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Karriere-Check: Warum der Point of Sale die beste Schule ist

Wie sieht die Karriere in einer Branche aus, die sich ständig neu erfinden muss? Der Branchenexperte Daniel Samy El Menshawi blickt auf 15 Jahre Erfahrung zwischen Tradition und Transformation zurück.

Nach seiner Lehre in Textilbetriebswirtschaft und einem Studium im Bereich International Fashion Management war El Menshawi für verschiedene Bekleidunsganbieter – von Strenesse bis Esprit – im Vertrieb aktiv. Dann wagte er mit seinem Label Spsr.Studio den Schritt in die Selbstständigkeit. Neben der Leitung des von ihm gegründeten Spezialisten für Streetwear-orientiertes Menswear-Tailoring unterrichtet er unter anderem ‘Future Retail’ und kreiert die Off-Pitch-Kollektionen für den Sportartikler Jako mit Fußball-Profiteams wie dem VfB Stuttgart und Mainz 05.

Im Interview blickt er auf die verschiedenen Stationen seiner Karriereleiter seit dem Studium zurück und zeigt auf, welche Erwartungen er an den Handel der Zukunft hat.

Sie haben sich vor rund vier Jahren selbstständig gemacht, nachdem Sie lange im Sale aktiv waren. Wie blicken Sie auf diese Jahre zurück?

Ich würde es sofort wieder machen. Gerade in einer Krise oder Rezession mutig mit einem eigenen Konzept rauszugehen, fühlt sich richtig an.

Klar, man braucht Ausdauer. Tag, Nacht, hoch, runter – das gehört dazu. Man justiert ständig nach. Aber wenn man feinfühlig bleibt und spürt, was sich draußen verändert, und sein Konzept immer wieder anpasst, dann macht’s echt Spaß.

Davor waren Sie bei Esprit für ein neues Denim-Konzept zuständig. Dann kam die Pandemie und Insolvenz des Unternehmens. War das für Sie der Wendepunkt?

Ich war nur sehr kurz bei Esprit, davor lange bei G-Star und Strenesse. Ein paar Monate nach meinem Start kam schon die Insolvenz – ziemlich bitter. Was mich am meisten irritiert hat, war in dieser Zeit der Umgang mit den Leuten.

Generell habe ich gemerkt, dass es, wie Industrie und Wholesale zusammenarbeiten, nicht mehr funktioniert. Diese riesigen Vororder-Mengen, die alten Rhythmen – daran habe ich immer weniger geglaubt. Der Handel braucht neue Lösungen.

Deshalb habe ich Spsr gegründet. Ich glaube total an On-Demand, an Co-Creation, an echte Interaktion mit dem Kunden. Wir entwickeln Produkte gemeinsam mit dem Endverbraucher, eins zu eins. Und für Business-to-Business liefern wir in fünf bis sechs Wochen statt in sechs Monaten. Schnell reagieren, nah dran bleiben – das war die Idee.

Spsr.Studio Credits: Robin Pailler

Es scheint auch die zeitgemäße Antwort auf den traditionellen Herrenschschneider zu sein.

Die persönlichen Schneider:innen sind für jeden Mann so wichtig wie gute Friseur:innen. Dazu kommt, dass Retail viele Kund:innen verloren hat und die Innenstädte oft austauschbar sind: zu viel Ware, zu wenig Service und Dauer-Sale – ein riesiges Überangebot. Und die Magie fehlt.

Niemand hat Lust, samstags mit zwei Kindern in die Stadt zu fahren, 150 Euro für das Parken und Mittagessen zu zahlen und am Ende keine guten Berater:innen im Store zu finden. Genau da setzen wir an: Wir kommen zum Kunden ins Büro, nach Hause, wo auch immer.

Was kostet das Ihre Kundschaft?

Wir produzieren in Europa. Ein Full Suit startet bei etwa 750 Euro, Spitze liegt bei rund 1.400 Euro. Das ist natürlich auch vom Stoff abhängig. Servicekosten gibt’s keine extra. Dadurch, dass wir keinen Lagerbestand haben und alles on demand machen, entstehen Kosten erst bei Bestellung. Das macht das Ganze effizient.

Zusätzlich arbeiten wir mit Trunk Shows in anderen Städten, wo wir immer ziemlich unerwartet in Cafes, Museen, Clubs oder in Partnerschaft mit einem lokalen Retailer aufpoppen, oder sogar remote mit digitalen Maßen. Zwei Fotos, ein paar Daten – fertig. Ziemlich unkompliziert.

Sie beschäftigen sich außerdem mit dem Thema "Future Retail” als Dozent am Texoversum in Nagold.

Ich unterrichte Future Retail, aber auch Menswear und Visual Merchandising. Future Retail ist wie ein Labor: Was funktioniert noch? Was nicht? Welche Konzepte haben Zukunft?

Texoversum-Studierende, die El Menshawi unterrichtet, bei einer Präsentation Credits: Texoversum

Und wohin entwickelt sich der Handel?

Ich frage meinen Studierenden immer, was sie wählen würden, müssten sie sich zwischen einer Rolex oder einem Festivalpass entscheiden. Fast alle nehmen das Erlebnis. Das sagt eigentlich alles.

Für mich wird Retail mehr Showroom, mehr Experience mit digitalen Komponenten, eine reduzierte Warendarstellung und mehr Gefühl. Und vor allem wird der Faktor Mensch in Zeiten der Digitalisierung wichtiger. Gute Beratung schlägt alles, und es wird gezielter danach gesucht.

Inwiefern wird die Suche präziser?

Es werden neue Profile entwickelt, was man schon heute in den Stellenausschreibungen sieht. Es wird nicht mehr nach den klassischen Verkäufer:innen gesucht, sondern nach einem Style Advisor, nach Modeberater:innen. Es sind neue Rollen, die wir für Menschen auf Verkaufsflächen kreieren müssen, neue Vergütungsmodelle und Aufgabenbereiche, die immer mehr in den Vordergrund gestellt werden, wenn es um Personal auf der Einzelhandelsfläche geht.

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Auch der Einzelhandel selbst spielt mehr und mehr mit neuen Bezeichnungen und löst sich von dem Begriff. Aimé Leon Dore zum Beispiel nennt seine Stores mittlerweile Clubhouse. Es wird mehr in Richtung Community Hub gehen, bei dem sich das Unternehmen über ein Café oder eine Aktivierung die Community in den Store holt. Das ist mittlerweile auch schon stark in der Erwartung der Kundschaft verankert.

Mittlerweile spricht fast jeder Sportartikeler von einer Community…

Community ist kein Buzzword und kein wöchentlicher Run-Club fürs Marketing. Es braucht echten Mehrwert. Begegnungen, die sich nicht gestellt anfühlen. Wir planen zum Beispiel Chess-Mornings in einer Bar. Einfach Schach spielen. Keine Sales-Show, kein Pitch. Nur Leute zusammenbringen. Wenn jemand im Anzug kommt – cool. Wenn’s einer von uns ist – noch besser. Aber darum geht’s nicht.

Sie haben selbst erst in Nagold und dann in Amsterdam studiert. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

In Nagold [Anm.d.Red.: Standort der Berufsbildungseinrichtung Texoversum] habe ich Textilbetriebswirtschaft gelernt und dann einen Bachelor in International Fashion Management an der AMFI [Anm.d.Red.: Mode-Universität Amsterdam Fashion Institute] in Amsterdam gemacht. Ich war vorher ein bisschen ein Problemschüler und bin kurz vor dem Abi von der Schule geflogen. Mit dem Start meiner Ausbildung habe ich meine Passion wiedergefunden und es hat für mich ein Turnaround stattgefunden. Das war eine sehr wichtige Zeit für mich.

Ich schätze bis heute die Kontakte und enge Freundschaften, die daraus entstanden sind. Nargold war für mich so eine ganz coole Base, wo ich das Basic Knowledge über die Textilbranche mitbekommen habe. Amsterdam war dann das kreative Add-on dazu.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede gegenüber Ihren Studierenden?

Alles ist digitaler, schneller und mehr von Künstlicher Intelligenz (KI) gestützt. Präsentationen sehen krasser aus und die machen alles mit dem IPad. Wir hatten einen Block und Stift. Diese digitalen Tools hätten mich wahrscheinlich zu sehr abgelenkt.

Die Haptik bleibt allerdings entscheidend – damals wie heute. Mode musst du anfassen und dieses Verständnis kann dir auch keine KI ersetzen. Gleich geblieben sind auch die Partys, die sind immer noch krass [lacht], sowie die Leidenschaft für die Branche.

Beschäftigen sich die Studierenden damit, wie es der Branche geht?

Wir besprechen es auch aktiv im Unterricht. Gerade bei Future Retail machen wir direkt eine Bestandsaufnahme und schauen uns den globalen Status Quo an, sowohl auf der Industrie-Sourcing-Seite als auch im Handel.

Dennoch bringen die Studierenden eine gesunde Naivität mit. Mir ist es auch total wichtig, dass wir Leute hervorbringen, die Konzepte in Frage stellen und neu denken.

Wenn Sie heute nochmal am Anfang Ihrer Karriere stehen würden, würden Sie wieder den gleichen Weg gehen?

Ich glaube sehr an Bauchgefühl. Das hat mich eigentlich immer geleitet. Entscheidungen sind bei mir selten rein rational gefallen, sondern meistens aus dem Gefühl heraus – und damit bin ich gut gefahren.

Rückblickend war vor allem meine Zeit bei G-Star ein riesiger Eye-Opener. Da habe ich verstanden, dass in unserer Branche am Ende alles auf einen einzigen Moment hinausläuft: den Moment, in dem Ware auf die Kundschaft trifft – am Point of Sale.

Mir ist damals klar geworden, dass genau dieser Moment in der Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel oft zu kurz kommt. Deshalb war ich schon damals, egal wie groß mein Verantwortungsbereich war, jeden Samstag auf irgendeiner Verkaufsfläche unterwegs. Die Kolleg:innen haben mich teilweise für 'verrückt' erklärt.

Warum ist es so wichtig, so regelmäßig vor Ort zu sein?

Nur dort bekommst du ein echtes Gefühl dafür, was funktioniert und was nicht. Du siehst unmittelbar, wie Kund:innen reagieren. Dieses direkte Feedback kann dir kein Report ersetzen. Für mich ist der Point of Sale bis heute das Zentrum des Geschehens – ein echter Wettbewerbsvorteil, wenn man ihn ernst nimmt.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich von der Branche?

Mehr Magie am Point of Sale und Bewusstsein. Vor allem dafür, was wir produzieren, in welchen Mengen, mit welchen Materialien und unter welchen Bedingungen. Für mich geht es darum, die gesamte Wertschöpfungskette bewusster zu betrachten – vom Design über die Produktion bis zum Verkauf.

Das klingt schnell nach Buzzword, ich weiß. Aber jede:r, der in der Mode arbeitet, versteht, was gemeint ist. Es geht um Verantwortung und weniger Verschwendung. Und darum, sich wirklich zu fragen, warum man ein Produkt überhaupt auf den Markt bringt.


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