Indisches Textilministerium: „Wir müssen Produkte entwickeln, die besser zum europäischen Markt passen“
Mit dem Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien erhält das Land einen deutlichen Zollvorteil, um seine Position im europäischen Textilmarkt auszubauen. Wie will Indien seine Industrie und sein Angebot dafür umbauen? FashionUnited hat Neelam Shami Rao, Staatssekretärin im indischen Textilministerium, während ihres Besuchs auf der Fachmesse Texworld exklusiv gesprochen.
Wie fällt die Reaktion der indischen Industrie auf das Freihandelsabkommen aus?
Die gesamte indische Textilindustrie ist begeistert von diesem Freihandelsabkommen. Wir warten gespannt auf die Ratifizierung und die Umsetzung. Dieselbe Rückmeldung erhalten wir von Sourcing-Fachleuten.
In Indien bereiten wir uns darauf vor, mehr Bekleidung, Stoffe und veredelte Produkte nach Europa zu liefern. Wir haben große Stärken bei Naturfasern, diversifizieren aber auch in Chemiefasern. Aus der Kombination beider Stärken sollten wir die Nachfrage des europäischen Marktes bedienen können.
Betrachten Sie Europa als einen Markt oder als viele?
Europa ist für uns ein sehr wichtiger Markt, den wir als einen einzigen Markt begreifen. Unser Ziel ist es, diese Zusammenarbeit zu stärken, indem wir europäisches Design und europäisches Modeempfinden mit dem Können indischer Handwerker:innen und den Produktionskapazitäten indischer Fabriken verbinden. So können wir die Erwartungen europäischer Konsument:innen erfüllen.
Was muss sich am indischen Angebot ändern, damit das gelingt?
Wir müssen an mehreren Fronten ansetzen. Erstens müssen wir in Produktlinien investieren, die wir bisher nicht entwickelt oder in Europa nicht ausreichend beworben haben.
Zweitens müssen wir die Designerwartungen des europäischen Marktes stärker berücksichtigen und mehr Produkte speziell dafür entwickeln. Das heißt, über das traditionelle Bild indischer Produkte hinauszugehen. Indien hat viele Stärken, die in Europa noch wenig bekannt sind, und darauf müssen wir aufbauen.
Wie unterstützt die indische Regierung diesen Umbau?
Die indische Textilindustrie ist arbeitsintensiv. Sie schafft viele Arbeitsplätze und beschäftigt sehr viele Frauen. Wir wollen unsere Produktionskapazität heute erhöhen. Die Regierung fördert die Fertigung bereits über zahlreiche Programme in Infrastruktur und Logistik, umgesetzt auf Ebene der Zentralregierung und der Bundesstaaten.
Wir bauen außerdem Bildungs- und Ausbildungsprogramme aus, insbesondere über das National Institute of Fashion Technology und viele weitere Designschulen. Rund 4.000 junge Modedesigner:innen verlassen diese Einrichtungen jedes Jahr.
Welche Marktsegmente wollen Sie in Europa erschließen?
Bislang werden indische Produkte vor allem mit Baumwolle verbunden. Wir wissen aber, dass der europäische Markt mehr Chemiefasern verarbeitet. Indien ist bereits der zweitgrößte Produzent dieser Fasern weltweit. Dieses Angebot wollen wir deshalb weiter ausbauen und in Produkte und Designs übersetzen, die zum europäischen Markt passen.
Hinzu kommt, dass Indien lange als Land für Sommerware galt. Wir wollen künftig ein Angebot über alle Saisons hinweg machen, besonders mit Produkten für den Herbst und für Layering. Darin sehen wir erhebliches Potenzial.
Und im hochpreisigen Segment setzen Sie auf Handarbeit?
Ja, besonders auf Stickerei und andere handwerkliche Fertigkeiten, auf die wir stärker setzen wollen. Wir würden zudem hochwertige Materialien bekannter machen, etwa Pashminawolle sowie einige sehr feine und seltene Materialien, die anderswo schwer zu finden sind. Wir glauben, dass sie im europäischen Markt großes Potenzial haben.
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