Mode-Burnout verhindern: Wie der 'Always On'-Modus die Kreativität der Branche blockiert
Lisa Krage ist Gründerin von Swiss Performance Systems und Spezialistin für Performance Coaching und Corporate Health. Sie entwickelt für High-Performer in anspruchsvollen Positionen und ambitionierte Unternehmen messbare Performance-Systeme. Ihre Basis dafür sind wissenschaftliche Stress- und Performance-Diagnostik, Methoden aus dem Spitzensport und über ein Jahrzehnt Erfahrung in internationalen Business-Umfeldern. Ihr Credo: Gesundheit und Erfolg sind kein Widerspruch – sie gehen Hand in Hand.
Bevor sie sich Ende letzten Jahres selbstständig machte, war sie in verschiedenen Rollen in der Sportartikelbranche aktiv, zuerst für den deutschen Konzern Adidas, zuletzt als Brand Communications & Athletes Lead für Europa, den Nahen Osten und Afrika (EMEA) bei der Schweizer Sportmarke On. Hautnah erlebte sie, was modernes Leadership dem Körper abverlangt und was die besten Performer von den ausgebrannten unterscheidet. Hochleistung kennt sie auch aus eigener Erfahrung als aktive Wettkampfläuferin auf der Bahn.
Diese zwei Welten vereint sie heute in Swiss Performance Systems. FashionUnited sprach mit ihr darüber, wie Stress Kreativität und Leistung messbar beeinträchtigt und welche Tipps sie Führungskräften in der Modebranche geben würde.
Sie sind in den Bereichen Stress Diagnostics und Performance Consulting aktiv. Welche ersten Tipps geben Sie Unternehmen, um das Wohlsein ihrer Mitarbeitenden zu fördern?
Mein erster Tipp: Messen statt Raten. Wir treffen im Unternehmen täglich datenbasierte Entscheidungen – Umsatz, Wachstum, Margen. Warum also nicht auch beim Thema Gesundheit?
Gesundheitstage, Schlaf-Vorträge und Resilienz-Workshops kennen wir alle. Das Problem? Die meisten dieser Initiativen werden anhand der Teilnehmer:innenzahlen gemessen, nicht aber anhand ihrer Wirkung. Deshalb haben die meisten Corporate Health Manager, mit denen ich spreche, Schwierigkeiten, ihre Ressourcen auszubauen. Keine Daten, keine nachweisliche Wirkung, kein Budget.
Haben Sie selbst solche Erfahrungen in Ihrer bisherigen Laufbahn gemacht?
Ja, ich habe das selbst erlebt. Wir haben einmal 10.000 Schweizer Franken (etwa 10.845 Euro) in einen Schlafexperten investiert. Zwei Stunden Präsentation, gut besucht, gutes Feedback. Meine ehrliche Einschätzung im Nachhinein: Wenn diese zwei Stunden nicht zu konkreten Verhaltensänderungen führen, wie beispielsweise dem Commitment zu täglich acht Stunden Schlaf oder regelmässigen Schlafenszeiten, dann wäre es für die Mitarbeitenden sinnvoller gewesen, diese zwei Stunden einfach zu schlafen.
Das ist keine Kritik an Schlafexpert:innen. Das ist eine Kritik am System. Solange Corporate Health nicht mit KPIs gemessen wird wie jeder andere Unternehmensbereich, bleibt es ein nettes Add-on statt strategischer Infrastruktur. Zuerst brauchen wir Daten anstatt generische Wellness-Angebote, um zu verstehen, wo Leistung wirklich verloren geht. Denn nur was gemessen wird, können wir auch angehen und Ressourcen sinnvoll allokieren.
Welche strukturellen Probleme, die Angestellte belasten, sind in Modeunternehmen tief verankert?
Die Modeindustrie lebt von Zyklen – feste Deadlines, saisonale Kollektionen, permanenter Druck der nächsten Saison. Die Entwicklung eines neuen Produkts in der Sport-Fashion-Industrie braucht üblicherweise zwei Jahre, vom Konzept bis zur Lancierung. Reine Farb-Updates sind schneller, neue Innovationen brauchen drei oder mehr Jahre. Der Modekalender ist eng getaktet.
Was dabei oft vergessen wird: Hochleistung braucht Erholung. Im Leistungssport würde niemand von Athlet:innen verlangen, zwölf Monate am Stück in Wettkampfform zu sein. Nach der Wettkampfphase folgt immer eine Regenerationsphase. In der Sport-Modebranche ist das anders. Hier reihen sich Fashion-Shows, Marathons und Kampagnen-Lancierungen dicht aneinander. Das ist ein strukturelles Problem.
Gibt es bestimmte Arten von Konsequenzen, die durch dauerhaften Stress verursacht werden, die Sie besonders wahrnehmen?
Was ich in vielen Profilen meiner Klient:innen sehe, kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Ich habe jahrelang in einem Hochleistungs-Umfeld gearbeitet und dabei die klassischen Warnsignale ignoriert. Ich habe mich durch den Tag mit Kaffee getrieben, krank weitergearbeitet und wenn ich dann endlich in den Urlaub gefahren bin, wurde ich prompt krank. Das ist kein Zufall. Der Körper wartet, bis er sich Ruhe „erlauben" darf und holt dann nach, was er unterdrückt hat.
Das ist exakt dasselbe Muster, was ich bei den meisten High Performer:innen sehe, die verlorene Fähigkeit „Entspannen“ zu können. Die klassische Aussage: „Ich komme nach Hause und kann einfach nicht abschalten.“ Das ist kein Charakterproblem – das ist Biologie.
Was verbirgt sich dahinter?
Wir sprechen von einer Dysregulation des Stressreaktionen-Systems. Der Körper steckt dauerhaft im sympathischen beziehungsweise aktivierten Zustand, im „Always On"-Modus. Die Forschung ist hier eindeutig: Studien zeigen, dass arbeitsbedingter chronischer Stress konsistent mit erhöhter Herzrate, erhöhtem Cortisolspiegel und reduzierter Herzratenvariabilität zusammenhängt. Der Körper verliert buchstäblich die Fähigkeit, flexibel zwischen Anspannung – “Kampf-oder-Flucht-Zustand” – und Erholung – “Ruhe-und-Verdauungs-Zustand” – zu wechseln.
Was würden Sie Führungskräften in der Modebranche empfehlen, um durch Stress verursachte Langzeitfolgen zu reduzieren?
Zuerst den Ist-Zustand erfassen. Wie steht es um meine Körper-Ressourcen? Was sind meine Stressmuster? Kann ich mich noch regulieren – und wenn ja, was hilft mir dabei wirklich? Dafür stehen verschiedene Messmethoden zur Verfügung – vom Langzeit-EKG über Biomarker-Tests bis zu Befragungen.
Laut Studien kann ein gesunder Lebensstil das Risiko für bestimmte chronische Krankheiten stark senken und die Lebenserwartung deutlich erhöhen. Manche Longevitiy Kliniken sprechen sogar von einem Verhältnis von 80 zu 20 – 80 Prozent unserer Gesundheit sollen durch Lebensstil, Umwelt und Gewohnheiten beeinflusst werden, die Gene hingegen maximal 20 Prozent. Der eigene Einflussbereich ist also riesig.
Was ist dann der nächste Schritt, wenn der Ist-Zustand ermittelt wurde?
Dann sind es die Basics, die den Unterschied machen. Nicht Cryo-Kammern oder teure Infusionen, sondern Schlaf, Bewegung, Ernährung und soziale Kontakte. Ich spreche hier nicht nur aus wissenschaftlicher Überzeugung, sondern aus eigener Erfahrung. Ich habe früher mein Training mit nüchternem Magen gestartet, Mahlzeiten ausgelassen, wenn es stressig wurde und mich dann gewundert, warum meine Energie nachmittags im Keller war. Heute weiß ich, das war kein Willensproblem. Instabiler Blutzucker erzeugt Stress im Körper, der sich wie Angst oder sogar Panik anfühlen kann.
Die entscheidende Frage ist: Wie mache ich diese Basics zu meinen Standards, so dass sie auch eine stressige Arbeitswoche oder eine Geschäftsreise überstehen? Ich reise zum Beispiel grundsätzlich mit Laufschuhen und wähle Hotels mit einem Gym. Das klingt simpel, ist aber Haltung. Und ich sage es offen, ich würde keine Arbeitgeber:innen wählen, die nicht aktiv einen Rahmen schaffen, in dem meine Gesundheit sowie Leistungsfähigkeit gefördert wird und die gesunde Wahl einfacher ist als die ungesunde.
Designer:innen balancieren zwischen Kreativität und Druck, die Kollektionen fertigzustellen. Ab wann blockiert physiologischer Stress den kreativen Prozess?
Körper und Kopf lassen sich nicht trennen. Stress ist multidimensional und immer auch biologisch. Jeder negative Gedanke, jede Deadline, jeder Konflikt löst eine biochemische Reaktion im Körper aus. Katecholamine werden ausgeschüttet, die Herzrate steigt, Cortisol steigt, das Gehirn schaltet in den Überlebensmodus. Und im Überlebensmodus ist Kreativität das Letzte, wofür Ressourcen genutzt werden. Chronischer Stress zerstört genau den mentalen Zustand, den kreative Arbeit braucht. Im Überlebensmodus wird nicht kreiert, sondern reagiert.
Ich blühe unter kurzfristigem Druck richtig auf, wie bei einem Wettkampf. Das habe ich aus dem Leistungssport. Ich bin dann sehr leistungsfähig und lösungsorientiert. Bei langanhaltendem Stress merke ich jedoch stark, dass meine kreativen Fähigkeiten leiden. Dann ist die Kapazität meines Nervensystems sehr eingeschränkt.
Gibt es dementsprechend auch Parallelen zwischen Leistungssportler:innen und Führungskräften?
Absolut und das ist der Kern meines Ansatzes. Ich sehe Führungskräfte wie Leistungssportler:innen – der Business Athlet: beide unter permanentem Druck, beide auf Höchstleistung angewiesen.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel aus der Sportwissenschaft. Bereits ein Flüssigkeitsverlust von ein bis zwei Prozent des Körpergewichts beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit messbar – Konzentration, Kraft, Reaktionszeit. Athlet:innen, die zehn Sekunden unter ihrer Bestzeit laufen, lösten sofort Alarm aus. In der Unternehmeswelt ignorieren wir täglich Warnsignale.
Der Unterschied zwischen Athlet:innen und Führungskräften? Athlet:innen werden mit diagnostischen Tools, Recovery-Protokollen, Mentalcoaching und Ernährungsexpertise unterstützt. Ich hatte die Ehre, bei der Sportmarke On genau so ein System mit aufzubauen: das „360° Athlete Support“-Program. Mein Ziel ist es, dieses Prinzip in die Businesswelt zu übertragen.
Welche Learnings haben Sie aus der Zeit bei On insgesamt mitgenommen?
Mein prägendstes Learning aus mehr als neun Jahren in der Sportindustrie ist: Culture beats Motivation. Motivation ist flüchtig, sie funktioniert dann, wenn alles einfach ist. Kultur ist das, was trägt, wenn es schwierig wird.
Ich habe selbst erlebt, wie eine Umgebung, in der gesunde Entscheidungen zur Norm gehören, wie beispielsweise Laufen in der Mittagspause, frische, gesunde Kantine und Walking Meetings. Sie hat dazu geführt, dass ich Gewohnheiten aufgebaut habe, die ich wahrscheinlich alleine nie so konsequent durchgehalten hätte. Die Umgebung übernimmt die Arbeit. Das hat meine gesamte Sicht auf nachhaltige Performance verändert und ist heute die Basis meiner Arbeit mit Führungskräften und Unternehmen.
Künstliche Intelligenz (KI) wird immer mehr in kreative und geschäftliche Prozesse integriert. Sehen Sie diese Tools als Abhilfe für Stress oder als zusätzlichen Druck, da die Erwartung an Leistung und Geschwindigkeit steigt?
Das hängt davon ab, wie man sie einsetzt. Ich hatte persönlich nie Angst, dass KI meinen Job ersetzt. Ich lebe einen sehr ausgeprägten Growth Mindset und bin ständig dabei, Neues zu lernen und mich weiterzubilden. Wer heute Angst vor KI hat, sollte sich fragen: Was sind meine Stärken, die KI zeitnah nicht übernehmen kann? Was sind – menschliche – Fähigkeiten, die in Zukunft noch wichtiger werden?
KI beschleunigt Output – Datenanalysen, Strukturen, Texterstellungen – aber menschliche Kapazität wie Stressregulation für strategische Entscheidungen unter Druck, emotionale Intelligenz für den Aufbau von Geschäftsbeziehungen und einen leistungsfähigen, gesunden Körper für das notwendige Selbstbewusstsein sind zeitnah nicht automatisierbar. Das wird der entscheidende Wettbewerbsvorteil der nächsten Jahre sein.
Inwieweit können Stress Diagnostics dabei helfen, die Produktivität zu fördern beziehungsweise Fehlerraten zu reduzieren?
Ich sehe Stress Diagnostiken als Werkzeug, die menschliche (Leistungs-)Kapazität auszubauen und als Burnout-Frühwarnsystem. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lange man diese Warnsignale ignorieren kann. Krank in den Ferien, das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können, morgens erschöpft aufzuwachen, obwohl man geschlafen hat: Das sind keine Befindlichkeiten, das sind messbare biologische Zustände.
Studien zeigen, dass Burnout-Patienten bereits Monate vorher veränderte Cortisol-Muster aufweisen. Wer diese Signale früh liest, kann reagieren, bevor der Schaden entsteht. Die Weltgesundheitsorganisation hat Stress nicht umsonst als „Gesundheitsepidemie des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Und die Zahlen sind eindeutig: Ein einziger Burnout-Fall kostet ein Unternehmen vier bis sechs Monatslöhne an Ausfall; und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Hinzu kommen Produktivitätsverluste, Fluktuation und Reputationsschäden. Das kann sich auf mehrere Millionen pro Jahr je nach Unternehmensgröße summieren. Deshalb sehe ich den Bereich Corporate Health und Stress-Diagnostiken nicht als Kostenstelle, sondern als Risk Management.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt.
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