Es ist eine alte Forderung, mit der die Gewerkschaft Verdi in diesem Jahr in die Tarifrunde geht. Mindestens einen Euro mehr pro Stunde sollen die Beschäftigten nach dem Wunsch der Arbeitnehmervertreter erhalten. Das klingt wenig, entspricht aber in der niedrigsten Lohngruppe einer Steigerung von mehr als neun Prozent. In Baden-Württemberg liegt der niedrigste Stundenlohn im Einzelhandel mit 10,63 Euro knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 9,19 Euro.

Das soll sich ändern. An diesem Mittwoch (17.4.) startet die Tarifrunde bundesweit. Die Verhandlungen in Baden-Württemberg bilden am Mittwoch den Auftakt, Nordrhein-Westfalen startet am Donnerstag. Bundesweit sind laut Verdi rund 3,1 Millionen Beschäftigte betroffen. Im Südwesten der Republik will die Gewerkschaft für die dort 490 000 Beschäftigten 6,5 Prozent mehr Geld - mindestens aber 163 Euro, was dem einen Euro pro Stunde entspricht. In vielen anderen Bundesländern fallen die Forderungen ähnlich aus.

Eine ordentliche Gehaltserhöhung ist angesichts der steigenden Inflationsraten nach Ansicht von Bernhard Franke, Verdi-Verhandlungsführer in Baden-Württemberg, dringend notwendig. "Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten bewegen sich in der Tarifstufe 2 und leben - sofern sie Vollzeit arbeiten - von einem Tarifgehalt von bis zu 2579 Euro pro Monat", sagt er.

Trotz immer neuer Hiobsbotschaften aus dem Mode-Handel geht es der Branche seiner Ansicht nach noch gut: "Insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel floriert das Geschäft. Baumärkte und Möbelhändler sind von der Krise gänzlich unangetastet." Nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes waren die Umsätze 2018 das neunte Jahr in Folge gestiegen - real um 1,2 Prozent.

Die Arbeitgeber sehen ihre Lage naturgemäß anders: "Die Branche steht vor immensen Herausforderungen", sagt die Geschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann. "Da geht es um den Online-Handel oder die Frage, welche Technik für die Digitalisierung eingesetzt wird." Die Attraktivität der Innenstädte sinke. "Hinzu kommen steigende bürokratische Kosten zum Beispiel für Brandschutz oder Energie." Sie stellt sich auf schwierige Verhandlungen ein.

Die Auswirkungen für die Kunden dürften dennoch überschaubar bleiben. "Wenn wir einen hohen Organisationsgrad haben und länger als einen Tag streiken, spüren das die Verbraucher auch. Dann werden die Regale nicht aufgefüllt", sagt Verdi-Verhandlungsführer Franke. Doch dass Geschäfte schließen müssen, glaubt auch er nicht.

Neben der Lohnerhöhung geht es der Gewerkschaft noch um etwas anderes. Sie wollen die Allgemeinverbindlichkeit für den Tarifvertrag wieder herstellen. Übersetzt heißt das, dass die Tarifverträge verpflichtend für alle Arbeitgeber einer Branche gelten. Anfang der 2000er Jahre war die Allgemeinverbindlichkeit im Einzelhandel von Arbeitgeberseite aufgekündigt worden. Seitdem hielten sich immer weniger Händler freiwillig an den Tarifvertrag.

"Der Rückgang der Tarifbindung hat in den vergangenen zwei Jahren an Fahrt aufgenommen", sagt Franke. Das liege unter anderem an dem Ausstieg großer Einzelhändler wie Real und Kaufhof. Verdi schätzt, dass im Handel nur etwa ein Drittel der Beschäftigten und etwa 18 Prozent der Unternehmen noch im Tarifvertrag sind. Beim Handelsverband Baden-Württemberg ist man optimistischer. Hagmann spricht von 38 Prozent direkter Tarifbindung bei den Arbeitgebern. "60 Prozent lehnen sich an oder sind direkt gebunden."

Der Grund dafür, dass sich viele Firmen nur am Tarifvertrag orientieren, sich aber nicht verpflichten wollen, liegt nach Einschätzung von Branchenvertreterin Hagmann nicht an der Höhe der Entgelte. "Viele Firmen haben Schwierigkeiten mit dem Mantel", sagt sie.

Nach zähen Verhandlungen um den Manteltarifvertrag im Jahr 2013 hatte sich die Branche darauf geeinigt, eine neue Entgeltstruktur separat auszuhandeln. Die gibt vor, wer was für welche Tätigkeiten bekommt. "Ich könnte mir vorstellen, dass der ein oder andere wieder in den Tarifvertrag einsteigt, wenn die Fragen um die Entgeltstruktur geklärt sind", sagt Hagmann. Verhandlungsführer Franke hat an einer schnellen Lösung allerdings Zweifel. "Es wäre ein Riesenerfolg, wenn wir das Anfang 2020 durchbekämen", sagt er. (DPA)

 

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