Textilproduktion in Deutschland: Wie weit ist die Textilfabrik 7.0 in Mönchengladbach?

Das von der Regierung geförderte Zukunftsprojekt „Textilfabrik 7.0“ (T7) der Hochschule Niederrhein (HSNR) und weiteren Akteur:innen aus Forschung, Wirtschaft und Kommunen ging vor fast einem Jahr an den Start. Im Juli 2025 wurden die ehrgeizigen Ziele bekannt gegeben: Produktion und Geschäftsprozesse sollen digital werden, die Robotik soll Einzug halten und die Produktion zirkulär werden. Ebenso sollen Lieferketten resilient und der Fachkräftemangel und eine angemessene Energieversorgung bewältigt werden. Mit anderen Worten, eine CO2-neutrale, zirkuläre und wirtschaftlich tragfähige Textilproduktion am Standort Mönchengladbach, der Textilproduktion in seiner DNA hat.

Über einen Zeitraum von zehn Jahren soll die HSNR insgesamt 25 Millionen Euro Fördermittel vom Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes NRW und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Das Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen, die Textilakademie NRW, der Verband der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie, der Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie und die Wirtschaftsförderung Mönchengladbach GmbH sind ebenfalls beteiligt. Die Projektpartner:innen haben bereits eine gemeinsame Gesellschaft, die T7 Management GmbH gegründet, um die Projektstrukturen und -inhalte nach dem Förderzeitraum zu übernehmen.

Großes Interesse bei der Kick-off-Veranstaltung im März. Bild: Zukunftsagentur/Tomas Rodriguez

Das Projekt startete offiziell im Oktober 2025 und ingesamt stehen vier Kernmodule im Zentrum: On-Demand-Fertigung, MicroFactory Engineering, Digital Textiles und Biosphere. Beim offiziellen Kick-off am 19. März 2026 im Monforts-Quartier wurden Workshops mit verschiedenen Vertreter:innen der Textilindustrie durchgeführt. Diese teilten ihren Bedarf und ihre Wünsche mit, die schon bei der Planung und Umsetzung berücksichtigt beziehungsweise gemeinsame Lösungen gefunden werden können, die nachhaltig und wirtschaftlich sind. Nun geht das Projekt in die operative Phase. Dies bedeutet, dass die derzeit noch leere Fabrikhalle sich im Laufe des Jahres mit dem Großteil der Maschinen füllen wird, die eingesetzt werden sollen.

In der Zukunft ist zusammen mit einem geplanten Industriepark die Schaffung von 3.000 Arbeitsplätzen anvisiert. Welche speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten sollten potenzielle Mitarbeiter:innen mitbringen? Und wie funktioniert die Integration von Automation und menschlicher Arbeit? Und wo kommt die Künstliche Intelligenz zum Einsatz? FashionUnited erörterte diese und andere spannende Fragen mit Prof. Dr. Maike Rabe, die als Leiterin des Forschungsinstituts für Textil und Bekleidung (FTB) der Hochschule Niederrhein auch die Textilfabrik 7.0 betreut.

Zu Beginn: Wie ist der aktuelle Stand des Projekts?

Das Projekt ist offiziell im Oktober 2025 gestartet, und wir verfügen seit dem 1. Januar 2026 über unser „Technologiezentrum“ der Textilfabrik 7.0. Dieses besteht aus einer circa 2.000 Quadratmeter großen Fläche im Monforts-Quartier 35 in der Schwalmstraße 301 in Mönchengladbach, einem alten Industriegebäude, das durch das Projekt nun ein innovatives Re-use erfährt. Das ist schon die erste Besonderheit: weg von weiteren Neubauten und Bodenversiegelungen, aber mit eigener Stromversorgung hin zu nachhaltiger Industrie.

Dies ist der Standort der ehemaligen C&As FIT-Jeansfabrik in Mönchengladbach, die zu Beginn des letzten Jahres schließen musste.

Die Textilfabrik 7.0 ist eigenständiges Projekt und keine Fortführung der C&As FIT-Jeansfabrik. Mit dem Monforts Quartier wurde ein historisch bedeutender Standort gewählt, der als ehemaliges Zentrum der Textilmaschinenproduktion eng mit der industriellen Textilgeschichte Mönchengladbachs verbunden ist.

Ziel des Projektes ist es, CO2 neutral kreislaufwirtschaftliche Lösungen zu finden. Auch das wurde beim Standort berücksichtigt und deswegen bewusst eine bereits bestehende Fabrikhalle ausgewählt und diese wird entsprechend aufgerüstet. Der größte Teil der Maschinen soll bis Ende dieses Jahres angeschafft werden und im Jahr 2027 final installiert sein.

Bis zu 3.000 neue Arbeitsplätze sind anvisiert. Könnten Sie darauf eingehen, wie sich diese auf die einzelnen Projektphasen und -bereiche verteilen werden?

Über das Technologiezentrum im Monforts-Quartier hinaus ist ein Industriepark geplant. Dieser soll über eine eigene Energieversorgung, optimale Vernetzung und Digitalisierung verfügen sowie nachhaltige Rohstoffe nutzen. Dabei wird es weiterhin ein Entwickler:innenteam geben, das Unternehmen, die nicht im Industriepark angesiedelt sind, unterstützt, berät und für sie anwendungsnahe Entwicklungen betreibt.

Der Industriepark befindet sich aktuell noch in der Planungsphase. Hier sollen die 3.000 neuen Arbeitsplätze entstehen. Die Erkenntnisse des jetzt entstehenden Technologiezentrums Textilfabrik 7.0 sollen dazu dienen, diesen Industriepark zu realisieren. Gleichzeitig soll es in Zukunft bestehen bleiben, um weiterhin neue Anwendungen gemeinsam mit der Industrie zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu stärken. Im Technologiezentrum selbst sollen rund 50 Arbeitsplätze entstehen.  

Was sind spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten, die Mitarbeiter:innen mitbringen sollten? Entstehen ganz neue Berufsbilder?

Im Projekt werden Lösungen für die Megatrends Defossilisierung, Robotik, Automatisierung und KI sowie Biotechnologie erarbeitet. Das T7-Team ist bereits heute so qualifiziert, dass es einerseits die Kenntnisse der Textil- und Bekleidungstechnik mitbringt und andererseits die Querschnittsthemen behandeln kann. In Zukunft braucht man Personen, die interdisziplinär ausgebildet sind. Der klassische Ingenieursberuf wird sich verändern; Kenntnisse in den Bereichen KI, Programmierung, Steuerung von Robotics und Mikrobiologie sind erforderlich.

Wird diese Entwicklung auch in Aus- und Fortbildungsmodulen berücksichtigt?

Die Textilakademie NRW ist ebenfalls ein Projektpartner, daher besteht ein enger Austausch mit der berufspraktischen Ausbildung – dort können die neuen Berufsprofile in Zukunft auch ansetzen. Zudem ist die Weitergabe der gewonnenen Erkenntnisse Bestandteil der Textilfabrik 7.0. Im Modul „Akademie“ ist vorgesehen, das Wissen in Form von Workshops und Schulungen in die Praxis zu übertragen.  

Wie wird sichergestellt, dass die Belegschaft die zunehmende Automatisierung als Unterstützung und nicht als Bedrohung wahrnimmt?

Ist nicht die hohe Wertschöpfung bei guter Arbeit das Ziel? Insbesondere durch den demographischen Wandel kommt es zur Notwendigkeit, mit Hilfe von Robotik und Automatisierung die Wirtschaftsleistung und damit die Arbeitsplätze zu erhalten, auch wenn bestimmte Handgriffe nicht mehr ausgeführt werden können. Es wird aber hierfür eine Qualifizierung notwendig sein, damit Mitarbeitende die komplexen Maschinen steuern und die Qualität kontrollieren können. Auch hier ist das Modul „Akademie“ von zentraler Bedeutung, um durch eine frühe Kommunikation des Projekts sicherzustellen, dass die technologischen Entwicklungen als Fortschritt und nicht als Bedrohung wahrgenommen werden.  

Stichwort Technologie und Digitalisierung: In welchen konkreten Prozessschritten soll Künstliche Intelligenz produktiv eingesetzt werden?

Künstliche Intelligenz soll vor allem in der Produktionsplanung, Qualitätssicherung und Prozessoptimierung eingesetzt werden. Dazu zählen KI-gestützte Planungstools für Microfactory-Layouts, Machine-Vision-Systeme zur Echtzeit-Fehlererkennung sowie intelligente Assistenzsysteme für Mitarbeitende. Ziel ist es, Produktionsprozesse flexibler, effizienter und datenbasiert zu gestalten, insbesondere für kleine Losgrößen und On-Demand-Fertigung. KI nimmt aber auch in der Gestaltung immer größeren Raum ein, den wir im Projekt nicht vernachlässigen werden.  

Nutzt das Projekt ein offenes Datenformat für den digitalen Zwilling von Textilien, damit Informationen nahtlos zwischen verschiedenen Akteur:innen der Wertschöpfungskette fließen können?

Die Vernetzung zwischen physischer und digitaler Welt ist unser Anspruch. Wir werden an dieser Stelle mit unseren Partner:innen kooperieren, um zu möglichst praxistauglichen Lösungen zu kommen. Die Textilfabrik arbeitet nicht in der Grundlagenforschung, sondern versucht, gute Ideen der Forschung in die Praxis zu transferieren. Das, was wir für geeignet halten, wird im Rahmen der Akademie weitergegeben, um einen möglichst einfachen Zugang zu den Informationen zu schaffen.  

Wie sieht das Energiekonzept für den geplanten T7-Industriepark aus? Wird angestrebt, die Produktion komplett durch lokale erneuerbare Energien zu decken?

Im Technologiezentrum T7 setzen wir auf die Elektrifizierung von Wärmeprozessen, Stichwort Wärmepumpe für Hochtemperaturprozesse, die Gewinnung von Strom aus Sonnen- und Windenergie und natürlich auf Energieeffizienz. In unserem Technikum sind alle Anlagen und Prozesse so kontrolliert, dass der Energiebedarf in Echtzeit erfasst und mit der bereitgestellten Energie gekoppelt werden kann. So ergeben sich neue Wege für die industriellen Prozesse.

Der T7-Industriepark soll selbstverständlich vollständig über erneuerbare Energien betrieben werden. Die konkrete Umsetzung ist Teil unserer Planungsarbeit. Es ist unser Ziel, dass der T7-Park sein eigenes Energiekonzept hat und sich damit unabhängig von großen Versorgern macht.  

Und wie sieht es mit der Wettbewerbsfähigkeit aus? Wie wird das T7-Konzept die hohen Energiekosten und Lohnnebenkosten in Deutschland kompensieren, damit eine On-Demand-Fertigung preislich mit Importware aus Niedriglohnländern konkurrieren kann?

Wir gehen davon aus, dass die Regulatorik in der Europäischen Union die Verhältnisse in der Textilwirtschaft ändert. Die globale, sehr verzerrte Lieferkette wird zumindest in Teilen zu einem Wertschöpfungskreislauf umgeformt werden. Genau darauf braucht es aber dann auch technologische und qualitative Angebote: On-Demand mit digitalen Konzepten, aber ohne lange Lieferwege per Flugzeug und soziale Verwerfungen, wäre ein Fortschritt.

Die große, (noch) leere Halle der Textilfabrik 7.0. Bild: Textilfabrik 7.0

Aktuell wird die Gesellschaft von einer Art „Push-Demand“ überschwemmt; auch wenn sich der chinesische Direktvertrieb als innovativ und bedarfsgerecht präsentiert, ist er es in keinster Weise. Wir werden mit Automatisierung dazu beitragen, die Produktionskosten gering zu halten, um europäische Antworten geben zu können. Auch die entwickelten Recyclingverfahren sowie die grüne Fasergewinnung werden dazu beitragen, Kosten einzusparen und gleichzeitig unabhängiger von internationalen Lieferketten zu werden, was einen Wettbewerbsvorteil schafft.

Im Rahmen der Wissenschaftskommunikation muss zudem auch die Konsumentenseite erreicht werden, um einen nachhaltigeren Konsum anzustoßen und eine höhere Zahlungsbereitschaft zu erzielen. Die Textilfabrik konzentriert sich zudem nicht nur auf Bekleidung, sondern beispielsweise auch auf technische Textilien, die nicht in direkter Konkurrenz zu Importen aus Niedriglohnländern stehen, für die aber die Wettbewerbsbedingungen durch neue Produktionsmethoden gestärkt werden sollen.  

Wie wird das Thema Recycling angegangen? Gibt es im Modul „Biosphere“ verbindliche Richtlinien für Materialmischungen, um sicherzustellen, dass die produzierten Textilien am Ende ihres Lebenszyklus tatsächlich sortenrein recycelt werden können?

Verbindliche Richtlinien sind nicht geplant, wir sehen uns als Ermöglicher und nicht als Verhinderer. Im Modul „Biosphere“ ist vorgesehen, Mischmaterialien zu recyceln und verschiedene Mischungsverhältnisse zu untersuchen. Auf Basis dieser Erkenntnisse können dann Empfehlungen für optimale Materialzusammensetzungen im Hinblick auf die Recyclingmöglichkeiten gegeben werden. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Recyclingfähigkeit und den Recyclatfaseranteil durch technische und qualitative Verbesserungen zu steigern – Forderungen der Gesetzgebung können nach dem heutigen Stand der Technik nur mit Einschränkungen bedient werden.  

Wie seht mit dem Marktzugang und der Skalierung aus? Sind die im Reallabor entwickelten Micro-Factory-Module bereits so standardisiert, dass ein mittelständisches Unternehmen diese als „Plug-and-Play“-Lösung in seine bestehenden Prozesse integrieren kann?

Plug-and-Play ist eine gute Frage – wir sollten darauf mit Plug-and-Knit/Weave/Dye antworten. Microfactory-Konzepte für die Flächenerzeugung und auch Farbgebung sind schon recht weit entwickelt, darauf bauen wir auf. Wir müssen uns aber auch von herkömmlichen Vorgängen lösen: Weg von der Bahnenware, hin zu Formteilen.

Was ist der erste, kleinste Schritt, den ein traditioneller Textilbetrieb heute gehen kann, um Teil der 7.0-Welt zu werden? Wie läuft die erste Kontaktaufnahme ab?

Hersteller und Händler können sich direkt per E-Mail beim Entwicklungsteam mit einer kurzen Beschreibung des Themengebiets und ihren Kontaktdaten melden: t7-factory@hs-niederrhein.de Der nächste Schritt ist die Einordnung des Anliegens in eines der Arbeitsgebiete der Textilfabrik 7.0.

Die Kick-off Veranstaltung im März regte Diskussionen an. Bild: Zukunftsagentur/Tomas Rodriguez

Zum jetzigen Zeitpunkt können Fragestellungen behandelt werden, die sich auf die Ziele des Projekts beziehen. Bereits heute sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor Ort, die sich den Aufgaben annehmen können. Gleichzeitig bauen diese Personen das Technologiezentrum auf. Die Auswahl und Priorisierung der Themen erfolgt durch das Projektteam.

Welche konkreten Angebote und Formen der Kooperation gibt es für interessierte Unternehmen?

Das Angebot umfasst Recherchen, Beratung sowie die Planung und gegebenenfalls auch die Durchführung von Versuchen bis hin zur Entwicklung von Demonstratoren oder maximal einer Kleinserie. Die Konditionen werden im Einzelfall besprochen. Die Textilfabrik 7.0 ist kein Hersteller von Produkten und wird dies auch nicht sein. Es entsteht daher keine Konkurrenzsituation. Im Gegenteil liegt der Fokus darauf, Unternehmen aus Industrie und Handel zu unterstützen.  

Wird im Rahmen von T7 an einem fälschungssicheren digitalen Produktpass gearbeitet, der Endverbraucher:innen die Nachhaltigkeit der Produktion garantiert?

Nein, es sollen aber Ansätze zur Verknüpfung von Produktdaten – zum Beispiel für digitale Produktpässe – mit Produktionsdaten zur durchgängigen Rückverfolgbarkeit entwickelt werden. Wir möchten erst einmal dafür sorgen, dass im DPP auch verlässliche Daten zu finden sind; das fängt schon mit einem realistischen ökologischen Fußabdruck an.  

Last but not least: Ist geplant, die Erkenntnisse aus dem Monforts-Quartier auf andere Textilcluster in Deutschland zu übertragen?

Ja, die Erkenntnisse sollen auch auf andere Textilcluster übertragbar sein. Zudem ist auch eine Übertragung auf andere Industrien angestrebt. Beispielsweise sind die gewonnenen Erkenntnisse im Themenbereich Mikroplastik nicht nur im Textilkontext relevant. Ein weiteres Anwendungsfeld könnte Mikroplastik im Zusammenhang mit Reifenabrieb sein. Zusammengefasst: Wir erfinden in Mönchengladbach die Industrie 7.0 und damit die Industrie der Zukunft. Diese Vision gilt es auszubreiten.

Das Interview wurde in schriftlicher Form geführt.

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