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Unverkaufte Ware: Wohin verschwindet die Mode aus den geschlossenen Läden?

Von Regina Henkel

29. März 2021

Business

Seit Ausbruch der Pandemie fürchtet sich die Branche vor Unmengen unverkaufter Ware aus den stationären Geschäften. Letztes Frühjahr sollten Teile der Kollektion auf 2021 verschoben werden. Jetzt haben wir 2021, und wieder gab es einen monatelangen Lockdown. Und dazwischen lag noch ein komplett ausgefallener Winter, der jetzt wieder in den nächsten Herbst verschoben werden soll. Das Chaos ist enorm.

Zu Beginn der Pandemie war eines beachtlich: Die plötzliche Offenheit in der Branche. Auf einmal waren Firmen bereit Probleme zu benennen. Es wurden Aufträge storniert, Mieten ausgesetzt, Zahlungsziele verlängert, Warenannahmen verweigert, Kurzarbeit angemeldet, Kollektionen ausgedünnt und auf Lager gelegt, neue Strategien ersonnen – und die Öffentlichkeit erfuhr davon. Und jetzt? Funkstille. Weder Marken noch Händler haben öffentlichen Gesprächsbedarf. Was ist mit all der Ware, die vom letzten Frühjahr noch übrig ist und jetzt mitverkauft werden soll? Was ist mit der Winterware, die jetzt aus den Läden raus musste, um dem Frühling Platz zu machen?

Gewinner der Krise: Marktplätze

Mit den Lockdowns im Handel waren plötzlich auch Marktplätze kein Feindesland mehr für Marken und Händler. Marktplätze sind die großen Gewinner der Krise. An deren Wachstum lässt sich erkennen, wohin große Teile die Ware geflossen sind. Amazon hat allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres etwa 295.000 neue Händler weltweit gewonnen. Rund 77.000 Händler, also 26 Prozent und damit die Mehrheit der Neuzugänge entfallen auf den US-Markt. Etwa 18.000 neue Händler haben sich Amazon.de neu angeschlossen. Damit ist die deutsche Plattform der am drittstärksten wachsende Amazon-Marktplatz in Europa, nach Großbritannien und den Niederlanden.

Auch das Marktplatz-Geschäft von Zalando wuchs rasant, wie der Konzern vor wenigen Tagen mitteilte. Das Bruttowarenvolumen, das nicht nur die eigenen Umsätze Zalandos erfasst, sondern auch die Verkäufe über die „Connected Retail“-Plattform von Drittanbietern, wird im ersten Quartal um etwa 50 Prozent wachsen, so das Unternehmen. Bis 2025 sollen 50 Prozent des gesamten Bruttowarenvolumens von Partnermarken- und händlern kommen.

Hinzu kommen natürlich noch weitere Marktplätze und nicht zu vergessen die Shopping-Clubs, die darauf spezialisiert sind, Warenüberhänge zu verkaufen. Auch hier hört man von vielen Seiten, dass deren Kapazitäten gerade an Grenzen stoßen.

Ship from Store: Integration stationärer Ware in den Onlinehandel

Damit die Ware nicht hinter den verschlossenen Türen der stationären Geschäfte ungenutzt rumliegt, bemühten sich zahlreiche Filialisten darum, ihre Filialen ans Warennetz anzuschließen. „Ship from Store wird immer mehr genutzt“, sagt Martin Öztürk von Roqqio. Roqqio ist spezialisiert auf Software für den stationären Handel und den E-Commerce und kann beliebig viele Filialen an das Zentrallager anschließen. So kann die Ware aus den Geschäften in den Onlinehandel integriert werden, sofern die Geschäfte bereit sind Pakete zu packen. Auch über dieses Tool konnte während der Lockdowns Ware verkauft werden. Der Vorteil: „Der Händler behält seine Eigenständigkeit, bleibt sichtbar für den Kunden und wird im Onlinegeschäft nicht komplett abhängig von Zalando“, so Öztürk.

Restposten weiterverkaufen: Die Kanäle sind dicht

Auch der Weiterverkauf von Restwaren ist eine Lösung. Aber: „Es ist unheimlich viel Ware im Markt“, sagt Andreas Meyer, der mit seinem Unternehmen Captiva aus Neuss gerade ein gefragter Mann ist. Er kauft Restposten auf und verkauft sie weiter in andere Länder, vorwiegend innerhalb Osteuropas. Seit Wochen bekommt er täglich mindestens fünf Anfragen von Filialisten oder großen Modehäusern, die ihre Ware verkaufen wollen – die Anfragen kleiner Händler gar nicht eingerechnet. „Das ist eine Situation, die habe ich in 25 Jahren in dem Business noch nicht erlebt. Es geht um Existenzen.“ Probleme bereitet vor allem die Winterware, die 2020 noch pünktlich geliefert und vom Handel bezahlt wurde, dann aber nicht verkauft werden konnte. „Aber Winter können wir jetzt auch nirgends mehr verkaufen – nicht mal mehr in Russland“, erklärt Meyer.

Er kann die Ware nur noch einlagern und im nächsten Herbst versuchen, sie wieder loszuwerden. Hinzu kommt, dass die Situation in allen Ländern ähnlich ist. Überall wo Geschäfte geschlossen waren, blieb Ware übrig, die jetzt irgendwohin muss. Das heißt, das Angebot an Restposten ist riesig, aber die Nachfrage gering. Das schlägt sich auf den Ankauf-Preis nieder, der aktuell um die Hälfte niedriger liegt als in normalen Saisons.

Letzte Chance: Spenden

Spenden ist der letzte Ausweg, um Restware loszuwerden und Lagerkapazitäten freizumachen. Aber selbst diese letzte Verzweiflungstat kostete früher noch Geld in Form von Umsatzsteuer, die auf den Eigenverbrauch anfiel. Seit Mitte März und als Teil der Überbrückungshilfe III ist es in Deutschland erstmals möglich, kostenneutral Saisonware zu spenden. Wird die Ware für wohltätige Zwecke gespendet, kann sie bei den Fixkosten zu 100 Prozent berücksichtigt werden. Bereits Ende Februar forderten Bündnis 90/Die Grünen, Händler und Wohlfahrtsverbände, dass Kleiderspenden für Bedürftige attraktiver werden sollen.

Foto: Chris Panas von Pexels.com