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Nachhaltige Textilinnovationen: Brennnesselfasern

Angesichts schwindender Ressourcen, die besonders durch Naturfasern wie Baumwolle erschöpft werden, und der Umweltbelastung erdölbasierter Fasern wie Acryl, Polyester, Nylon und Spandex, ist es höchste Zeit, nach nachaltigen Alternativen Ausschau zu halten. In dieser neuen Serie untersucht FashionUnited oft überraschende nachhaltige Alternativen und Textilinnovationen aus der ganzen Welt. Heute geht es um die gemeine Brennnessel, Urtica dioica, eine weit verbreitete Pflanze, die einfach anzubauen ist.

Bereits vor drei Jahren stellte FashionUnited Brennnesselfasern und die deutsche Designerin Gesine Jostvor, die die glänzenden, geschmeidigen Fasern und Stoffe in ihren Kollektionen verwendet. „Man denkt immer, von der Brennnessel halte ich mich lieber fern. Zu Unrecht“, sagt die Designerin, die die Vielseitigkeit des Materials in ihrem Atelier in Düsseldorf durch Pullover, Strickjacken, T-Shirts, Röcke und einen Mantel aus Brennnesselgarn beweist.

Nachhaltige Textilinnovationen: Brennnesselfasern

Nesselfasern und -stoffe sind die Materialien der Zukunft

Seitdem hat sich das Interesse an nachhaltigen Garnen und Alternativen zu Baumwolle weiter intensiviert. „Dieser neue Trend nach Brennnesselfasern wurde von Bedenken über die Umweltbelastung durch die Produktion von Stoffen wie Baumwolle angetrieben. Auf der Jagd nach neuen, umweltfreundlichen Stoffen haben sich Brennnesselfasern bewährt“, bestätigt der Schweizer Anbieter von Nesselfasern und -garnen, SwicoFil.

Dabei bedeutet die Entscheidung, Nesselfasern zur Herstellung von Kleidung zu verwenden, sich wieder auf die Wurzeln zu besinnen, da die Menschen Kleidung aus Brennnesselfasern und -garnen bereits seit 2.000 Jahren tragen; die frühesten Beweise gehen aufs Bronzezeitalter zurück und wurden im dänischen Voldtofte gefunden. Es gibt aber auch Anzeichen der Bekleidungsproduktion aus Nesseln in Skandinavien, Polen, Deutschland, Russland und Schottland, sowie außerhalb Europas. Schließlich findet man zwei der drei Hauptnesselarten zur Faserproduktion - europäische Nessel, Himalaya Nessel und Ramie - in Asien, wobei letztere bereits seit einiger Zeit in China und Japan kommerziell produziert wird.

Nachhaltige Textilinnovationen: Brennnesselfasern

Durch das Aufkommen von Baumwolle und Seide als Konkurrenten der Nessel im 16. Jahrhundert verloren Nesselfasern, -garne und -kleidung bald an Beliebtheit, zudem war Baumwolle damals noch einfacher zu ernten und spinnen. Dank neuer Spinntechniken und Mischzüchtungen verschiedener Pflanzenarten werden jedoch inzwischen Nesselpflanzen mit superhohem Faseranteil gewonnen, die stark, biegsam und vielseiting sind und eine gute Spinnlänge haben.

Nesselkleidung erfuhr im 1. Weltkrieg ein kurzes Comeback, als die deutsche Armee aufgrund eines Baumwollengpasses auf Nesseln umsteigen musste, um daraus Uniformen für ihre Soldaten zu machen. Dies geschah übrigens auch bei der französischen Armee unter Napoleon. Und sie könnten sich wohler gefült haben als Soldaten heute, denn wie Hanffasern funktionieren auch Nesselfasern wie eine natürliche Klimaanlage. Wie ist dies möglich? Nesselfasern sind hohl, wodurch sie innen mit Luft gefüllt sind, was eine natürliche Isolation schafft.

Nachhaltige Textilinnovationen: Brennnesselfasern

Nesselkleidung kühlt im Sommer und wärmt im Winter

Garnhersteller machen von dieser Nesseleigenschaft Gebrauch, indem sie Garnlängen für Sommerkleidung zusammendrehen, um ihre Isolierung zu reduzieren, während sie bei Winterbekleidung nur locker zusammengedreht werden, damit die hohlen Fasern offen bleiben und eine konstante Temperatur erlauben. Ganz schön schlau!

Aber das ist noch nicht alles - Brennnesselfasern sind sehr vielseitig. Und im Gegensatz zu Hanffasern, die wir zuvor vorgestellt haben, gibt es beim Anbau von Nesseln keine Probleme mit dem Gesetz, was die Pflanze zu einer realisierbaren und legalen Marktfrucht gemacht hat. Zudem braucht man wie beim Hanf auch weit weniger Wasser und Pestizide als zum Beispiel beim herkömmlichen Baumwollanbau.

Ray Harwood, Professor für Textiltechnik und Materialforschung einer Gruppe an Leicesters De Montfort University, glaubt, dass Nesselfasern, -garn und -bekleidung die Materialien der Zukunft sind. Er ist am ersten zeitgenössischen britischen Projekt beteiligt, das Brennnesseln als Stoff entwickeln will und passenderweise STING heißt - 'Sustainable Technologies in Nettle Growing'. Die Forscher sind auch eine Partnerschaft mit Camira eingegangen, einem Hersteller von Möbelstoffen, um verschiedene Oeko Tex 100-zertifizierte Nesselstoffe herzustellen.

Nachhaltige Textilinnovationen: Brennnesselfasern

Im Jahr 2004 stellte das Florenzer Modehaus Corpo Nove Jeans mit Nesselgarn vor, die ein großer Hit bei Selfridges waren. Netl, ein holländisches Modelabel, arbeitete mit der nachhaltigen Designerin Rianne de Witte an einer ersten Kollektion in leuchtenden Farben und geometrischen Formen zusammen, die zu 75 Prozent aus Baumwoll- und zu 25 Prozent aus Nesselgarnen gemacht wurde.

Das Unternehmen bezieht die Brennnesseln sogar aus eigenem Anbau und lässt die Kleidung in europäischen Fabriken nähen, die faire Arbeitspraktiken anwenden. Da Nesselfasern und -garne leicht zu beschaffen, gebrauchen und sogar selbst herzustellen sind, werden sie relativ häufig benutzt - sei es kommerziell als Mischgarn mit anderen Fasern oder in reiner Form für hausgemachte Designs.

Zuguterletzt müssen sich nur noch jene beruhigen lassen, die immer noch über das Brennen der Brennnesseln nachdenken. „Man schneidet sie ab und trocknet sie aus, der Druck verschwindet und damit auch das Brennen“, erklärt Harwood. Na dann - her mit den Brennnessel-Kollektionen!

Fotos: Gesine Jost- Kollection via Gesine Jost-Website; Nesselkleid von Leimomi Oakes via thedreamstress.com; Nessel-Großaufnahme von Frank Vincentz via Wikipedia; Nesselstoffe via Camira- Website; Netl-Produkte via tumblr.