United Repair Academy: ‚Modemarken fragen nicht mehr warum, sondern wie‘
Das United Repair Centre in Amsterdam steht für einen Ansatz, der in der Modebranche zunehmend an Bedeutung gewinnt: Kleidung soll nicht nach wenigen Jahren aussortiert, sondern möglichst lange getragen und professionell repariert werden. Anfang September hat das Centre gemeinsam mit Levi’s seine neue Academy in der Krelis Louwenstraat 3 in Amsterdam-West eröffnet. Die Räumlichkeiten dienen künftig als Ausbildungsort für die nächste Generation von Reparaturspezialist.
Hinter dem Konzept steht die 2022 von Thami Schweichler und Paul Kerssens gegründete United Repair Academy, die aus Schweichlers früherer Initiative „Makers Unite“ hervorgegangen ist. Inzwischen ist das Ausbildungs- und Reparaturnetzwerk neben Amsterdam auch in London und Paris vertreten.
In den Werkstätten ist die Arbeit täglich in vollem Gange: Mehr als 50 Schneider reparieren Kleidung, während gleichzeitig Studierende zu Fachkräften für professionelle Bekleidungsreparatur ausgebildet werden. Die Academy vermittelt dabei nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern zeigt, welches Potenzial in der Reparatur für eine langlebigere und zirkulärere Modeindustrie steckt.
Die enge Verbindung von Ausbildung und praktischer Reparaturarbeit zeigt sich im Alltag des United Repair Centre unmittelbar.
Ton Stevens, Service and Operational Excellence Manager im United Repair Centre, erklärte den Besucher während einer Führung den Reparaturprozess von Kleidungsstücken. Plötzlich läutete eine laute Glocke. Die Kaffeepause der Studierenden war vorbei. Es war nur ein kurzer Moment, doch er verdeutlichte, wie eng Akademie und Reparaturzentrum miteinander verflochten sind. Während an einem Ort Kleidungsstücke registriert, repariert und geprüft werden, werden an einem anderen Ort neue Fachkräfte ausgebildet.
„Wir steuern auf einen ‚perfekten Sturm‘ im Bereich der Reparaturen zu“, sagte Schweichler. Seiner Ansicht nach führt dies zu einer Generationslücke in diesem Beruf. „In ganz Europa herrscht ein gravierender Mangel an qualifizierten, technisch versierten Schneider:innen.“
Reparieren ist nicht produzieren
Für den Gründer liegt das Problem nicht nur in der Anzahl der verfügbaren Schneider, sondern auch in den erforderlichen Fähigkeiten. Reparaturarbeiten erfordern andere Kompetenzen als die Herstellung neuer Kleidung.
„Reparatur ist viel komplexer als Produktion“, erklärt Schweichler. In der Produktion werden identische Kleidungsstücke in großem Maßstab hergestellt. Bei der Reparatur hingegen erfordern jedes Kleidungsstück und jede Art von Schaden einen individuellen Ansatz. Reparaturschneider:innen müssen die Konstruktion eines Kleidungsstücks verstehen. Manchmal muss ein Teil vollständig auseinandergenommen und anschließend wieder zusammengesetzt werden. Auch Kenntnisse über unterschiedliche Materialien und Maschinen sind unerlässlich.
„Jede Reparatur ist anders und muss wie ein neues Puzzle angegangen werden“, so Schweichler. Er ist überzeugt, dass es gerade diese Kombination aus technischem Wissen, Materialkenntnis und Präzision ist, die die Arbeit intensiver macht, als viele Menschen annehmen.
Von der Assistenz zur Reparaturfachkraft
Die United Repair Academy hat sich zum Ziel gesetzt, dieses Wissen an eine neue Generation weiterzugeben. Die Studierenden durchlaufen verschiedene Module, die Theorie und Praxis miteinander verbinden. Dabei arbeiten sie an ihren technischen Fähigkeiten und erhalten zugleich persönliche Betreuung.
Das Ausbildungsprogramm ist in mehreren Schritten aufgebaut. Die Studierenden lernen zunächst die Produktionsvorbereitung kennen und können sich von der Assistenzkraft zur Reparaturfachkraft weiterentwickeln. Nach Abschluss des Lehrplans erhalten sie ein vom ROC anerkanntes Zertifikat.
Für die Akademie geht es dabei nicht nur darum, Menschen für einen wachsenden Arbeitsmarkt auszubilden; auch der soziale Aspekt spielt eine wichtige Rolle. Menschen, die beispielsweise langzeitarbeitslos sind oder eine sinnvollere Arbeit suchen, erhalten die Möglichkeit, technische Fähigkeiten zu entwickeln. Nach dem Kurs wird ihnen eine Stelle im United Repair Centre angeboten.
Laut Michelle Lievaart, Kursleiterin an der United Repair Academy, geht es um mehr als nur einen Job. Die Studierenden lernen zu reparieren und bauen gleichzeitig Selbstvertrauen, Würde und ein Gemeinschaftsgefühl auf.
Reparatur als Teil des Erlösmodells
Die Frage ist, wie sich Reparatur in das Geschäftsmodell von Modemarken und Einzelhändler:innen integrieren lässt. Laut Schweichler gibt es darauf keine Standardantwort. Einige Unternehmen berechnen ihren Kund:innen Reparaturen, während andere den Service kostenlos anbieten.
Das United Repair Centre stellt immer wieder fest, dass eine gute Reparaturerfahrung die Beziehung zwischen Kund:innen und einer Marke stärken kann. Dies gilt für die mehr als 35 Marken, mit denen das Centre zusammenarbeitet – von Levi's bis Patagonia. Kund:innen kommen wieder und geben anschließend mehr aus, so Schweichler. Die Kosten für eine einzelne Reparatur können daher als Investition in eine langfristige Kundenbeziehung gesehen werden.
Er glaubt, dass die größte Herausforderung für Marken nicht allein in der Bereitschaft liegt, Reparaturen anzubieten. Auch die notwendige Infrastruktur kann ein erhebliches Hindernis darstellen. „Um Reparaturen in großem Umfang mit einem außergewöhnlich hohen Serviceniveau anzubieten, braucht man Technologie und Infrastruktur.“
Das United Repair Centre will diese Hürde mit einer digitalen Plattform und entsprechenden Verfahren senken. Diese können laut Schweichler an verschiedene Marken und deren Bedürfnisse angepasst werden.
Von Levi's Deadstock zu neuen Designs während der Amsterdam Fashion Week
Während der Amsterdam Fashion Week erhielt die Geschichte der Reparatur durch eine Zusammenarbeit mit Levi's eine zusätzliche Dimension. 28 Levi's-Jeans und sechs Levi's-Jacken wurden für die im Rahmen der Veranstaltung präsentierte Kollektion verwendet.
Der alte Denim erhielt ein zweites Leben. Er wurde zu drei Hosen, zwei Jacken, sechs Röcken, einem Kleid, zwei Oberteilen, einer Tasche, sechs Kopfbedeckungen, vier Halsketten und einem Paar Ohrringen umgestaltet.
Dieser Ansatz behandelt Deadstock als mehr als nur ein Abfall- oder Materialproblem. Die Studierenden nutzen den Denim auch, um ihre eigenen Ideen, Hintergründe und Identitäten in neue Designs umzusetzen.
Für die United Repair Academy steht dies im Einklang mit einer breiteren Vision der Materialverwendung. Die Akademie erhält häufig Deadstock von Markenpartnern, was den Studierenden ermöglicht, verschiedene Reparaturtechniken zu üben. Schweichler merkt an, dass nur sehr wenig Abfall übrig bleibt, da sich für die meisten Materialien letztendlich neue Anwendungen finden lassen.
Nächster Schritt: Anders reparieren und entwerfen
Schweichler sieht die Zukunft der Reparatur nicht nur darin, mehr Kleidungsstücke zu flicken und zu ändern. Er glaubt, dass sie letztlich auch beeinflussen kann, wie Kleidung entworfen und produziert wird.
Vor vier Jahren begann das United Repair Centre mit technischen Reparaturen für die Outdoor-Branche. Die Nachfrage wächst inzwischen aus verschiedenen Bereichen der Modeindustrie, darunter auch eine zunehmende Zahl von Premium-Modemarken. Das Reparaturzentrum arbeitet mit Marken wie Patagonia, The North Face, Arc'teryx und Nike zusammen.
Schweichler sieht diese Entwicklung als einen bedeutenden Wandel. Früher fragten Marken, warum sie ihren Kund:innen Reparaturen anbieten sollten. Jetzt verschiebt sich die Frage zunehmend dahin, wie sie dies organisieren können.
In fünf Jahren hofft Schweichler auf mehr als nur eine größere Reparaturinfrastruktur. „Unsere Hoffnung für die nächsten fünf Jahre ist, dass wir bedeutende Veränderungen bewirken können. Dies betrifft nicht nur die Reparaturphase, sondern auch die Art, wie wir entwerfen und Abfall aus der Branche eliminieren.“
Dies deckt sich mit den Worten von Danie Bles, der Direktorin der Amsterdam Fashion Week. Sie beschrieb Reparatur während der Veranstaltung als „den neuen Luxus“. Das liegt nicht daran, dass Reparatur zu einem exklusiven oder teuren Service werden sollte. Vielmehr gibt sie Verbraucher die Möglichkeit, Kleidung, die sie schätzen, länger zu behalten. Der Fokus verschiebt sich langsam vom reinen Verkauf neuer Kleidung hin zur Verlängerung der Lebensdauer bestehender Kleidungsstücke. Schweichler sieht genau in diesem Bereich eine wachsende Rolle für die von ihm ausgebildeten Schneider:innen.
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