Unternehmertum: Sechs junge Labels teilen ihre Lehren aus der Krise

Ist gerade ein guter Zeitpunkt, um ein Modelabel zu gründen? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem: So kompliziert die aktuelle Zeit für Modemarken auch ist, sie scheint den unternehmerischen Elan der Newcomer auf dem Markt in keiner Weise zu dämpfen.

Tressé, Martin Martin, Adn Paris und die anderen für diesen Artikel interviewten Marken wurden zwischen 2018 und 2020 lanciert. Diese neuen französischen Labels haben sich bereit erklärt, FashionUnited per E-Mail Rede und Antwort zu stehen, welche Lehren sie aus diesen Krisenzeiten ziehen und welche Ratschläge sie für andere Unternehmer haben, denen es ähnlich geht.

Numero 6: „Fast alles auf soziale Netzwerke setzen“

Die 2020 gegründete Marke Numéro 6 bietet alle sechs Monate sechs Looks an, drei für Männer und drei für Frauen. Blanche Stagnara, die Designerin, möchte ihr Wissen über natürliche Materialien weitergeben, um „so viele Menschen wie möglich darüber aufzuklären, was ethische Mode ist“, schreibt sie per E-Mail. Sie fügt hinzu: „Ich gehöre zu den optimistischen Menschen, die die guten Tage sehen und mit ihnen weitere gute Nachrichten!“

Ihre Learnings:„Im Modegeschäft und im Unternehmertum allgemein ist man regelmäßig mit Höhen und Tiefen konfrontiert. Schlechte Nachrichten folgen auf gute Nachrichten. Man muss durchhalten! Und jetzt erst recht. Es gab viele Tiefs: Absage von Pop-up-Stores, Veranstaltungen und Partnerschaften. Ich würde sagen, dass nichts als selbstverständlich angesehen werden kann. Und wenn es gute Nachrichten gibt, sollte man diese umso mehr schätzen und sich darauf konzentrieren, ohne von den schlechten überwältigt zu werden. Was einen großen Sportler ausmacht, ist die Mentalität!“

Ihr Rat:„Man muss sich mit den richtigen Menschen umgeben, ein gesundes Umfeld haben. Vergessen Sie nie, dass Sie nicht allein sind. In diesem Geschäft kann man sehr nette Bekanntschaften machen und Unterstützung finden. Andere Designer, Fotografen, Stylisten, Schnittmacher, Lieferanten... Wir sind viele und wir sitzen alle im selben Boot in dieser komplizierten Zeit.“

„Ich würde auch sagen, man sollte fast alles auf soziale Netzwerke setzen. Dort muss man das meiste Geld und die meiste Zeit investieren. Echte Kundenbindung kann nur entstehen, wenn man sich zu 100 Prozent einsetzt. Und eines ist sicher: niemals schließen! Zögern Sie nicht, Ihr Gesicht zu zeigen und so natürlich wie möglich zu sein, dann kommen Sie Ihrer Community näher, und es entsteht eine echte Verbindung. Sie werden in der Lage sein, ihre Kunden besser zu verstehen und besser auf ihre Anfragen, ihre Wünsche einzugehen.“

Ihre Ambitionen: „Wenn ich 100 Prozent ehrlich bin, würde ich antworten, dass ich gelernt habe, von Tag zu Tag zu leben. Ich habe ein paar Projekte, wie neue Outfits oder Accessoires, oder Partnerschaften, aber ich gebe keine Termine mehr. So entsteht keine Enttäuschung, sondern nur Freude, wenn es klappt. Diese Zeit hat uns menschlicher und aufmerksamer gemacht. Vielleicht auch verantwortungsvoller?“

Tessé: Verbesserung des Kundenerlebnisses“

„Wir möchten ein Haus sein, das Sie reisen lässt“, schreiben uns Ketzia und Sivan Chétrite, die Gründerinnen von Tessé Paris, per E-Mail. Die im März 2021 gegründete Marke bietet Konfektions- und Lifestyle-Stücke, die Kultur, Reisen und Handwerkskunst miteinander verbinden. Die Kollektionen werden in Drops veröffentlicht, 15 bis 20 Teile, die unter dem Begriff „Koffer“ zusammengefasst werden.

Learnings:„Mehr denn je ist es wichtig, die DNA der Marke zu transportieren, wenn ein Paket nach Hause geliefert wird, gerade wenn die Kunden nicht mehr in die Geschäfte gehen können. Die Pandemie hat uns dazu veranlasst, das Kundenerlebnis zu verbessern. Es war uns wichtig, das digitale Erlebnis mit hübschen Verpackungen, kleinen Aufmerksamkeiten und detaillierten Beschreibungen der Stücke (Material und Ausführung) zu personalisieren, die wir so realitätsnah wie möglich gestalten wollten.“

Ihr Rat:„Marken müssen echt, authentisch und Ihren Werten treu sein. Wir glauben, dass die Welt mehr denn je auf der Suche nach Werten wie Wahrheit und Authentizität ist.“

Rosaé Paris: „Anpassungsfähigkeit ist überlebenswichtig“

Rosaé Paris wurde 2019 von Claire Teixeira ins Leben gerufen. Ihr ethischer Ansatz macht das Label zu einer nachhaltigen Marke. Neben der Konfektionskleidung für Damen, die im Onlineshop erhältlich ist, hat Rosaé vor kurzem sein Sortiment mit einer Dessous-Linie vervollständigt und bereitet sich auf die Einführung von Lederwaren vor.

Learnings:„Diese beispiellose Situation hat es bestätigt: Anpassungsfähigkeit ist überlebenswichtig. Zu Beginn des ersten Lockdowns haben wir uns entschieden, die Lieferungen aufrechtzuerhalten (zu dieser Zeit war dieses Thema umstritten, viele im Internet ansässige Marken hatten sich entschieden, ihre Lieferungen zu stornieren) und zehn Prozent unseres Umsatzes an die AP-HP-Stiftung [Anm. d. Red. Assistance publique - Hôpitaux de Paris] zu spenden. Unsere Kunden wussten das zu schätzen und machten mit. Wir haben dann unser Programm wieder aufgenommen und waren angenehm überrascht, dass unsere Verkäufe ab Ostern anzogen! Schließlich hat der erste Lockdown die Entwicklung von Rosaé in keiner Weise gebremst.“

„Wir hatten auch das Glück, festzustellen, wie sehr es möglich war, mit unseren Partnern konstruktive und kreative Lösungen zu finden. Wir haben unsere Bindung dauerhaft gestärkt, indem wir gemeinsam durch diese Prüfungen gegangen sind.“

Ihr Ratschlag:„Es gibt nie einen 'idealen Zeitpunkt' für den Start. Ich denke, man muss seinen Überzeugungen, seinen Intuitionen und seinen Träumen folgen. Und sich immer anpassen!“

Ihre Ambitionen:„Rosaé Paris setzt seinen Weg fort und wir freuen uns, noch vor dem Sommer die Eröffnung unserer Ecke in den Galeries Lafayette Haussmann bekannt zu geben. Für den Beginn des neuen Schuljahres im September, das intensiv zu werden verspricht, haben wir weitere Pläne für Pariser Filialen. Dann wäre es natürlich ein Traum, eigene Flagshipstores zu eröffnen, idealerweise in Paris, London und New York, wo sich der Großteil unserer Kundschaft konzentriert.“

Martin Martin: „Der direkte Kundenkontakt ist sehr wichtig“

Martin Martin wurde 2019 von Capucine Martin gegründet. Das Label bietet High-End-Blazer made in France mit besonderem Schwerpunkt auf französischem Know-how – jedes Modell wird in einer Pariser Werkstatt handgefertigt. Martin Martin wird derzeit über die Website von Net-a-Porter vertrieben, sowie bei Bergdorf Goodman (New York), Maxfield (Los Angeles), Boyds (Philadelphia) und einer Boutique in Peking.

Learnings:„Als ich meine Marke startete, habe ich gleich mit Boutiquen gearbeitet, kannte also meine Kunden nicht direkt. Diese Pandemie machte mir klar, dass der direkte Kontakt mit ihnen sehr wichtig ist. Die Werkstätten in Paris zu haben, ein sehr kurzer Kreislauf zwischen Kreation und Produktion, machte die Dinge viel ökologischer und einfacher. Überproduktion war die Gefahr. Dabei wurde mir klar, dass man kleine Mengen und Vorbestellungen bevorzugen muss, um nicht mit Überbeständen zu enden.“

„Es war auch eine Gelegenheit, unsere Stoffbeschaffung wirklich zu optimieren. Während der Pandemie wurden viele Bestellungen storniert und viele Meter Stoff von den Modehäusern zurückgelassen. Es ging also darum, zu verstehen, wie man sie klug einsetzt, um meinen Kunden Stücke anzubieten, die genauso qualitativ sind, aber erschwinglicher, die besser zu meinen Kunden in diesen Zeiten der Pandemie passen.“

„Es ist ziemlich interessant, mit seiner Kreativität zu jonglieren und den Stil anpassen zu können, ohne die Marken-DNA zu verändern. Wir konzentrierten uns auf mehr tragbare Produkte für Zuhause, mit unserem Mantra Chic & Confi. Es war auch eine Gelegenheit, sich auf das Digitale zu konzentrieren, in das Thema einzutauchen und Möglichkeiten zu schaffen, um in diesem Kanal dauerhaft Wurzeln schlagen zu können.“

Ihre Ratschläge:Konzentrieren Sie sich auf die digitale Entwicklung und bevorzugen Sie Vorbestellungen, probieren Sie Dinge aus, indem Sie schrittweise vorgehen, seien Sie sehr aufmerksam gegenüber der Community und Ihren Kunden, begrenzen Sie die Produktion aus ökologischem Bewusstsein, aber auch um keine finanziellen Ressourcen zu binden, priorisieren Sie Kommunikation und behalten Sie immer eine positive Einstellung. Die ganze Welt macht diese Pandemie gemeinsam durch, ein Gemeinsamkeitsgefühl entwickelt sich. Trotzdem ist es wichtig, positiven Schwung zu behalten und weiterhin zu versuchen, Spaß zu haben, denn die Welt braucht das mehr denn je.

Ihre Ambitionen: Aus geschäftlicher Sicht wünsche ich mir einen viel menschlicheren Aspekt in meiner Arbeit, indem ich mich im B2C-Bereich entwickle, um näher an meinen Kunden zu sein und eine Marge zu haben, die am fairsten erscheint (ein Zwischenhändler weniger). Natürlich ohne meine hohen Ansprüche an Schneiderei und Beschaffung aufzugeben. Schließlich wollen wir uns weiterhin nachhaltig im Digitalen verankern, die Beschaffung unserer Stoffe verbessern, um eine noch verantwortungsvollere Marke zu werden.“

Adn Paris: „Keine Angst davor haben, sich Zeit zu nehmen“

Das Label Adn Paris feierte 2018 sein Debüt. Die Konfektionskleidung für Damen und Herren besteht aus Hemden, Jeans, T-Shirts und Jacken mit klassischen, geschlechtsneutralen Linien, die in kleinen, familiengeführten Werkstätten in Paris handgefertigt werden. Die Marke eröffnete Anfang April ihre erste Studio-Boutique.

Learninges:„Eine Marke zu lancieren ist ein schwieriger Schritt und ihren Platz im Markt zu finden, ist ein langer Weg. Wenn die Pandemie auch nicht dazu beigetragen hat, diesen Prozess zu beschleunigen, so hat sie mich doch dazu gebracht, die richtigen Fragen zu stellen: Was für eine Marke will ich entwickeln? Was sind meine Werte? Wie kann ich sie voranbringen? Ich konnte einen Schritt zurücktreten in einer Phase, in der ich unter normalen Umständen versucht hätte, neue Modelle zu lancieren und bestehende Geschäftsmodelle zu duplizieren. Keine Angst zu haben, sich Zeit zu nehmen, war für mich die große Lektion dieser Pandemie. Langsamer zu gehen, um meinen Werten treu zu bleiben, die Dinge weiterhin richtig zu machen und eine solide Grundlage für Wachstum zu schaffen.“

Ihr Rat:Es ist sicherlich eine schwierige Zeit, aber ich denke, sie ist voller Chancen für junge Marken. Die Ansprüche verschieben sich: lokal zu konsumieren, Marken mit echtem Engagement zu wählen, dem eigenen Konsum einen Sinn zu geben, das alles sind Vorteile für junge Designer. Die Authentizität des Diskurses und das Engagement einer Marke sind heute entscheidend. Man muss sich die Zeit nehmen, die Grundlagen und Werte seiner Marke vor der Markteinführung zu durchdenken, auf die Wünsche und die Bedürfnisse seiner Kunden zu hören und vor allem Dinge zu machen, die zum eigenen Label passen, denn dort sind Sie am aufrichtigsten, dort haben Sie die meiste Freude und das sieht man!“

MAE Paris: „Eine eigene Stimme zu haben, ist lebenswichtig“

Maë Paris mit Sitz in der 66 rue du Faubourg Saint-Honoré lancierte 2020 eine Ready-to-wear-Linie für Frauen. Die von Maëva Bezzioune gegründete Marke bietet raffinierten Luxus (1935 € für ein Mantelkleid und 315 € für eine Hose), der über ihren Onlineshop, in ihrer Boutique sowie in den Galeries Lafayette Doha (Katar) und der Ritz Paris Gallery vertrieben wird.

Ihr Ratschlag für die Einführung einer Marke in einer instabilen Zeit:„Ich würde empfehlen, es einfach zu machen. Seinen Träumen und Zielen zu folgen, denn das ist der einzige Weg, um im Leben wirklich erfolgreich zu sein. Stellen Sie sicher, dass Ihr Markenkonzept den heutigen Bedürfnissen und Herausforderungen entspricht, definieren Sie Ihre Zielgruppe und stellen Sie sicher, dass Sie sie gut kennen und ihre Bedürfnisse verstehen. Das bedeutet nicht, dass Sie das tun müssen, was alle anderen erfolgreichen Designer tun – im Gegenteil, Ihre eigene Stimme zu haben, ist entscheidend. Aber ich bin überzeugt, dass jeder wirklich talentierte Künstler jederzeit anerkannt und geschätzt werden kann, vor allem, wenn die Krise vorbei ist und die Welt wieder auf dem Weg zu Kreativität und Schönheit ist.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.uk veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Bild: Braided

 

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