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Vernichtungsverbot: Wie Save Our Returns Retouren aus der Black Box holen will

Millionen retournierte Produkte, eine zunehmende Regulierung und ein rasant wachsender Re-Commerce-Markt machen den Umgang mit Rücksendungen zu einem strategischen Thema für die Modebranche. Ernst Lameyer, Gründer von Save Our Returns, erklärt, warum Transparenz künftig Pflicht wird, welche Risiken in intransparenten Prozessen liegen und weshalb professionelle Retourenstrategien auch wirtschaftliche Chancen eröffnen.

Retouren gehören zwar zum Geschäftsmodell des Mode-Onlinehandels, dennoch bleiben sie oft eine Black Box. In vielen Unternehmen werden Rücksendungen vor allem als Kostenfaktor betrachtet, während der tatsächliche Umgang mit unverkaufter oder retournierter Ware häufig intransparent bleibt und kaum extern überprüfbar ist. Gerade in der Modebranche mit ihren hohen Rücksendequoten entsteht so eine „Black Box“, in der Warenströme, Zweitverwertung und mögliche Entsorgung oft nur unzureichend dokumentiert sind.

Mit der kommenden EU-Ökodesign-Verordnung könnte sich das jedoch ändern. Ab Juli 2026 greift ein EU-weites Vernichtungsverbot für unverkaufte Waren. Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz müssen künftig offenlegen, was mit unverkaufter oder retournierter Ware passiert. Gleichzeitig wächst der Druck von Öffentlichkeit und Politik, Warenvernichtung zu vermeiden und Produkte stärker im Kreislauf zu halten.

Genau hier setzt die Initiative Save Our Returns an. Das Unternehmen zertifiziert Retourenprozesse von Marken und Händler:innen und will belastbare Transparenz in den Markt bringen. Im Interview erklärt Lameyer wie Audits funktionieren, warum Retouren zunehmend auch ein Reputations- und Führungsrisiko darstellen – und weshalb professionell organisierte Retourenprozesse für die Modebranche künftig nicht nur regulatorische Pflicht, sondern auch wirtschaftliche Chance sein können.

Herr Lameyer, was genau ist Save Our Returns?

Ernst Lameyer: Wir haben Save Our Returns 2020 gegründet, als das Thema Warenvernichtung politisch an Dynamik gewann. Wir prüfen und zertifizieren Retourenprozesse von Händler:innen und Marken. Ziel ist es, transparent zu machen, dass retournierte Ware nicht vernichtet, sondern wieder in den Kreislauf zurückgeführt wird – etwa durch Aufbereitung oder Re-Commerce. Die Prüfung erfolgt über ein unabhängiges Audit durch die Dekra [Anm.d.Red.: deutsche Prüfgesellschaft im Sachverständigenwesen], bei dem Prozesse, Warenströme und Entsorgungsmengen kontrolliert werden.

Warum gewinnt das Thema jetzt an Bedeutung?

Ab Juli 2026 greift die EU-Ökodesign-Verordnung. Unternehmen ab 50 Millionen Euro Jahresumsatz müssen dann dokumentieren, welche unverkauften oder retournierten Waren sie vernichten und warum. Illegale Entsorgung kann mit bis zu 100.000 Euro Bußgeld geahndet werden, fehlende Berichterstattung mit bis zu 10.000 Euro. So jedenfalls ist der aktuelle Stand, der aber noch nicht final in Deutschland verabschiedet ist. Die Branche muss also transparenter werden. Bislang war es undenkbar, dass Unternehmen darüber Auskunft geben müssen, wie viel Ware retourniert und was nicht verkauft wurde.

Ernst Lamayer von Save Our Returns. Credits: Save Our Returns

Wie groß ist das Retourenproblem in Deutschland?

Verlässliche Daten fehlen bislang, der Markt gilt als „Black Box“. Bezogen auf den gesamten E-Commerce gehen Schätzungen von rund 530 Millionen retournierten Artikeln pro Jahr aus. Etwa 20 bis 25 Millionen davon werden vernichtet. Dabei ist Entsorgung nur bei klar nachvollziehbaren Gründen zulässig, etwa bei Beschädigung oder Fälschungen.

Aus der Praxis lässt sich vermuten, dass die tatsächlichen Mengen in bestimmten Segmenten noch höher sind. Gerade hochwertige Marken haben in der Vergangenheit teilweise bewusst vernichtet, um Markenimage und Exklusivität zu schützen. Solche Praktiken werden künftig regulatorisch nicht mehr zulässig sein.

Besonders die Modebranche ist vom Retourenproblem betroffen, weil hier Mehrfachbestellungen von Größen und Farben üblich sind. Hinzu kommt, dass Deutschland wegen besonders großzügiger Rückgaberegelungen als „Retourenweltmeister“ gilt. Und wenn man sich ansieht, wie der E-Commerce in den letzten Jahren gewachsen ist und noch weiterhin wächst, dann ist auch klar, wie sich das Thema Retouren weiterentwickeln wird. Genau hier setzen wir an. Gute Retouren-Lösungen werden immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Was will Save Our Returns konkret erreichen?

Die Initiative will die „Black Box“ Retouren öffnen. Ziel ist es, Unternehmen mit funktionierenden und transparenten Prozessen zu zertifizieren und langfristig eine Marke aufzubauen, die auch für Verbraucher:innen Orientierung bietet.

Gleichzeitig sollen Marken, Handel und Konsument:innen stärker sensibilisiert werden. Alle können dazu beitragen, dass Retouren reduziert werden und – wenn Retouren anfallen – dass die Ware wieder zurück in den Warenkreislauf kommt.

Aber werden Unternehmen problematische Ware nicht über Dritte weiterhin entsorgen können?

Auslagern schützt nicht vor Kontrolle. Es gab in der Vergangenheit Fälle, in denen Marken öffentlich angekündigt haben, Ware einer Zweitverwertung zuzuführen – und externe Beobachter:innen mithilfe von Trackern das Gegenteil nachweisen konnten. Das führte zu erheblichen Reputationsschäden.

Genau deshalb setzt Save Our Returns auf unabhängige Audits. Einzelne Prozessschritte lassen sich vielleicht kaschieren, Mengen jedoch nicht.

Wie läuft eine Zertifizierung ab?

Zunächst wird im Rahmen eines Pre-Audits der gesamte Retourenprozess analysiert. Unternehmen müssen ihre Warenflüsse – von A-Ware über B-Ware bis zur möglichen Entsorgung – transparent darstellen. Anschließend überprüft ein externer Auditor von Dekra vor Ort, ob die Prozesse eingehalten werden. Die konkreten Daten bleiben vertraulich, sollen aber perspektivisch helfen, belastbare Branchenzahlen zu gewinnen.

Was bedeutet das für Modeunternehmen?

Retouren müssen strategisch integriert werden. Dazu gehören eine saubere Dokumentation, die systematische Auswertung von Retourengründen und eine klare B-Ware- oder Secondhand-Strategie. Bei professionell aufgestellten Unternehmen werden Retourengründe systematisch ausgewertet. Häufen sich Rücksendungen bei einem Artikel, wird dieser überprüft und mit dem Lieferanten gesprochen. Die Daten fließen in Produktentwicklung und Qualitätssicherung ein.

Entscheidend ist außerdem, dass retournierte Ware möglichst schnell wieder in den Verkauf gelangt. Die großen Logistiker:innen sind hier in den letzten Jahren sehr professionell geworden. Es gibt Unternehmen, die eine Retoure innerhalb von einer halben Stunde wieder im Shop haben. Wer Retouren nur „nebenbei“ abwickelt, wird künftig wirtschaftlich und regulatorisch unter Druck geraten.

Gleichzeitig wächst der Re-Commerce-Markt stark, zuletzt um 21 Prozent. Perspektivisch könnte er bis zu 25 Prozent des gesamten E-Commerce ausmachen. Große Marken aus anderen Branchen – etwa im Elektronikbereich – verkaufen seit Jahren erfolgreich geprüfte Ware erneut. Damit wird der professionelle Umgang mit Retouren wirtschaftlich immer relevanter.

Was denken Sie, wird das Modell der kostenlosen Retoure verschwinden?

Nicht zwingend. Wahrscheinlicher ist eine Professionalisierung: bessere Größenberatung, datenbasierte Produktoptimierung und stärkere Integration von Re-Commerce und B-Ware. Ziel ist nicht, den Service zurückzudrehen, sondern ihn verantwortungsvoller zu gestalten.

Für wen ist die Zusammenarbeit mit Save Our Returns besonders interessant?

Gerade Marken haben ein großes Reputationsrisiko. Sobald ich als Marke meine B-Ware oder meine Retouren an Dritte abgebe, habe ich keine Kontrolle mehr darüber. Auch Vernichtung oder Intransparenz können Imageschäden verursachen. Wir sehen aber gerade, dass der Secondhand-Markt wächst und immer mehr Unternehmen versuchen, ihre gebrauchten Produkte wieder zurückzukaufen und im Shop zu integrieren. Warum sollte man also nicht auch B-Ware oder Retouren wieder in die eigenen Hände nehmen und selbst verkaufen? Darüber können neue Zielgruppen erreicht werden. Ein professionelles Retouren- und Re-Commerce-Management eröffnet neue Umsatzchancen und stärkt außerdem die Kundschaftsbindung.

Wer kümmert sich um die Retouren? Können das nur noch externe Dienstleister?

Retouren sind komplexer als normale Logistik. Pakete müssen geöffnet, die Ware geprüft, gereinigt, neu aufbereitet und bewertet werden. Deshalb wird dieser Bereich häufig an spezialisierte Dienstleisternde ausgelagert. Große Logistiker:innen haben dafür eigene Einheiten aufgebaut. Der Retourenprozess entwickelt sich zunehmend zu einem eigenständigen Logistikfeld mit Spezialisierung, Fachkräften und strategischer Bedeutung. Es ist faszinierend, wie gut einzelne Dienstleister:innen es schaffen, die Ware wieder aufzubereiten – beispielsweise WKS.

Was ist Ihre zentrale Botschaft?

Retouren sind kein Randthema mehr. Mit der neuen Regulierung werden Transparenz und Kreislaufführung zur Pflicht. Wer jetzt saubere Prozesse etabliert, reduziert nicht nur Risiken, sondern erschließt wirtschaftliches Potenzial.

Gleichzeitig sollen auch Verbraucher:innen stärker einbezogen werden – mit dem Bewusstsein, dass eine Retoure nicht folgenlos ist. Ziel ist es nicht, das System der kund:innenfreundlichen Rückgabe abzuschaffen, sondern es verantwortungsvoller und transparenter zu gestalten. Darüber hinaus planen wir Aufklärungskampagnen – von Social Media über Verbraucher:innenmessen bis hin zu Bildungsprojekten. Die Initiative versteht sich als Plattform, die Handel, Marken, Politik, Verbände und Verbraucher:innen zusammenbringt, um das Thema nicht über Skandale, sondern über positive Lösungen weiterzuentwickeln.


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