Textil-zu-Textil-Recycling wächst – nur langsamer als der Hype

Textil-zu-Textil-Recycling ist derzeit eines der am meisten gehypten Themen der zirkulären Mode – vorangetrieben vor allem durch die laufende Kommerzialisierung des chemischen Recyclings. Recycling kann einen der Grundbausteine liefern, um den Kreislauf in der Branche zu schließen. Doch Branchenexpert:innen schlagen Alarm und weisen darauf hin, wie schwierig es ist, die nötige Infrastruktur aufzubauen und Marken dafür zu gewinnen.

Über die Autorin:
Circular Fashion News ist ein Medien- und Prognoseunternehmen, das den Stand der zirkulären Mode und die zukünftigen Entwicklungen der Branche abbildet. Das Unternehmen wird von Tiina Nyman geleitet, einer in Helsinki ansässigen Journalistin und Beraterin mit umfassender Expertise in zirkulären Geschäftsmodellen und neuen Innovationen.

Nach Angaben der europäischen Branchenallianz ReHubs erfordert der Aufbau einer Infrastruktur für das Textil-zu-Textil-Recycling in Europa eine einmalige Investition von acht bis elf Milliarden Euro. Hinzu kommen wiederkehrende Kosten von fünf bis 6,5 Milliarden Euro pro Jahr. Derzeit stockt die Finanzierung, vor allem weil klare Anreize fehlen. Recycelte Fasern sind weiterhin mit einem Preisaufschlag verbunden, was die Akzeptanz bei Marken und entsprechende Partnerschaften bremst. Verpflichten sich Marken aber nicht zu künftigen Abnahmevereinbarungen, haben Innovator:innen Schwierigkeiten, Finanzmittel zu sichern – und damit auch, kommerzielle Fabriken zu bauen und die breitere Sammel- und Sortierinfrastruktur zu entwickeln, die die Branche benötigt.

Das sind die Spannungen, mit denen die Branche beim Ausbau des Textil-zu-Textil-Recyclings zu kämpfen hat. Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich die kommerzielle Dynamik mit Finanzierungen, Partnerschaften und Fabrikankündigungen fort, während die Sammel- und Sortierinfrastruktur weiter zurückblieb. Dieselben sechs Monate brachten zudem wichtige regulatorische Entwicklungen. Und Nichtregierungsorganisationen aus dem Branchenumfeld erhöhten den Druck bezüglich der ökologischen und ethischen Auswirkungen des Textilrecyclings.

Die kommerzielle Dynamik nimmt weiter zu

Eine der wichtigsten Neuigkeiten des ersten Halbjahres 2026 war die Wiederaufnahme der kommerziellen Produktion beim schwedischen Unternehmen Circulose, ehemals Renewcell. Es stellt einen gleichnamigen recycelten Zellstoff her, der vollständig aus ausrangierten Baumwolltextilien besteht. „Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und neuer Zellstoff wird voraussichtlich bis Ende des Jahres das Werk verlassen, sodass keine Lieferlücke entsteht“, sagte Jonatan Janmark, Chief Executive Officer (CEO) von Circulose. Nach eigenen Angaben des Unternehmens stünden Marken bereits Schlange, um den recycelten Zellstoff in ihre Lieferketten zu integrieren. Im ersten Halbjahr bestätigte Circulose Partnerschaften mit vier neuen Modemarken – Marimekko, Samsøe Samsøe, King Louie und Eileen Fisher.

Reju, ein weiterer Entwickler von Textil-zu-Textil-Recyclinglösungen, erhielt im Rahmen des niederländischen Programms ‘Nationale Investeringsregeling Klimaatprojecten Industrie’ (NIKI) eine Förderung von 135 Millionen Euro. Die Mittel unterstützen den geplanten industriellen ‘Regeneration Hub’ im Chemelot Industrial Park in Sittard-Geleen. Die niederländische Anlage ist Teil der Strategie von Reju, weltweit mehrere kommerzielle Regenerationszentren zu errichten – weitere sind in Frankreich und den USA geplant.

Auch zwei Lösungen, die sich noch in der Entwicklung oder in der Vorbereitung auf die Kommerzialisierung befinden, meldeten im ersten Halbjahr bedeutende Finanzierungen. Das schwedische Start-up Renasens arbeitet an einem Verfahren, um Mischgewebe zu trennen, zu entfärben und Fasern zurückzugewinnen – ohne Wasser und ohne giftige Chemikalien. Epoch Biodesign entwickelt eine enzymatische Recyclingtechnologie für Nylon 6,6.

Andererseits erinnerte das erste Halbjahr daran, wie schwierig die Skalierung solcher Lösungen ist und wie optimistisch angekündigte Eröffnungstermine und Betriebskapazitäten sein können. Carbios, ein französischer Innovator im enzymatischen Recycling, verschob die Eröffnung seiner Recyclinganlage in China auf 2028. Ursprünglich war sie für das erste Quartal 2027 geplant. Das Unternehmen gab an, sein enzymatisches Recyclingverfahren für Polyethylenterephthalat (PET) erfordere zusätzliche technische Anpassungen an die Gegebenheiten des Produktionsstandorts.

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Infografik Credits: Circular Fashion News x Fashion for Good (zur Verfügung gestellt von Tiina Nyman)

Ein Blick auf den Zustand des europäischen Recyclingsystems

Auch wenn Recyclinglösungen den Schritt von der Forschung in die Kommerzialisierung geschafft haben, gibt es einen erheblichen Engpass im System – die Infrastruktur zum Sammeln und Sortieren von Post-Consumer-Textilien.

In den letzten Jahren haben mehrere Branchenverbände ihre Besorgnis über die Zukunftsfähigkeit der europäischen Textilrecyclinglandschaft geäußert. Im Jahr 2025 erklärte EuRIC in seinem ‘EU Recyclers’ Manifesto’: „Der Sektor für das Sammeln, Sortieren zur Wiederverwendung und Recyceln von Textilien in Europa steht vor einer beispiellosen Krise. Diese ist geprägt von steigenden Sortierkosten, sinkenden Verkäufen von Secondhand-Kleidung und einer mangelnden Nachfrage nach recycelten Textilinhalten. Der Aufstieg der online verkauften Ultra-Fast-Fashion hat diese Herausforderungen weiter verschärft, mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Umwelt.“

Im ersten Halbjahr 2026 zeigten sich dieselben Belastungen deutlich auf dem französischen Markt. Refashion, die Organisation für erweiterte Herstellerverantwortung (Producer Responsibility Organization, PRO) des Landes, wurde wegen Verstößen gegen die Abfallwirtschaft mit einer Geldstrafe von 170.000 Euro belegt. Gleichzeitig kündigte der Altkleidersammler Le Relais an, fast 4.300 Textilsammelcontainer abzubauen, und begründete dies mit untragbaren Geschäftsbedingungen. Als Reaktion erhöhte das französische Ministerium für den ökologischen Wandel die Beihilfen für die Textilsammlung vorübergehend – für 2026 von 228 auf 268 Euro pro Tonne. Das zeigt, wie stark der Sektor noch auf staatliche Unterstützung angewiesen ist.

Über Frankreich hinaus kündigte der kommunale schwedische Abfallentsorger Sysav den Verkauf von Siptex an, der „weltweit ersten“ vollautomatischen Textilsortieranlage. In Deutschland schloss das Textilsammel-, Sortier- und Recyclingunternehmen Texaid einen Restrukturierungsprozess ab und will seine deutschen Aktivitäten verkleinern. Zusammengenommen zeigen diese Ereignisse, wie schwierig es für den europäischen Markt nach wie vor ist, die notwendige Sammel- und Sortierinfrastruktur aufzubauen.

Bei der Entwicklung der benötigten Sortier- und Vorverarbeitungsinfrastruktur sticht ein Projekt aus dem ersten Halbjahr 2026 hervor. Fashion for Good startete ‘Feedstock Activation Europe’ (FAE), um Post-Consumer-Textilien in großem Maßstab dem Textil-zu-Textil-Recycling zuzuführen. Adidas ist Hauptsponsor, Bestseller und Inditex sind unterstützende Markenpartner. Das Projekt soll die Machbarkeit fortschrittlicher Vorverarbeitungstechnologien bewerten und einen Geschäftsrahmen für große regionale Sortier- und Vorverarbeitungszentren in ganz Europa entwickeln.

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Infografik Credits: Circular Fashion News x Fashion for Good (zur Verfügung gestellt von Tiina Nyman)

Die Regulierung schreitet voran

Regulierung gilt oft als Rückgrat für den Aufbau der Textil-zu-Textil-Recyclinginfrastruktur und die Einbindung von Marken. Das erste Halbjahr brachte konkrete regulatorische Entwicklungen, aber auch eine Welle von Branchenleitlinien und Vorschlägen zur Ausgestaltung dieses Rahmens.

In den USA ging die kalifornische Politik der erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) in die nächste Phase. Mode- und Textilmarken mussten sich bis zum 1. Juli bei der staatlich anerkannten Producer Responsibility Organization Landbell USA registrieren. In der EU trat am 19. Juli ein Verbot in Kraft, das großen Unternehmen die Vernichtung unverkaufter Kleidung, Bekleidungsaccessoires und Schuhe untersagt. Für mittelgroße Unternehmen gelten dieselben Regeln ab 2030.

Neben diesen konkreten Meilensteinen konzentrierten sich die Positionspapiere und Empfehlungen der Branche im ersten Halbjahr stark darauf, den EU-Rahmen für die erweiterte Herstellerverantwortung richtig auszugestalten. Das Textile PRO Forum und EURATEX drängten auf ein zentralisiertes EU-Registrierungssystem. Die Entwürfe von WRAP und Zero Waste Europe plädierten dagegen dafür, die Wiederverwendung vor dem Recycling zu priorisieren, und forderten, die EPR-Gebühren auf mehr als nur das Abfallmanagement am Ende des Lebenszyklus zu verteilen.

Ökologische und soziale Fragen erhalten weniger Aufmerksamkeit als Finanzierung und Dynamik

Während sich ein Teil der Branche darauf konzentriert, die Infrastruktur für die Kommerzialisierung aufzubauen und Finanzmittel für die Skalierungsphase zu sichern, schlagen Organisationen außerhalb der Branche weiter Alarm. Sie warnen vor ethischen und ökologischen Problemen, die mit dem Ausbau des Textil-zu-Textil-Recyclings einhergehen könnten.

Dazu zählt ein im ersten Halbjahr 2026 veröffentlichter Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Sorgfaltspflicht bei Recyclingprozessen in der Bekleidungs- und Schuhbranche. Er stellte fest, dass Recycling die Umweltauswirkungen verringern kann, Risiken in den Bereichen Arbeit, Umwelt und Unternehmensführung aber auch verlagern oder verstärken kann. Der Bericht wies auf strukturelle Probleme hin – etwa auf Informalität, da weltweit rund 80 Prozent der Arbeitsplätze im Recycling informell sind, auf geringe Margen beim Sortieren und Recyceln sowie auf die fortgesetzte Abhängigkeit von manueller Klassifizierung nach Faser, Farbe und Qualität.

Zudem veröffentlichte Textile Exchange im ersten Halbjahr 2026 eine detaillierte Ökobilanz-Studie (Life Cycle Assessment, LCA) zu neuem und recyceltem Polyester. Als größte ökologische Problemfelder bei chemisch recyceltem Polyester identifizierte sie den Stromverbrauch und den Einsatz von Chemikalien im Recyclingprozess, darunter Lösungsmittel wie Methanol.

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Illustratives Bild aus dem FashionUnited-Archiv. Ballen in der Textil-Recycling-Fabrik Brightfiber Textiles Credits: Brightfiber Textiles

Trotz der anhaltenden Herausforderungen beim Aufbau der Infrastruktur wächst die Branche weiter. Laut Valuates Reports soll der globale Textilrecyclingmarkt bis 2031 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (Compound Annual Growth Rate, CAGR) von 5,9 Prozent zulegen. Europa wächst mit 10,5 Prozent fast doppelt so schnell, wie der Bericht ‘State & Prospects of Circular Fashion in Europe’ von KPMG und der Circular Fashion Federation zeigt.

Im zweiten Halbjahr 2026 sollte die Branche vor allem darauf achten, ob Markenpartnerschaften und Abnahmevereinbarungen halten und ausgebaut werden, wie viel Geld weiter in Recycling- und Sortierinnovationen fließt und ob die regulatorischen Zeitpläne eingehalten werden.

References
- Advancing Textile Circularity in Europe – The Case for System-Level Scale-Up, 2026, BCG (ReHubs)
- Circulose Restarts Commercial-Scale Production at Ortviken Plant in Sundsvall, Sweden, 2026, Circulose
- Circulose Expands Brand Network as Eileen Fisher, Marimekko, Samsøe Samsøe and King Louie Integrate Circulose, 2026, Circulose
- Reju Secures €135 Million Dutch NIKI Funding for Industrial-Scale Textile-to-Textile Recycling, 2026, Reju
- Reju Announces Selection of Regeneration Hub as One of Its First Industrial-Size Textile Facilities, 2026, Reju
- Deeptech Startup Renasens Lands €10M to Scale Textile Recycling in Europe, 2026, Tech.eu
- Lululemon Bets Epoch Biodesign Can Eat Its Shorts, Literally, 2026, TechCrunch
- Carbios Delays China PET Biorecycling Plant to 2028, 2026, Apparel Insider
- EU Recyclers' Manifesto: Removing Barriers to Textile Circularity, 2025, EuRIC
- France Fines Refashion €170,000 for Textile Waste Collection Failures, 2026, Modaes
- France: Le Relais to Significantly Scale Back Waste Textile Collection, 2026, EUWID Recycling
- France Raises Aid for Textile Collection to €268 per Tonne to Preserve Its Scrap, 2026, Modaes
- Världsunik Anläggning för Textilsortering till Salu, 2026, SVT
- Texaid Concludes Restructuring and Slims Down German Operations, 2026, EUWID Recycling
- Due Diligence on Recycling Processes in the Garment and Footwear Sector, 2026, OECD
- Textile Recycling Market to Reach $20bn by 2031 – Report, 2026, Ecotextile News
- State & Prospects of Circular Fashion in Europe, 2026, KPMG / Circular Fashion Federation


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