspirale zu geraten, in der am Ende nichts mehr möglich ist. Jetzt sind alle unsere Marken ‚Blue Label‘-zertifiziert, und das sagt schon etwas aus.

Die Kluft in Bezug auf Nachhaltigkeit wird größer. Entweder ist es den Leuten völlig egal, oder es ist ihnen extrem wichtig. Ich sehe aber, dass die Menschen bereit sind, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und dafür mehr zu bezahlen.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen heute im Einkauf besonders häufig?

Neue Modelle werden oft erst im April oder Mai geliefert. Die Leute wollen aber schon im Januar Wanderschuhe kaufen, um sie für den Viertagemarsch oder eine Hüttentour im Sommer einzulaufen.

Wir lösen das, indem wir unseren Lagerbestand aufrechterhalten und bereits eineinhalb Jahre im Voraus bestellen. So haben wir in den frühen Monaten genügend Ware, aber eigentlich ist das System nicht stimmig.

Das Wandergeschäft World of Walking in Made. Bild: World of Walking

Hat sich in den letzten Saisons etwas geändert?

Ich merke, dass einige Marken sich eigentlich vom Einzelhandel abwenden wollen. Aber wenn man eine Marke wirklich gut positionieren will, muss man das gemeinsam tun. Das bedeutet Schulungen für Mitarbeitende und gemeinsames Nachdenken über die Präsentation.

Ich sehe auch, dass viele Marken von chinesischen Investor:innen übernommen werden. Dann beobachtet man, wie sich so eine Marke langsam verändert. Mit Arc’teryx ist das auch passiert, und aus diesem Grund haben wir früher auch mit The North Face aufgehört. Wir haben diese Marke sehr viel verkauft. Aber wenn man heute schaut, wer eine North-Face-Jacke trägt, sind das andere Leute als unsere damalige Kundschaft. Wir haben sie immer als technische Marke verkauft.

Haben Sie schon ein Gefühl für die Mode der nächsten Saisons?

Ich sehe einen Trend zu noch mehr Funktionalität. Zip-off-Hosen sind seit einigen Saisons sehr gefragt, obwohl sie jahrelang niemand haben wollte. Sie passen in den breiteren Gorpcore-Trend – Outdoor trifft auf Mode. Menschen definieren ihre Identität über das, was sie tragen. Mit einer Patagonia-Weste strahlt man etwas aus: Ich habe ein Bewusstsein für die Umwelt.

Ein größerer Wandel seit Corona ist, dass Arbeit und Freizeit viel mehr ineinander übergehen. Die Leute wollen nicht mehr acht Stunden im Großraumbüro sitzen. Kurz nach draußen zu gehen ist normal geworden, und das spiegelt sich in den (Home-)Office-Looks wider.

Sanne Dirven auf einer Expedition in Lappland. Bild: World of Walking

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