Luisa-Cerano-CEO Arnd Buchardt: „Nicht unbedingt lauter. Aber definitiv sichtbarer.“

Mit Arnd Buchardt hat die Nürtinger Hauber-Gruppe zum 1. Mai 2026 erstmals einen familienfremden CEO an die Spitze ihrer Premiummarke Luisa Cerano berufen. Er verantwortet sowohl die operative als auch die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens. Gegenüber FashionUnited erklärt Buchardt, warum er nicht nur in der Markeninszenierung, sondern auch in den internen Strukturen Veränderungspotenzial sieht, weshalb Wachstum für ihn nicht zwangsläufig mehr Volumen bedeutet und welche Rolle der bisherige Geschäftsführer Jürgen Leuthe künftig einnimmt.

Herr Buchardt, was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt und mit welchen Erwartungen ist die Inhaberfamilie an Sie herangetreten?

Mich hat vor allem die Substanz dieses Unternehmens überzeugt. Die Hauber-Gruppe verbindet mehr als 150 Jahre textile Erfahrung mit einer starken Marke, hoher Produktkompetenz und einer klaren Identität. Das ist in unserer Branche alles andere als selbstverständlich.

Gleichzeitig sehe ich großes Potenzial, auf diesem Fundament aufzubauen. Mich reizt genau diese Verbindung – die Stärken eines gewachsenen Familienunternehmens zu bewahren und neue Perspektiven einzubringen. Dabei geht es nicht darum, Luisa Cerano neu zu erfinden. Vielmehr wollen wir die vorhandenen Stärken konsequenter nutzen, die Marke weiter profilieren und das Unternehmen wirtschaftlich zukunftsfähig aufstellen.

Mit Ihrem Einstieg verändert sich auch die bisherige Führungsstruktur des Familienunternehmens. Wie sind die Verantwortlichkeiten zwischen Ihnen und Jürgen Leuthe künftig verteilt?

Ich verantworte die operative und strategische Weiterentwicklung von Luisa Cerano. Jürgen Leuthe wird sich nach vielen Jahren in der operativen Verantwortung für Luisa Cerano künftig stärker auf seine Aufgaben als geschäftsführender Gesellschafter der Hauber-Gruppe und auf die strategische Weiterentwicklung der Unternehmensgruppe konzentrieren. Dabei sind klare Verantwortlichkeiten, verlässliche Entscheidungswege und eine enge Abstimmung entscheidend.

Credits: Luisa Cerano

Zieht er sich damit aus dem Tagesgeschäft der Marke zurück?

Jürgen Leuthe hat Luisa Cerano über viele Jahre entscheidend geprägt. Er kennt das Unternehmen, die Marke und unsere Partner:innen wie kaum ein anderer. Luisa Cerano bleibt für ihn ein wesentlicher Teil der Gruppe und persönlich eine Herzensangelegenheit. Er wird mich weiterhin eng begleiten, als Sparringspartner zur Seite stehen und die Marke als Gesellschafter und Unternehmer unterstützen und repräsentieren.

Sie kommen auch mit einem neuen Blick auf das Unternehmen. Welche gewachsenen Strukturen oder Selbstverständlichkeiten haben Sie in Ihren ersten Monaten neu betrachtet – und wo sehen Sie Potenzial, Dinge künftig anders zu machen?

Was mich von Anfang an beeindruckt hat, ist die enorme Kompetenz, die im Unternehmen steckt. Gerade in Design, Produktentwicklung und Verarbeitung verfügen wir über ein Wissen, das über Generationen gewachsen ist.

Das größte Potenzial sehe ich darin, diese Kompetenz noch stärker miteinander zu vernetzen. Produktentwicklung, Einkauf, Vertrieb, Marketing und Warensteuerung müssen enger zusammenarbeiten und Entscheidungen auf einer gemeinsamen Informationsbasis treffen.

Warum ist das gerade jetzt so wichtig?

Die Modebranche hat sich grundlegend verändert. Nachfrage entwickelt sich kurzfristiger, Konsumentinnen entscheiden bewusster und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bleiben anspruchsvoll. Darauf müssen wir schneller und flexibler reagieren können. Deshalb hinterfragen wir bestehende Prozesse, verkürzen Entscheidungswege und schaffen mehr Transparenz über Nachfrage, Abverkauf und Bestände. Zudem wollen wir die Perspektive unserer Kundinnen noch konsequenter in unsere Entscheidungen einbeziehen.

Mein Anspruch ist es, die kreative Stärke des Unternehmens mit einer noch agileren und wirtschaftlich konsequenteren Organisation zu verbinden.

Credits: Luisa Cerano

Luisa Cerano ist seit Jahrzehnten im Premiumsegment etabliert. Wohin möchten Sie die Marke in den kommenden Jahren führen? Geht es vor allem darum, die bestehende Position zu stärken, oder verfolgen Sie auch neue Wachstumsambitionen?

Für mich gehört beides zusammen. Luisa Cerano verfügt über eine starke Position im Premiumsegment, eine loyale Kundschaft und eine unverwechselbare Produkt-DNA.

Unser Anspruch ist es, Luisa Cerano als moderne Premium-Fashion-Marke weiter zu profilieren und ihre Relevanz auch für eine neue Generation von Kundinnen zu steigern. Wir wollen die Begehrlichkeit unserer Produkte erhöhen und die Marke in einem internationalen Fashion-Umfeld positionieren.

Dabei geht es nicht um Veränderung um der Veränderung willen. Unsere Kundinnen schätzen Luisa Cerano für Qualität, Stil und Verlässlichkeit. Diese Werte bleiben.

Wachstum heißt für Sie also nicht zwangsläufig mehr Volumen?

Nicht allein. Wachstum entsteht für mich durch eine stärkere Verbindung von Marke, Produkt und Vertrieb. Wenn wir unsere Produktkompetenz noch gezielter in relevante Angebote übersetzen, neue Kundinnen gewinnen und bestehende Potenziale besser ausschöpfen, schaffen wir die Grundlage für nachhaltiges, profitables Wachstum.

Welche Rolle spielen dabei der stationäre Fachhandel und eigene Retailflächen? Wo sehen Sie aktuell das größte Potenzial?

Der stationäre Fachhandel bleibt ein zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Gerade im Premiumsegment machen persönliche Beratung, Vertrauen und das unmittelbare Erleben von Qualität einen entscheidenden Unterschied. Unsere Handelspartner:innen sind deshalb nicht nur Vertriebskanal, sondern wichtige Markenbotschafter:innen.

Gleichzeitig gewinnt die direkte Beziehung zur Konsumentin an Bedeutung – über unsere Retailflächen, digitale Kanäle und eine zielgerichtete Markenkommunikation.

Das größte Potenzial sehe ich darin, diese Kanäle besser miteinander zu verbinden. Die Kundin denkt nicht in Wholesale, Retail oder Online. Sie erlebt eine Marke und erwartet über alle Kontaktpunkte hinweg ein konsistentes Markenerlebnis.

Dafür müssen wir Nachfrage, Abverkauf und Bestände kanalübergreifend besser verstehen und Erkenntnisse schneller in Produkt- und Vertriebsentscheidungen übersetzen. Das hilft uns, erfolgreiche Produkte gezielter zu entwickeln, Warenverfügbarkeit zu verbessern und wirtschaftliche Risiken zu reduzieren.

Und welche Rolle spielt das internationale Geschäft?

Auch international sehen wir Entwicklungsmöglichkeiten. Dabei geht es uns um eine gezielte Stärkung unserer Präsenz in ausgewählten Märkten und um langfristige, partnerschaftliche Beziehungen. Wir wollen nicht möglichst schnell möglichst groß werden, sondern dort wachsen, wo wir mit unserer Marke, unserer Produktkompetenz und unserem Qualitätsanspruch nachhaltig überzeugen können.

Credits: Luisa Cerano

Apropos Präsenz: Muss Luisa Cerano künftig lauter werden – etwa in Social Media, Kommunikation oder Markeninszenierung?

Nicht unbedingt lauter. Aber definitiv sichtbarer, relevanter und an manchen Stellen mutiger. Luisa Cerano steht für eine selbstverständliche Form von Luxus. Für Qualität, modernes Design und eine selbstbewusste, unkomplizierte Feminität. Diese Haltung ist eine große Stärke, gerade in einer Zeit, in der viele Marken um Aufmerksamkeit konkurrieren.

Wir müssen nicht jedem Trend hinterherlaufen oder Aufmerksamkeit um jeden Preis erzeugen. Aber wir müssen unsere Geschichte zeitgemäß, emotional und selbstbewusst erzählen. Dazu gehört auch, Luisa Cerano stärker in einem relevanten Fashion- und Kulturumfeld zu positionieren und neue kreative Impulse zuzulassen.

Welche Rolle spielt dabei die digitale Kommunikation?

Eine wichtige. Sie ermöglicht uns, neue Zielgruppen anzusprechen, die Beziehung zu unseren Kundinnen zu vertiefen und unmittelbarer zu verstehen, welche Themen, Produkte und Inhalte Resonanz erzeugen. Entscheidend ist aber, dass Markenkommunikation mehr leistet als reine Sichtbarkeit. Sie muss Begehrlichkeit schaffen, die Positionierung schärfen und langfristig auch zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen.

Sie sprachen vorhin auch von einer neuen Generation Luisa-Cerano-Kundinnen. Wie schafft man es als etablierte Premiummarke, ebenjene neue Generation anzusprechen, ohne die bestehende zu verlieren?

Indem man sich nicht über das Alter seiner Kundinnen definiert, sondern über eine Haltung. Die Luisa-Cerano-Kundin ist selbstbewusst, qualitätsorientiert und hat ihren eigenen Stil. Sie interessiert sich für Mode, möchte sich aber nicht von ihr diktieren lassen, was sie tragen soll. Das ist keine Frage des Alters.

Natürlich verändern sich ästhetische Vorlieben, Mediennutzung und Kaufverhalten. Darauf müssen wir reagieren – mit einer modernen Bildsprache, neuen Kommunikationsformaten und einer zeitgemäßen Inszenierung unserer Kollektionen. Es geht nicht darum, unsere Identität zu verändern, sondern sie für neue Zielgruppen relevant und erlebbar zu machen.

Was bedeutet das für Sortiment und Preise?

Wir müssen genau verstehen, welche Produkte, Preislagen und Angebote für unterschiedliche Kundinnengruppen relevant sind. Denn Begehrlichkeit entsteht nur dann nachhaltig, wenn Markenbild, Produkt und Kundenerlebnis glaubwürdig zusammenpassen.

Credits: Luisa Cerano

Sie bringen langjährige Erfahrung aus der Modebranche mit, unter anderem von Gerry Weber. Was davon möchten Sie bei Luisa Cerano einbringen?

Ich habe in meiner Laufbahn erlebt, wie entscheidend es ist, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und konsequent darauf zu reagieren. Die Modebranche ist anspruchsvoller und volatiler geworden. Ein gutes Produkt allein reicht heute nicht mehr aus. Man braucht eine klare Positionierung, ein funktionierendes Geschäftsmodell und die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit fundierte Entscheidungen zu treffen.

Eine wichtige Überzeugung ist für mich, dass Kreativität und unternehmerische Disziplin keine Gegensätze sind. Im Gegenteil, sie müssen sich gegenseitig stärken. Eine starke kreative Handschrift schafft Begehrlichkeit. Unternehmerische Klarheit sorgt dafür, dass daraus nachhaltiger Erfolg entstehen kann.

Was heißt das für Ihren Führungsstil?

Ich glaube an die Kompetenz der Menschen im Unternehmen. Gute Führung bedeutet für mich, klare Orientierung zu geben, Verantwortung zu übertragen und Entscheidungen konsequent umzusetzen. Nicht jede Entscheidung muss zentral getroffen werden. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten ein gemeinsames Verständnis unserer Ziele haben und wissen, welchen Beitrag sie dazu leisten können.

Woran soll man Ihre persönliche Handschrift als CEO künftig erkennen?

Daran, dass wir klarer in unseren Prioritäten, schneller in unseren Entscheidungen und konsequenter in der Umsetzung werden. Dass wir unsere Stärken selbstbewusst nutzen, aber auch den Mut haben, Bestehendes zu hinterfragen und neue Wege zu gehen.

Am Ende möchte ich daran gemessen werden, ob Luisa Cerano wirtschaftlich erfolgreich ist, als Marke an Relevanz und Begehrlichkeit gewinnt und auch in Zukunft ein Unternehmen bleibt, das Frauen begeistert und für das unsere Mitarbeitenden gerne arbeiten.


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