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Neues Whitepaper zur Dekarbonisierung der Modebranche setzt richtig an, verpasst aber Kernprobleme

Die Dekarbonisierung der Lieferketten der Modebranche ist kein nebensächliches Nachhaltigkeitsziel mehr, sondern eine zentrale finanzielle Notwendigkeit. So argumentiert das jüngst veröffentlichte Whitepaper „Accelerating Fashion Decarbonisation: An Efficient Approach to Unlocking Corporate Value and Financing the Supply Chain Transition“ (Beschleunigung der Dekarbonisierung in der Modebranche: Ein effizienter Ansatz zur Freisetzung von Unternehmenswert und zur Finanzierung des Lieferkettenwandels). Es wurde von der H&M Group und Finanzdienstleister Ernst and Young (EY) unter Mitwirkung von Großbank HSBC und dem Apparel Impact Institute verfasst.

In sechs Kernpunkten fasst das Whitepaper zusammen, welche Schritte notwendig sind, um die Dekarbonisierung effektiv anzugehen. Dazu gehört als erstes die Verlagerung der Verantwortung für den Klimaschutz von der Nachhaltigkeitsabteilung in die Finanzabteilung. CFOs haben die Pflicht, so die Argumentation, die langfristige Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens gegen Klimarisiken zu schützen, wie etwa physische Störungen in Produktionszentren und strengere globale Kohlenstoffregulierungen. Dekarbonisierung wird eher als Risikomanagementstrategie denn als Kostenfaktor dargestellt, die unerlässlich ist, um den Unternehmenswert zu schützen und das Vertrauen der Investor:innen in einem zunehmend ESG-regulierten Markt zu erhalten.

Vom Nachhaltigkeitsziel zur finanziellen Notwendigkeit

Als zweites wird die Schließung der „Scope 3“-Finanzierungslücke genannt. Ein erheblicher Teil des ökologischen Fußabdrucks der Modeindustrie (bis zu 99 Prozent bei einigen Marken und Einzelhandelsunternehmen) liegt in den „Scope 3“-Emissionen – also jenen, die in der Lieferkette entstehen. Die Publikation identifiziert eine massive Finanzierungslücke, da es einzelnen Lieferbetrieben oft an Kapital oder Anreizen fehlt, in kostenintensive Projekte mit langen Amortisationszeiten wie die Elektrifizierung von Fabriken oder erneuerbare Energien zu investieren. Das Whitepaper fordert „Blended Finance“-Modelle, die privates Kapital mit öffentlichen und philanthropischen Mitteln kombinieren, um die Kapitalkosten für diese Herstellenden zu senken.

Eine Verlagerung vom Einzelgang zum kollektiven Handeln wird als dritter Kernpunkt genannt. Der Bericht hebt das „Trittbrettfahrer-Problem“ hervor: Wenn eine Marke in die ökologische Modernisierung einer Lieferfabrik investiert, kommen die CO2-Vorteile jeder anderen Marke zugute, die ebenfalls dort herstellen lässt. Um dies zu überwinden, befürwortet das Whitepaper eine „aggregierte Multi-Marken-Finanzierung“. Durch die Bündelung von Investitionen mehrerer Marken, die dieselben Lieferbetriebe nutzen, könne die Branche Skaleneffekte erzielen und die finanzielle Last gerechter verteilen, wodurch die „grüne“ Produktionskapazität für alle wachse.

Ebenfalls essenziell ist die Umstellung auf erneuerbare Energien und Materialinnovationen. Technisch konzentriert sich der vorgeschlagene Fahrplan darauf, die Produktionsbasis – primär in Süd- und Südostasien – weg von Kohle hin zu erneuerbarem Strom und kohlenstoffarmer thermischer Energie zu verlagern. Dies erfordert nicht nur Hardware-Upgrades (wie hocheffiziente Kessel), sondern systemische Veränderungen wie Stromabnahmeverträge (PPAs). Das Whitepaper betont, dass zwar 47 Prozent des Netto-Null-Ziels der Branche mit bestehender Technologie erreicht werden können, die verbleibenden 53 Prozent jedoch auf der Skalierung innovativer Materialien der nächsten Generation beruhen, die derzeit unterfinanziert sind.

Eine zentrale Hürde ist dem Bericht zufolge der Mangel an standardisierten Daten. Lieferbetriebe sind derzeit von den unterschiedlichen Berichtsanforderungen verschiedener Marken überfordert. Es werden daher als fünfter Kernpunkt standardisierte Wirkungsmetriken und einen einheitlichen Governance-Rahmen gefordert. Durch die Standardisierung der Messung und Berichterstattung von CO2-Einsparungen könnten Finanzinstitute die Wirkung ihrer „grünen Kredite“ leichter verifizieren, was die Modebranche zu einem attraktiveren Ziel für den allgemeinen Klimafinanzmarkt mache.

Zum Schluss fordert das Whitepaper die Entkopplung von Wachstum und CO2-Ausstoß, um ihren finanziellen Erfolg zu messen. Dies beinhaltet den Schritt über die reine Effizienz hinaus hin zu zirkulären Geschäftsmodellen. Das Endziel sei eine „Netto-Null-Wertschöpfungskette“, in der Wachstum durch die Langlebigkeit und das Recycling von Kleidungsstücken vorangetrieben werde, anstatt durch das Volumen neu produzierter Materialien. Dieser Übergang erfordere von Marken, als „aktive Gestalter“ ihrer Lieferketten aufzutreten und nicht nur als transaktionale Kund:innen.

Mängel des Ansatzes

Obwohl das Whitepaper einen robusten Rahmen und gute Ansatzpunkte bietet, weist es mehrere potenzielle Mängel und strategische blinde Flecken auf: Zum einen das „Volumen-Problem“, da auf die derzeitige Überproduktion von Bekleidung und die damit verbundenen Probleme nicht eingegangen wird. Schaut man sich die Mitverfassenden an, die ein von Fast-Fashion profitierendes Unternehmen einschließen, so ist dies wenig verwunderlich.

Die meisten beschriebenen Dekarbonisierungsbemühungen sind daher „Effizienzmaßnahmen“, das heißt mehr produzieren mit weniger CO2. Wenn die Branche ihr Produktionsvolumen weiterhin mit den derzeitigen Raten steigert, werden die Effizienzgewinne wahrscheinlich durch das schiere Ausmaß des Outputs zunichtegemacht. Das Whitepaper streift das Thema Entkopplung zwar, schreibt jedoch eine Reduzierung der Produktion nicht als primären Hebel für die Dekarbonisierung vor.

Zudem beschreibt es Marken als „Gestalter“, übersieht dabei aber oft die Machtdynamiken der Modebranche, insbesondere das Machtungleichgewicht zwischen Lieferbetrieben und Marken und Einzelhandelsunternehmen. Lieferant:innen arbeiten mit hauchdünnen Margen, die von letzteren diktiert werden. Von ihnen also zu erwarten, dass sie „grüne Schulden“ aufnehmen – selbst zu günstigen Konditionen –, könnte zu weiterer finanzieller Fragilität der Herstellenden führen, wenn Marken keine langfristigen Abnahmegarantien zur Deckung dieser Schuldentilgungen bieten.

Ein weiteres Manko ist, dass sich Blended Finance stark auf öffentliches und philanthropisches „katalytisches“ Kapital stützt, um private Investitionen abzusichern. Es herrscht jedoch ein weltweiter Mangel an solchem Kapital. Das Whitepaper geht aber davon aus, dass diese Mittel der Modebranche bereitwillig zur Verfügung stehen werden. Der Sektor muss jedoch mit vorrangigen Bereichen wie Infrastruktur, Gesundheit und Energie um die begrenzten öffentlichen Klimagelder konkurrieren.

Auch bei den geopolitischen und infrastrukturellen Barrieren ist nicht alles im Lot. Der vorgeschlagene Fahrplan setzt auf „Renewable Energy PPAs“ und die „Dekarbonisierung des Stromnetzes“ in Ländern wie Bangladesch, Vietnam und Indien. Diese sind oft staatlich kontrolliert oder unterliegen instabilen politischen Bedingungen. Das Finanzmodell einer Marke kann die Entscheidung einer nationalen Regierung, Kohle weiterhin zu subventionieren, oder deren Unfähigkeit, ein modernes, flexibles Stromnetz aufzubauen, kaum überwinden.

Letztendlich muss die Datenverifizierbarkeit und „Greenwashing“-Risiken differenzierter betrachtet werden: Die Abhängigkeit von standardisierten Metriken ist ein zweischneidiges Schwert. Wie die Kontroverse um den Higg Index gezeigt hat, können standardisierte Werkzeuge manipuliert werden oder auf fehlerhaften Lebenszyklusanalysen (LCA) basieren. Ohne unabhängige Überprüfung der CO2-Reduktionen auf Fabrikebene durch Dritte könnten die vorgeschlagenen Finanzierungsmodelle unbeabsichtigt Greenwashing-Projekte finanzieren, die zwar auf dem Papier Einsparungen zeigen, aber keine reale Wirkung entfalten.


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